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BABYKANDARE – EIN KINDERSPIELZEUG?


St.GEORG - epaper ⋅ Ausgabe 90/2018 vom 27.08.2018

Isabell Werths Emilio hat in Aachen zum ersten Mal in seinem Leben gestreikt. Mitten im Grand Prix. Nach einer durchwachten Nacht wusste Werth, was passiert war: Statt der gewohntenBABYKANDAREhatte sie den Wallach mit normaler Kandare geritten, das mochte Emilio nicht. Dann ist die Babykandare also doch weicher? Eine Umfrage


Artikelbild für den Artikel "BABYKANDARE – EIN KINDERSPIELZEUG?" aus der Ausgabe 90/2018 von St.GEORG. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Da war die Welt wieder in Ordnung: Isabell Werth und Emilio im Grand Prix Special beim CHIO Aachen 2018.


Foto: Lafrentz

Emilio im Grand Prix von Aachen, die Anzüge der normalen Kandare waren ihm zu lang. Isabell Werth: „Er hat sich dran gestoßen.”


Foto: von Korff

Die Antwort lautet: ...

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... Kommt drauf an. Die Babykandare heißt so, weil sie häufig eingesetzt wird, um junge Pferde an die Kandare zu gewöhnen. Die Anzüge bzw. Unterbäume der Babykandare sind nur fünf Zentimeter lang, erlaubt sind laut LPO zehn Zentimeter. Je länger die Unterzüge im Verhältnis zu den Oberbäumen (zulässig ist ein Verhältnis von 1:1 bzw. 1:2), desto größer die Hebelwirkung bei Zügelanzug auf das Maul und das Genick des Pferdes. Aber: Beeinflusst wird die Wirkung der Kandare immer auch von der Verschnallung der Kinnkette (und natürlich der Zungenfreiheit, siehe Kasten S. 45). Zwecks Vergleichs gehen wir hier davon aus, dass beide Kandaren dieselbe Stangengröße und-form haben. Gewünscht ist, dass die Kinnkette anliegt, wenn die Unterbäume der Kandare bei aufgenommenem Zügel einen 45°-Winkel zur Maulspalte des Pferdes bilden. Ist das der Fall, hat die Babykandare mit den fünf Zentimeter langen Anzügen eine weniger starke Hebelwirkung aufs Genick des Pferdes als eine Kandare mit längeren Anzügen, sofern die Länge der Oberbäume gleich ist. Allerdings ist der Weg, den die Kraft nehmen muss, ein kürzerer. Das bedeutet: Eine Parade kommt schneller und direkter beim Genick des Pferdes an als mit einer Kandare mit längeren Anzügen. Das, in Kombination mit der Tatsache, dass die Babykandare stärker auf die Zunge des Pferdes einwirkt, weil der Kandarenzügel näher am Drehpunkt zwischen Ober-und Unterbaum liegt, bedeutet, dass diese Zäumung genauso vorsichtig zu handhaben ist, wie eine normale Kandare, warnt Reitmeister Martin Plewa: „Das Handling der Babykandare ist schwieriger und erfordert viel reiterliches Gefühl.” Thies Kaspareit, Leider der Abteilung Ausbildung und Wissenschaft bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) und selbst Mannschaftsolympiasieger der Vielseitigkeit, sagt: „Man spürt die beizäumende Wirkung der Babykandare direkter. Auch wenn die Hebelwirkung nicht so stark ist – es handelt sich dabei immer noch um eine Kandare, die eben auch wirkt wie eine solche!”

Es sei denn, die Kinnkette ist zu lang verschnallt. Dann „fällt die Kandare durch”, so dass sie statt des erwünschten 45°-fast einen 90°-Winkel zur Maulspalte bildet. Thies Kaspareit: „Streng genommen habe ich dann eine falsche Zäumung. Ich reite nicht mehr auf Kandare, sondern nur noch auf Stange. Die Hebelwirkung der Kandare entfällt, ich habe nur noch Druck auf der auf dem Unterkiefer liegenden Zunge.” Diese Bilder kennt auch Bundestrainerin Monica Theodorescu: „Was ich immer mal wieder beanstande, sind durchfallende Kandaren. Das hängt mit der Verschnallung der Kinnkette zusammen. Ich bitte die Reiter dann, die Kinnkette ein Loch strammer zu machen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die Pferde dazu verleitet werden, sich auf die Hand zu stützen. Ich möchte aber, dass die Pferde beide Zügel annehmen, der Kontakt zur Trense jedoch vorherrscht. Die Kandare ist nicht dazu da, das Pferd durchs Genick zu reiten!”

Helen Langehanenberg sagt, wenn schon Kandare, dann Babykandare. Zumindest beim Gros ihrer Pferde.


F oto: Toffi


„Mein Ziel ist es, dass die Pferde nach dem Reiten auf Kandare sensibler reagieren.”
Hubertus Schmidt


Reitmeister Hubertus Schmidt auf dem Trakehner Hengst Imperio.


F oto: von Korff

Eigentlich ein wunderbares Bild! Wermutstropfen: Statt der Trense herrscht der Kandarenzügel vor.


Foto: Toffi

45°-Winkel ja, aber Kinnkette und Nasenriemen sind viel zu stramm.


Foto: von Korff

Das kleinere Übel, aber auch nicht korrekt: Die Kandare fällt durch und hat keine Einwirkung.


Foto: Toffi

AUSSTERBENDE KULTUR

Derlei falsche Verschnallungen sind Martin Plewa, der übrigens Bundestrainer der Vielseitigkeitsreiter war, als Thies Kaspareit 1988 in Seoul olympisches Mannschaftsgold mit dem deutschen Team gewann, ein Dorn im Auge: „Die Kultur des Reitens auf Kandare ist verloren gegangen! Stattdessen wird die Kandare heutzutage häufig missbraucht, indem einfach am Kandarenzügel gezogen wird.” Die Folge sind blaue, gequetschte Zungen, denn die Kandare wirkt – anders als ein ein-oder mehrfach gebrochenes Gebiss – nicht auf die Laden, sondern vor allem auf die Zunge ein. Plewa weist auch darauf hin, dass anscheinend das Wissen verloren gegangen ist, dass auf Stange niemals einseitige Zügelhilfen gegeben werden dürfen. „Eine Stange muss immer gleichmäßig auf der Zunge aufliegen!” Der Grund leuchtet ein: Einseitiger Zügelzug auf Stange würde dazu führen, dass das Gebiss sich an einer Seite aufstellt und dem Pferd Schmerzen bereitet. Um das zu verhindern, hilft zum Beispiel die Zügelführung 3:1, das heißt, beide Kandarenzügel werden zusammen mit der Trense in einer Hand geführt, in der anderen hat man nur den Trensenzügel – auch so eine vergessene Kunst. Überhaupt dürfe die Kandare nur dann eingesetzt werden, wenn die Pferde schon einen gewissen Ausbildungsgrad erreicht haben, gibt Martin Plewa zu bedenken: „Die Kandare darf erst benutzt werden, wenn die Pferde schon ein gewisses Maß an Schub-und Tragkraft erreicht haben. Ein Pferd, das auf Trense nicht ans Gebiss tritt, wird das auf Kandare erst recht nicht tun. Und ein Pferd, dass sich auf Trense auf die Hand legt, wird das auf Kandare erst recht tun.” Das ist dann auch unabhängig davon, welches Gebiss man verwendet.

NORMALE KANDARE

Kandaren dürfen Seitenteile von insgesamt bis zu 15 Zentimetern Länge haben. Das klingt brutal. Tatsächlich kann man die Hilfen hier aber sehr fein dosieren. Voraussetzung ist wie bei jeder Kandare der handunabhängige Sitz.


Foto: Sprenger

BABYKANDARE

Babykandaren werden auch als „schnelle” Kandaren bezeichnet, weil auch ein minimales Verkürzen der Zügel einen sofortigen Effekt hat. Entscheidend dafür, wie scharf eine Kandare wirkt, sind aber auch Zungenfreiheit und Verschnallung der Kinnkette.


Foto: Sprenger

ZUNGENFREIHEIT

Neben der Länge der Anzüge , dem Längenverhältnis zwischen Ober-und Unterbäumen sowie der Verschnallung der Kinnkette beeinflusst die sogenannte Zungenfreiheit die Wirkung der Kandare. Der Begriff „Freiheit” in diesem Zusammenhang ist etwas irreführend, denn tatsächlich bedeuten Gebisse mit höherer Wölbung der Stange (maximal 40 Millimeter sind erlaubt) zwar mehr Platz und weniger Druck auf der Zunge, wirken dafür aber stärker auf den Laden und unter Umständen auch auf den Gaumen ein.

Die meisten Kaderreiter reiten zuhause auf Trense, weiß Bundestrainerin Monica Theodorescu.


„Meiner Erfahrung nach nehmen die Pferde die Babykandaren deutlich lieber an.”
Monica Theodorescu


BABYKANDARE? WAS IST DAS?

An der Spanischen Hofreitschule kennt man den Begriff der Babykandare gar nicht.

Bereiter Herwig Radettner erklärt: „An der Spanischen Hofreitschule werden die Hengste erst im Zuge der Campagneschule auf Kandare gezäumt. Zu diesem Zeitpunkt der Ausbildung sind die Seitengänge bereits gefestigt, die Pferde piaffieren an der Hand und beherrschen fliegende Galoppwechsel. In diesem Ausbildungsstand sind die Hengsteso sicher und konstant in der Anlehnung, dass eine herkömmliche Kandare nicht nur kein Problem darstellt, sondern eine sehr weiche und genaue Zügeleinwirkung sicherstellt.
Die präzise Einwirkung ist es auch, die Reitmeister Hubertus Schmidt schätzt. Er macht es vom Pferd abhängig, welche Kandare zum Einsatz kommt: „Normalerweise fange ich erst mal mit der Babykandare an. Habe ich aber ein Pferd, das sich auch auf Trense gerne ein wenig auf die Hand legt, nehme ich eine Kandare mit längeren Anzügen. Ich will, dass auf meine Paraden eine sofortige Reaktion kommt. Das erfordert allerdings eine sehr differenzierte Hilfengebung aus einem handunabhängigen Sitz heraus! Mein Ziel ist es, dass die Pferde nach dem Reiten auf Kandare erst einmal besser gehen und sensibler reagieren. Würde ich versuchen, die Pferde mit der Kandare durchs Genick zu halten, würden die Pferde immer starker und stumpfer werden.” Und das ist ja das Gegenteil dessen, was man mit dem Reiten auf Kandare erreichen möchte.

Herwig Radettner und Conversano Tiberia. Der Bereiter sagt, die Babykandare komme an der Spanischen Hofreitschule nicht zum Einsatz.


Foto: Rzepa

DIE BABYKANDARE IST BELIEBT

Isabell Werths Emilio hat seiner Präferenz der kürzeren Anzüge klar und deutlich Ausdruck verliehen. Aber nicht nur er. So sagt auch eine Helen Langehanenberg auf die Frage, welche Pferde sie mit Babykandare reitet, kurz und bündig: „Alle! Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich alle Pferde nur auf Trense reiten. Aber da das nicht geht, kommt die Babykandare der Einwirkung auf Trense noch am nächsten.” Dressurbundestrainerin Monica Theodorescu bestätigt: „Ich habe diverse Pferde mit den kürzeren Anzügen geritten, gerade die, die ein bisschen sensibler waren. Hier hatten sich auch immer wieder Gebisse mit wenig oder praktisch keiner Zungenfreiheit bewährt. Meiner Erfahrung nach nehmen die Pferde diese Gebisse deutlich lieber an. Ich glaube auch, dass sich durch die Zucht Pferde entwickelt haben, die deutlich sensibler reagieren als früher. Ich sehe das bei den Kaderpferden. Die gehen alle mit sehr weicher Zäumung und werden zuhause überwiegend auf Trense geritten.”


Foto: Toffi