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BABYS & KLEINKINDER entdecken die Welt


Leben & erziehen - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 07.08.2019

Wie kleine Wissenschaftler erforschen unsere Kinder ihre Welt – und wir Eltern sind Teil ihrer Experimente. Einblicke in eine faszinierende Reise


UNSERE EXPERTIN

Artikelbild für den Artikel "BABYS & KLEINKINDER entdecken die Welt" aus der Ausgabe 9/2019 von Leben & erziehen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Leben & erziehen, Ausgabe 9/2019

Dr. Antonia Misch forscht als Entwicklungspsychologin an der Fakultät für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität München

Das Kind steckt sein Mittagessen nicht in den Mund, sondern pfeffert es wieder einmal auf den Fußboden? Dann sollten Eltern nicht an den Wischmopp, sondern an Isaac Newton denken. Dem kam die Idee für sein Gravitationsgesetz, als er unter einem Baum lag und ein Apfel ...

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... herunterfiel. Er schloss aus einer simplen Alltagsbeobachtung auf naturwissenschaftliche Gesetze, die auf der Erde gelten.

Genauso entdecken Babys und Kleinkinder die Welt. Jeder von uns begibt sich am Anfang seines Lebens auf eine Expedition, um fundamentale Fragen zum Universum zu beantworten: Wie funktionieren die physikalischen Gesetze? Wie gelingt das soziale Miteinander der Menschen? Wie fühlt es sich an: das Leben? Der Wunsch, zu verstehen und den Dingen auf den Grund zu gehen, prägt uns seit dem allerersten Tag.

Nein, der Baum geht da nicht weg

Der Sozialpsychologe Sebastian Berger beschreibt in seinem Buch „Geniale Kindsköpfe“, dass Kinder ähnlich wie Wissenschaftler vorgehen: Sie erkunden die Welt experimentell und ziehen daraus ihre Schlüsse. Aus einzelnen Beobachtungen gewinnen sie Hinweise auf Naturgesetze und eignen sich Fähigkeiten wie Vertrauen und Kooperationsfähigkeit an. „Haben Sie schon einmal überlegt, woher Sie wissen, dass Sie morgens zur Arbeit rechts fahren müssen und dem nächsten Baum besser ausweichen, ansonsten wird es unangenehm? Das sind Erfahrungswerte, die wir alle als Kleinkinder gemacht haben. Wir können uns nur nicht mehr daran erinnern“, schreibt Berger.

„Wir Menschen sind besondere Tiere, die erstaunlich unreif geboren werden und deshalb in den ersten Lebensmonaten eine rasend schnelle Entwicklung durchlaufen müssen“, erklärt Antonia Misch, Entwicklungspsychologin an der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Zum Vergleich: Ein neugeborenes Fohlen kann binnen weniger Stunden laufen, weil es schon deutlich entwickelter auf die Welt kommt als ein Menschenkind. Menschlicher Nachwuchs ist erst einmal sehr hilflos.“

Sprache bildet die Grundlage für unser Denken

Die Gehirnentwicklung beginnt in der dritten Schwangerschaftswoche und ist erst mehr als 20 Jahre nach der Geburt abgeschlossen – so eine lange Kindheit hat kein anderes Tier. Und auch der Einsatz der Eltern ist besonders intensiv. „Menschen sind ultrasoziale Tiere. Wenn wir auf unsere Evolutionsgeschichte zurückblicken, dann konnten wir nicht überleben ohne die Anwesenheit einer Gruppe“, erklärt Entwicklungspsychologin Misch. Deshalb sei unsere Entwicklung besonders auf Kooperationsfähigkeit und andere soziale Fertigkeiten ausgerichtet, zum Beispiel auf Sprache als Hilfsmittel.

Sprache bildet die Grundlage für unser Denken. Ohne sie könnten wir überhaupt keine abstrakten Zusammenhänge erfassen, wir hätten zum Beispiel kein Konzept von „morgen“. Deshalb entwickeln sich ihre Grundlagen sehr früh innerhalb der ersten drei Lebensjahre. Schon ab drei Monaten schreit ein Baby nicht mehr in jeder Situation gleich, sondern bei Hunger anders, als wenn es Unbehagen oder Schmerzen empfindet – ein erster Kommunikationsvorläufer auf dem Weg zur Sprache.

Alle Kinder weltweit lernen ihre Muttersprache mühelos, vom Brabbeln im Alter von sechs Monaten bis zum Sprechen ganzer Sätze nach drei Jahren. In allen Kulturen folgen Kinder dieser Entwicklung nahezu gleich. Noch heute haben Linguisten, Psychologen und Neurowissenschaftler Schwierigkeiten zu erklären, wie Kinder das anstellen und warum sich die Mechanismen des Lernens bei ihnen so stark ähneln.

Wie Kinder sich entwickeln

In den ersten Lebensjahren folgen unsere Kleinen einem festen Programm

3 Monate

Im Alter von drei Monaten können Babys Gegenstände, die sich bewegen, mit den Augen verfolgen. In der Bauchlage können sie ihren Kopf sicher heben. Sie nehmen Blickkontakt zu bekannten und fremden Personen auf, lächeln und versuchen, durch Kopfdrehen den Blickkontakt zu halten. Babys schreien in diesem Alter klar zielgerichtet und unterschiedlich, je nachdem ob sie beispielsweise Hunger haben, sich unwohl fühlen oder ihnen etwas wehtut.

6 Monate

Mit sechs Monaten greifen Babys Gegenstände mit der ganzen Hand, geben sie von der einen in die andere – und führen vor allem alles in den Mund. Die Nerven dort sind in dieser Phase empfindlicher als jene der Finger oder auch der Sehsinn, und so betasten, besaugen und erschmecken die Kinder ihre Umwelt mit Lippen, Zunge und Gaumen. Gleichzeitig glucksen und brabbeln sie gern, allein ebenso wie im Dialog mit Erwachsenen.

9 Monate

Alles, was sich greifen lässt, wird jetzt intensiv mit Händen, Augen und Mund untersucht – dabei trainiert das Baby auch die Hand-Auge-Koordination, die ein Leben lang wichtig sein wird. Bekannte und fremde Personen können Babys in diesem Alter sicher unterscheiden, was sich manchmal, aber nicht immer durch Fremdeln zeigt. Die Sprache ist vor allem durch längere Silbenreihen mit A gekennzeichnet, gern im Dialog mit den Bezugspersonen.

12 Monate

Mit zwölf Monaten können die meisten Kinder sicher mit Festhalten stehen und die Welt aus dieser neuen Perspektive betrachten. Auffällig ist der Pinzettengriff, bei dem sie konzentriert kleine Gegenstände zwischen Daumen und Zeigefinger nehmen. Silbenverdopplungen wie in „Mama“ oder „Dada“ werden häufig verwendet. Kinder können jetzt gezielt Kontakt zu anderen aufnehmen, sie halten und nach Lust und Laune auch wieder loslassen.

15–18 Monate

Wenn Kleinkinder erst an der Hand, dann frei laufen, erobern sie den Raum neu. Sie können Klötzchen stapeln und sie auf Anweisung platzieren oder hergeben. Allgemein können sie jetzt Ge- und Verbote gut verstehen und befolgen (falls sie Lust dazu haben). Sie nutzen Symbolsprache („Wauwau“) und kreative Einwortsätze. Reime und Fingerspiele sind beliebt.

Sprache gilt in der Forschung noch immer als eine Art Geheimcode. „Diesen Code zu knacken ist ein Kinderspiel für menschliche Babys, aber ein ungelöstes Problem für erwachsene Wissenschaftler und auch für Maschinen“, schreibt Sebastian Berger. Künstliche Intelligenz kann die menschliche Sprache nicht ansatzweise so gut erlernen wie Babys.

Unsere Kinder: Statistik-Profis in Windeln

Dabei gehen Kinder offenbar wie Wissenschaftler vor. Spielt man acht Monate alten Babys Kunstsprachen vor, so Berger, so interessieren sie sich besonders für diejenige, die statistisch gesehen viele unbekannte Silbenkombinationen enthält. Ihnen schon bekannte Silbenkonstellationen finden sie weniger spannend. Erwachsene können solche Unterschiede nicht mehr erkennen. Babys aber müssen sich für alles interessieren, was ihnen unbekannt ist, damit sie Neues lernen können – und nutzen dabei sogar mathematische Methoden.“

Statistische Begabung zeigen Kinder auch, wenn sie – meist spätestens mit drei Jahren – auf Mehrheitsverhältnisse reagieren. Wenn etwa drei fremde Menschen einen Gegenstand übereinstimmend anders bezeichnen als eine bekannte Person, dann glauben sie den drei Fremden. „Kinder vertrauen nicht bedingungslos Leuten, die sie gut kennen. Sie wissen, dass ein statistisches Signal, das von mehreren kommt, verlässlicher ist als ein einzelnes Signal von den Eltern, auch wenn diese grundsätzlich am vertrauenswürdigsten sind“, schreibt Berger. Kinder agieren wie ein guter Wissenschaftler, der nur Studien mit genügend Daten vertraut.

Mit dem Brot am Boden erforschen sie: uns

Und sie wiederholen ihre Experimente, um kausale Zusammenhänge zu verstehen. Kann es sein, dass Papa immer böse guckt, wenn ich auf sein „Nein!“ hin trotzdem mein Brot auf den Boden schmeiße? Oder hat der böse Blick mit etwas anderem zu tun? „Kinder testen wiederholt aus, was die wahre Ursache ist, und das Brot fliegt immer wieder in hohem Bogen aufs Parkett“, erklärt Berger.

2–3 Jahre

In diesem Alter können sich Kinder immer besser bewegen, sie rennen, umkurven mit Lust Hindernisse, springen und lernen dabei, sicher zu landen. Sie blättern Buchseiten um und bewegen kleine Gegenstände immer gezielter. Rollenspiele sind groß in Mode, die Kinder probieren unterschiedliche Blickwinkel aus. Die Sprache entwickelt sich von Ein- bis Zweiwortsätzen hin zu Fünfwortsätzen. „Ich“ und „du“ werden ebenso wie Singular und Plural unterschieden und benannt. Die Kinder ahmen das Verhalten Erwachsener nach und helfen gern in Haushalt und Garten.

Enorm wichtig ist für Kinder zudem das Erlernen sozialer Normen. Entwicklungspsychologen glauben: Der Versuch, aus dem Verhalten unserer Artgenossen schlau zu werden, ist das, was uns Menschen bis ins hohe Alter hauptsächlich antreibt. So erforscht Antonia Misch unter anderem, wie sich Gruppenzugehörigkeit und Loyalität entwickeln: „Bereits im Alter von acht Monaten können Kinder einfache Gebote oder Verbote verstehen“, so Misch. Schon drei Monate alte Babys nehmen einfache soziale Bewertungen vor: Sie interessieren sich in Theaterstücken eher für Personen, die anderen helfen oder sich neutral verhalten, und unterscheiden soziales von antisozialem Verhalten. Gemeine Figuren in dem Stück schauten sie deutlich seltener an.

„Faszinierend ist auch, dass Kinder bereits im Alter von vier Jahren Präferenzen für ihre eigene Gruppe zeigen und Mitgliedern ihrer eigenen Gruppe positivere Eigenschaften zuschreiben als den Mitgliedern anderer Gruppen“, berichtet Misch. In einem Versuch teilten sie und Kollegen Kinder in Gruppen nach Farben ein. „Die Zuteilung zu einer Farbe, ob Rot, Grün oder Gelb, reichte aus, dass Kinder ihre Zugehörigkeit akzeptierten und Gruppengeheimnisse wahren wollten“, sagt Misch. „Gruppendenken ist also im Menschen tief verwurzelt und sehr früh zu sehen.“ Deshalb sei es besonders wichtig für kleine Kinder, Kontakt zu unterschiedlichen Menschen zu haben. „Kinder lernen auch durch Imitation. Haben sie mehrere Vorbilder, haben sie mehr Möglichkeiten, soziale Interaktionen oder Strategien kennenzulernen.“

Was jeder Entdecker braucht, ist Freiheit

Um seinem Kind zu ermöglichen, als Entdecker die Welt zu erkunden, sollten Eltern nicht jederzeit alles unter Kontrolle haben. „Polstern Eltern beim Krabbeln alles aus oder setzen es auf dem Spielplatz immer dorthin, wo es ihrer Meinung nach sein soll, verwehren sie ihm die Chance, seine eigenen Experimente zu machen und eigenständig zu erfahren, wie die Welt funktioniert“, sagt Misch.

Vielleicht ist es einfach so, wie Sebastian Berger es in seinem Buch beschreibt: „Langsam begreife ich, was meine Aufgabe als Vater ist: Mein Sohn ist ein Forscher auf Entdeckungsreise, und ich bin sein Assistent.“ Und: „Je größer das Chaos, desto größer war der Erkenntnisgewinn.“

3-6 Jahre

Bis sie vier Jahre als sind, haben viele Kinder das Dreirad- oder Laufradfahren gelernt und damit viele koordinative Fähigkeiten und Balance gezeigt. Sie halten Malstifte korrekt und können immer besser basteln, später auch Kleber und Kinderschere korrekt verwenden. Konstruktionsspiele sind beliebt. Rollenspiele werden detaillierter und dabei andere Kinder verstärkt miteinbezogen. Zwischen drei und fünf Jahren liegt die Hochphase der W-Fragen, das Kind kann genau zuhören und identifiziert leicht eventuelle Fehler oder Abweichungen. Es lernt zu teilen, Spielregeln zu befolgen und die Bedürfnisse anderer zu verstehen.