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Back und Knack to the Future


Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 02.08.2021

DAS THEATER DER ZUKUNFT

In unserer Serie schreiben Theaterkünstler, welche Impulse sie aus der Coronakrise mitnehmen

Artikelbild für den Artikel "Back und Knack to the Future" aus der Ausgabe 8/2021 von Die Deutsche Bühne. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Die Zukunft des Theaters ist rosarot! Theater ist analoges Supererlebnis. Es läutert den Menschen. Er ist für immer geheilt und auf den richtigen Weg gebracht. Das Gute tritt aus ihm hervor. Zuschauerinnen und Zuschauer umarmen sich friedvoll nach der genialen und in kollektiver Einigkeit genossenen Vorstellung. Was für ein kathartisches Ereignis! Auch ich bin geheilt! Peace forever. Burt Bacharach forever. Das Publikum teilt das Brot. Knack und Back. Back und Knack. Knack und Back. Back und Knack. Knack und Back. Ack. Ack. Ack. Ack. Ack.

Ich schlage mein Smartphone vom Nachttisch. Jetzt ist es ruhig. Etwas verspannt setze ich mich im Bett auf. Sind das jetzt die Wechseljahre? Ich dusche, denke über die Tamponsteuer nach, ziehe mich an, habe Riesenhunger auf Croissants, renne zum ...

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... Biobäcker und warte in der Schlange mit Abstand. Nachhaltige Produkte vom Biobauern. Klimagerechter Anbau. Klimawandel. Bio. Bio. Bio. Ach. Damit ist das Theater wirklich spät dran. Es schlägt neun. Kaffee ist fertig – to go. Ah, Sie haben einen eigenen Bambusbecher dabei. Prima. Ich schütte den Kaffee mal um. Jetzt ist er kalt. Genau wie die Läuterung durch die Ödipus-Trilogie, denke ich mir.

Warum gerade jetzt? Wer liebt schon seine Mutter? Das haben wir doch schon in der Küche ausdiskutiert. Ich liebe weder meine Mutter, noch habe ich einen Verschnitt meines Vaters geheiratet, noch ihn jemals umbringen wollen. Nur meinen Großvater wollte ich mit sechs totschießen. Aber das ist jetzt eine andere Geschichte, und ja, es war der deutsche Großvater, und nein, er war kein Nazi. Die Mutter mit den zwei kreischenden Kindern vor dem Fairtrade-Schokoladentafel-Regal versucht mit viel Erziehungskunst und nicht gesüßten Dinkelbrötchen, ihre Kinder zum Stillsein zu animieren. Hilft alles nichts. Ich schaue mich wieder in der Schlange um. Habe ich einen schlechten Tag erwischt? Großstadtflair. Warum starren die denn so? Oder doch Provinz? Ich bin doch ganz normal, straßenköterblond, bin einer von ihnen! Mittelalt, aber noch nicht grau! Alles nicht gesüßt, bitte. Was will man auch mit diesem weißen Gift? In meinem letzten Text für die DEUTSCHE BÜHNE fielen die Wörter Anti-Rassismus-Debatte und gesellschaftlicher Zusammenhalt, oder? Ich weiß es nicht mehr. Der Mann vor mir sagt, dass die Frau mit den Kindern doch schon mal den Laden verlassen könnte. Wegen der Aerosole. Durch die Fenster im Bioladen schaue ich nach draußen. Ach ja, und auch ganz groß: Durchlässigkeit! Alles soll durchlässig werden: der Betrieb. Der Prozess. Der/die TheatermacherIn. Der, die Zuschauer*in. Es. Einfach alles.

Das einzig Angenehme an dem Wort ist das „lässig“ darin. Lässig. Nicht zu verwechseln mit: entspannt. Lässig ist cool und entspannt gleichzeitig. Ich mag dieses Wort. Lässig zu sagen, ja, ich mache jetzt Theater und Oper und weiß gar nicht, wohin mich meine Reise führt. Lässig bedeutet, dass man sich nicht nur an die gesellschaftstheoretischen Diskurse hängt, und lässig bedeutet, ein Leben zu führen, ohne in seinem Intendantenkopf (hier muss ich nicht wirklich gendern!) den PR-Knopf zu drücken: Habe ich auch die narrative Brücke zu allen diskursiven Schlagwörtern gebaut? Und das Motto?! Das Motto? Warum fällt es mir ausgerechnet jetzt nicht ein? Ach ja genau, Heterotopie – oder war es Urban Gardening? Fruchtzwerge.

„Das deutsche Theatersystem ist einzigartig. Mein Computer fährt nicht hoch. Blöd jetzt.“

Elena Tzavara

Jetzt fahre ich wohlgenährt mit dem Fahrrad zur Arbeit. Immer dieselbe Route. Routine. Ohne Helm. Upsi. Mit Lässigkeit hat es auch nichts zu tun, wenn man immer dieselben Regiehandschriften über sich ergehen lassen muss. Manche Opernregisseure à la Guth, Loy und Co. imitieren verlässlich Guth, Loy und Co. Da weiß man um seine Sicherheit. Ich fahre sehr schnell abwärts. Aber wo bleibt denn da der Spaß, Leute?! Mir kommen wegen dem kalten Fahrtwind die Tränen. Des kalten Fahrtwindes wegen. Huuuiiiii. Ganz lässig müsste man doch einmal dem Risiko den Vorrang geben und sagen: Ja, Mensch, dann engagiere ich dich doch einmal, du da, genau DICH, ja, du da, mit kleinem … äh … keinem Namen, mit neuen Ideen und handwerklich begabt. Ich bremse ab. Und dann, damit alles wirklich rosarot wird, kann man diesen neuen Menschen auch anständig entlohnen und nicht für die nächste Produktion mit großem Videospektakel, virtuellem Flankierungsangebot oder Riesenpuppen sparen! Schon mal was vom Generationswechsel gehört, ihr Pappnasen!? Das weiße Gift steigt mir die Kehle hoch, dabei hatte ich doch Caffè Latte mit ungesüßter Sojamilch bestellt.

Ich bin angekommen. Im Büro. Ich setze mich auf meinen vom Betriebsarzt empfohlenen und von ihm eigenmächtig bestellten ergonomischen Stuhl. Eine Kultur der wahren Mitbestimmung. Mein alter und – by the way – privater Stuhl hätte mich umbringen können. Eine richtige Tötungsmaschine, meinte er. Am Theater zu arbeiten birgt Risiken. Jetzt kann ich auf jeden Fall nicht mehr nach hinten kippen. Komfortzone. Es ist doch eigentlich sehr schön zu sehen, wie die Theatermaschinerie ineinandergreift und man sich gegenseitig hilft. Das deutsche Theatersystem ist einzigartig. Der Computer fährt nicht hoch. Blöd jetzt.

Aber der Schreibtisch ist aufgeräumt. Immerhin. Obwohl ich ein Sitzzwerg bin, habe ich jetzt den to-talen Überblick. Hierarchiefreiheit meines Körpers wenigstens. Wenn mehrere Schultern die Verantwortung tragen, dann verspannen sie auch nicht so leicht, denke ich mir gerade. Ich jubele. Innerlich. WhatsApp, Signal, Telegram und Threema geben Laute von sich. Meine Schultern verspannen sich wieder. Und bing: eine SMS. Bin glich da können reden. Muss Parkplatz finen.

„Und ich so: Auf jeden Fall braucht jede Operette und jedes Musical Tiefgang. Und niederschwellig muss es sein.“

Elena Tzavara

Komisch. Jetzt habe ich noch vier Minuten, ohne etwas arbeiten zu können. Daniel Libeskind hat doch mal behauptet, dass aus Langeweile Kreativität entspringt. Oder war es Marx? Oder das Känguru? Ich weiß nicht. Schaue in den schwarzen Monitor. Es wäre doch einmal lässig an der Zeit, der Komödie den Vorrang zu geben. Der Dramaturg erscheint. Punkt vier Minuten später. Ich habe mich jetzt auf den Behindertenparkplatz gestellt. Parkplatz für Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Die hatte er bestimmt. Dafür aber pünktlich. Ich wollte gerne mit dir über Musicals sprechen. Warum habe ich nicht Komödie gesagt? Er wird unlässig. Das ist in der heutigen Situation. Nuschel. Es fehlt den Musicals an Tiefgang. Der Dramaturg wirkt blass. Denke doch nur an manche Operetten, die muss man unbedingt entstauben und in ihren historischen Entstehungskontext setzen.

Praktikant, der gerade in den Raum gekommen ist, um Kopien aus dem Drucker zu holen und auch brutal schwitzt: Das wurde doch alles aber schon längst gemacht, wie in Dresden von Konwitschny … Ah, ja. Woher weiß der das denn? Und ich so: Auf jeden Fall braucht jede Operette und jedes Musical Tiefgang. Und niederschwellig muss es sein. Dramaturg räuspert sich. Vielleicht einen partizipativen Aspekt für die ganze Familie? Dramaturg leise: Das Feuilleton wird nicht kommen! Nicht zu Familien- oder Kinderveranstaltungen. Zack. Erwischt. Verdammt. Pause. Todesstille. Atmung leise hörbar. Dramaturg mit heiserer, aber dadurch irgendwie würdevoller Stimme: Können wir nicht wenigstens die „West Side Story“ machen, ist doch auch ganz lustig und gute Musik! Oder besser „Candide“? Dramaturg steht auf.

Und ich dann so: Im Hinblick auf die Anti-Rassismus-Debatte? Dramaturg bekommt Schnappatmung. Gute Komödie außerhalb der Komischen Oper Berlin ist undenkbar. Nicht witzig, denke ich. Aber wäre einen Versuch wert, oder? Und plötzlich kommt auch noch mein innerer, ganz rosaroter Schweinehund um die Ecke und sagt mit einer tiefen, laut atmenden Männerstimme zum Dramaturgen: Komödie ist dein Vater! Was? Woher kam das jetzt? Dramaturg greift sich an den Kopf. Die Lage spitzt sich zu. Dramaturg sieht blasser aus. Ich biete ihm meinen Stuhl an. Er setzt sich. Ich denke, es geht ihm etwas besser: Ach, ja, und dann muss dieses Musical in den Stadtraum hineinwirken. Ist dir auch so heiß? Nein. Und mit einem großen Vermittlungsangebot flankiert werden. Dramaturg stöhnt. Wir sollten soundso einmal drüber nachdenken, alles kostenlos anzubieten. Dramaturg reagiert nicht. Aus den Lautsprechern tönt der Inzpizient: Der schwarze PKW Mercedes mit Kennzeichen S-KV-911 muss umgeparkt werden. Knack. Knack. Knack. Muss dringend umgeparkt werden. Knack. Knack. Dramaturg überlegt. Und dann müsste man ja auch noch alles interaktiv gestalten. Dramaturg wischt sich den Schweiß von der Stirn. Auf jeden Fall müssten wir alles filmisch oder wenigstens auditiv aufnehmen, um auch ein Onlineangebot … Knirschen in den Lautsprechern: PKW Mercedes mit Kennzeichen S-KV-911 muss nicht mehr umgeparkt werden. Knack. Digitalität. Inhaber des PKW. Polizei. Knack. Melden. Knack. Knack. Knack. Ich schaue den Dramaturgen an. Knack. Panik. Er denkt: 388 Euro. Sein Kopf explodiert. Knack. Dabei saß er auf dem neuen Stuhl.

UNSERE AUTORIN

ELENA TZAVARA, geboren 1977 in Hamburg, leitet seit 2017 die Junge Oper im Nord (JOiN) in Stuttgart.

» Regiestudium an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin

» Produktionsleitungen u. a. an der Staatsoper Unter den Linden Berlin und bei den Salzburger Festspielen

» Inszenierungen in Liverpool, Athen, Weimar, Berlin und Köln

» 2009 bis 2013 Leiterin der Kinderoper der Oper Köln

» 2013 bis 2016 Leitung der Festivals Musik in den Häusern der Stadt und Literatur in den Häusern der Stadt des Kunstsalons Köln, u. a. in Köln, Bonn, Hamburg und München