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Bad Gastein im Wandel: Porträt: Renaissance der Sommerfrische Bad Gastein: COOL SPOT


Bergsteiger - Das Tourenmagazin - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 14.09.2019

Mondäner Großstadt-Prunk vor alpiner Kulisse – das war Bad Gastein zu seinen besten Zeiten in der Belle Époque vor mehr als 100 Jahren. Dann fiel der Ort in einen jahrzehntelangen Dornröschenschlaf und drohte teilweise zu verfallen. Nun nutzt die Gemeinde ihre Chance zum Neubeginn und wird zur touristischen Experimentierzone par excellence.


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Bildquelle: Bergsteiger - Das Tourenmagazin, Ausgabe 10/2019

1 Ein Blickfang mitten im Ort: der Wasserfall


2 Kontrast zum glamorösen Zentrum: Tour zum Niedersachsenhaus


1 Mondän wirkt das Ortsbild von Bad Gastein noch immer


2 Trailrunning ist inzwischen rund um den Ort populär.


Wer nach Trends im Alpentourismus sucht, begegnet ...

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... recht bald dem Begriff der Ganzjahres-Destination. Ferienorte in den Bergen also, die sich nicht mehr nur als Wintersportort, sondern mehr als zuvor auch als Wanderregion in Stellung bringen. Die Idee: Was an Umsatz im Winter wegbricht, könnte im Sommer wettgemacht werden. Dann nämlich hilft die Klimaerwärmung auf einmal den Bergdestinationen. Das sagen auch Wissenschaftler. »Wir beobachten seit einigen Jahren eine Renaissance der Sommerfrische«, sagt der Schweizer Geograf Dominik Siegrist. »Die Menschen fliehen vor der Sommerhitze der Städte und fahren in die Hochlagen mit ihren Cool Spots.«


Zur Kur und Sommerfrische traf sich der europäische Industrie- und Hochadel: Kaiser Wilhelm I., Kaiser Franz Josef und Sissi, Bismarck, Thyssen, von Siemens und Rockefeller


So ein »Cool Spot« ist Bad Gastein, und das nicht nur wegen des erfrischenden Wasserfalls, der den Ort mit Getöse in seiner Mitte teilt und in dessen Gischt sich Touristen vorm Café im historischen Kraftwerk tummeln. Bad Gastein wandelt sich wieder zum hippen Ort in den Alpen. Das war es nämlich schon einmal, vor hundert und mehr Jahren. Zur Kur und Sommerfrische traf sich der europäische Industrie- und Hochadel vor den Toren des Nationalparks Hohe Tauern, angefangen bei Kaiser Wilhelm I., Kaiser Franz Josef und Sissi bis hin zu Bismarck, Thyssen, von Siemens oder Rockefeller. Etliche imposante Gebäude wie das Hotel Kaiserhof, das Hotel Straubinger oder das Hotel de l‘Europe, das sich in zehn Stockwerken an den Berghang schmiegt, erinnern noch heute an Glanz und Glamour der alpinen Belle Époque. Der ist längst vergangen und versteckt sich unter dicker Patina, nachdem ein Großteil der Ortsmitte an einen Investor verkauft wurde. Er ließ die Gebäude über Jahrzehnte verkommen. Kommt man ihnen näher, umgibt modrig kalter Dunst die Geisterbauten, in denen die Zeit vor gut 40 Jahren stehen geblieben zu sein scheint.

Doch nun steigt Bad Gastein wie Phönix aus der Asche und hat dies umtriebigen Menschen aus der Berliner, Hamburger oder Münchner Kreativszene zu verdanken, gut vernetzten Medienmenschen, die man eher in den Metropole verorten und denen man keine allzu großen Alpin-Ambitionen quittieren würde. Sie haben den maroden Charme des Ortes als Chance entdeckt und locken ihre Klientel mit frischen Ideen in die Alpen. Allen voran Olaf Krohne aus Hamburg, der das Hotel Regina kaufte und mit seinem Partner Jason Houzer zum Szenetreff für Bad-Gastein-Liebhaber entwickelte; der Architekt Ike Ikrath, der sich in den 50er-Jahre-Charme des Hotel Miramonte verliebte oder Jan Breus und Stefan Turowski aus Berlin, die das Waldhaus Rudolfshöhe, einen ausgedienten Alpengasthof, in ein Refugium für designverliebte Individualisten verwandelten. »Wir müssen nicht aus Berlin kommen und versuchen, bessere Österreicher zu sein«, sagt Turowski.

Heute sind es vor allem auch Freunde zeitgenössischer Kunst, die es jeden Sommer in diesen bizarren Ort in den Bergen verschlägt. Seit zehn Jahren pilgern sie zum Kunstfestival »Sommer. Frische.Kunst.« Schon sprechen viele vom Berlin der Berge. »Im Ost-Berlin der Nachwendezeit ließen wir am Prenzlauer Berg unsere Fantasie spielen, was man aus den maroden Gebäuden alles machen könnte«, erinnert sich Turowski. »Dieses Gefühl hat man heute hier auch.«

Städtisches Flair – wilde Natur

Es ist auch die Ambivalenz zwischen rauen Zentralalpengipfeln auf der einen Seite sowie dem jungen Großstadtflair auf der anderen, die begeistert. »Verlässt du den urbanen Raum durch die Hintertür, dann stehst du schon fast im Nationalpark«, hat uns Ikrath noch am Vortag in der lässigen Lounge des Miramonte erzählt. Heute sitzen wir auf 2472 Metern vorm Niedersachsenhaus, haben Kultur gegen Natur, Sommerkleid gegen Funktionsklamotten und modernes Design gegen urige Hütte getauscht. Wir haben die Mautstraße nach Sportgastein genommen, wo sich Wanderern ein Spielfeld für Tagestouren auftut, zum Beispiel zu den Bockhartseen.

Eine Rundtour über das Niedersachsenhaus führt hinein in einen brütend warmen Geländekessel. Durch dichte Vegetation aufsteigend nehmen wir die Erfrischung versprechenden Wasserfälle ins Visier, die dann doch nur in Sichtweite bleiben. Über uns in der Riffelscharte hockt das Niedersachsenhaus in Wartestellung. Oben angelangt bietet sich uns nun der Blick auf die Dreitausender Hocharn, Hoher Sonnblick und Schareck in der Abendsonne. Im Gastraum des Niedersachsenhauses kursieren derbe Braunschweig-Hannover-Witze. Der junge einheimische Wirt klopft kernige Sprüche. Über einen Höhenweg mit Panorama-Weitblick brechen wir am Morgen zum 2600 Meter hohen Silberpfennig auf, bevor wir uns auf dem Rückweg Richtung Sportgastein ein Bad im Oberen Bockhartsee auf 2000 Metern gönnen. Und der hippe Schick von Bad Gastein scheint Welten entfernt. Die Berge um Bad Gastein, ob Tischkogel, Graukogel oder Kreuzkogel bieten viele Wanderungen, von Genusstouren bis zu ambitionierten Gratwanderungen. Das Kötschach- und das Anlauftal führen zu Fuß direkt in den Nationalpark.

Service: BIZARRES BASISLAGER BAD GASTE IN

Hier die Avantgarde vor mondäner Altstadtkulisse, dort einsame Täler vor schroffen Dreitausendern. Kultur- und Naturerlebnisse lassen sich bestens verbinden.

Charakter: abwechslungsreiche Rundtour mit Hütte, See und grandiosen Ausblicken
Ausgangspunkt: Valeriehaus (1588 m) in Sportgastein
Route: Von Sportgastein durchs Siglitztal und zum Niedersachsenhaus. Am Grat Richtung Seekopf, Bockhartscharte (2226 m) und zum Silberpfennig (2600 m). Abstieg entlang des hinteren Bockhartsees, auf dem alten Goldweg zurück zur Bockharthütte und nach Sportgastein

Charakter: anspruchsvolle, kurzweilige Gratüberschreitung mit langem Abstieg
Ausgangspunkt: Niedersachsenhaus (2472 m)
Route: Vom Niedersachsenhaus auf den Pröllweg zum Neunerkogel, weiter hinauf auf den Herzog Ernst (2933 m). An der Wegteilung (Fraganterscharte) weiter am Grat durch Felsgelände zum Schareck. Abstieg direkt über Schareckkees und den steilen Neuwirthsteig

Charakter: Kindertauglicher Rundweg zu einem beliebten Ausflugsziel bei Bad Gastein (1000 m)
Ausgangspunkt: Kaiser-Wilhelm-Promenade in Bad Gastein
Route: Vom Hoteldorf Grüner Baum auf steilem Weg über den Südhang zur Poserhöhe. Zurück über einen Wiesenweg zu einem Waldstück. Auf Forstweg zurück ins Tal zum Gasteiner Höhenweg

Charakter: lange, aber unschwierige Wanderung über Wiesen, Schutt und Fels
Ausgangspunkt: Gasteiner Heilstollen (1280 m)
Route: Vom Gasteiner Heilstollen zum Hieronymuskreuz, auf dem Florentinweg in die Keuchenscharte und weiter auf den Kreuzkogel. Vom Gipfelkreuz Abstieg zum Knappenbäudelsee. Auf den Peter-Sika-Weg bergab ins Naßfeld. Rückfahrt mit dem Bus zum Gasteiner Heilstollen

Charakter: Dank zweier Seen erfrischende Wanderung auf den Hausberg Bad Gasteins
Ausgangspunkt: Hotel Grüner Baum im Kötschachtal (1060 m)
Route: Vom Kötschachbach steil bergauf bis zum Reedsee. Weiter über den Windschursee auf die Palfnerscharte. Nach Abstecher zum Graukogel zum Palfnersee, weiter zur Bergstation der Graukogelbahn

► GUT ZU WISSEN

WOHIN?

Bad Gastein liegt am Ende des Gasteinertals südlich von Salzburg und an der nördlichen Grenze des Nationalparks Hohe Tauern, zwischen Rauriser und Arltal.

WO ANKLOPFEN?

Kur- und Tourismusverband Bad Gastein, Kaiser-Franz-Josef-Straße 27, A-5640 Bad Gastein, Tel. 00 43/64 32/3 39 35 60

WO EINKEHREN?

Hotel Miramonte Boutique- und Designhotel in einem ehemaligen Bankgebäude, Reitlpromenade 3, Tel. 00 43/64 34/2 57 70, www.hotelmiramonte.com
Hotel Das Regina Boutique-Hotel mit lässigem Schick im Zentrum des Ortes, Karl Heinrich Waggerl Str. 5, Tel. 00 43/64 34/2 16 10, www.dasregina.com
Hotel Haus Hirth Familienfreundliches Designund Wellnesshotel, Kaiserhofstraße 14, Tel. 00 43/64 34/2 79 70, www.haus-hirt.com
Waldhaus Rudolfshöhe Im Wald verstecktes Stilidyll für Individualisten, Hardtweg 1, Tel. 00 43/64 34/2 04 46, www.rudolfshoehe.at

LITERATUR UND KARTEN

Sepp Brandl, »Gasteinertal, Großarltal – Raurisertal – Nationalpark Hohe Tauern«, 58 Touren, Rother Berg Verlag, 2016; Alpenvereinskarte 1:50 000, Blatt 45/1 »Niedere Tauern«

In den Bergen Bad Gasteins findet man Durchaus Einsamkeit.


Wer die Kontraste mag, das Ungewöhnliche und die Überraschung, der wird Bad Gastein lieben. Das beginnt schon beim ersten Eindruck. Dem Anreisenden präsentiert sich das mondäne Dorf wie ein begehbares Diorama vor Bergkulisse. Die Gebäude kleben steil am Hang. In Bad Gastein orientiert man sich an oben und unten. Und jetzt auch an morgen. Denn hier wird der Neubeginn zelebriert, der seit dem Rückkauf einiger geschichtsträchtiger Gebäude in vollem Gange ist. Die Jahrzehnte des Stillstands und Verfalls scheinen beendet.

Die Münchner Hirmer Gruppe kaufte Teile des Ortszentrums. »Das neue Bad Gastein soll für die Generation YZ entwickelt werden«, sagt Architekt Ike Ikrath, der einen Masterplan entwickelt hat: kleine, moderne Hotels statt austauschbarer Hotelketten. Auch Trendforscher Matthias Horx macht sich Gedanken, wie man hier ein Exempel für Urbanität statuieren könnte. »Wir wollen uns von der üblichen alpinen Urlaubsbespaßung absetzen«, sagt Ikrath. »Wir sind nicht jodlerisch, wir sind Avantgarde. Wir sind Friedrich Liechtenstein statt Andreas Gabalier.« Passend dazu skandiert der Star des Kunstfestivals Jonathan Meese in der Kaiser-Wilhelm-Promenade seine Thesen: »Kunst ist keine Anbiederung ans Gestern: Kunst zukunftet.« Auch Bad Gastein zukunftet.

Erfrischend anders – das ist Bad Gastein.Ute Watzl hofft, dass der Ort diesen Charme nicht dem touristischen Aufschwung opfert.


Fotos: Gasteinertal Tourismus GmbH, Ute Watzl

Fotos: Gasteinertal Tourismus GmbH, Bert Willer/adidas

Foto: Ute Watzl