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BahnTechnologie Campus Havelland: Brücken bauen


Privatbahn Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 30.01.2020

Auf dem Gelände des 110 Jahre alten Rangierbahnhofs Wustermark entwickelt der Landkreis Havelland seit Januar 2017 mit Unterstützung der Havelländischen Eisenbahn AG ein Zentrum für Bahngewerbe und moderne Bahntechnologien, gefördert aus Mittel des Bundes und des Landes Brandenburg. Das Privatbahn Magazin sprach mit BTC-Geschäftsführer Günther Alsdorf über seine Ziele mit diesem Projekt.


Artikelbild für den Artikel "BahnTechnologie Campus Havelland: Brücken bauen" aus der Ausgabe 1/2020 von Privatbahn Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Privatbahn Magazin, Ausgabe 1/2020

Eine Konzept-Idee, wie das Gelände des BTC Havelland eines Tages aussehen könnte.


Privatbahn Magazin: Herr Alsdorf, Sie sind Geschäftsführer und wichtiger Ideengeber des BahnTechno - logie Campus (BTC). Was war der ...

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... Vorab für das Protokoll: Ich führe die Geschäfte nicht allein, sondern zusammen mit meinem Kollegen Andreas Guttschau. Wir arbeiten gemeinsam daran, den Bahn-Technologie Campus voranzubringen.

Und welche Ziele verfolgen Sie und Herr Guttschau mit dem BTC?
Dazu muss ich kurz in die Vergangenheit blicken, denn der BTC hat seine Anfänge im Rangierbahnhof Wustermark. Die HVLE wuchs Anfang der 2000er-Jahre stark und benötigte deshalb dringend zusätzliche Schienen - infrastruktur. Während wir auf der Suche nach zusätzlichen Gleisen waren, hatte die Deutsche Bahn AG vor, den westlich von Berlin gelegenen Rangierbahnhof Wustermark aufzugeben. Also verhandelten wir mit der DB - und es gelang uns tatsächlich das Kunststück, den Rangierbahnhof im Sommer 2008 von der DB Netze zu übernehmen. Wir hatten hierfür die Rail & Logistik Center Wustermark GmbH & Co. KG (RLCW) gegründet, die den Rangierbahnhof seit dieser Zeit betreibt.
Soweit ich weiß, war dies der erste Rangierbahnhof, den die Deutsche Bahn AG an eine Wettbewerbsbahn verkauft hat. Die Unterschriften waren noch nicht getrocknet, da hatten wir schon die Ärmel hochgekrempelt und uns an die Arbeit gemacht, um Leben ins RLCW zu bringen.

Hatte die DB Netze den Rangierbahnhof Wustermark aufgegeben?
Ja, denn das Einzelwagengeschäft befand sich im Sinkflug und es war die Zeit des massenhaften Stilllegens von Schieneninfrastruktur. Aus heutiger Sicht wäre es ein wirklicher Verlust für die Eisenbahnlandschaft in und um Berlin gewesen, wäre der Bahnhof stillgelegt worden. Als wir die Anlage übernahmen, waren erhebliche Bahnhofs - bereiche bereits außer Betrieb. Aber wir handelten schnell und brachten Schritt für Schritt den Bahnhof auf Vordermann. Das war ein ordentlicher Kraftakt! Aber für unseren Einsatz wurden wir sehr bald belohnt, denn das RLCW wurde vom Markt angenommen. Inzwischen zählen wir weit über 100 Kundenbeziehungen.

Was war Ihr Erfolgsgeheimnis?
Wir handelten von Anfang an nach dem Motto: Jedes Logo ist uns in Wustermark willkommen! Wir waren offen für jedes Unternehmen, das den Rangierbahnhof für eigene Verkehre oder Projekte nutzen wollte. Egal, ob die großen Player oder die klein- oder mittelständischen Akteure der Schienenlogistik, Gleisbauer oder Spediteure anklopften, jeder wurde als wichtiger Kunde behandelt. Diese Strategie der Offenheit war damals eher selten anzutreffen. Bald kamen die ersten Anfragen zur Nutzung der Bahnanlagen für Lehrund Forschungszwecke, und so reservierten wir einen Teil der Bahnanlagen für Hochschulen, Institute und Unternehmen der Bahnbranche, die technische Versuche auf echter Schiene - aber innerhalb eines geschützten Raums - durchführen wollten.

Was waren das damals für Tests?
Die ersten Versuchsreihen beschäftigten sich mit Lösungen zur Reduktion von Bahnlärm. In enger Zusammen - arbeit mit der TU Berlin und anderen Instituten wurden Lösungen für Großdiesellokomotiven und Wagen ge - funden, die zu einer Halbierung der Lärmemission führten. Eines dieser Projekte fand mit einer erfolgreichenDoktorarbeit auch eine wissenschaftliche Würdigung. Das jährlich stattfindende Bahn-Akustik-Seminar der ifv/ TU Berlin zur Weiterbildung von Experten ist inzwischen eine Institution. Die Dissertation „Automatisierte Bremsprobe im Schienengüterverkehr“ hatte hier die praktische Heimat. Zahlreiche Tests zur Verbesserung der Bahnsicherheit wurden in Kooperation mit Instituten und der Bahnindustrie durchgeführt. Wissenschaftliche Arbeiten, Bachelor- und Masterarbeiten haben als Entstehungsort Wustermark auf dem Deckblatt. Und zunehmend nutzten Unternehmen und Einrichtungen den Standort Wustermark zur Aus- und Weiterbildung von Bahnfachkräften.

Wie kommt jetzt der BahnTechno - logie Campus ins Spiel?
Ganz einfach - wir hatten durch diese Entwicklung einen sehr guten Draht zu den verschiedenen Forschungsund Weiterbildungseinrichtungen in Deutschland und Europa aufgebaut. Wir sind überzeugt, dass die Eisenbahn nur dann eine Zukunftschance hat, wenn es gelingt, innerhalb des Verkehrsträgers eine neue Kultur des Lernens, der Weiterbildung und der Forschung aufzubauen. Wir brauchenbei der Eisenbahn einen Paradigmenwechsel, der zu mehr Willen zum Erfolg, Offenheit und Transparenz führt, denn nur so können wir die zusätzlichen Aufgaben schultern, die schon bald auf den Schienenverkehr zukommen. Der BTC wird eine solche Einrichtung sein. Er wird Zukunftswerkstatt sein, praxisorientierte Forschungsarbeiten ermöglichen und helfen, moderne Aus- und Weiterbildungs - konzepte zu entwickeln.

Der charakteristische Wasserturm auf dem Gelände stammt noch aus dem Jahr 1908.


Der BTC soll Leuchtturmcharakter besitzen und mit seiner Arbeit dafür sorgen, dass das Gesamtsystem Eisenbahn besser verstanden wird. Besser verstehen, das ist für das Funktionieren des Systems Eisenbahn wichtig, aber genauso wichtig für potenzielle Nutzer der Eisenbahn, für Behörden, die Öffentlichkeit, den Bildungssektor, die Politik usw.
Nur wenn uns dies gelingt, hat die Schiene eine Chance, im Wettbewerb um kluge Köpfe gegen andere Branchen zu bestehen. Die Eisenbahn hat viel zu bieten - aber Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden wir nur dann finden, wenn die Menschen draußen verstehen, dass Bahn eine zukunfts - sichere, auf höchstem technischen Niveau stehende Branche mit exzellenten Ausbildungsmöglichkeiten und herausragenden Karrierechancen ist.

Die Politik will vor dem Hintergrund der Klimaproblematik die Verkehrswende lieber gestern als heute. Noch nie waren die Zukunftschancen für die Eisenbahn so gut wie in diesen Tagen! Reicht das nicht aus, um neue Mitarbeiter zu finden?
Das ist zwar eine gute Basis - reicht aber aus meiner Sicht längst nicht aus, um die Herausforderungen der Zukunft zu lösen.

Was sind denn aus Ihrer Sicht die großen Herausforderungen, die es für den Schienenverkehr zu lösen gilt?
Da sehe ich zuerst einmal die Probleme, die eine plötzlich angekündigte Verkehrswende mit sich bringt. Natürlich freuen wir Eisenbahner uns, dass die Politik endlich erkannt hat, dass für die Lösung der anstehenden Verkehrsaufgaben und unter dem Druck der Klimaziele eine starke Schiene unverzichtbar ist. Aber wie soll das funktionieren, nachdem die Schiene seit Jahrzehnten vor allem bei den Sparrunden ganz vorn auf der Liste gestanden hat? Die Forderungen, die jetzt im Raum stehen und zum Beispiel nach einer Verdoppelung der Verkehrsleistungen auf der Schiene bis 2030 rufen, sind weder mit der vorhandenen Infrastruktur noch mit dem Fahrzeugpark und dem gegen - wärtigen Personalstamm zu realisieren. Wir arbeiten in einigen Bereichen, wie zum Beispiel dem Einzelwagenverkehr, immer noch mit Prozessen, die schon unsere Großväter kannten.

Günther Alsdorf, Geschäftsführer des BahnTechnologie Campus (BTC)


Dies zeigt: Wir müssen die Eisenbahn ganz neu denken, wenn die Verkehrswende erfolgreich verlaufen soll! Und dieses neue Denken ist schon deshalb notwendig, weil die Automatisierungsund Digitalisierungswelle die Eisenbahn längst erfasst hat und völlig verändern wird. Das ist auch gut so - doch dies erfordert von allen beteiligten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein völlig neues Denken!
Als weitere Herausforderung steht uns der demografische Wandel ins Haus. Die Wirtschaft leidet schon jetzt unter einem massiven Fachkräftemangel, überdies gehen die sogenannten Baby-boomer nach und nach in den Ruhestand. Eine Entwicklung, die den Arbeitsmarkt ab 2025 mit voller Wucht treffen und damit auch die Bahnbranche in ihrem Bestreben, mehr Verkehr auf die Schiene zu holen, stark belasten wird.

Die Bausteine des BTC


Der Verkehrsträger Schiene hat also in den nächsten Jahren gleich mit drei großen Herausforderungen zu kämpfen! Für die Beschaffung von Infrastruktur und rollendem Material bedarf es einer willigen Politik, aber da scheint einiges auf dem Weg zu sein. Der Erfolg der Verkehrswende wird aber sehr stark davon abhängen, dass es dem Sektor Bahn gelingt, die notwendigen Fachkräfte zu finden und zu begeistern.

Wie genau sehen die Strukturen des BTC aus?
Das BTC-Konzept beinhaltet die Bausteine Standortrevitalisierung, Logistik Campus, Gewerbe Campus, Bildungsund Praxis Campus sowie Wissenschafts- und Forschungs-Campus. Der BTC liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum trimodal angeschlossenen GVZ Wustermark und einen Steinwurf von der Stadtgrenze Berlins entfernt und besitzt mit dem Bahnhof Elstal einen eigenen SPNV-Anschluss - in 13 Minuten erreicht man, ohne umzusteigen, Berlin-Spandau, in 26 Minuten den Berliner Hauptbahnhof.
Der Bereich Standortrevitalisierung betrifft unter anderem die Reaktivierung der bestehenden und zum Teil denkmalgeschützten Bauwerke, die Nutzung von regenerativen Energien und die Entwicklung eines modernen bahn - erschlossenen Gewerbegebietes. Der Logistik Campus beschäftigt sich zum Beispiel mit der Vernetzung von Schiene und Straße - bis hin zur letzten Meile. Dabei geht es um ein erstes Forschungsprojekt, das die Möglichkeit untersucht, wie Fracht per Schiene bis in Innenstadtnähe transportiert werden kann, um von dort beispielsweise per E-Lkw zu den einzelnen Filialen und Abnehmern transportiert zu werden.

Das klingt nach einem sehr spannenden Konzept!
Das ist es auch! Wir haben hierzu schon erste Zwischenergebnisse vorliegen. Aus unserer Sicht verfügen viele Metropolen in Deutschland und Europa über vorhandene, aber oftmals nicht genutzte Schieneninfrastruktur, die bis in die Innenstädte hineinreicht. Hier - über kann Frachtverkehr emissionsarm und umweltschonend per Schiene abgewickelt werden, um dann mit modernen und flächensparenden Umschlagsystemen auf E-Lkw für die soge - nannte letzte Meile verladen zu werden. Mehrere Städte, wie Berlin oder Hamburg, zeigen großes Interesse an diesem Projekt.

Aber weshalb ist es Ihnen so wichtig, die denkmalgeschützten Gebäude in Wustermark zu erhalten und in das Konzept des BTC einzubinden? Wäre es nicht günstiger, einfach neu zu bauen?
Das wäre vermutlich etwas günstiger! Aus unserer Sicht ist es aber wichtig, wenn wir es mit der Eisenbahn ernst meinen, dass wir gerade mit Blick auf die Zukunft unsere eigenen Wurzeln nicht aus den Augen verlieren. Wir müssen Brücken bauen von den technischen Leistungen der Vergangenheit, auf die wir als Eisenbahner stolz sein dürfen, hin zu den Projekten der Zukunft. Ich bin davon überzeugt, dass es ein Fehler wäre, diese Bezugspunkte der Vergangenheit mit der Abrissbirne zu kappen. Ein alter Lokschuppen, der hundert Jahre lang Dampflokomotiven beheimatet hat, bietet Authentizität und damit die perfekte Atmosphäre für einen Ort, um die Eisenbahn der Zukunft zu erdenken und zu leben.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Alsdorf!

Das Gespräch führte Christian Wiechel-Kramüller.


BILDER: BTC