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BAUBOOM DER STEIN-ZEIT


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National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 29.07.2022
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Stonehenge ist eines der berühmtesten Monumente der Welt und wird seit vielen Jahrhunderten erforscht. Doch neue Technologien, so der Archäologe Vince Gaffney, ?verändern unser Verständnis alter Landschaften ? sogar das von Stonehenge, einem Ort, den wir gut zu kennen glaubten?.

EESMUSS ETWAS BESONDERES in der Luft gelegen haben, vor etwa 4500 Jahren, in den letzten Tagen der Jungsteinzeit im Süden Britanniens. Was immer es gewesen sein mag – religiöser Eifer, Tollkühnheit, ein Gefühl des Wandels –, es zog die Bewohner in seinen Bann, ja versetzte sie in einen Rausch.

Binnen einer erstaunlich kurzen Zeitspanne – vielleicht sogar in nur einem Jahrhundert – errichteten Menschen ohne Metallwerkzeuge und ohne Pferdestärken viele der riesigen Steinkreise, kolossalen Holzpalisaden und großen Steinalleen Großbritanniens. Dafür beraubten sie die Wälder ihrer größten Bäume und bewegten Millionen Tonnen Erde.

„Es war eine regelrechte Manie, die das Land erfasste, eine Besessenheit, die sie dazu trieb, immer größer, immer mehr, immer besser und immer komplexer zu bauen“, meint Susan Greaney, Archäologin bei der gemeinnützigen Organisation English Heritage.

Das berühmteste Relikt ...

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... dieses Baubooms ist Stonehenge, die Ansammlung stehender Steine oder Menhire, die Millionen Besucher in die englische Salisbury-Ebene lockt. Seit Jahrhunderten fasziniert das uralte Megalithmonument alle, die es gesehen haben. Es gibt und gab Rätsel auf, auch dem mittelalterlichen Historiker Heinrich von Huntingdon. In einem Schriftstück aus der Zeit um 1130 n. Chr. – der ersten bekannten Erwähnung von Stonehenge in gedruckter Form – erklärte er es zu einem der Wunder Englands, von dem niemand wisse, wie es gebaut worden sei oder warum.

In den neunhundert Jahren, die seither verstrichen sind, wurde der nach der Sonne ausgerichtete Steinkreis Römern, Druiden, Wikingern, Sachsen und sogar Merlin zugeschrieben, dem Hofzauberer des sagenhaften Königs Artus. Die Wahrheit ist unergründlich, denn erbaut wurde das Monument von einem untergegangenen Volk, das keine Schriftsprache, keine Geschichten oder Legenden hinterließ, sondern lediglich verstreute Knochen, Scherben, Stein- und Geweihwerkzeuge – und eine Reihe ebenso mysteriöser Monumente, von denen einige Stonehenge an Größe und Erhabenheit womöglich sogar übertrafen.

Eines der beeindruckendsten Bauwerke, heute als Mount Pleasant Superhenge bekannt, wurde auf einer grasbewachsenen Anhöhe mit Blick auf die Flüsse Frome und Winterborne errichtet. Ein Heer von Arbeitern hob mit Spitzhacken aus Geweihen und Schaufeln aus Rinderknochen einen riesigen ringförmigen, umwallten Graben aus, das Henge, das mit einem Umfang von 1,2 Kilometern mehr als dreimal so groß ist wie der Graben und Erdwall von Stonehenge. Innerhalb des riesigen Erdwerks errichteten die Erbauer einen Kreis aus hoch aufragenden Eichenholzpfosten, einige rund zwei Meter dick und mehr als 15 Tonnen schwer.

„Wir alle kennen Stonehenge“, sagt Greaney. „Schließlich ist es aus Stein erbaut und hat überdauert. Wie aber sahen diese Holzkonstruktionen aus? Sie waren gewaltig und dürften die Landschaft jahrhundertelang dominiert haben.“

Seit dem 17. Jahrhundert untersuchen Altertumsforscher und Archäologen Englands prähistorische Henges, Erdhügel und Steinkreise. Doch erst in den letzten Jahren erkannte man, dass viele dieser Bauwerke etwa zur gleichen Zeit und offenbar in großer Eile errichtet wurden. „Man ging immer davon aus, dass diese riesigen Monumente unabhängig voneinander und im Verlauf mehrerer Jahrhunderte entstanden“, erklärt Susan Greaney.

Jetzt hat eine Fülle moderner Technologien neue Fenster in die Vergangenheit aufgestoßen. Sie ermöglichen es Archäologen, einen neuen, ungeahnten Blick auf die Welt der Steinzeit-Monumente im Süden Großbritanniens und ihrer Erbauer zu werfen. „Es ist fast so, als würde man bei null anfangen“, meint Jim Leary, Dozent für Feldarchäologie an der University of York. „Von vielem, das wir als Studenten in den 1990er-Jahren gelernt haben, wissen wir heute, dass es nicht stimmt.“

ERST IN DEN LETZTEN JAHREN ERKANNTE MAN, DASS VIELE DER MEGA-MONUMENTE ETWA ZUR GLEICHEN ZEIT UND OFFENBAR IN GROSSER EILE ERRICHTET WORDEN WAREN.

Mit am verblüffendsten war die durch DNA-Analyse gewonnene Erkenntnis, dass um 4000 v. Chr. eine Massenmigration vom europäischen Festland stattgefunden haben muss. Die Welle der Neuankömmlinge, deren Abstammung Tausende von Jahren bis nach Anatolien zurückreicht, führte dazu, dass die indigenen britischen Jäger und Sammler durch Menschen abgelöst wurden, die Getreide anbauten und Viehzucht betrieben. „Niemand hätte gedacht, dass es so abgelaufen ist“, sagt Leary. „Die Vorstellung, dass die landwirtschaftliche Revolution in Britannien durch eine große Migration ausgelöst wurde, schien allzu banal. Alle suchten nach einer differenzierteren Erklärung – einer Ausbreitung von Ideen. Nicht Menschenmassen, die in Boote steigen. Nun hat sich herausgestellt, dass es tatsächlich so trivial war.“

Einige der Migranten nutzten den kürzesten Weg an der schmalsten Stelle des Ärmelkanals und überquerten die heutige Straße von Dover. Andere, die aus der Bretagne in Westfrankreich kamen, nahmen die längere und gefährlichere Überfahrt über das offene Meer nach Westbritannien und Irland auf sich. Manche dieser frühesten bretonischen Pioniere ließen sich an der zerklüfteten Küste von Pembrokeshire in Wales nieder. Möglicherweise waren es ihre Nachfahren, die etwa vierzig Generationen später die erste Version von Stonehenge errichteten.

D ANKE INES SCHARFSICHTIGEN Geologen namens Herbert Thomas wissen Archäologen heute, dass die Geschichte in Wales beginnt. Denkt man an Stonehenge, kommen einem die riesigen Trilithen aus Sarsensteinen in den Sinn. Doch es gibt noch eine andere, deutlich kleinere Art von Monolithen innerhalb des Trilithen-Hufeisens – die Blausteine. Im Gegensatz zu den Sarsen, die aus lokalem, silifizierten Sandstein bestehen, sind Blausteine ortsfremd. Nirgendwo in der Nähe von Stonehenge gibt es solche Gesteinsarten.

Die Blaustein-Monolithen wiegen im Durchschnitt je 1,8 Tonnen. Die Frage, woher sie stammen und wie es dazu kam, dass sie in der Mitte der Salisbury-Ebene zu einem Ring angeordnet wurden, war ein jahrhundertealtes Rätsel, als Thomas 1923 Proben davon erhielt. Unter den Stücken befand sich eine Blausteinart, gefleckter Dolerit. Thomas fiel ein, dass er Aufschlüsse desselben Gesteins mehrere Jahre zuvor bei einer Wanderung in den Preseli-Bergen gesehen hatte, einer unberührten Moorlandschaft in Pembrokeshire, etwa 280 Kilometer von Stonehenge entfernt. Nach weiteren Untersuchungen konnte Thomas den Ursprung des Blausteins auf den Carn-Meini-Steinbruch eingrenzen.

In den letzten Jahren haben Richard Bevins, Geologe am Nationalmuseum von Wales, und sein Kollege Rob Ixer vom Institut für Archäologie des University College of London die Arbeit von Thomas fortgesetzt. Für ihre Untersuchungen nutzten sie Technologien des 21. Jahrhunderts mit Namen wie Röntgenfluoreszenzspektrometrie und ICP-MS-Laserablation. Es gelang ihnen, vier Aufschlüsse in den Preseli-Bergen zu bestimmen, aus denen Blaustein-Monolithe für Stonehenge stammen.

Der belgische Bioarchäologe Christophe Snoeck leistete Pionierarbeit mit einer Methode zur Gewinnung von Isotopen aus kremierten Überresten, anhand derer sich feststellen lässt, wo eine Person in ihrem letzten Lebensjahrzehnt gelebt hat. Er analysierte die Knochen von 25 Personen, deren Asche zur Zeit der Errichtung der Blausteine in Stonehenge beigesetzt worden war. Er fand heraus, dass fast die Hälfte von ihnen kilometerweit von Stonehenge entfernt gelebt haben musste. Infrage kommen Nord-Devon und Südwest-Wales.

„Wir können nicht mit Sicherheit sagen, dass die in Stonehenge bestatteten Menschen aus dem Südwesten von Wales stammten“, erklärt Rick Schulting, Professor für Archäologie an der University of Oxford. „Aber Archäologie ist ein bisschen wie das Zusammentragen von Beweisen für ein Gerichtsverfahren – man schaut, in welche Richtung die meisten Beweismittel deuten. Die Tatsache, dass wir wissen, dass die Blausteine definitiv aus den Preseli-Bergen in Wales stammen, bedeutet, dass dort ein guter Platz ist, um mit der Suche zu beginnen.“

Ein kühler Morgen Mitte September. Dichter Nebel liegt über Waun Mawn, Standort von vier erhaltenen Steinen in den Preseli-Bergen. Der Dunst verwandelt den Archäologen und NATIO-NAL-GEOGRAPHIC-Explorer Mike Parker Pearson und sein Team in geisterhafte Silhouetten mit Spitzhacken, Schaufeln und Schubkarren. Parker Pearson, Experte für Britische Vorgeschichte am Institut für Archäologie des University College London, ist hierher gekommen, um einer Theorie nachzugehen, die im 12. Jahrhundert erstmals aufkam: dass die Steine von Stonehenge aus einer älteren Anlage in einem fernen Land stammen könnten. Der mittelalterliche Kleriker Geoffrey von Monmouth schrieb eine reich ausgeschmückte Geschichte darüber, wie die Monolithen von Stonehenge im Anschluss an eine große Schlacht aus einem Steinkreis in Irland entwendet und mittels Magie und per Schiff an ihren heutigen Standort gebracht wurden.

„Diese Geschichte klingt zwar konstruiert, aber es könnte durchaus sein, dass sie auf einer mündlichen Überlieferung beruht, an der ein Körnchen Wahrheit ist“, erklärt Parker Pearson. „Zum einen wurden die Steine von Stonehenge tatsächlich bewegt. Von den Hunderten von Steinkreisen Britanniens ist Stonehenge der einzige, dessen Steine aus großer Entfernung herangeschafft wurden. Alle anderen bestehen aus lokalem Gestein. Das konnte man zu Geoffreys Zeiten noch nicht wissen.“

Darüber hinaus weist er darauf hin, dass dieser Teil von Wales damals als irisches Hoheitsgebiet angesehen wurde. Tatsächlich kann man an klaren Tagen von dieser Hügelkuppe aus in der Ferne die irische Küste sehen. Und dann ist da noch Waun Mawn selbst, die Überreste eines der frühesten Steinkreise Britanniens, der auf etwa 3300 v. Chr. datiert wird und nur wenige Kilometer von den Aufschlüssen entfernt liegt, von denen die Blausteine von Stonehenge stammen.

„Aus irgendeinem Grund begannen sie mit dem Bau, stellten die Arbeit aber ein, als gerade ein Drittel fertig war“, sagt Parker Pearson über Waun Mawn. „Wir können sehen, wo sie Löcher für weitere Steine aushoben, die aber nie aufgestellt wurden.“ Von den etwa 15 Steinen, die sie platzierten, steht nur noch einer. Drei weitere liegen im Gras. Der Rest fehlt.

Im vergangenen Jahr veröffentlichten Parker Pearson und seine Kollegen die These, dass das heutige Stonehenge ganz oder teilweise aus Steinen früherer Monumente in Wales besteht, die von einer migrierenden Gemeinschaft um 3000 v. Chr. abgebaut und ostwärts transportiert wurden. Ein Stein – Nummer 62 in der Nomenklatur der Archäologen – könnte möglicherweise direkt nach Waun Mawn zurückverfolgt werden. Diese Behauptung stieß auf Kritik, und so kehrte Parker Pearson nach Waun Mawn zurück, um seine Theorie zu untermauern.

Die Hinweise sind sicherlich vielversprechend. Stein Nummer 62 ist einer von nur drei Blausteinen in Stonehenge, die aus nicht geflecktem Dolerit bestehen, der Art Gestein, die für den Bau von Waun Mawn verwendet wurde. Darüber hinaus weist Stein 62 einen eigentümlichen fünfeckigen Querschnitt auf, der dem Abdruck eines der Steine zu entsprechen scheint, die aus dem alten walisischen Kreis entfernt wurden. Zudem deutet ein im ehemaligen Sockelloch gefundener Gesteinssplitter darauf hin, dass der fehlende Stein ebenfalls ein nicht gefleckter Dolerit war.

Bei neueren Ausgrabungen konnten Parker Pearson und sein Team weitere Beweise dafür sammeln, dass es sich bei Waun Mawn tatsächlich um einen Steinkreis handelte, der auffallend ähnliche Ausmaße wie der frühe Grabenring um Stonehenge hatte. Wie Stonehenge scheint auch Waun Mawn auf die Sonnenwende ausgerichtet zu sein. Allerdings waren die Forscher nicht in der Lage, eine endgültige geochemische Übereinstimmung zwischen den Steinen in Waun Mawn und den Blausteinen in Stonehenge festzustellen, die ihre These bestätigt hätte. Eine exakte Übereinstimmung mit einem einzelnen Stein zu finden, sei immer sehr schwierig, erklärt Parker Pearson, der auch darauf hinweist, dass von den etwa 80 Blausteinen, die nach Ansicht der Archäologen einst in Stonehenge standen, heute nur noch 43 vorhanden sind.

„VON DEN HUNDERTEN VON STEINKREISEN BRITANNIENS IST STONEHENGE DER EINZIGE, DESSEN STEINE AUS GROSSER ENTFERNUNG HERANGESCHAFFT WURDEN.“

MIKE PARKER PEARSON, ARCHÄOLOGE

„Wir haben fehlende Steine hier und fehlende Steine dort“, sagt er. „Aber was wir jetzt haben, ist ein klarer Beleg dafür, dass die Leute, die den Kreis in Waun Mawn bauten, mitten in der Arbeit aufhörten. Sie graben ein Loch für den nächsten Stein und lassen es leer. Was ist passiert? Wo sind sie hin? Wo sind die Steine?“

Archäologische Funde – oder eben das Fehlen ebensolcher – deuten darauf hin, dass in der Zeit nach 3000 v. Chr. nur wenige Menschen in Waun Mawn lebten. Diese Zeitangabe lässt sich gut mit der Vorstellung einer Migration aus Wales vereinbaren. „Aber das Fehlen von Hinweisen ist kein Beweis dafür, dass dort niemand war“, sagt Parker Pearson. Er hofft, bald in die Preseli-Berge zurückkehren zu können. Dort will er alte Pollen untersuchen, die Aufschluss darüber geben könnten, ob das Weideland um diese Zeit herum wieder zur Wildnis wurde. Sollte dies der Fall sein, würde der Befund seine Vermutung erhärten, dass das Gebiet etwa zur selben Zeit verlassen wurde, als Stonehenge entstand. Und auch wenn der seltsam geformte Stein 62 von Stonehenge nicht eindeutig mit dem Steinkreis in den Preseli-Bergen in Verbindung gebracht werden kann – die Geologen Bevins und Ixer haben den Steinbruch, aus dem er stammt, etwas östlich von Waun Mawn lokalisiert. „Es ist ein Aufschluss, den bisher noch kein Archäologe untersucht hat“, erklärt Bevins. „Als Geologen können wir die menschliche Seite der Geschichte nicht erzählen, aber immerhin können wir eine neue Stelle nennen, wo man die Spur aufnehmen kann.“

Von Waun Mawn nach Stonehenge sind es etwa vier Stunden Fahrt, wobei die letzten Kilometer über die A303 führen. Diese schmale, mit Schlaglöchern übersäte und chronisch überlastete Landstraße führt so nah an Stonehenge vorbei, dass das Monument gleichsam eine Attraktion am Straßenrand ist. Wollten die Erbauer von Stonehenge ein Wahrzeichen schaffen, das das Interesse künftiger Generationen fesselt, so wurden ihre kühnsten Träume wohl übertroffen. Das Kultbauwerk ist eine der größten Touristenattraktionen Großbritanniens und lockte vor Corona mehr als eine Million Besucher pro Jahr an. Praktisch alle kommen über die A303, über die auch Millionen Erholungsuchende zu den Seebädern fahren. In den letzten Jahrzehnten wurde die A303 auf einem Großteil ihrer Länge zu einer vierspurigen Schnellstraße ausgebaut, nicht jedoch auf den Kilometern beidseits von Stonehenge. Ständige Staus führen dazu, dass Einheimische leicht eine Stunde brauchen, um von einem Dorf zum nächsten zu kommen. Und endlose rumpelnde Lastwagenschlangen beeinträchtigen das Erlebnis jedes Stonehenge-Besuchs.

TV-TIPP

Aktuelle Erkenntnisse aus der Kreisgrabenanlage von Pömmelte in Sachsen-Anhalt plus neue Arbeiten in Stonehenge zeigt NATIONAL GEOGRAPHIC am 31. Juli um 12.25 Uhr: Mysterium Stonehenge

„ALLE SIND SICH EINIG, DASS MIT DER A303 ETWAS GESCHEHEN MUSS. DIE FRAGE IST NUR, WAS?“

VINCE GAFFNEY, ARCHÄOLOGE

„Alle sind sich einig, dass mit der A303 etwas geschehen muss“, sagt Vince Gaffney, Professor für Landschaftsarchäologie an der University of Bradford. „Die Frage ist nur, was?“

Die Anlage von Stonehenge ist das Herzstück einer fünfzig Quadratkilometer großen Unesco-Weltkulturerbestätte, die an ökologisch sensible Gebiete, einen Militärstützpunkt und viele kleine Gemeinden angrenzt. Alle Optionen für einen alternativen Straßenverlauf werden daher kontrovers diskutiert. Der Vorschlag für den Bau eines drei Kilometer langen, vierspurigen Tunnels zog den Beschuss von Archäologen auf sich und löste Proteste einer Koalition aus Umweltschützern und neuzeitlichen Druiden aus. Letztes Jahr gab der Oberste Gerichtshof Großbritanniens den Demonstranten recht und legte das Milliardenprojekt auf Eis.

Ironischerweise war es die Entdeckung eines kilometerweiten Rings riesiger Gruben um das nahe Henge bei Durrington Walls, ausgehoben von Steinzeitlern auf dem Höhepunkt des Baubooms vor etwa 4400 Jahren, die die Pläne des modernen Tunnels vereitelte. Die Gruben wurden 2015 im Rahmen einer Hightech-Fernerkundung von 1200 Hektar der Stonehenge-Landschaft entdeckt, die Dutzende unbekannter Monumente ans Licht brachte.

„Die merkwürdigen Anomalien fielen uns damals schon auf, aber wir waren zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt, um sie weiterzuverfolgen“, sagt Gaffney, der die Untersuchung mit geleitet hat. „Als wir später zurückkamen, sahen wir, dass es diese riesigen Gruben gab, die einen gigantischen Bogen um das Henge schlugen.“

Der Umfang war so riesig, dass das Team bei der Bekanntgabe des Fundes im Jahr 2020 auf breite Skepsis stieß und die wohnhausgroßen Gruben als natürlich vorkommende Erdlöcher abgetan wurden. Weitere Untersuchungen bestätigten jedoch, dass der Schachtkreis gegen Ende des neolithischen Baubooms tatsächlich von Menschen ausgehoben worden war, was dieser Ära ein weiteres Rätsel hinzufügte.

Das Tunnelprojekt hat die Archäologen gespalten. Einige sehen es als Kompromiss zur Lösung des Verkehrsengpasses an. „Es muss etwas unternommen werden“, erklärt der Archäologe Mike Pitts, Herausgeber der Fachzeitschrift British Archaeology. „Zu befürchten ist nur, dass sie es sich einfach machen und die bestehende Schnellstraße auf vier Spuren ausbauen. Und das will niemand.“

DER TRANSPORT DER RIESIGEN STEINE DÜRFTE SCHAREN VON SCHAULUSTIGEN ANGEZOGEN HABEN. „DAS WAR WAHRSCHEINLICH SO, ALS WÜRDE MAN HEUTE DAS SPACE SHUTTLE VORBEIFLIEGEN SEHEN“, SAGT DER ARCHÄOLOGE MIKE PITTS.

Verwüstungen haben auch die Schöpfer von Stonehenge in Kauf genommen. Leidtragende waren die alten Wälder Britanniens, denn nicht nur für den Bau der gewaltigen Palisaden wurden Tausende riesiger Eichen gefällt, weitere wurden auch zum Bau von Stonehenge und anderen Henges benötigt. „Es ist unvorstellbar, welch Mengen Holz nötig waren“, sagt Pitts.

Im Falle von Stonehenge muss der Transport Dutzender riesiger Sarsenblöcke mit einem durchschnittlichen Gewicht von 18 Tonnen über 24 Kilometer und deren Aufbau vor Ort hölzerne Schlitten, jede Menge Gerüste und möglicherweise kilometerlange Holztrassen erfordert haben, über die die schwer beladenen Schlitten gezogen werden konnten. Unabhängig von der Art des Transports dürfte die Bewegung der gewaltigen Steine durch die Landschaft Scharen von Schaulustigen angezogen haben. „Das war wahrscheinlich so“, sagt Pitts, „als würde man heute das Space Shuttle vorbeifliegen sehen.“

SOBEEINDRUCKEND Stonehenge ist – man muss noch einmal dreißig Kilometer weiter nördlich zum Superhenge von Avebury fahren, um das Ausmaß und die Vielgestaltigkeit des Baubooms zu begreifen. Während Stonehenge mit seinen Sarsen-Trilithen weltweit bekannt ist, übertrifft Avebury, wie es der Altertumsforscher John Aubrey im 17. Jahrhundert formulierte, „das so berühmte Stoneheng [sic] an Größe ebenso sehr wie eine Kathedrale eine Pfarrkirche“.

Das Avebury-Henge hat einen Umfang von rund anderthalb Kilometern und ist so groß, dass fast das gesamte namensgebende Dorf einschließlich eines Pubs, strohgedeckter Cottages und Schafsweiden bequem darin Platz findet. Der Steinkreis darin ist mit einem Durchmesser von mehr 300 Metern der größte der Welt. Und darin befinden sich zwei weitere Kreise; eine große Allee aus Megalithen führt von ihm weg und zweieinhalb Kilometer weit durch die Landschaft zu einem abgelegenen Stein- und Holzkreis. Obendrein ist der mysteriöse Silbury Hill, 450 000 Tonnen Erde umfassend und der größte von Menschenhand geschaffene Hügel im prähistorischen Europa, nur zwanzig Minuten zu Fuß entfernt.

Versteckt in diesem verschlafenen Fleckchen Erde entlang des Flusses Kennet, nur einen Kilometer flussabwärts von Avebury, liegt das, was Josh Pollard, Professor für Archäologie an der University of Southampton, als die „schlafenden Riesen“ der Avebury-Landschaft bezeichnet: eine Reihe hölzerner Palisaden, errichtet aus den Stämmen von mehr als 4000 uralten Eichen. Bei Grabungsarbeiten im vergangenen Sommer entdeckten Pollard und sein Team eine weitere hölzerne Einhegung mit einem Durchmesser von etwa 90 Metern und darin die Grundmauern eines riesigen rechteckigen Gebäudes von mehr als dreißig Meter Länge, dessen Wände aus gigantischen Balken bis zu zwölf Meter über den Boden ragten. „Dies dürfte einen erstaunlichen Anblick geboten haben“, so Pollard.

Doch trotz der Größe von Avebury und der benachbarten Monumente ist es der Fluss Kennet, der nur wenige Hundert Meter entfernt durch die beschauliche Landschaft von Wiltshire fließt, den Pollard für den Schlüssel zum Verständnis der Denkweise der Steinzeitmenschen hält, die all das bauten. „Der Fluss war für sie wichtiger als die Monumente, die sie an seinem Ufer errichteten“, sagt er. „Das sieht man an Silbury, das an seiner Quelle entstand, und an der Beziehung des Flusses zu den Palisaden. Er verbindet die Monumente hier, genauso wie es der Fluss Avon mit den Monumenten in der Landschaft von Stonehenge tut.“

Anfang des 25. Jahrhunderts v. Chr. müssen die Bewohner Britanniens von den technologischen Veränderungen gewusst haben, die mit der Entwicklung der Metallverarbeitung auf dem Kontinent einhergingen. Möglicherweise benutzten sie sogar schon Werkzeuge aus Kupfer, die sie durch Tauschhandel erwarben. „Es ist schwer vorstellbar, dass so etwas wie die Palisaden von Avebury ohne Kupferwerkzeuge gefertigt wurden“, meint Pollard. Solche Arbeitsgeräte seien in den folgenden Jahrhunderten mit ziemlicher Sicherheit viele Male wiederverwendet und recycelt worden. Daher hält er es für unwahrscheinlich, dass auf neolithischen Baustellen jemals welche gefunden werden.

Was den Bauboom auslöste und warum er zu Ende ging, bleibt ein Rätsel. Archäologen stellen jedoch einen zeitlichen Zusammenhang mit der aufkommenden Bronzezeit fest, die im Zuge einer weiteren Migrationswelle vom europäischen Festland nach Britannien gelangte.

„Die Daten liegen extrem nahe beieinander“, sagt Susan Greaney von English Heritage. „War dieser Baurausch eine Reaktion auf die Veränderungen, die sie kommen sahen? Spürten sie, dass eine Ära zu Ende ging? Oder war es das Bauprogramm selbst, das einen Zusammenbruch der Gesellschaft oder ihres Glaubenssystems verursachte? Gab es so etwas wie eine Rebellion gegen eine Autorität, die all diese unhaltbaren Bauwerke anordnete?“

Eine andere, erschreckendere Möglichkeit ist, dass eine Pandemie eine Rolle gespielt haben könnte. Wissenschaftler haben in einem neolithischen Grab in Schweden Pestbakterien gefunden. Anfang dieses Jahres wurden sie auch in einem bronzezeitlichen Grab in Somerset nachgewiesen. Die frühe Variante scheint nicht ganz so ansteckend gewesen zu sein wie diejenige, die Europa im 14. Jahrhundert heimsuchte, aber es ist schwer zu sagen, welche Auswirkungen sie auf die Menschen der Jungsteinzeit hatte.

„Möglicherweise verbreiteten die Migranten, die zu Beginn der Bronzezeit unterwegs waren, unbemerkt eine Epidemie, die ganze Bevölkerungsgruppen auslöschte und für die Zuwanderer weite Gebiete frei machte“, meint Jim Leary von der University of York.

Was auch geschehen sein mag: Binnen eines Jahrhunderts nach Fertigstellung von Stonehenge strömten erneut Siedler vom europäischen Festland herüber. Hundert Generationen später wiederholte sich die Geschichte, nur reichte die Abstammung der Zuwanderer diesmal jahrtausendeweit in die Steppengebiete Eurasiens zurück anstatt nach Anatolien. Die sogenannten Glockenbecherleute brachten neue Glaubensrichtungen mit, frische Ideen, ihre namensgebende becherförmige Keramik und metallurgische Fähigkeiten, die die Zukunft prägen sollten. Die jungsteinzeitliche Bauernkultur, die Stonehenge und zahlreiche andere Monumente errichtete, ging unter; auch ihre DNA verschwand beinahe aus dem britischen Genpool. Die Landschaft rund um Stonehenge blieb eine wichtige Begräbnisstätte, doch die Ära der Mega-Monumente war vorbei.

„Der Bau von Monumenten markiert oft eine Art Höhepunkt einer Zivilisation“, erklärt Leary. „Aber ich glaube nicht, dass dies der Zenit einer Kultur war. Ich glaube, es war der manische letzte Wurf einer Gesellschaft, die weiß, dass ihre Zeit abgelaufen ist.“ 

Aus dem Englischen von Eva Dempewolf

Der langjährige NatGeo-Autor Roff Smith lebt an der Südküste Englands. Der Fotograf Reuben Wu ist ein multidisziplinärer Künstler, der Zeit und Raum technikgestützt in Geschichten verwandelt.Die Dokumentarfotografin Alice Zoo erkundet in ihrer Arbeit Vorstellungen von Ritualen. Fernando G. Baptista arbeitet als Senior Artist bei NATIONAL GEOGRAPHIC.