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BAUKULTUR: DIE FARBEN DES GELDES


Terra Mater - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 13.06.2019

lt@Knallbunte Imponierbauten sind die ultimativen Statussymbole in Boliviens Boomstadt El Alto. Außen feiern sie die indigene Tradition, innen den Kapitalismus. Erdacht hat das Konzept ein gewitzter Baumeister, und sein Erfolg erzählt fast alles über ein Land im Umbruch.


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Bildquelle: Terra Mater, Ausgabe 4/2019

Musterhaus in Gunstlage
Entlang der Magistrale vom Flughafen El Alto nach La Paz leuchtet das rote Imperio del Rey. Bei der Außengestaltung dieses „ Königreich“-Gebäudes ließ sich Architekt Freddy Mamani von der lokalen Tierwelt inspirieren. Die Fassade solle „die Grandezza zweier fliegender Kondore“ repräsentieren, sagte der Architekt ...

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Musterhaus in Gunstlage
Entlang der Magistrale vom Flughafen El Alto nach La Paz leuchtet das rote Imperio del Rey. Bei der Außengestaltung dieses „ Königreich“-Gebäudes ließ sich Architekt Freddy Mamani von der lokalen Tierwelt inspirieren. Die Fassade solle „die Grandezza zweier fliegender Kondore“ repräsentieren, sagte der Architekt nach der Eröffnung des Gebäudes im Jahr 2015. Heute zählt das Haus zu seinen bekanntesten Schöpfungen.


EL ALTO IST EIN ORT, AN DEM ES JEDE NACHT WINTER WIRD. Wo die Sonne brennt, ohne zu wärmen. Wo die Luft dünner ist als auf dem Gipfel des Großglockners. El Alto ist eine Stadt aus Staub, ein Moloch im Rohbau, ein permanentes Provisorium aus Beton und Ziegeln, geschützt mit Dachplatten aus gewelltem Polyurethan, das Sonnenstrahlen eindringen lässt, nicht aber die eisigen Winde des Altiplano.

Das Andenhochplateau, jene ebene Steppe zwischen schneebedeckten Sechstausendern, ist kein einladender Platz für eine Stadt. Doch unten, in der Schlucht des Río Choqueyapu, wurde es irgendwann zu eng. Dort liegt die Metropole La Paz; und als sich das Tal füllte, mit Autos, Bussen, Lastwagen und mit hunderttausenden Menschen, blieb von allem Frieden allein dessen Name. Also wucherte La Paz in die Höhe. Das ist die deutsche Übersetzung vonEl Alto . Zuerst kam dort der Bahnhof auf 4.070 Meter Seehöhe, dann der Flughafen, Fernstraßen, Fabriken. Und ständig neue Zuwanderer auf der Suche nach einer besseren Zukunft für ihre Kinder.

Heute hat El Alto eine Bürgermeisterin, acht Universitäten, den zweitgrößten Markt Lateinamerikas und einen erstaunlichen Ruf: als Mekka moderner Architektur.

NEUBAULAND

Die MetropoleEl Alto war einst eine Vorstadt des RegierungssitzesLa Paz . Seit Jahren wächst die Stadt auf4.100 Meter Seehöhe rasant. Mittlerweile zählt siefast eine Million Einwohner .

Multicolor statt roher Ziegel
An der Ecke der Straßen Fournier und Victor Gutiérrez hat sich eine Agrargenossenschaft in ein Gebäude eingemietet, das im Stil der sogenannten neuen andinen Architektur dekoriert ist. Der Erfolg von Baumeister Freddy Mamani inspiriert Nachahmer, die nun Haus für Haus das Angesicht der Stadt verändern. Links im Bild ist zu sehen, wie die meisten Kommerzbauten in El Alto geschmückt sind: gar nicht. Beton und rohe Ziegel dominieren das Straßenbild.


Feste feiern
Im Imperio del Rey wird Hochzeit gefeiert. Draußen wäre es dafür zu kalt. Die Miete solcher Ballsäle, bis zu 600 Quadratmeter groß, kann ein halbes Jahreseinkommen kosten – pro Nacht. Über den Gästen schwebt dann jedoch einepiñata . Dieses weiße Behältnis wird am Ende des Festes mit einem Stock zerschlagen, und die Gäste balgen sich wie Kinder um herausfallende Bonbons und Preziosen.


Von der Tradition zur Vision
Freddy Mamani (links) hat seit 2005 mehr als hundert farbenfrohe Sechsstöcker errichtet. Bei deren Fassadengestaltung orientiert er sich an der Tiwanaku-Kultur, die im Hochland vor den Inka verbreitet war. Mit seinen von Hand gezeichneten Entwürfen prägt der 47-jährige Bolivianer das Gesicht von Südamerikas schnellstwachsender Metropole und ist längst ein gefragter Star auf Architektur-Events in Europa und Nordamerika.


Baukunst-Zeitschriften und Weltblätter aus London und New York widmen dem andinen Außenposten vielseitige Berichte über die Baumeister, die Farben in diese graubraune Vorläufigkeit brachten. Farben, so froh und strahlend wie auf den traditionellen Schals und Röcken der Frauen aus dem Volk der Aymara, dem 85 Prozent der Einwohner El Altos angehören. Im Geschäftszentrum nahe der Abbruchlinie hinunter nach La Paz, entlang der asphaltierten Avenidas, aber auch inmitten der Barrios ohne Pflaster und Kanalisation strahlen sie heraus, die Paläste in Grün, Rot und Orange, mit bunt verglasten Fassaden, die ähnliche Symbole zieren wie die Alpakapullover in den Touristenläden: Kondore, Schmetterlinge, Spinnen und Fackeln.

Ihre Schöpfer würden diese Bauwerke, die ihre gestalterische Inspiration von den Ausgrabungsstätten der präinkaischen Tiwanaku-Kultur beziehen, gern als „neue andine Architektur“ bezeichnet wissen. Bekannt wurden sie alscholets : Bolivianische Journalisten verbanden das franco-alpinechalet und das despektierlichecholo , mit dem die weiße Elite die Indigenen des Hochlands abwertet. Mittlerweile wurde die spöttische Synthese zum Architekturfachbegriff, zum Titel von Fachbüchern und einem Dokumentarfilm, 2016 auf dem Filmfestival in Rotterdam uraufgeführt.

Dessen Sujet beginnt in einem besonders wichtigen Jahr. 2005 wurde der Aymara Evo Morales zum ersten indigenen Staatsoberhaupt Amerikas gewählt. Und 2005 entwarf der Aymara Freddy Mamani sein erstes Cholet, in Froschgrün, beauftragt von einem Händler, der es mit Mobiltelefonen zu Wohlstand gebracht hatte.

Freddy Mamani Silvestre, der als Sohn eines Bergmanns in einer strohgedeckten Lehmhütte aufgewachsen war, ehe er nach EL Alto kam, fing dort als Ziegelarbeiter an, da war er zwölf. Danach wurde er tagsüber Maurer und nachts Oberschüler. Dass er es so bis zum Baumeister brachte, ist verbürgt, nur sein Architekturdiplom wurde zum Thema so mancher Debatte übelwollender Fachkollegen in Bolivien. In etablierten Kreisen tut man Mamanis Schöpfungen als Kitsch ab. Erfolg schafft Neider, und Mamanis Erfolg misst sich an seinen mehr als hundert realisierten Projekten. Und an seinen Auslandsauftritten: In Paris, Buenos Aires, New York sprach er über seine Mission, seiner Stadt ein Gesicht zu geben.

El Alto, dessen Bürger mit wochenlangen Blockaden in der Metropole La Paz zwei Präsidenten zu Fall gebracht haben, sei heute „die revolutionärste Stadt Lateinamerikas und gleichzeitig jene mit der größten Nähe zum Neoliberalismus“, sagt der amerikanische Städtebau-Professor Benjamin Kohl. Ein guter Beleg für diese These ist die Struktur der Cholets des Freddy Mamani.

„Meine Leitidee ist ein Gebäude, in dem alles rentabel ist“, erklärt der Baumeister. Das Erdgeschoss wird aufgeteilt in mehrere Geschäftslokale. Das erste und das zweite Obergeschoss beherbergen einen Festsaal in Multicolor, massiv beschallt und ausgeleuchtet von China-Lustern und tausenden LEDs. 600 Quadratmeter Raum für Hochzeiten, Bankette und Damenringkämpfe, inklusive eines Séparées für Frischvermählte plus Safe. Den dritten und vierten Stock belegen mehrere Wohnungen, die ebenso vermietet werden wie der Ballsaal. Und obendrauf, mit Aussicht über die Stadt und die Hochebene, wird das eigentliche Chalet für die Eigentümer gesetzt, das mit spitzen Giebeldächern auf den massiven Fünfstöckern thront wie Schokosplitter auf einer Hochzeitstorte.

Selbstversorgerhütte
Ein typischescholet an einer Avenida ohne Asphalt und Abwasserkanal. Solche Häuser, die bis zu 800.000 Dollar kosten, leisten sich Gastwirte, Transportunternehmer oder Händler, die in El Altos wilder Wirtschaft schnell reich geworden sind. Die Läden im Erdgeschoß und die Wohnungen im dritten Obergeschoß werden vermietet. Dazwischen liegt der großzügige Ballsaal. Die Hausbesitzer bewohnen die zweistöckige Villa auf dem Dach.


Grün wie die Hoffnung
Ein Eckhaus in Mamani-Grün illustriert den Aufstieg El Altos von einer Armensiedlung zu Boliviens zweitgrößter Stadt. Lange war sie Machtzentrum des sozialistischen Präsidenten Evo Morales, nun regiert hier Bürgermeisterin Soledad Chapetón, eine wirtschaftsfreundliche Politikerin. Die Aymara, das Volk, dem 85 Prozent der Bewohner El Altos angehören, leben die freie Wirtschaft. Zweimal pro Woche verwandeln sie hundert Straßenblöcke in einen der größten Märkte Südamerikas.


Form folgt Funktion. Mamanis Auftraggeber sind Gastwirte, Fuhrunternehmer, Händler aus El Alto. Familien, die in jenem regen Geschäftsleben vermögend wurden, das seine deutlichste Ausformung donnerstags und sonntags hat, wenn mehr als hundert Straßenblocks zur Marktfläche werden. Tausende Händler halten dort alles Denkbare feil – und noch mehr: T-Shirts, bündelweise geschmuggelt aus den USA; Autos, neu, gebraucht und dem Vernehmen nach auch gestohlen; Turnschuh-Imitate, made in China; Barbieköpfe, Meerschweine, Mumien von Lamababys, Waffen. Eine steuer- und regelfreie Marktwirtschaft, die enorme Geldmittel generiert – für Mamanis Paläste und jene seiner Epigonen.

Längst tragen selbst konventionelle Bürogebäude in El Alto Fassaden in Cholet-Color. Freddy Mamani veranschlagt für seine Häuser in der günstigsten Ausführung 250.000 Dollar. Aber einige mit besonders üppig ausgestatteten Festsälen hätten auch schon 800.000 Dollar gekostet. Bezahlt, so ist zu erfahren, werde zumeist in bar. Das sei unter den Aymara ebenso üblich wie Feiern im Kreis der Großfamilie. Das verspricht dencholetiers eine regelmäßige Auslastung ihrer Festsäle. „Alles soll nutzbar sein, um Geld zu generieren“, erklärt Freddy Mamani: „So wollen es die Besitzer.“

TERRA MATER REISESERVICE

FOLGEN SIE UNSEREN REPORTERN BIS ANS ENDE DER WELT

El Alto am Abend Boomtown auf 4.100 Meter Seehöhe.


IM DACHGESCHOSS BOLIVIENS Erlebnisse in dünner Luft

WAS MACHE ICH DORT?

Häuser bestaunen! Und das in drei Gängen. Die Vorspeise: In Boliviens Hauptstadt La Paz in die Seilbahn nach El Alto steigen und schon aus der Luft nach architektonischen Juwelen Ausschau halten. Der Hauptgang: In El Alto eine mehrstündige Architekturwanderung absolvieren und Freddy Mamanis von andiner Kunst beeinflusste Werke besichtigen. Das Dessert: Abends in La Paz Kolonialbauten wie das Parlament oder die Basílica de San Francisco dem direkten Vergleich aussetzen.

UNBEDINGT PROBIEREN

Erdäpfel in allen erdenklichen Varianten.Papas renellas sind gefüllte und frittierte Kroketten. Eine typische Beilage istTunta , das sind gefriergetrocknete Kartoffeln.

Kartoffel. Frost und Trockenheit machen die Knollen haltbar – und sehr aromatisch.


WIE KOMME ICH HIN?

Flug über Madrid und Bogotá nach El Alto (ab 700 Euro). Unbedingt per Seilbahn auch La Paz entdecken.

BESTE REISEZEIT

April bis November, dann ist der Blick aus den Seilbahnen nach draußen ganz klar! Leider sind im Juli und August die Preise am höchsten.


FOTOS: PASCAL MAITRE

ZUSATZFOTO: DDP IMAGES