Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 7 Min.

BAUREIHE4010/4110: Der „neue“ IC


LOK Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 8/2020 vom 17.07.2020
Artikelbild für den Artikel "BAUREIHE4010/4110: Der „neue“ IC" aus der Ausgabe 8/2020 von LOK Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: LOK Magazin, Ausgabe 8/2020

Seit März 2020 fahren DB-KISS-Triebzüge als IC auf der noch recht neuen Linie Dresden – Rostock/ Warnemünde. Am 19. Mai 2020 erreicht 4110 617 als IC 94 den Hauptbahnhof Berlin


STADLER-KISS ■Seit März 2020 erweitern KISS-Doppelstocktriebzüge das InterCity-Angebot der DB auf der neuen Linie zwischen Dresden und der Ostsee. Es sind „junge Gebrauchte“, ehemalige Fahrzeuge der österreichischen WESTbahn. Doch ist das ein Problem?

Selbstbedienung ist im Reisecafé angesagt, während … Volker Emersleben/DB AG (2)


Stadler Rail als Fahrzeughersteller mit Hauptsitz in Bussnang in der Schweiz ist hier vor allem durch ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 6,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von LOK Magazin. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 8/2020 von Wie geht es im SPNV nach Corona weiter, Herr Heinemann?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Wie geht es im SPNV nach Corona weiter, Herr Heinemann?
Titelbild der Ausgabe 8/2020 von HOCHFELDE RRHEINBRÜCKE: Totalsperrung in den Ferien. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
HOCHFELDE RRHEINBRÜCKE: Totalsperrung in den Ferien
Titelbild der Ausgabe 8/2020 von BAUREIHE1440: Einsatzplanänderung in Nürnberg. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
BAUREIHE1440: Einsatzplanänderung in Nürnberg
Titelbild der Ausgabe 8/2020 von PUCHBERGER – UND KAMPTALBAHN: Bestand bis 2029 gesichert. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
PUCHBERGER – UND KAMPTALBAHN: Bestand bis 2029 gesichert
Titelbild der Ausgabe 8/2020 von RHÄTISCHE BAHN: Steinböcke rollen mit Fahrgästen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
RHÄTISCHE BAHN: Steinböcke rollen mit Fahrgästen
Titelbild der Ausgabe 8/2020 von FRANKREICH: Mehr Zugverkehr nach Corona?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
FRANKREICH: Mehr Zugverkehr nach Corona?
Vorheriger Artikel
GRÜNSTÄDTEL–OBERRITTERSGRÜN: Am Pöhlwas…
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel 24009 UND 24083 Ruhe im Feuer
aus dieser Ausgabe

... die zahlreichen FLIRT-Züge („Flinker Leichter Innovativer Regional-Triebzug“) bekannt. Ein Produktionsstandort in Deutschland befindet sich in Berlin-Pankow. Weltweit arbeiten bei Stadler einschließlich der Servicestandorte rund 8.500 Mitarbeiter.

Für die doppelstöckigen Einheiten mit dem Kürzel KISS lautet die Langbezeichnung „Komfortabler Innovativer Spurtstarker S-Bahn-Zug“. Das ist eigentlich etwas verwirrend, da es sich beim DB-InterCity um einen Zug des Fernverkehrs handelt.

Die Erklärung findet sich aber in dem Umstand, dass Stadler im Jahr 2010 die ersten KISSTriebzüge als Baureihe RaBe 511 für die S-Bahn Zürich sowie den Regionalverkehr der Schweizerischen Bundesbahnen geliefert hat, damals noch unter dem Namen „Stadler-Dosto“.

Das Fahrzeugkonzept sieht prinzipiell zwei- bis achtteilige Zugeinheiten für Normal- und Breitspur vor, über 300 Züge wurden laut Stadler bisher in elf Länder verkauft.

… es speziell für Familien Sitz- und für die Kinder Spielbereiche gibt


Rückblick: WESTbahn contra ÖBB

Die Geschichte des neuen DB-InterCity-Zugs beginnt vor über zehn Jahren in Österreich, als die WESTbahn Management GmbH gegründet wurde, die ab Ende 2011 in Konkurrenz zu den Österreichischen Bundesbahnen auf der auch als Westbahn bekannten Hauptstrecke Wien – Linz – Wels – Salzburg erstmals als privates Unternehmen Fernverkehr anbot. Möglich wurde dies durch die Liberalisierung des Bahnverkehrs in Österreich. Die Gründer: Stefan Wehinger, ehemaliger Vorstand beim ÖBB-Personenverkehr, und der ehemalige Strabag-Vorstand und Multimilliardär Hans Peter Haselsteiner. Bereits 2011 wurde die Eigentümerstruktur aufgeweitet, als auch die französische Staatsbahn SNCF in das Unternehmen einstieg.

Ab Dezember 2011 bediente die WESTbahn die 317 Kilometer lange Strecke von Wien nach Salzburg im Stundentakt, anfangs (bis 2013) wegen baubedingt fehlender Abstellkapazitäten in Salzburg sogar bis Freilassing. Seit Ende 2012 kann auch die neu eröffnete Schnellstrecke Wien – St. Pölten mit dem Wienerwaldtunnel genutzt werden, wodurch die Reisezeit zwischen Wien und Salzburg auf rund 2,5 Stunden sank.

Dafür wurden bei Stadler Rail sieben sechsteilige Züge vom Typ KISS 1 als Reihe 4010 (001–007) beschafft, 150 Meter lang und mit 526 Sitzplätzen. Basis hierfür waren die Triebzüge der S-Bahn Zürich. Einer S-Bahn adäquat ist das mit 0,85 m/s2 vergleichsweise hohe Beschleunigungsvermögen der Züge, fernverkehrstauglich sind die 200 km/h Höchstgeschwindigkeit.

Sehr geräumig ist der 1.-Klasse-Bereich mit seiner 2+1 Bestuhlung …


… und die 2. Klasse fällt durch variable Sitzlandschaften auf. Alles wirkt qualitativ anspruchsvoll


Angetrieben sind nur die Endwagen. Die Zustiege sind mit 570 Millimeter Höhe barrierefrei. 2017 wurde ein weiterer Sechsteiler (4010 008) nachgeliefert, dazu gleichzeitig neun Vierteiler vom Typ KISS 2 mit 326 Sitzplätzen (4110 009 bis 017), allesamt druckertüchtigt mit einflügeligen Schwenkschiebetüren.

Während die ÖBB zum Beispiel beim Railjet mit mehr Sitzplätzen pro Wagen ihre Wirtschaftlichkeit verbessern wollte, setzte die WESTbahn auf höheren Komfort mit Ledersitzen und Gratis- WLAN, in einzelnen Wagen auch mit 2+1-Anordnung und breiteren Sitzen.

Mit den neuen KISS-2-Triebwagen wurde das Angebot ab Ende 2017 verdoppelt: Neben der weiterhin bestehenden Relation Wien Westbahnhof – Salzburg („WESTgreen“) führte die neue Linie „WESTblue“ in Wien durch den Lainzer Tunnel zur Stammstrecke der S-Bahn bis zum neuen Endpunkt Wien-Praterstern. Diese Linie wurde jedoch Ende 2019 im Zusammenhang mit dem Verkauf der Fahrzeuge wieder eingestellt.

Ein Bild des 4110 617 noch im Design der WESTbahn (Wien-Meidling, 15. April 2019). Das österreichische Unternehmen ersetzt seine an die DB verkaufte Flotte durch neue KISS 3


Die WESTbahn bot zwar mit ihren Triebzügen ein komfortables Angebot, unterstützt von günstigen Fahrpreisen, musste sich allerdings mit den ÖBB einen harten Konkurrenzkampf liefern. Gleichzeitig wurde die Staatsbahn ÖBB seitens der Politik mit Zuschüssen unterstützt, was von den WESTbahn-Vorständen heftig kritisiert wurde.

Die wirtschaftlichen Ergebnisse der WESTbahn waren dann auch von erheblichen Verlusten geprägt, bis 2019 sollen über 80 Millionen Euro aufgelaufen sein. Angesichts günstiger Kreditzinsen kam man auf die Idee, den vorhandenen, noch gar nicht so alten Fahrzeugpark zu verkaufen und neue Fahrzeuge zu besseren Konditionen zu beschaffen.

Als möglicher Lieferant bot sich auch CRRC an, weltgrößter Schienenfahrzeughersteller aus China, der großes Interesse hat, in Europa an Aufträge zu gelangen. Letztendlich konnte sich jedoch die Stadler Rail AG durchsetzen, die im Sommer 2019 den Auftrag über 15 neue, sechsteilige KISS-Triebzüge der 3. Generation erhielt. Dabei dürfte auch eine entscheidende Rolle gespielt haben, dass diese Bestellung vom Stadler-Verwaltungsratspräsident Peter Spuhler über seine Austrian Train Finance AG läuft, die wiederum die Züge an die WESTbahn vermieten wird – zu vermutlich sehr günstigen Konditionen. Immerhin konnte damit im Sinne von Stadler (und auch der anderen europäischen Fahrzeughersteller) ein Auftrag an CRRC erst einmal verhindert werden.

DIE KISS – TRIEBWAGENF AMILIE

Grundlage der Produktfamilie KISS von Stadler waren die 2008 durch die Schweizerischen Bundesbahnen zunächst bestellten 50 sechsteiligen Doppelstock-Triebzüge für die S-Bahn Zürich, die noch vor der Ablieferung um 24 vierteilige Einheiten ergänzt wurden. Weitere 19 Sechsteiler kamen ab 2016 hinzu.

Auf der S-Bahn Bern setzt die Bern- Lötschberg-Simplon-Bahn (BLS) insgesamt 31 vierteilige Garnituren ein. Zusätzliche acht Einheiten, darunter auch Sechsteiler, wurden für Ende 2020 bestellt. Weitere Unternehmen mit KISS-Triebzügen sind seit 2013 die luxemburgische CFL im Grenzverkehr Luxemburg – Trier (– Koblenz – Düssel - dorf), die Ostdeutsche Eisenbahn GmbH (ODEG) im Regionalverkehr rund um Berlin sowie seit 2015 die

Westfalenbahn mit 13 sechsteiligen Zügen zwischen Rheine, Bielefeld und Braunschweig. Die 16 vierteiligen ODEG-ET sind zugunsten eines freizügigeren Einsatzes im Oberdeck etwas schmaler gestaltet. Die 2016 vom schwedischen Eisenbahnverkehrsunternehmen

Mälardalstrafik über das Leasing- Unternehmen Transitio bestellten 33 vierteiligen Doppelstockzüge werden seit 2019 ausgeliefert. Mit bis zu 200 km/h kommen sie im Regionalverkehr südwestlich der Hauptstadt Stockholm zum Einsatz. Weitere acht ET hat Transitio für die Strecke Gävle – Uppsala geordert.

Für das russische EVU Aeroexpress wurden 16 vierteilige und neun sechsteilige Breitspurzüge zur Anbindung der Moskauer Flughäfen gebaut. Und seit 2019 werden KISSEinheiten auch für die ungarische

MAV-START geliefert. JHÖ

Seit 2015 setzt die Westfalenbahn 13 sechsteilige KISS ein


MAV-START in Ungarn erhält KISS-Triebwagen


Die KISS der ODEG können auf dem RE-Langlauf Wismar – Cottbus angetroffen werden


KISS für Mälardalstrafik in Schweden


Blick in den Führerstand des 4110 609 auf dem Weg nach Warnemünde Dominic Dupont/DB AG


Nördlich von Berlin durchfährt der vierteilige 4110 117 am 4. April 2020 den kleinen Bahnhof Schönfließ auf dem Weg von Rostock in die Bundeshauptstadt und weiter nach Dresden


Auch beim angekündigten Verkauf der bisherigen WESTbahn-Flotte entstand ein Wettrennen. Neben Konkurrent ÖBB wurden auch Flixtrain Ambitionen nachgesagt, die derzeit an Planungen zur europaweiten Ausweitung ihrer Zugangebote arbeiten. Den Zuschlag erhielt im Juli 2019 jedoch die DB AG, die damit ihre Fernverkehrsflotte kurzfristig ausweiten konnte. Nach dem vorläufigen Ende der zweiten WESTbahn-Linie Salzburg – Wien-Praterstern im Dezember 2019 konnten die vierteiligen Triebwagen aus dem Baujahr 2017 an die DB übergeben werden. Nach Überarbeitung und Neulackierung in den DB-IC-Farben kommen sie seit Anfang März 2020 auf der neuen IC-Linie Warnemünde (seit Mai 2020) – Rostock – Berlin – Dresden zum Einsatz.

Rostock hat mit den DB-KISS nun eine zweistündliche IC-Anbindung an Berlin. Bei Laage strebt 4110 113 am 22. April 2020 Rostock entgegen


Neues Leben als DB-InterCity

Interessanterweise findet die Wartung weiterhin in Wien statt. Dafür wurde das neue IC-Zugpaar IC 95/94 Rostock – Nürnberg – Wien geschaffen, mit dem die Zuführung zur Werkstatt in planmäßigen Zügen erfolgen kann. Die Vierteiler bieten 271 Sitzplätze (2. Klasse) und 31 Plätze in der 1. Klasse, daneben acht Fahrradabstell- und zwei Rollstuhlplätze und einen separaten Familienbereich mit Wickeltisch. Zulasten einzelner Plätze wurden noch weitere Gepäckablagen für größeres Gepäck eingebaut. Jeder Sitzplatz verfügt über eine Steckdose.

Die Höchstgeschwindigkeit bleibt in Deutschland zunächst auf 160 km/h beschränkt, allerdings soll die Zulassung für 200 km/h noch im Laufe des Jahres 2020 erfolgen. Schon im Oktober 2019 beauftragte die DB die Firma Stadler mit der Mo- dernisierung der Züge und mit dem Umbau in sechsteilige Einheiten bis März 2022. Die derzeit noch bei der WESTbahn vorhandenen acht Sechsteiler sollen voraussichtlich bis Ende 2021 übernommen werden, sobald die neuen KISS 3 bei der WESTbahn im Einsatz sind.

Die Wartung der DB-KISS findet weiterhin in Wien statt. Dafür wurde das neue IC-Zugpaar IC 95/94 Rostock – Nürnberg – Wien geschaffen (Wien Hbf, 10. März 2020)


Das Einsatzgebiet der weiteren DB-KISS steht jedoch noch nicht fest, im Gespräch ist die Gäubahn (IC-Linie Stuttgart – Singen – Zürich). Die Zulassung der DB-Züge in Deutschland, in Österreich und der Schweiz spiegelt sich auch in der Fahrzeugbezeichnung wider: So wird bei den Vierteilern weiterhin die ursprünglich österreichische Baureihenbezeichnung 4110 verwendet, der Ländercode „85“ innerhalb der NVR-Nummer (National Vehicle Register) weist die Triebwagen als in der Schweiz registrierte DB-Fahrzeuge aus.


Ab 2022 sollen KISS-Doppelstocktriebwagen auch bei DB Regio in Schleswig-Holstein fahren


Und wie geht es weiter?

Die Baureihenvielfalt bei der DB AG wurde zwar durch den Kauf der WESTbahn-Triebzüge wieder einmal erhöht, dafür konnte DB Fernverkehr relativ kurzfristig ein neues Angebot mit bewährten Fahrzeugen anbieten. Schon in Österreich waren die KISS-Triebwagen aufgrund ihrer Laufruhe und ihres Komforts und der Zusatzausstattungen bei den Fahrgästen beliebt. Der höhere Sitzplatzkomfort zeigt sich zum Beispiel im Vergleich auch daran, dass ein sechsteiliger KISS in etwa so viele Plätze aufweist wie der nur fünfteilige DB-Doppelstock- IC2.

Die neuen IC-Züge werden aber nicht die einzigen KISS-Triebwagen der Deutschen Bahn bleiben: Weitere 18 KISS-Doppelstocktriebzüge sollen für DB Regio ab Dezember 2022 im schleswig-holsteinischen „Elektronetz Ost“ zum Einsatz kommen. Dieses umfasst die Strecken Hamburg – Lübeck, Lübeck – Travemünde Strand und Lübeck – Puttgarden.

DB Regio war im März 2019 vom Land Schleswig-Holstein mit dem Verkehr in diesem Netz für 13 Jahre ab Ende 2022 beauftragt worden. Zwischen Hamburg und Lübeck sind Doppeltraktionen mit insgesamt 810 Sitzplätzen vorgesehen.

Die für die Bahnsteighöhe von 76 Zentimeter optimierten und 160 km/h schnellen Züge verfügen über WLAN, ein Reservierungssystem, Platz für Kinderwagen und bis zu 36 Fahrräder.


Dominic Dupont/DB AG

Oliver Lang/DB AG (2)

Jürgen Hörstel

Jürgen Hörstel (4)

Sven Klein

Christoph Müller/DB AG

Jürgen Hörstel