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Bayerisches Kleinod


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daheim - epaper ⋅ Ausgabe 6/2021 vom 18.10.2021

LANDSCHAFT

Artikelbild für den Artikel "Bayerisches Kleinod" aus der Ausgabe 6/2021 von daheim. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: daheim, Ausgabe 6/2021

Die Fraueninsel ist ein malerisches Fleckchen mit Anlegestellen und der Abtei Frauenwörth

Paul Fröhlich führt seine Schleifmaschine in kreisenden Bewegungen über das Eisen, und die alte Farbe rieselt auf den Boden, fast so, als wolle er die Barbara streicheln und hier und dort auch mal kräftiger massieren. „Sie ist wirklich eine Schönheit“, sagt er, „eine ältere Dame zwar, aber wenn sie durchs Wasser gleitet, dann wirkt sie wie eine junge Sprinterin.“

Die „MS Barbara“ gehört zur Chiemsee-Flotte und wurde 1961 zum ersten Mal zu Wasser gelassen. Jetzt bekommt sie in der Werft in Prien eine Generalüberholung. Der Schiffbauer Paul Fröhlich spendiert ihr sozusagen ein neues Make-up. „Die fährt nochmal 50 Jahre über unseren See. Und die Passagiere werden sich freuen, auf so einem schönen Schiff unterwegs sein zu dürfen“, meint er.

Der Chiemsee: mal stürmisch wild, mal gelassen ruhig

Wenn er aus der Werfthalle heraustritt, muss der 42-Jährige nur den Kopf nach rechts drehen, um das ...

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... Wasser zu sehen. Keine 30 Meter entfernt befindet sich das Ufer. In seiner Pause schaut Fröhlich manchmal einfach nur.

Der Chiemsee sei jeden Tag ein bisschen anders, mal stürmisch wild, zornig sogar, dann wieder so gelassen wie ein kleiner Enten-Tümpel.

Ein paar Schüler des nahen Ludwig-Thoma-Gymnasiums essen auf einem der Anlegestege ihre Brotzeit. Über ihnen kreisen die Möwen und spekulieren darauf, den einen oder anderen Brösel abzubekommen. Der Heimatdichter Ludwig Thoma wuchs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts am Chiemsee auf und gilt als der berühmteste Lausbub in der bayerischen Literatur. Einmal wischte er einem hochnäsigen preußischen Geheimrat eins aus, indem er mit dessen Sohn Arthur „Schiffe versenken“ mit scharfer Munition spielte. Immerhin war das Schiff ein Spielzeug-Modell.

Herrenchiemsee: einst umstritten, heute gefeiert

Helga Schömmer ist Gästeführerin in Prien und lotst Besucher zu den bekanntesten Thoma-Stellen am See, aber auch zu anderen geschichtsträchtigen Flecken abseits der touristischen Routen. Etwa zum geheimen Königsweg. Ludwig II. wurde nämlich vom Örtchen Urfahrn unter strengster Geheimhaltung und Ausschluss der Öffentlichkeit auf kürzestem Weg mit einem Ruderboot zur Baustelle seines Schlosses Herrenchiemsee gebracht.

„Die Ruderstrecke ist nur gut einen Kilometer lang“, erzählt Helga Schömmer, „und im Sommer kommen viele Schwimmvereine, um genau an der Stelle rüberzuschwimmen.“

Also ab zum Märchenschloss auf der Insel Herrenchiemsee, einem damals höchst umstrittenen Projekt, heute aber eine der größten Attraktionen nicht nur des Chiemsees, sondern von ganz Bayern. Was viele nicht wissen:

Eigentlich sollte damals die komplett bewaldete Insel abgeholzt werden, was der König unbedingt verhindern wollte und deshalb das Anwesen kaufte. Und so bettet sich sein Schloss heute geradezu harmonisch in einen uralten Forst ein, den alle Besucher, die mit dem Schiff ankommen, erstmal ein Stück weit durchqueren müssen.

„Der Ludwig hatte einfach einen Sinn für das Schöne“, findet auch die Trachtenschneiderin Gabriele Herrmann aus Bernau am Chiemsee. In ihrer Werkstatt „Heimatwerk” hinter einer Streuobstwiese im Ortskern fertigt sie die Chiemgauer Tracht an, die auf allen Festen und bei besonderen Anlässen am Chiemsee getragen wird. „Eigentlich wollte ich Damenschneiderin werden, aber durch einen Wechsel der Ausbildungsstelle bin ich bei der Tracht gelandet – und komme auch nicht mehr davon weg. Es ist einfach schön, einen Teil zur Tradition, zum Brauchtum und zur Kultur am Chiemsee beizutragen.“

Einer mitunter strengen Kultur übrigens, denn es wird beim Gewand unterschieden, ob die Trägerin verheiratet oder unverheiratet ist. Ledige tragen ein schwarzes Mieder mit Rockhaken, dazu einen gereihten Rock in schwarz, grün oder weinrot mit weißer Bluse und langen Baumwollstrümpfen oder, noch besser, einer Strumpfhose. Verheiratete und ältere alleinstehende Frauen kleiden sich in Röcke aus schwarzer Seide. „Der Rock ist dabei mit Borten und Spitzen verziert und darf nur so lang sein, dass noch ein Masskrug darunter Platz hat“, erklärt Gabriele Herrmann.

Wer sich in ihrer romantisch-alten Werkstatt schließlich die vielen Ketten, Haarnadeln und Hutbänder angeschaut hat und dabei hungrig geworden ist, den schickt die 45-Jährige Richtung See. Also unter der Salzburger Autobahn hindurch, die ja an einer Stelle bis auf wenige Meter ans Ufer reicht. Und dann vor zum Wasser.

Dort führt das junge Paar Dominik und Julia Minholz die über 500 Jahre alte Familientradition der Chiemsee-Fischerei fort und bietet nicht nur frisch geräucherte Renken aus dem See an, sondern im Restaurant auch Renken-Filets mit einer Zitronen-Reduktion und Salzkartoffeln.

Ein noch größerer Genuss ist aber der Blick. Auf das Wasser. Auf die Inseln. Zum gegenüberliegenden Ufer. An klaren Tagen beeindruckt die Sicht auf die hohen Berge des Chiemgaus im Hintergrund. Man muss schon sehr unromantisch veranlagt sein, um angesichts dessen nicht auf den Gedanken zu kommen, dass bei der Erschaffung Bayerns landschaftliche Anmut und die Harmonie der Natur an dieser Stelle anscheinend mit der Gießkanne verteilt wurden. Man kommt leicht in ehrfürchtiges Staunen.

Die Fraueninsel: weit weg von der Hektik des Alltags

In seinem Gedicht „Mond“ schreibt Ludwig Thoma deshalb: „Der See erglänzt von seinen Strahlen,/die spielen glänzend drüber her,/als tanzten Nixen ihren Reigen/auf leichtbewegtem Wellenmeer.“ Und das, obwohl Thoma nicht als Besucher kam, sondern kaum etwas anderes kannte als den Chiemsee.

80 Quadratkilometer ist dieser groß und damit der drittgrößte See Deutschlands. Besucher lernen ihn am besten auf der rund 60 Kilometer langen Radrundfahrt kennen, auf der es so manche kulturelle Überraschung gibt. Etwa in dem beschaulichen Ort Urschalling zwischen Prien und Bernau mit seiner Kirche St. Jakobus. Sie wurde berühmt, als im Jahr 1926 die Mesnerin durch ein Missgeschick ein Wandregal herunterriss. Dahinter kamen alte gotische Fresken zum Vorschein, die unter Kunsthistorikern heute als Sensation gelten.

Noch weiter zurück in die Geschichte geht es in Seebruck im Norden, das bereits im Jahr 50 vor Christus gegründet wurde. Ein sorgfältig restauriertes römisches Kampfgeschütz im dortigen Römermuseum zeugt davon, dass es auch in der Idylle mitunter ganz unidyllisch zugehen konnte.

Davon merkt man auf der Fraueninsel zum Glück nichts. Denn obwohl die Überfahrt mit dem Schiff nur 30 Minuten dauert, scheint man dort eine eigene Welt zu betreten, in der die Hektik des Alltags weit weg ist. Viele Einheimische nennen die etwa 15 Hektar große Insel auch Frauenwörth oder Frauenchiemsee. Gemeint ist aber immer dieser herrliche Fleck Erde mit seinen kleinen Fischerhäuschen, in denen köstliche Fischbrötchen angeboten werden, und den man am besten zu Fuß erkundet. Seit dem Jahr 766 gibt es auf der Fraueninsel ein Kloster und einen Friedhof. Nicht nur viele hochgestellte Persönlichkeiten aus dem Chiemgau fanden dort ihre letzte Ruhe, sondern auch Bildhauer, Maler, Musiker, Dichter – also all jene, die sich von diesem See über die Jahrhunderte hinweg inspirieren ließen. Welch eine Ehre!

„Ja, diese Arbeit ist auch für mich eine Ehre“, sagt Schiffbauer Paul Fröhlich, der die „MS Barbara“ vom Rost der letzten Jahrzehnte befreit. Wenn sie fertig ist, wird er ihr an vielen Tagen nachschauen, wie sie in Prien ablegt, eine Wendeschleife dreht und Touristen über den Chiemsee trägt. Über jenen See, von dem Trachtenschneiderin Gabriele Herrmann sagt, dass er das Schönste ist, was es auf der ganzen Welt gibt.

TIPPS FÜR DIE REGION

SCHAUFELRADDA MPFER

Auf dem 1926 gebauten Schiff hört man das Flap-Flap-Geräusch, das entsteht, wenn die großen seitlichen Schaufelräder das Wasser nach hinten drücken. Inzwischen werden sie von zwei Dieselgeneratoren angetrieben und nicht mehr von Wasserdampf. Besonders stimmungsvoll sind die abendlichen Rundfahrten mit Musik. www.chiemsee-schifffahrt.de

SCHLAFEN AUF DER FRAUENINSEL

Die Pension Holzmayer ist ein gemütliches Haus mit nur fünf Gästezimmern (DZ ab 80 €).

Früher stiegen dort viele Künstler ab – sie haben ihre Spuren hinterlassen. Im Klosterladen findet man schöne Handwerkskunst aus der Gegend, aber auch aus anderen Klöstern. Unbedingt essen sollte man im Fischerdorf ein Fischbrötchen, also eine über Buchenholz geräucherte Renke in einer Semmel. www.haus-sommerfrischefraueninsel.de

REGIONALE KÜCHE

Eine Dorfwirtschaft, wie man sie aus den Ludwig-Thoma-Filmen kennt, ist das „Weißbräu“ in Bachham. Mit einem Wirt, der jeden persönlich begrüßt und ein einfaches, günstiges Essen serviert, das genau in diese Gegend passt. Zum Beispiel Rehbraten mit Spätzle für 14 Euro oder einen Leberkäs mit Ei und Salat für 6,80 Euro. www.weissbraeu-bachham.de

HEIMATMUSEUM

Das Heimatmuseum in Prien wurde bereits 1913 gegründet. Zu sehen gibt es dort Originaleinrichtungen von Bauer-und Handwerkerhäusern, aber auch die typischen Chiemsee-Einbäume, geformt aus einem Eichenstamm, mit denen die Fischer schon vor mehr als 2000 Jahren über den See fuhren. www.tourismus.prien.de/erlebnisse/ heimatmuseum-prien

TIROLER ACHE

Im Binnendelta des Flüsschens Tiroler Ache, das den Chiemsee speist, leben 300 der 350 Vogelarten, die in Bayern vorkommen. Zu ihnen gehören auch die Flussseeschwalbe, der Flussuferläufer und der Wachtelkönig. Es gibt eine Aussichtsplattform, die man vom Parkplatz am Strandbad Übersee in 40 Minuten erreicht. www.traunstein.bund-naturschutz.de

SEENPLATTE

Wer ein bisschen Abstand vom Chiemsee sucht, aber trotzdem am Wasser sein möchte: Die Eggstätt-Hemhofer Seenplatte ist ein echter Geheimtipp. Das Biotop entstand am Ende der letzten Eiszeit, als sich die Gletscher zurückzogen. Heute bieten die 17 Seen tolle Wander-und Radwege. Beeindruckend sind zudem die Bohlenwege über die Moore. www.chiemsee-alpenland.de

BERNAUER VOLKSBÜHNE

Auf der Bernauer Volksbühne im Gasthaus Kampenwand wird mehrmals im Monat ein Heimatstück gespielt. Auswärtige können den Dialekt nicht immer verstehen, das ist aber auch gar nicht nötig. Denn die Geschichten leben ohnehin von der Situationskomik rund um die komplizierten Liebschaften unter den Bauernfamilien. www.bernauer-volksbuehne.de

KONTAKT: Chiemsee-Alpenland Tourismus, Felden 10, 83233 Bernau am Chiemsee; Tel. 0 80 51/96 55 50 www.chiemsee-alpenland.de