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Beate Uhse


Erfolg Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 2/2018 vom 29.03.2018

Vom Mut, gegen den Strom zu schwimmen


Vielleicht können Sie – so wie ich und viele andere Menschen auch – nichts mit Beate Uhse und ihren Produkten anfangen, doch ich bin sicher, Sie werden diese Frau bewundern, wenn Sie erfahren, wie sie aus dem Nichts heraus den größten Erotikkonzern der Welt aufbaute.

Als Pilotin allein in einer Männerwelt
Beate Uhse war schon immer ehrgeizig. Mit 15 Jahren wurde sie hessische Meisterin im Speerwerfen. Mit 16 Jahren ging sie von der Schule ab, weil sie Fliegerin werden wollte. Für ein Mädchen in der damaligen Zeit war das sicherlich ein sehr ungewöhnlicher Wunsch. Mit ...

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Bildquelle: Erfolg Magazin, Ausgabe 2/2018

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Als Pilotin allein in einer Männerwelt
Beate Uhse war schon immer ehrgeizig. Mit 15 Jahren wurde sie hessische Meisterin im Speerwerfen. Mit 16 Jahren ging sie von der Schule ab, weil sie Fliegerin werden wollte. Für ein Mädchen in der damaligen Zeit war das sicherlich ein sehr ungewöhnlicher Wunsch. Mit 17 Jahren saß sie das erste Mal als Flugschülerin in einer Maschine. In ihrer Klasse waren 59 Männer, sie war die einzige Frau. „Nach 213 Starts und Landungen, den Zielanflügen, dem Höhenflug und dem 300-Kilometer-Überlandflug hatte ich im Oktober 1937 den A2-Schein. Er lag an meinem 18. Geburtstag als Einschreibebrief daheim in Wargenau auf dem Tisch.“

Im August 1938 legte sie die Kunstflugprüfung ab, schon einen Monat vorher wurde sie beim 1. Zuverlässigkeitsflug für Sportfliegerinnen Zweite. Drei Wochen später wurde sie beim Luftrennen in Belgien in ihrer Klasse Erste und in der Gesamtwertung Zweite. Als sie eine Praktikantenstelle bei den Bücker-Flugzeugwerken bekam, war ihr Vater „richtig entsetzt“: „Seine Tochter unter 2000 Arbeitern und Monteuren. Außer mir kein weibliches Wesen in den Produktionshallen. Das fand er gar nicht gut.“
Die Filmfirma UFA fragte bei den Flugzeugwerken wegen Piloten als Doubles an, die Stunts fliegen sollten. Eines Tages durfte sie ihr Idol doubeln, den berühmten Schauspieler Hans Albers in einem seiner Hoppla-jetzt-komm-ich-Filme. Am Ende des Krieges überführte sie Flugzeuge für die Luftwaffe. Beim Einmarsch der Roten Armee konnte sie am 22. April als letzte Frau aus Berlin fliegen. „Morgens um 5 Uhr 55 versuchten wir unser Glück. Die Maschine war total überladen.“ Ihr Flugzeug wurde beschossen, aber zum Glück nur an der Verkleidung des Fahrwerks getroffen. „Wir gewannen nur langsam Höhe, quälend langsam. Aber wir schafften es, wir entkamen aus dem eingekesselten Berlin. Wir waren die Letzten, die es noch mit einem Flugzeug schafften.“
Nach dem Krieg geriet sie in Kriegsgefangenschaft, zusammen mit ihrem Sohn, den sie 1943 im Alter von 24 Jahren bekommen hatte. Ihr Mann war kurz nach der Geburt bei einem Flugzeugunglück gestorben. Sie selbst wurde bei einem Unfall in der Kriegsgefangenschaft schwer verwundet. „Keine Arbeit, kein Geld, keine Eltern, keinen Mann, keine Heimat mehr – und jetzt vielleicht für immer ein Krüppel. Den Krieg überlebt, nach drei Tagen Frieden nun dies. Meine private Bilanz: eine Katastrophe.“ Wie, so fragte sie sich, sollte sie bloß ihr Kind durchbringen?


»Ich existierte von der Hand in den Mund«


Die Schrift X
Kurz nacheinander kamen drei Freundinnen zu ihr, die alle kurz nach Kriegsende – ihre Männer waren zurückgekehrt – schwanger geworden waren. In den schwierigen Monaten nach dem Krieg, wo jeder ums Überleben kämpfte, wollten die meisten Paare kein Kind. Sie wollten wissen, wie sie sich besser schützen konnten. Kondome gab es damals keine und die Pille war noch lange nicht erfunden.
Beate Uhse setzte sich an die Schreibmaschine und entwarf eine Broschüre, die sie die Schrift X nannte, weil ihr kein anderer Name einfiel. Sie beschrieb darin die Verhütungsmethode von Knaus-Ogino, die Lehre von den empfängnisfreien Tagen der Frau. Gegen fünf Pfund Butter (Geld war damals nichts wert) erklärte sich ein Drucker bereit, 2000 Stück davon und 10.000 Postwurfsendungen zu drucken. Die Sache funktionierte. Es gab genügend Bestellungen – nach der Währungsreform kostete die Broschüre 1 Mark. Im Jahr 1947 verkaufte sie schon 37.000 Exemplare ihrer Schrift. „Schriftlich fragten immer mehr Kunden an, ob ich ihnen nicht auch Artikel besorgen könne, die es vor dem Krieg einmal gegeben hatte, also Kondome und Aufklärungsbücher wie van de Veldes Die vollkommene Ehe oder Liebe ohne Furcht … Wie die Jungfrau zum Kinde war ich zu meinem Gewerbe gekommen.“
Sie nahm denn auch Aufklärungsbücher und Kondome in das Sortiment ihrer neu gegründeten Firma auf. „Ich existierte von der Hand in den Mund. Immer dann, wenn ein bisschen Geld in der Kasse war, ließ ich neues Werbematerial drucken, schrieb aus Telefonbüchern, die ich besorgte, Adressen ab und verschickte meine Werbebriefe. Bei Großhändlern bestellte ich, was die Kunden bei mir anforderten.“ Ihr neuer Partner half kräftig mit: „Er erzählte mir von der schrecklichen Zeit seiner russischen Gefangenschaft. Um nicht verrückt zu werden, hatte er all seine Gedanken auf ein einziges Thema konzentriert: In seinem Kopf hatte er ein Versandgeschäft gegründet und geführt.“ Zwar hatte er keinen Erotikversand geplant, sondern einen für Haarwasser, aber die Pläne kamen jetzt der neuen Firma zugute.

Dr. Dr. Rainer Zitelmann
ist ein erfolgreicher Immobilieninvestor und mehrfacher Buchautor.

Beate Uhse 1938 als frischgebackene Kunstflug-Pilotin und 2009 vor ihrem Jet.


Der Beitrag ist eine – leicht aktualisierte – Fassung aus dem Buch „Setze dir größere Ziele!“ von Dr. Dr. Rainer Zitelmann. Das Buch ist inzwischen in neun Sprachen erschienen.


Der Professor und die Broschüre mit „schweinischem Inhalt“
Damals war alles, was mit Sexualität zu tun hatte, freilich noch hochgradig tabuisiert. Sie hatte schon bald ihre erste Vorladung bei der Polizei: „Sie haben am 25. Mai dem Professor Sowieso unaufgefordert eine Broschüre mit schweinischem Inhalt zugeschickt. Warum?“ Eines Tages standen drei Polizisten vor ihrer Tür und notierten die Adressen von 72 Kunden, die Kondome bestellt hatten. Prompt erfolgte die Anklage. Die Begründung: Die 72 Kondome seien möglicherweise an Unverheiratete verschickt worden. Und da Geschlechtsverkehr zwischen unverheirateten Paaren damals nach dem Gesetz als „unzüchtig“ galt, wurde die Lieferung von Kondomen an Unverheiratete als Beihilfe zur Unzucht bewertet. Zum Glück konnte sie beweisen, dass alle 72 Kondomkäufer verheiratet waren.

Die Staatsanwaltschaft überzog sie mit immer neuen Prozessen. Der Vorwurf: Das Sexualgefühl werde „künstlich überreizt“. Ein Staatsanwalt, der sie besonders ins Visier genommen hatte, erklärte: „Es ist eine für die Reklamepsychologie bekannte Erscheinung, dass man Bedürfnisse, also die Empfindung eines Mangels, erzeugen kann. Der Durchschnittsamerikaner ist überzeugt davon, dass er ohne Kaugummi nicht leistungsfähig ist. Die Mode ist eine Auswirkung derselben Erscheinung. Darin besteht die größte Gefahr des erotischen Schrifttums: Das Gefühlsleben wird verzerrt und die Wertmaßstäbe verschieben sich.“ Damals war eine andere Zeit. Beate Uhse bekam Tausende Briefe, mit denen sich die Menschen an sie als Ratgeberin in Sachen Sex wandten. Darunter waren Fragen wie beispielsweise: „Ich möchte, dass meine Frau mal oben liegt, sie weigert sich aber, weil sie glaubt, das wäre unnatürlich. Stimmt das?“ Beate Uhse hatte offenbar mit ihrer Geschäftsidee ins Schwarze getroffen. 1953 hatte die Firma schon 14 Mitarbeiter und der Umsatz belief sich auf 365.000 Mark. Im folgenden Jahr stieg er bereits auf über eine halbe Million und 1955 auf 822.000 Mark. 1956 überstieg er erstmals die Millionengrenze – sie setzte 1,3 Millionen Mark um. Ein Jahr später waren es bereits 2 Millionen Mark und wieder ein Jahr später stieg der Umsatz sogar um fast 64 Prozent. Jetzt hatte sie bereits mehr als 600.000 Kunden und 59 Mitarbeiter.


»Lockendes Lächeln« war strafbar als »Aufforderung zur Unzucht«


Der Staatsanwalt beanstandet das „lockende Lächeln“
Der Staatsanwalt ließ jedoch nicht locker. Beate Uhse hatte auch Aktfotos in ihr Sortiment aufgenommen – aus heutiger Sicht ganz harmlose Aufnahmen. Minutiös nahm der Staatsanwalt die Fotos unter die Lupe und untersuchte, ob die Nackte vielleicht jenen Appeal hatte, den er als „lockendes Lächeln“ entlarvte. Lockendes Lächeln war – im Unterschied zu einem eher ausdruckslosen Gesicht – strafbar, weil es den Tatbestand der „Aufforderung zur Unzucht“ erfüllte. Diesmal hatte Beate Uhse jedoch Glück, denn der Richter befand, nachdem auch er die Fotos in Augenschein genommen hatte: „Beim besten Willen kann ich im Gesichtsausdruck der Damen keine Unterschiede erkennen, tut mir leid, Herr Staatsanwalt.“
Auch die katholische Kirche wetterte gegen Beate Uhse. Die Diözese Köln legte Formulare aus, mit denen die Kirchgänger Strafanzeige gegen sie wegen unverlangter Zusendung von unzüchtigem Material erstatten konnten. Ein Kläger führte vor Gericht aus: „Als ich nach Hause kam, lag im Flur ein Brief. Und als ich den angefasst habe, fühlte ich schon das Böse.“ Wie sich das denn anfühle, wollte der Richter wissen. „Ja, also, das spürt man eben … Als ich den Brief öffnete, sah ich schon den Schmutz. Ich warf alles sofort in den Abfall.“ Der Richter argumentierte jedoch, wenn der Kläger nicht einmal in der Broschüre geblättert habe, könne er sich auch nicht durch den Inhalt beleidigt fühlen. Beate Uhse wurde in allen 82 Fällen freigesprochen.

Der Gang an die Börse
1962 eröffnete Beate Uhse dann in Flensburg ihr „Fachgeschäft für Ehehygiene“, den ersten Erotikshop der Welt. Da sie befürchtete, empörte Bürger könnten dagegen randalieren, eröffnete sie ihn kurz vor Weihnachten – da seien die Menschen friedlicher. In den folgenden Jahren machte sie Abermillionen Umsätze und expandierte in viele Länder der Welt. Im Mai 1999 ging ihr Unternehmen an die Börse. Der Ansturm der Anleger war so gewaltig, dass die federführende Commerzbank die Zeichnungsfrist um vier Tage verkürzen musste. Dennoch war die Aktie 63-fach überzeichnet und erreichte am ersten Tag ein Plus von 80 Prozent. Doch in den folgenden Jahren merkte man zwei Dinge: Nach dem Tod von Beate Uhse im Jahr 2001 fehlte ihr unternehmerisches Genie. Und die Konkurrenz durch das Internet stelle das Geschäftsmodell infrage. Das Unternehmen geriet in massive Schwierigkeiten und musste Ende 2017 Insolvenz anmelden.
In der ZEIT hieß es: „In den letzten Jahren litt der 1946 gegründete Konzern wie viele andere Firmen in der Erotikbranche vor allem unter der Konkurrenz aus dem Netz. Seit Jahren sind die Umsätze rückläufig. Versuche, die Läden und Shops für eine jüngere und weiblichere Zielgruppe attraktiver zu machen, brachten nicht die erhofften Zuwächse. Und so musste der Erotikhändler immer mehr Filialen schließen – bundesweit gibt es nur noch 43 Läden. Auch ein verstärkter Ausbau des Onlineangebots konnte den Rückgang nicht kompensieren.“


Bilder: Beate Uhse AG

Bilder: Beate Uhse AG