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Bedrohte Freiheit


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G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 17.06.2022

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Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 7/2022

Estland Die orthodoxe Alexander Newski Kathedrale von Tallinn

N ATOverstärkt Truppen im Baltikum, Litauen fordert Waffenlieferung« – »Lettische Nationalgarde vergrößert« – »Großbritannien stockt NATO-Truppen in Estland auf«. Solche Schlagzeilen begleiten den russischen Überfall auf die Ukraine. Sie belegen, wie sehr die drei baltischen Republiken um ihre Unabhängigkeit fürchten. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein übermächtiger Nachbar das Selbstbestimmungsrecht von Esten, Letten und Litauern mit Panzern überrollt.

Die drei Nationen im Osten Europas haben zunächst nur eines gemein – sie sind Anrainer der Ostsee, des Mare Balticum. In der ethnischen Zusammensetzung wie in der historischen Erfahrung sind sie höchst unterschiedlich und würden einander, wenn sie in den Nationalsprachen kommunizierten, nur schwer oder gar nicht verstehen. Die Esten sind ein Volk der finno-ugrischen Sprachfamilie der Uralier. Mit den Finnen am anderen Ufer des ...

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... Meerbusens gibt es kaum Sprachprobleme, wohl aber mit Letten und Litauern. Diese Balten gehören zur indoeuropäischen Sprachfamilie. Stämme bleiben das grundlegende Organisationsprinzip für die Gemeinschaften von Fischern und Bauern an der Ostseeküste, die bescheidenen Handel übers Meer und ins Landesinnere treiben.

Mission mit dem Schwert und ein polnisch-litauisches Großreich

Im Hochmittelalter verbindet eine weitere Gemeinsamkeit die drei Völkerschaften: Sie sind die letzten Bastionen des »Heidentums« in Europa. In einer Epoche, in der Kreuzfahrer Glaubenskriege im Heiligen Land führen, kann aber ein solcher Anachronismus im Abendland nicht mehr geduldet werden. Erste Bekehrungsversuche deutscher und dänischer Missionare sind wenig erfolgreich. Systematischer geht um 1200 der zum Bischof des neugegründeten Bistums Riga berufene Albert von Buxhofen vor: Er setzt auf das Waffenargument des für eben diesen Zweck gegründeten Schwertbrüder-Ordens. Bischof und Ordensrittern gelingt es in kurzer Zeit, große Teile Estlands und Lettlands zu »bekehren«. Die besiegten Stämme bleiben Bauern und Fischer, jetzt abhängig von fremden Grundherren, die aus dem Reich, aber auch aus Schweden und Dänemark zuwandern.

Der Überlegung, dass man für einen »Heiligen Krieg« nicht unbedingt ins ferne Palästina ziehen müsse, folgt auch der Deutsche Orden. Ihm wird 1226 von Kaiser Friedrich II. die Herrschaft über alles »Heidenland« jenseits der Weichsel zugestanden, das der Orden erobern und bekehren würde. Das Gebiet der baltischen Pruzzen wird relativ zügig überrannt; an den Litauern, die in schlagkräftigen Fürstentümern organisiert sind, beißen sich die Ordensritter allerdings die Zähne aus. Litauen bleibt heidnisch und zieht die Konsequenz, sich zu einem engeren Großfürstentum zusammenzuschließen.

Auch die »bewaffneten Wallfahrten« von Bischof und Schwertbrüdern weiter nördlich sind an der natürlichen Grenze von Peipus-See und Newa ins Stocken geraten. Der kleine Ritterorden ist überfordert und schließt sich 1237 dem Deutschen Orden an. Der wird so zum Herren eines Territoriums, das von der Marienburg im heutigen Polen bis Tallinn reicht. Zur Kontrolle, aber auch zur Entwicklung des Ordensstaates werben die Ritter deutsche Zuwanderer an, welche als Grundbesitzer, Kaufleute und Handwerker die Gesellschaft dominieren. Der einheimischen Bevölkerung bleiben weitgehend nur die Rolle abhängiger Bauern oder dienende Funktionen. Das Aufblühen der Städte wie Riga oder Tallinn (damals Reval), die in den Hansebund aufgenommen werden, kommt Deutschen wie Einheimischen zugute.

In Vilnius, der Hauptstadt Litauens, das sich bis in die Ukraine ausgedehnt hat, überlegt sich der seit 1377 regierende Großfürst Wladyslaw Jagiello, den heidnischen Widerstand aufzugeben und Teil des christlichen Abendlands zu werden. Als Prämie lockt die Hand der polnischen Thronerbin Hedwig. Mit Wladyslaws Taufe, Eheschließung und Krönung 1386 entsteht das Polnisch-Litauische Großreich, das von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reicht und zum wichtigen Spieler auf dem osteuropäischen Schachbrett der Macht wird.

Umkämpfter Spielball der Ostseemächte, bis die Stunde der Zaren schlägt

Der erste Zug der Jagiellonen richtet sich gegen den Ordensstaat, dessen Heer 1410 bei Tannenberg eine vernichtende Niederlage erleidet. Nach weiteren Kämpfen sieht sich der Ordensstaat auf Ostpreußen reduziert; seine lettischen und estnischen Gebiete werden Schauplatz und Spielball des Kampfes um die Ostsee-Herrschaft, der vom 16. bis ins 18. Jahrhundert geführt wird.

Dänen, Schweden, Russen und Polen-Litauer sind die Gegenspieler in einem Ringen, das ab 1700 im Duell zwischen Peter dem Großen und König Karl XII. von Schweden kumuliert.

Nach vielen Rückschlägen triumphiert der Zar: Russland gewinnt nicht nur den ersehnten Zugang zur Ostsee, sondern auch die baltischen Provinzen Estland und Lettland. Dort finden die Zaren ein buntes Völkergemisch von Einheimischen, Deutschen, Schweden und dänischen Siedlern vor, die hauptsächlich über den protestantischen Glauben verbunden sind – für das orthodoxe Russland eine neue Erfahrung und Herausforderung zu einer Politik relativer kultureller Eigenständigkeit. Die Mehrzahl der Litauer hingegen ist, wie die polnischen Bundesgenossen, katholisch. Hinzu kommt eine orthodoxe Minderheit.

Die Polnische Adelsrepublik mit ihrem Wahlkönigtum ist allerdings immer weniger imstande, sich gegen die aggressiven Nachbarmächte zu behaupten. Bei der Aufteilung Polens von 1772 bis 1795 fällt Litauen Stück für Stück an Russland; die baltischen Nationen werden unter dem Zarenszepter erstmals in einer Herrschaft vereint.

Die Einbindung in ein Großreich hat wirtschaftlich durchaus Vorteile. Die neuen Möglichkeiten und relative Freiheit ziehen denn auch viele Russen ins Baltikum. Die Amtssprache Russisch verdrängt zunehmend das Deutsche als Medium der gebildeten Kreise. Gleichzeitig wenden sich Sprachwissenschaftler wie national gesonnene Politiker der Aufzeichnung und Förderung der estnischen und baltischen Sprachen zu. Alte Epen und Überlieferungen werden schriftlich festgehalten; in ihrem traditionellen Liedgut finden Esten, Litauer und Letten ein einigendes Band, das die Eigenständigkeit ihres Volkstums unterstreicht. Die seit 1869 stattfindenden Liederfeste werden so auch zu Manifestationen nationaler Hoffnungen.

Kleine Chronik des Baltikums

1201

Gründung des Bistums Riga

1237

Deutscher Orden übernimmt Estland und Lettland

1386

Verbindung Litauens mit Polen in Personalunion

1569

Polen und Litauen werden ein Staat

1700 — 1721

Nordischer Krieg, Estland und Lettland russisch

1772/1795

Litauen fällt an Russland

1920

Estland, Lettland und Litauen unabhängig

1939

Hitler-Stalin-Pakt überlässt Baltikum der UdSSR

1945

Estland, Lettland und Litauen Sowjetrepubliken

1989

»Singende Revolution«

2004

Beitritt Estlands, Lettlands und Litauens zu NATO und EU

Die Loyalität der Deutsch-Balten zum Zarenreich hingegen wird mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor eine harte Belastung gestellt. Deutsche Truppen besetzen Litauen, während Russland das nördliche Baltikum bis zum Zusammenbruch seiner Front behaupten kann. Der folgende deutsche Vormarsch bis zur Newa bleibt Episode. 1918/19 sehen sich die baltischen Politiker in der interessanten Situation, dass beide um sie streitenden Großmächte Kriegsverlierer sind. So wagen es die drei Nationen, ihre Unabhängigkeit zu proklamieren, unterstützt von den West-Alliierten.

Der blutige Weg in die Unabhängigkeit und ein perfider Pakt der Diktatoren

Nicht dass die Unabhängigkeit kampflos zu erringen wäre. Die jetzt in Moskau regierenden Bolschewisten lassen von ihren Gefolgsleuten in Tallinn, Riga und Kaunas »Sozialistische Sowjetrepubliken« proklamieren, während die Deutschen aus der Konkursmasse des Kaiserreichs Freikorps rekrutieren. Das Ergebnis sind blutige Freiheitskriege in allen drei Staaten, ehe 1920 die Unabhängigkeit der baltischen Republiken gesichert ist. Als Staatsform wird die parlamentarische Demokratie gewählt.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten profitieren die Ostsee-Republiken vom Wirtschaftsaufschwung der Nachkriegszeit, werden allerdings von der weltweiten Krise ab 1929 schwer getroffen. Dem Trend der Zeit gemäß werden auch hier die Rufe nach einem »starken Mann« und der Einführung einer autokratischen Präsidialverfassung lauter. Mit schlechtem Beispiel geht Litauen voran, wo Antanas Smetonia seine 1926 herbeigeputschte Macht 1929 durch eine Verfassungsänderung bestätigt. Bis 1934 sichern sich Konstantin Päts in Estland und Karlis Ulmanis in Lettland eine ähnliche undemokratische Machtfülle.

Die wahre Gefahr für die Menschen in den Republiken geht aber von Berlin und Moskau aus. Dort unterzeichnen am 23. August 1939 der deutsche Außenminister Ribbentrop und sein sowjetischer Kollege Molotow einen gegenseitigen Nichtangriffspakt. In einem geheimen Zusatzprotokoll teilen die beiden Diktaturen Osteuropa unter sich auf: Estland und Lettland fallen in die sowjetische Einflusssphäre, Litauen zunächst in die deutsche. Auch dieses Land wird dann der Roten Armee überlassen, während die Wehrmacht Polen überrennt.

Der Hitler-Stalin-Pakt leitet die größten demografischen Verwerfungen der baltischen Geschichte ein. Die Sowjets beginnen unverzüglich mit der Verfolgung, Deportation und Exekution bürgerlicher Kreise. Gleichzeitig wird die Umsiedelung Zehntausender von Deutsch-Balten vorbereitet. An ihrer Stelle werden Russen ins Baltikum verfrachtet.

Als im Juni 1941 die Wehrmacht die Sowjetunion angreift, werden die baltischen Sowjetrepubliken rasch überrannt, und eine neue Art von Terror beginnt. Neben Kommunisten und Russen sind jetzt vor allem Juden die Opfer. Der größte Teil der estnischen Juden kann, dank der Unterstützung der Bevölkerung, entkommen. In Lettland und vor allem in Litauen finden die SS-Schergen dagegen willige Helfer; dort wird faktisch die gesamte jüdische Bevölkerung dem sicheren Tod ausgeliefert.

Der lange Schatten des Krieges und die Lieder der Freiheit

Mutige, nationalgesinnte Männer und Frauen wagen es in allen drei Ländern Partisanen-Verbände aufzubauen. Ihr Kampf geht weiter, nachdem die Rote Armee die Deutschen ab 1944 aus dem Baltikum verdrängt. Jetzt hat Stalin freie Bahn, die »Sozialistischen Sowjet-Republiken« in sein Unterdrückungssystem hineinzuzwingen. Dazu gehören weitere Zwangsumsiedelungen, welche die Russifizierung der baltischen Nationen vorantreiben sollen. Die Pflege der eigenen Kultur wird dagegen massiv behindert und verfolgt. Auch die große Liedtradition der Balten wird unterdrückt; doch als sich mit der »Perestroika« der Druck lockert, bricht sie sich als Massenbewegung unwiderstehlich Bahn. Höhepunkt der »Singenden Revolution« wird die Menschenkette vom 23. August 1989: Zwei Millionen Menschen fassen sich von Vilnius über Riga bis Tallinn an den Händen und verkünden singend ihren Anspruch auf Unabhängigkeit.

Freie Wahlen und Volksabstimmungen bestätigen 1990 diesen Anspruch. Putschversuche moskautreuer Kräfte in Litauen und Lettland scheitern, und im September 1991 akzeptiert schließlich auch Russland die Unabhängigkeit der Baltischen Republiken. Bittere historische Erfahrung sowie der Umstand eines hohen russischen Bevölkerungsanteils – in Estland über 30 Prozent – lassen die drei freien Republiken umgehend nach einem Schutzschirm suchen. 2004 treten sie sowohl der EU wie der NATO bei, unter massivem Protest Putins. Sein offizieller Klagepunkt ist die angebliche Zusage des Westens von 1990, die NATO nicht nach Osten zu erweitern.

Tatsächlich schiebt dieser Schritt einen Riegel vor Putins Pläne, Russland bis an die Grenzen der alten Sowjetunion auszudehnen. Der russische Präsident hat inzwischen bewiesen, dass er diesen Traum mit Waffengewalt durchzusetzen bereit ist. Seither stehen die drei Republiken in höchster Alarmbereitschaft.

LESETIPP

Norbert Angermann, Karsten Brüggemann: »Geschichte der baltischen Länder«.

Reclam 2021, € 12,80