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Bei Anruf Betrug


plus Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 11/2020 vom 07.10.2020

Ihre Maschensind bekannt und doch sind Trickbetrüger erfolgreicher denn je. Als angeblicher Enkel woder Polizist bringen sie ihre Opfer um Tausende Euro. Zwei Betroffene erzählen, wie sie auf die Täter hereinfielen


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Bildquelle: plus Magazin, Ausgabe 11/2020

Betrüger nutzen die Gutgläubigkeit aus und greifen ihren Opfern tief in die Tasche


Guten Tag, hier ist Dr. Nicolas Möller vom Amtsgericht Stuttgart. Ich rufe Sie wegen des Verfahrens an, das derzeit gegen Sie läuft.“ Wilhelm Lange*, der den Anruf entgegennimmt, ist überrascht. Er wisse nichts von einem solchen Verfahren, erwidert der 81-Jährige. Möller geht auf diesen Einwand nicht ein. Das ...

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... Gericht, fährt er fort, sei bereit, das Verfahren gegen eine Zahlung von 5.000 Euro einzustellen - vorausgesetzt, die Zahlung erfolge binnen der nächsten 48 Stunden.

Wilhelm Lange ist schockiert und fragt nicht weiter nach. Er notiert noch die Telefonnummer eines Rechtsanwalts, den der Beamte vom Amtsgericht empfiehlt. „Ich war wie vor den Kopf gestoßen“, sagt Lange später. Dieses Telefonat findet im Juni 2019 statt und steht am Anfang eines Trickbetrugs, dem der pensionierte Lehrer aus Düsseldorf zum Opfer fällt. Die Nummer, die auf dem Display zu sehen war, ist fingiert. Das Verfahren gibt es nicht, ebenso wenig wie einen Dr. Nicolas Möller. Aber all das weiß Wilhelm Lange nicht. Er glaubt dem Anrufer. Und weil er keinen Ärger mit dem Gericht will, ruft er den empfohlenen Anwalt an und überweist die 5.000 Euro. „Ich wollte die Sache einfach so schnell wie möglich aus der Welt schaffen“, erzählt er.

Die Täter aber, zu denen auch der angebliche Rechtsanwalt gehört, lassen ihr Opfer noch nicht vom Haken. Schon am nächsten Tag meldet sich der falsche Anwalt bei Wilhelm Lange, bestätigt den Eingang der Zahlung und hat zudem gute Nachrichten. Es sei ein unglaublicher Zufall, aber bei der Durchsicht der Unterlagen sei er auf einen Lottogewinn gestoßen, der Wilhelm Lange zustehe. „Es ist der Hauptgewinn“, trompetet der Betrüger ins Telefon. „475.000 Euro.“

Viele Opfer schämen sich

Jetzt müssten nur noch die Notar-Gebühr und der Kurier be- zahlt werden. „Dann können Sie den Gewinn entgegennehmen.“ 14.500 Euro soll Wilhelm Lange überweisen. Er bespricht die Situation mit seiner Frau. Es folgen weitere Telefonate mit dem Anwalt, der das Paar unter Druck setzt. Es gebe eine Frist, sie müssten jetzt zahlen oder auf den Gewinn verzichten. „Wir hatten Zweifel, aber dann gedacht: Es könnte doch möglich sein, dass auch wir mal Glück haben“, erinnert sich Marianne Lange*. Das Paar entschließt sich zur Überweisung.

Erst als die Täter noch mehr Geld wollen, weil es angeblich Probleme mit dem Kurier gibt, erkennen sie, dass sie betrogen wurden. Sie gehen zur Polizei. Aber das Geld, insgesamt 19.500 Euro, ist weg.

„Es ist mir peinlich, wie leichtgläubig ich war“, gibt Wilhelm Lange zu. Dass er dennoch Anzeige erstattet hat, ist nicht selbstverständlich. „Viele Betroffene schämen sich“, weiß Arno Helfrich, Leiter des Kommissariats Prävention und Opferschutz der Polizei München. „Sie geben sich selbst die Schuld an dem Betrug und gehen deshalb nicht zur Polizei.“ (s. Interview)

100 Millionen Euro Schaden

Der finanzielle Schaden, den Trickbetrüger in Deutschland anrichten, wird auf 100 Millionen Euro im Jahr geschätzt - mit steigender Tendenz. Nicht immer, aber sehr oft, sind die Opfer ältere Menschen. „Die Betrüger nutzen aus, dass Senioren besonders höflich und hilfsbereit sind“, sagt Helfrich.

Enkeltrick, vorgetäuschter Gewinn, falsche Amtsträger - es gibt unzählige Methoden, mit denen es den Trickbetrügern gelingt, ihre Opfer zu täuschen (s. Texte in den Kreisen).

„Die Geschichten der Täter mögen abstrus erscheinen, aber dahinter stecken sehr clevere Täuschungs-Choreografien“, erklärt der Soziologe Christian Thiel von der Universität Augsburg, der zum Thema Trickbetrug forscht. Dass ein Betrug überhaupt funktioniert, hängt seiner Meinung nach auch mit e twas zusammen, das er „Vertrautheit“ nennt. Gemeint ist damit, dass wir alle grundsätzlich davon ausgehen, dass uns unser Gegenüber die Wahrheit sagt.

Diese Vertrautheit nutzen die Betrüger aus, wenn sie als Notar oder Polizist anrufen. Sie spielen ihre Rollen perfekt und sie sind Profis darin, Lügennetze auszuwerfen und ihre Opfer immer tiefer darin zu verstricken. „Wer einmal gefangen ist “ , sagt Thiel, „kommt von allein nicht mehr raus.“ Weil mögliche Mitwisser, zum Beispiel Angehörige, eine Gefahr für dieses Lügennetz darstellen, versuchen die Betrüger, ihre Opfer von ihrem Umfeld zu isolieren.

Eine weitere Methode ist der Telefon-Dauerterror. Täglich und stundenlang halten die Täter ihre Opfer in der Leitung, sodass diese keine Gelegenheit haben, andere um Rat zu fragen. Genau das hat Margot Schulz* erlebt.

Der Enkel-Trick zieht oft

Anfang des Jahres erhält die verwitwete 85-Jährige aus der Nähe von Berlin den Anruf eines angeblichen Polizeihauptkommissars. Im Hintergrund hört sie eine Frau weinen. „Es geht um Ihre Enkelin, die hier neben mir sitzt. Sie hat in Italien einen Autounfall verursacht und soll ins Gefängnis“, sagt der falsche Polizist und stellt sich als Vermittler zwischen den deutschen und italienischen Behörden dar. Zufällig ist Margot Schulz’ Enkelin zu diesem Zeitpunkt tatsächlich in Urlaub. Die Seniorin glaubt dem falschen Polizisten deshalb.

Schnell geht es in dem Gespräch um Geld. Mit einer Kaution von 50.000 Euro könne sie ihrer Enkelin die Haftstrafe ersparen, erfährt Margot Schulz. Das Geld würde bei ihr zu Hause abgeholt und dann vom örtlichen Polizeipräsidium aus nach Italien transferiert. Sie ist unsicher, aber der falsche Kommissar erhöht den Druck. „Sie wissen doch, wie es in italienischen Gefängnissen zugeht“, meint er. „Wollen Sie Ihrer Enkelin das wirklich antun?“ Margot Schulz fährt mit dem Taxi zur Bank und hebt ihre gesamten Ersparnisse ab.


„Wer erst einmal als Opfer in so eine Sache verstrickt ist, kommt allein nicht mehr raus“
Christian Thiel, Soziologe an der Universität Augsburg

Kaum ist sie mit dem Bargeld zurück, klingelt erneut das Telefon. „Unser Kollege ist bereits unterwegs zu Ihnen“, sagt der falsche Polizist. Womit er nicht gerechnet hat: Margot Schulz besteht darauf, mit zum Präsidium zu fahren. Das ist der Moment, in dem der Telefonterror beginnt. Stundenlang redet der Betrüger Margot Schulz nun ins Gewissen. Er droht ihr, schmeichelt ihr, lässt sie erneut die weinende „Enkelin“ hören.

Irgendwann ist Margot Schulz am Ende und willigt in die Geldübergabe an der Haustür ein. „Ich hatte kein gutes Gefühl dabei“, sagt sie. „Aber ich wusste keinen Ausweg.“ Nur Minuten nachdem der Bote mit dem Geld verschwunden ist, ruft sie einen Angehörigen an, der wiederum die Polizei informiert. Die Täter sind da schon längst über alle Berge.

Wilhelm Lange hat die Erfahrung wachsamer gemacht. Erst neulich hat er eine E-Mail bekommen, in der er zu einem Lottogewinn beglückwünscht wurde. „Diese Mail habe ich sofort gelöscht.“

Falschgeld-Trick

Der Anrufer erklärt, es sei zurzeit sehr viel Falschgeld im Umlauf. Die Polizei müsse das Bargeld des Angerufenen abholen und überprüfen.

Gewinnspiel-Trick

Ein angeblicher Rechtsanwalt ruft an und informiert über einen hohen Gewinn bei einem Gewinnspiel. Bevor der Gewinn ausgezahlt werden könne, müssten vom Angerufenen aber bestimmte Kosten bezahlt werden.

Falscher Polizist

Der Anrufer gibt sich als Polizist aus. Er sagt, dass es Einbrüche in der Gegend gebe. Auf einer Liste der Bande sei auch das Haus des Angerufenen vermerkt. Weil die Polizei die Täter noch nicht alle gefasst habe, soll der Angerufene sein Bargeld und seine Wertgegenstände der Polizei übergeben.

Kautions-Trick

Der Anrufer behauptet, ein Angehöriger des Angerufenen hätte einen Unfall verschuldet und müsse ins Gefängnis. Nur eine hohe Kaution könne dies verhindern.

„Jeder von uns kann Opfer warden“

Kriminaloberrat Arno Helfrich kennt die Tricks der Betrüger. Hier verrät er, welche Regeln am Telefon und an der Wohnungstür schützen

Wie finden die Trickbetrüger ihre Opfer?
HELFRICH Die Täter gehen Telefonbücher nach alt klingenden Vornamen durch. Dort rufen sie an. Sie operieren dabei aus einer Art Call-Center heraus, aus dem täglich Hunderte solcher Anrufe getätigt werden. In den meisten Fällen legen die Angerufenen auf, aber das kalkulieren die Täter ein. Dafür pressen sie die Menschen, die auf sie hereinfallen, bis zum letzten Blutstropfen aus.
Wie oft haben Trickbetrüger Erfolg?
HELFRICH In München hatten wir im vergangenen Jahr allein mit der Masche des falschen Polizisten 3 000 gemeldete Anrufe. 33 Mal waren die Täter erfolgreich, der Schaden lag bei insgesamt 2,3 Millionen Euro, im Schnitt also bei knapp 70.000 Euro pro Betrug. Das aber sind nur die Fälle, die angezeigt werden. Ich schätze, dass die tatsächliche Zahl sieben- bis zehnmal so hoch ist.
Ruft ein falscher Polizist an, erscheint manchmal die 110 im Display des Angerufenen. Wie ist das möglich?
HELFRICH Eine spezielle Technik ermöglicht es, jede beliebige Telefonnummer anzeigen zu lassen. Wer sich unsicher ist, sollte bei so einem Anruf auflegen, selbst die entsprechende Nummer eintippen und nachfragen. Wichtig dabei ist, nicht auf die Rückruftaste zu gehen, denn dann könnte man wieder bei den Betrügern landen. Die Polizei benutzt für Anrufe übrigens nie die 110.
Was sagen Sie Opfern, die sich schämen, dass sie auf den Betrüger hereingefallen sind?
HELFRICH Dass sie sich keine Vorwürfe machen dürfen. Und dass sie auch nicht an ihrer Intelligenz zweifeln dürfen. Die Täter arbeiten so professionell und geschickt, dass im Grunde jeder von uns Opfer eines Betrugs werden kann. Auch in meiner Familie ist das schon passiert.
Wie können wir uns vor Betrügern schützen?
HELFRICH Egal, wer anruft - sobald es um eine Geldforderung geht, unbedingt auflegen. Suchen Sie sich dann die entsprechende Telefonnummer heraus und rufen Sie zurück. Bei dem Enkel- Trick können Sie sich zusätzlich eine Fangfrage überlegen. Ein Beispiel: Ist Ihr Enkel ein Einzelkind, fragen Sie den Anrufer nach seiner Schwester. An der Wohnungstür gilt: Niemand, den Sie nicht kennen und nicht erwartet haben, betritt Ihre Wohnung, bevor Sie nicht telefonisch nachgefragt haben, ob der Mensch wirklich derjenige ist, der er behauptet zu sein. Und während Sie das abklären, verschließen Sie die Tür.

Arno Helfrich (60) leitet das Kommissariat Prävention und Opferschutz der Polizei München

* Alle Namen der Betroffenen wurden auf ihren Wunsch geändert


Foto: Ursula Baumgart; Illustrationen: Shutterstock.com