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„Bei Bayern wird gemacht, was der Doktorsagt!“


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Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 32/2022 vom 10.08.2022

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Bildquelle: Sport Bild, Ausgabe 32/2022

Mit wehenden Haaren und langen Schritten rennt er auf den Platz: das Markenzeichen von Dr. Müller-Wohlfahrt. Ab 1984 inoffiziell, ab 1995 auch offiziell Arzt der Nationalelf. Hier beim 4:0-WM-Sieg 2014 gegen Portugal mit Sami Khedira (r.)

Seine Arzthelferinnen mochten es nicht glauben, als der Chef ankündigte: „Ich bin jetzt auch mal weg.“ Und an diesem Freitag ist er wirklich weg, um wenigstens seinen 80. Geburtstag mal ohne den üblichen Zwölf-Stunden-Tag zu feiern – an einem geheimen Ort.

Es geht um Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, geboren am 12. August 1942 im ostfriesischen Leerhafe, wo der Pastorensohn die Einwohner mit seiner Fingerfertigkeit an der Orgel in ihren Bann zog. Ehe er sich der Sportmedizin verschrieb, ab 1975 als Mannschaftsarzt bei Hertha BSC, von 1977 bis 2020 beim FC Bayern – und sich den Ruf als Arzt mit den „sehenden Händen“ erwarb, der Muskelverletzungen besser mit seinen Fingerkuppen ertasten und diagnostizieren konnte als die Kernspintomografie eines millionenteuren MRT-Geräts.

Als er sich für die FC-Bayern-Praxis an der Säbener Straße dann tatsächlich ein MRT-Gerät (wichtig u.a. bei Bänderrissen) ...

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... wünschte, ließ ihn Manager Uli Hoeneß abblitzen: „Die Million können wir uns sparen. Du siehst doch mit deinen Fingern viel besser.“

Wo auch immer der Menschenfänger Müller-Wohlfahrt mit seiner langen Mähne auftaucht, überstrahlt er alle, auch die namhaftesten Fußballer. Weil der ehemalige Fünfkämpfer (100 Meter in 10,4 Sekunden) scheinbar die ewige Jugend gepachtet hat („Zeitlebens vertraue ich der Creme in der blauen Dose“), auch wenn sich sein Haar weiß gefärbt hat. Neben homöopathischen Spritzen (Actovegin, Procain) waren – und sind es immer noch – seine psychologischen Fähigkeiten, die Bundesliga-Spieler und die Stars der Nationalmannschaft wieder zum Laufen brachten.

FRÜHER LIESSEN SICH DIE STARS ANDERER VEREINE UM 22 UHR BEHANDELN. SO BLIEBEN SIE UNERKANNT UND BEKAMEN KEINEN STRESS MIR IHREM KLUB

„Junge, du spielst morgen – ohne dich geht es nicht!“ Diesen Satz wollten sie alle hören. Der wirkte Wunder.

Es gab bei allem Stress auch viel zu lachen. Wenn Uli Hoeneß zum Beispiel sagte: „Ich suche einen neuen Vereinsarzt. Einen, der noch schöner ist und einen noch ästhetischeren Laufstil hat als du, wenn er aufs Feld rennt.“ Oder wenn Ex-Trainer Udo Lattek sagte: „Du rennst ja schon los, da ist der Spieler noch gar nicht gefoult.“ Worauf Müller-Wohlfahrt konterte: „Dafür bleibe ich auch manchmal sitzen, wenn sich ein Spieler auf dem Rasen wälzt …“

60 Jahre Bundesliga Unglaubliche Geschichten TEIL 6

Doch zu seinem Leben gehören auch schwierige Momente – wie die Interessenkonflikte im Millionengeschäft Profi-Fußball, in dem sich ein Mannschafts-Arzt behaupten muss oder krachend untergeht.

Um unerkannt zu bleiben und keinen Krach mit ihrem Verein zu riskieren – nur Diego Maradona machte es ganz offen –, setzten sich früher die Stars von Dortmund, Werder, Wolfsburg, Stuttgart und anderen Klubs nach dem Nachmittagstraining in ihr Auto, um sich gegen 22 Uhr behandeln zu lassen. Um dann, frisch mit Mull getapt und ausgestattet mit einer Thermoskanne voll Kaffee, nachts wieder nach Hause zu fahren. „Das hat keiner mitbekommen“, erzählt Müller-Wohlfahrt, von Paul Breitner sinnigerweise „Mull“ getauft.

Einen versteckten Nebeneingang gab es in seiner ersten, beengten Praxis im fünften Stock hinter dem Marienplatz nicht. „Sie hätten schon aus dem Fenster springen müssen, wenn sie zu normalen Sprechzeiten von Journalisten nicht erwischt werden wollten“, erzählt Müller-Wohlfahrt lachend. Mittlerweile residiert er neben dem Dallmayr-Haus in der Münchener

Innenstadt auf dem Zehnfachen der Wohnfläche, unter anderem finanziert von SAP- und Hoffenheim-Boss Dietmar Hopp – es gibt genügend Nebeneingänge. „Und wenn es brennt, können Spieler über die Bäckerei nebenan zu mir kommen – und mit frischem Brot durch die Ladentür rausgehen, als wäre nichts gewesen.“

Wobei seine Patienten mittlerweile, seitdem er kein Bay-ern- und DFB-Arzt mehr ist, ganz ungeniert kommen. Seitdem er Usain Bolt 2012 einen Monat vor den Olympischen Spielen in London seine Rückenschmerzen nahm, ihn auch vor Olympia 2016 „in einem finsteren Apartment in Rio de Janeiro“ von Schmerzen befreite, sodass Bolt wenige Tage später Gold über die 100 Meter, 200 Meter und die 4x100-Meter-Staffel gewann, ist die Praxis auch zur Pilgerstätte von Basket- und Footballspielern aus der NBA und NFL geworden, von US-Boxern. Der Leichtathleten weltweit sowieso.

Die goldenen Laufschuhe von Bolt stehen heute signiert in Müller-Wohlfahrts Praxis. „Er ist der beste Arzt der Welt und viel mehr als ein Doktor, weil er sich nicht nur um meine Verletzung, sondern auch um mich als Mensch gekümmert hat. Von jeder meiner Medaillen gehört ihm ein Stück“, sagte der Wunderläufer aus Jamaika mal zu SPORT BILD.

Zurück zur Bundesliga, zu den Bayern. Da flammte immer wieder Streit auf. Meist mit Trainern, denen der Arzt zu mächtig wurde. Und die sich daran störten, dass er tüchtig mithalf, die Spieler der Konkurrenten schnell wieder gesund zu machen. Bis Uli Hoeneß einschritt. „Unser Arzt ist für alle da, die sich von ihm helfen lassen wollen“, stellte der Ex-Manager klar. „Wir wollen nicht Meister werden, nur weil die Gegner verletzt sind.“

Womit wir bei konkreten Fällen sind: Mulls beste Bundesliga-Storys.

In der Saison 1985/86 tobte der Meisterkampf zwischen Bayern und Bremen. Am 23. November übersprintete Werders Rudi Völler Bayern-Libero Klaus Augenthaler, der ihn mit einem Foul rüde von den Beinen holte. Völler riss sich die Adduktoren, fiel monatelang aus, weil er zunächst konservativ – und damit falsch – behandelt wurde. Im Februar suchte Völler Hilfe bei Müller-Wohlfahrt, der ihm zur Operation zu Professor Marc Martens nach Belgien schickte. Als der Fall bekannt wurde, knallte es zwischen Hoeneß und seinem Bremer Kollegen Willi Lemke.

„Ich war von diesem Leisten-Chirurgen begeistert“, sagt Müller-Wohlfahrt. Und weiter: „Der damalige Teamchef Franz Beckenbauer stand bei der Untersuchung vor der OP daneben, weil er den Rudi unbedingt zur WM nach Mexiko mitnehmen wollte.“ Nachdem er Völler abgetastet hatte, sagte „Mull“: „Das Foul von Augenthaler kann ich nicht mehr finden, aber du hast eine weiche Leiste, weil du zu früh angefangen hast zu trainieren. Werder hat mir daraufhin unterstellt, ich würde sie schwächen, damit Bayern Meister wird.“

Bayern wurde tatsächlich Meister. Doch nur, weil Michael Kutzop in der 89. Minute im direkten Duell am 33. Spieltag einen Elfmeter an den Pfosten geschossen hatte. Völler war – genau wie von Mull prognostiziert – zum Spiel wieder fit, er wurde in der 77. Minute eingewechselt, holte den Elfer beim Stand von 0:0 raus und hätte der Meistermacher werden können – doch nach Kutzops Fehlschuss holten die Bayern die Bremer am 34. Spieltag noch ein. Werder verlor 1:2 in Stuttgart, Bayern siegte 6:0 gegen Gladbach und bekam dank des besseren Torverhältnisses die Schale.

Auch Beckenbauers Plan ging auf, er konnte Völler mitnehmen zur WM, wo er mit drei Toren Deutschlands bester Schütze auf dem Weg zur Vizeweltmeis-terschaft war. Müller-Wohlfahrt dagegen musste mit Drohungen und Beschimpfungen leben. „In solchen Momenten muss ich fest an mich glauben, an die Richtigkeit meiner Entscheidungen. Wenn nicht, gehst du baden“, sagt er.

Zu Differenzen kam es auch im eigenen Lager. 1977 brach sich Bayerns slowenischer Ball-Zauberer Branko Oblak die große Zehe. Müller-Wohlfahrt, erst ein halbes Jahr in München, legte sie in Gips. Als er so in der Kabine erschien, fing der Trainer Gyula Lorant an, auf Ungarisch zu fluchen, schnitt ihm den Gips eigenhändig ab und tobte: „Boxer kämpfen auch mit Platzwunde, soll der Masseur ihm Zahnpasta auf die Zehe schmieren.“ Das ließ Müller-Wohlfahrt nicht auf sich sitzen, er beschwerte sich beim Vorstand.

LOUIS VAN GAAL WURDEN VON MÜLLER-WOHLFAHRT 2009 HOMÖOPATHISCHE MITTEL GESPRITZT. AM NÄCHSTEN TAG WAREN DIE RÜCKENSCHMERZEN WEG

„Meine Entscheidung muss Gewicht haben. Ich mache unter diesen Umständen nicht weiter“, drohte er. Im Beisein von Gyula Lorant sagte Präsident Wilhelm Neudecker: „Bei uns wird gemacht, was der Doktor sagt.“ Und das, obwohl er Lorant erst wenige Wochen vorher für Trainer Dettmar Cramer, den Europacupsieger von 1975 und 1976, geholt hatte. Ausgerechnet für jenen Trainer, der Müller-Wohlfahrt („Cramer war ein Glücksfall für den deutschen Fußball“) von Hertha her kannte. Der zusammen mit Beckenbauer zu Neudecker und Manager Robert Schwan gerannt war mit den Worten: „Wir brauchen einen richtig guten Arzt. In Berlin rennt ein verrückter Ostfriese rum – den müssen wir nach München holen.“

Müller-Wohlfahrt ging also als großer Sieger über Lorant hervor, der danach bei Verletzungen äußerst kleinlaut reagierte. Zwei andere Trainer hingegen wurden zu Fans des Mannschaftsarztes, Jupp Heynckes und Louis van Gaal.

Da war 1987/88 der Muskelfaserriss des überehrgeizigen Lothar Matthäus. „Da habe ich meine klaren Vorstellungen“, sagt Müller-Wohlfahrt über seine Parade-Disziplin, dessen Behandlungsmethode ihn weltweit berühmt machte. „Die dauert zehn Tage. ‚Also fällst du nächstes Wochenende aus‘, sagte ich zu Matthäus. ‚Du wirst nach fünf Tagen schmerzfrei sein, doch die Verletzung heilt weiter.‘ Nach fünf Tagen fühlte sich Lothar so wohl, dass er zu Jupp Heynckes ging und sagte: ‚Der Doc hat sich vertan, ich kann wieder spielen.‘ Heynckes jedoch sagte: ‚Da werden wir erst mal den Doc fragen.‘ Er hat ihn trotz Drängen am Samstag nicht spielen lassen. Am Sonntag hat Lothar dann mit Freunden im Garten ein bisschen Jo-Jo gespielt – und der Muskel riss ganz ab.“

Seitdem glaubt Matthäus Müller-Wohlfahrt, der später beinahe sein Schwiegervater geworden wäre, jedes Wort. Seinem Wechsel zu einer Weltkarriere bei Inter Mailand und vier Jahre später der Rückkehr zu Bayern stand nichts mehr im Wege.

2009 kam Louis van Gaal nach München – erst mal in gebückt demütiger Haltung, Rückenprobleme hatten ihn im Griff. „Niemand in Holland kann mir helfen“, sagte er. Müller-Wohlfahrt spritzte seine homöopathischen Mittel. Am nächsten Tag war van Gaal schmerzfrei, stellte sich vor die Mannschaft und sagte: „Wisst ihr eigentlich, was für einen Doc ihr habt? Was in Holland wochenlang dauert, das geht hier innerhalb eines Tages weg.“ Die Kauzigkeit van Gaals bekam Müller-Wohlfahrt nie zu spüren. „Von diesem Tag an habe ich meine Ruhe gehabt. Er hat nie Druck aufgebaut.“

Doch dann kam plötzlich ein Trainer ans Ruder, über den „Mull“ stolperte – oder besser: beinahe gestolpert wäre. Sind Ärzte „Halbgötter in Weiß“, so ist Pep Guardiola ein Gott auf der Bank, beseelt von einem Gefühl der Unfehlbarkeit. Der Streit entzündete sich 2014 an Guardiolas Lieblingsspieler Thiago Alcántara, mittlerweile in Liverpool.

„Er hatte einen Innenbandeinriss. Der wird bei mir behandelt wie ein Riss, dann ist er nach sechs Wochen sicher verheilt. Guardiola hat gesagt, das ginge in Spanien viel schneller. Nach kurzer Zeit kam der Spieler wieder zurück, ich untersuchte ihn und konnte die Lücke tasten, der Einriss war nicht verheilt. ‚Du kannst nicht trainieren‘, sagte ich. ‚Du trainierst‘, sagte Guardiola. Daraufhin ist das Band ganz gerissen, musste operiert werden.“ Und zwar von Guardiolas und Thiagos (beide stammen vom FC Barcelona) Vertrauenschirurg Dr. Ramon Cugat. Mit schwerwiegenden Folgen. „Weil er Cortison bekommen hatte, ist das Band nicht zusammengewachsen, musste noch mal operiert werden, eine Plastik angefertigt werden, Umleitungen im Knie geschaffen, sodass andere Sehnen als Ersatz herhalten mussten“, sagt Müller-Wohlfahrt. Thiago fiel 154 Tage lang in 26 Spielen aus. „Nur weil sich Guardiola durchgesetzt hatte...“

Als der Trainer dann Müller-Wohlfahrt im April 2015 die Schuld an der 1:3-Viertelfinal-Niederlage beim FC Porto gab (Rückspiel 6:1), trat Müller-Wohlfahrt mit seinem Team zurück. „Ich lass mich von dem doch nicht einschüchtern“, sagte er. „Ich habe damals Uli Hoeneß, der im Gefängnis (Steuerhinterziehung; d. Red.) saß, schwer vermisst. Es gab keinen, der die Traute hatte, Guardiola in die Schranken zu weisen.“

Ein Jahr später ging Guardiola zu Manchester City – und eine der ersten Amtshandlungen von Jupp Heynckes im November 2017 war es, den Arzt seines Vertrauens wieder zurückzuholen – für immerhin weitere drei Jahre, ehe er sein Amt mit 77 niederlegte, ein Jahr später auch das als Arzt der Nationalelf.

Dort war er spätestens seit Beckenbauers Antritt 1984 als Teamchef heimlich auch der Arzt der deutschen Mannschaft gewesen, ab 1995 offiziell.

NACH DEM WIMBLEDON-FINALE 1990 WOLLTE „MULL“ MIT DEM JET VON BECKER ZUM WM-FINALE NACH ROM – DOCH BORIS VERSETZTE IHN

Oft genug war es ein Leben ohne Schlaf, wenn ihn Boris Becker zu den US Open nach New York oder nach Wimbledon lotste („Ich will, dass du da bist, dann geht’s mir besser“) und am nächsten Tag die Nationalelf spielte. Wie 1990. „Da überschnitt sich das WM-Finale in Rom mit dem Wimbledon-Finale in London. Wir machten aus, dass wir nach seinem Spiel in Boris’ Privatjet direkt nach Rom fliegen“, erzählt Müller-Wohlfahrt. „Dann hat er das Finale gegen Stefan Edberg verloren – und ward nicht mehr gesehen. Also habe ich mir das WM-Finale im Hotel angesehen …“ Wo er doch vorher noch Jürgen Kohler, Stefan Reuter und Guido Buchwald fit gemacht hatte. „Sonst hätten sie vielleicht nicht spielen können.“

Das ist Dr. Müller-Wohlfahrt

Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt wurde am 12. August 1942 in Leerhafe (Ostfriesland) als Hans-Wilhelm Müller geboren – den Doppelnamen trägt er erst seit seiner Hochzeit mit Karin 1974. Die beiden haben zwei Kinder – Sohn Kilian, der mit seinem Vater in der Praxis arbeitet, und Tochter Maren. Nach dem Medizin-Studium in Kiel und Innsbruck war Müller-Wohlfahrt von 1975 an zunächst Mannschaftsarzt bei Hertha BSC, ehe er 1977 zum FC Bayern wechselte.

Auch ein anderer Nationalspieler der Bayern meldete sich krank, weil ihn Schmerzen an der Schulter plagten. „Muss ich operiert werden?“, fragte er. „Nein“, sagte der Arzt. „Hör auf mit deiner Sauferei.“ Und tatsächlich ergab die Blutkontrolle erhöhte Harnsäurewerte. Die Kristalle scheuerten die Sehen und Bänder der Schulter wund. Auch dem Mann konnte geholfen werden. Mit Entzug von Wein, Bier und harten Getränken.

Wie lange Müller-Wohlfahrt noch in seiner Praxis arbeiten will, die er heute mit seinem ebenfalls international gefragten Sohn Kilian (41) führt, das lässt er offen. Nur so viel: „Solange ich bei den Patienten gefragt bin, macht Ruhestand keinen Sinn.“ Wie auch?

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