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Beitrag: »Das kann ich nicht – ich nehme lieber die leichteren Aufgaben«:Der Zusammenhang von Leistung und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten in Mathematik


Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 02.09.2019

Die Leistung von Schülerinnen und Schülern hängt erheblich mit dem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zusammen, das wiederum ganz unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Welche typischen Zusammenhänge gibt es zwischen Selbstvertrauen und Leistung in Mathematik? Wie lassen sich Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Ausprägungen gezielt unterstützen?


Frau Kriegel unterrichtet eine 7. Klasse in Mathematik und hat vor zwei Wochen mit dem Thema »Konstruktion von Dreiecken « begonnen. Sie lässt in der nun anschließenden Übungsphase die Schülerinnen und Schüler in den sogenannten selbstständigen ...

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Bildquelle: Pädagogik, Ausgabe 9/2019

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... Lernzeiten individuell arbeiten. Tobias und Lara haben im vorausgehenden Unterricht und in den Hausaufgaben die meisten Aufgaben ohne größere Schwierigkeiten gelöst. Beide hatten im letzten schriftlichen Kurztest die gleichen guten Noten. Lara wählt beim Arbeiten in den Lernzeiten über mehrere Stunden immer die schwierigeren Arbeitsblätter aus und zeigt sich motiviert beim Lösen der Aufgaben. Frau Kriegel beobachtet dagegen bei Tobias, dass er über die gesamten Lernzeitstunden nur Arbeitsblätter auswählt, die viel zu leicht für ihn sind.

Abb. 1 Kreislauf zwischen Leistung, Selbsteinschätzung und Selbstwirksamkeitserwartungen


Lara und Tobias sind idealisierte Fälle. Wenn man ein differenzierteres Bild der Einschätzungen von Schülerinnen und Schülern bezüglich ihrer Fähigkeiten bekommen will, ist es sinnvoll, diese nicht pauschal als übergreifende Personeneigenschaften anzunehmen, sondern sie sich in einem bestimmten Fach und einem bestimmten Themengebiet genauer anzusehen. Das haben wir getan und können auf dieser Basis berichten, wie vielfältig die Ausprägungen von Leistung und Selbstwirksamkeitserwartungen bei Schülerinnen und Schülern sind.

Erhoben wurde bei 376 Lernenden der Klassen 8 und 9 mehrerer Realschulen zweierlei: zuerst die Einschätzungen der Fähigkeiten, bestimmte Aufgaben aus dem Themengebiet der linearen Funktionen (insgesamt 20 Aufgaben) erfolgreich zu lösen, und anschließend die tatsächliche Leistung der Lernenden bei diesen Aufgaben. Bei unseren Analysen fanden wir sowohl Profile von leistungsschwachen als auch leistungsstarken Lernenden, die sich unterschätzen beziehungsweise überschätzen. Weiterhin konnte auch ein Profil mit guten Einschätzungen gefunden werden. Interessanterweise finden sich Überschätzungen und Unterschätzungen also bei Lernenden unterschiedlicher Leistungsniveaus. Die nachfolgend beschriebenen Profile zeigten sich in der genannten Stichprobe im Themengebiet der linearen Funktionen. Wir illustrieren diese Profile am Beispiel von Tobias und Lara.

Profil 1: Unterschätzung von eher Leistungsschwachen

Der (fiktive) Unterschätzer Tobias hat hohe Leistungen. Doch was passiert, wenn Schülerinnen und Schüler sich unterschätzen und auch niedrige Leistungen haben? Diese Lernenden erleben ihr eigenes Können nicht. Es fehlen Situationen, in denen sie sich als kompetent erleben. Dies kann dazu führen, dass sie misserfolgsorientierter sind. Situationen des Erfolges werden dann dem Zufall zugeschrieben. Das verstärkt die Unterschätzung, denn diese Schülerinnen und Schüler nehmen gar nicht wahr, wenn sie eigentlich erfolgreich waren. Bei einigen Schülerinnen und Schülern kann die Unterschätzung auch zu Vermeidungsverhalten führen, sodass sie die leichtesten Arbeitsblätter auswählen und mit weniger Ausdauer daran arbeiten.

Profil 2: Unterschätzung von eher Leistungsdurchschnittlichen

Lernende dieses Profils zeichnen sich durch durchschnittliche Leistungen aus. Wie im Fall von Tobias unterschätzen sie ihre Leistung, das heißt, sie haben weniger Vertrauen in ihre Fähigkeiten, als angemessen wäre. Auch bei diesen Schülerinnen und Schülern ist es denkbar, dass sie ihr Können gar nicht wahrnehmen und dies wiederum Konsequenzen für ihre Aufgabenauswahl und ihr Lernverhalten hat.

Profil 3 und Profil 4: Überschätzung von Leistungsstarken bzw. Leistungsschwachen

Betrachten wir umgekehrt den Typ des Überschätzers. Dieser kann sowohl mit guten als auch mit schwachen Leistungen einhergehen. Der erste Fall ist weniger problematisch, denn leistungsstarke Lernende, die sich überschätzen, sind motivierter bei der Sache, wählen die schwierigen Aufgaben und arbeiten fokussiert daran. Im zweiten Fall aber, wenn die Überschätzung mit schwachen Leistungen einhergeht, besteht Handlungsbedarf. Schülerinnen und Schüler dieses Typs erwarten zwar, die schwierigeren Aufgaben lösen zu können, machen dann aber kaum Erfahrungen des Könnens. Diese Situation ist nicht lernförderlich, weil Lernende so nicht am bisherigen Wissensstand anknüpfen können und bei den ausgewählten Aufgaben kaum dazulernen. Eine mögliche Erklärung hierfür wäre eine falsche Attribution des Misserfolges, der beispielsweise auf Pech oder Zufall zurückgeführt wird oder eben auf die Wahl einer zu schwierigen Aufgabe.

Dass die beschriebenen Profile nicht erschöpfend sind, lässt sich freilich schnell erkennen. Auch gibt es durchaus Schülerinnen und Schüler, die eine passende Selbsteinschätzung haben. Abbildung 2 stellt die Situation schematisch dar.

Wie kann eine praktikable Unterstützung aussehen?

Wie könnte man nun Schülerinnen und Schüler der unterschiedlichen Profile unterstützen? Nehmen wir an, Tobias erkennt seine eigenen Fähigkeiten nicht, er nimmt seine guten Noten und seinen Erfolg gar nicht erst wahr. Tobias (und anderen Schülerinnen und Schülern mit starker Unterschätzung) kann geholfen werden, indem man ihm genau diese Situationen des Erfolges aufzeigt, beispielsweise durch Feedback (Bastian 2014). Ziel muss es sein, Tobias zu vermitteln, dass er in der Tat die Fähigkeiten hat, die jeweiligen Aufgaben sinnvoll zu bearbeiten. Folgende Ausgangssätze können hierbei helfen:
• Folgende Aufgabe ist dir gut gelungen, weil du …
• Du hast bei dieser Aufgabe gut gezeigt, dass du verstanden hast, wie …
• Weiter so. In dieser Aufgabe hast du gezeigt, dass du …

Abb. 2 Profile von Leistung und Selbstwirksamkeitserwartungen


@ Durch dieses Feedback fördern wir die selbstwertdienliche Attribution zugunsten der eigenen Fähigkeiten.

Bei den leistungsschwachen Lernenden (Profil 1 und 4) sollte eine bessere Passung der Lern-und Leistungssituationen durch adaptive und differenzierende Aufgaben (Prediger/ Leuders 2016) hergestellt werden. Das Erleben von Können und damit verbunden das Erfolgserleben könnten zu einem höheren Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten führen. Starke Überschätzer (Profil 3 und 4) könnten davon profitieren, in ihrer Metakognition angeregt zu werden, um die Selbsteinschätzung realistischer zu gestalten. Oder man könnte auf der Ebene der Aufgaben Übungen wählen, bei denen sie auf ihre Fehlkonzepte beziehungsweise Fehlstrategien stoßen und so darauf hingewiesen werden, welche Kompetenzen noch aufgebaut werden müssen.

Ohne aufwendige Testverfahren zu nützlichen Einschätzungen kommen

Wenn selbstständiges Arbeiten im Unterricht eine Rolle spielt, braucht es Situationen, in denen man als Lehrkraft erkennen kann, wie die Selbsteinschätzung ausgeprägt ist und wie diese mit ihrer Leistung zusammenpasst. Dies geschieht sicherlich über Beobachtungen der Schülerinnen und Schüler in Situationen des eigenständigen Lernens. Möchte man aber aktiv alle Lernenden dazu anregen, ihre Selbsteinschätzung mit ihrer tatsächlichen Leistung zu vergleichen, dann braucht es explizitere Hinweise. Konkret könnten Schülerinnen und Schüler anhand mehrerer frei gewählter Aufgaben in einem ersten Schritt ihre eigenen Fähigkeiten einschätzen durch das Ausfüllen einer Checkliste: »Diese Aufgabe kann ich erfolgreich lösen.« Es folgt eine Bearbeitung der Aufgabe und ein anschließender Vergleich zwischen der Einschätzung und der gezeigten Leistung. Dies kann durch die Lehrkraft erfolgen oder durch die Lernenden selbst. Interessant erscheint hier eine genauere Analyse, bei welchen Aufgaben eine Übereinstimmung erzielt wurde und bei welchen nicht. Es kann natürlich auch die Gesamtsumme aller Aufgaben in der Leistung und der Einschätzung der eigenen Fähigkeiten verglichen werden. Dazu werden Punkte für die Einschätzung vergeben. Jeder Lernende kann in beiden Varianten selbst erkunden, ob seine Selbsteinschätzung mit der gezeigten Leistung übereinstimmt oder ob eine Über-oder Unterschätzung vorhanden ist. Ein höherer Punktwert in der Einschätzung als in den Aufgabenlösungen entspricht dann einer Überschätzung, ein niedrigerer Punktwert einer Unterschätzung.

In Coaching-Gesprächen oder im Unterricht sollte dann gemeinsam eine Reflexion der Selbsteinschätzung erfolgen. Auch kann der Prozess der Selbsteinschätzung (Schürmann/Ulbricht/ Gehrke 2017) fokussiert werden. Beispielsweise könnten Schülerinnen und Schüler davon profitieren, bei der Selbsteinschätzung für schwierigkeitsgenerierende Aufgabenmerkmale sensibilisiert zu werden, sodass für sie erkennbar wird, an welchen Merkmalen man die Fähigkeiten festmachen könnte.

Zusammenfassend konnte dargelegt werden, dass Schülerinnen und Schüler nicht nur innerhalb der Leistung heterogen sind, sondern sich zusätzlich auch in anderen Aspekten wie beispielsweise der Selbstwirksamkeitserwartung unterscheiden, und es sich lohnt, beide Aspekte im Unterricht zu berücksichtigen.


Starke Überschätzer können davon profitieren, in ihrer Metakognition angeregt zu werden.

Katharina Siefer ist Doktorandin am Institut für Mathematische Bildung der PH Freiburg und promoviert über das Thema Selbstwirksamkeitserwartungen und Leistungen. katharina.siefer@ph-freiburg.de

Timo Leuders undAndreas Obersteiner sind Professoren am Institut für Mathematische Bildung der PH Freiburg. leuders@ph-freiburg.de andreas.obersteiner@ph-freiburg. de

Literatur
Bastian, J. (2014): Feedback im Unterricht. Pädagogik, 66(4), S. 6–9.
Hattie, J. (2013): Calibration and confidence: Where to next? Learning and Instruction, 24, pp. 62–66.
Jerusalem, M./Hopf, D. (Eds.), (2002): Selbstwirksamkeit und Motivationsprozesse in Bildungsinstitutionen. Zeitschrift für Pädagogik, Beiheft, 44.
Prediger, S./Leuders, T. (2016): »One size does not fit all«, Flexibel differenzieren im Mathematikunterricht. Pädagogik, 68(9), S. 24–29.
Schunk, D. H./Zimmerman, B. J. (2007): Influencing children’s self-efficacy and self-regulation of reading and writing through modeling. Reading & Writing Quarterly, 23, pp. 7–25.
Schürmann, H./Ulbricht, B./Gehrke, K. (2017): Selbstbeobachtungen und Selbstdiagnose mit Lernbegleitblättern. Pädagogik, 69(2), S. 12–15.
Wilbert, J. (2010): Förderung der Motivation bei Lernstörungen. Kinder fördern. Stuttgart: Kohlhammer.