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Beitrag: Jeder hat Talent: Erste Ergebnisse eines Schulversuchs zur Talentförderung an der Mittelschule


Pädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 01.07.2019

In der Schule stehen oft eher die Schwächen von Schülerinnen und Schülern im Mittelpunkt. Dies ändert sich, wenn zum Beispiel im Rahmen eines Schulversuchs gezielt die Stärken gesucht und gefördert werden. Dabei setzt allein die Aufforderung, Talente zu fördern, viel Energie frei. Wie lässt sich diese Energie zugunsten der Schülerinnen und Schüler nutzen? Welche Angebote sind besonders Erfolg versprechend?


I n Bayern findet seit 2016 der Schulversuch »TAFF – Talente finden und fördern an der Mittelschule « statt. Er wird von der Stiftung Bildungspakt Bayern in Zusammenarbeit mit dem Staatsministerium für ...

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I n Bayern findet seit 2016 der Schulversuch »TAFF – Talente finden und fördern an der Mittelschule « statt. Er wird von der Stiftung Bildungspakt Bayern in Zusammenarbeit mit dem Staatsministerium für Unterricht und Kultus durchgeführt und von der Universität Erlangen-Nürnberg in Form einer Praxisforschung evaluiert.


Eine Person, der es gelingt, sich etwas besonders leicht anzueignen, hat in dieser Hinsicht ein Talent.


TAFF ist ein Projekt mit klarem Mittelschulbezug und vier Jahren Laufzeit. Im Projekt werden Talente nicht ausschließlich und somit auch nicht einschränkend im Bereich von Hochbegabung vermutet, dem traditionellen Forschungsgebiet von Talentförderung (Renger 2010; Ziegler/ Stöger 2009). In TAFF wird der Ansatz verfolgt, es allen Schülerinnen und Schülern zu ermöglichen, ihre Kompetenzen zu erkennen und weiterzuentwickeln (Stiftung Bildungspakt 2015). TAFF setzt somit an den individuellen Stärken an. Ziel ist es nicht nur, diese weiterzuentwickeln. Vielmehr erwarten die Lehrkräfte auch, dass Schülerinnen und Schüler, die bei TAFF-Maßnahmen Kompetenz- und Selbstwirksamkeitserfahrungen machen, im Hinblick auf ihre persönliche Entwicklung profitieren.

An dem Schulversuch sind 25 Schulen beteiligt. Teams von Lehrkräften, externen Fachkräften und Schulleiterinnen und Schuleitern entwickeln unterschiedliche Ansätze und werden dabei durch Fortbildungsmaßnahmen und Erfahrungsaustausch unterstützt. Die Vielfalt ist immens: Es gibt Lauftrainings, Theatergruppen, Mathewerkstätten, Technik-AGs, Pausenverkäufe, Deutsch als Zweitsprache, Chöre, Talentshows, Eislaufen, Robotik, Schülersprechstunden und vieles mehr.

Die jährlich ca. 130 TAFF-Maßnahmen werden mit Lehrer- und Schülerbefragungen über drei Jahre hinweg quantitativ evaluiert. Das Ziel des Schulversuchs ist die Entwicklung von Verfahren zur Identifikation von Talenten und zur Förderung im Halbund Ganztag, sowohl im Unterricht in den traditionellen Fächern als auch in Arbeitsgemeinschaften. Zusätzlich werden an sechs Schulen Fallmaßnahmen qualitativ untersucht und Gruppendiskussionen mit den beteiligten Lehrkräften und Schulleitungen durchgeführt. Zum jetzigen Zeitpunkt (nach etwa zwei Drittel der Evaluationszeit) können nicht nur Empfehlungen ausgesprochen werden (vgl. auch Valentin/Mahling/Eberle 2018), sondern es wurden bereits zahlreiche, bisher noch intern genutzte Materialien entwickelt. Zum Ende des Projektes wird das Evaluationsteam eine ausführliche Handreichung mit zahlreichen Arbeitsmaterialien für die Schulpraxis vorlegen, u. a. Beobachtungsbögen, Selbstevaluationsmaterialien, Arbeitshilfen für den Unterricht zu Feedback bei Talenten, dialogischen Verfahren und der Einbindung von Peers, Kollegen und Eltern.

Ein pädagogischer Talentbegriff

»Talent« ist ein Alltagsbegriff, und jeder hat eine ungefähre Vorstellung davon, was darunter zu verstehen ist. Dennoch fällt es vielen (Lehr-)Personen schwer zu erklären, was für sie ein Talent ausmacht. Sie haben meist nur diffuse Vorstellungen, vor allem deshalb, weil sie sich noch nie explizit damit auseinandergesetzt haben. Eine Schwierigkeit besteht darin, dass es keinen eindeutigen pädagogischen Begriff bzw. keine fachliche Präzisierung gibt, der bei der Klärung helfen würde.

Interpersonelle und intrapersonelle Talente

Den Ausgangspunkt für den Schulversuch TAFF liefert ein einfaches Talentverständnis, das für den pädagogischen Alltag sehr zweckdienlich ist: »Eine Person, der es gelingt, sich etwas besonders leicht anzueignen, hat in dieser Hinsicht ein Talent« (Valentin 2019). Dieser Aneignungsprozess wird von Faktoren aus der Umwelt (z. B. Förderung), den Anlagen (z. B. Vererbung) und dem Subjekt (z. B. Entscheidungen der Schülerinnen und Schüler) beeinflusst.

Eine solche Umschreibung für Talent wirft die Frage auf, womit verglichen wird, wenn man von einem besonders »leichten« Aneignungsprozess spricht. Hier ist es hilfreich, zwischen interpersonellen und intrapersonellen Talenten zu unterscheiden:
• Bei einem Talent im interpersonellen Sinn zieht man Vergleiche zu anderen Menschen. Eine Person, die im Vergleich zu allen Mitschülerinnen und Mitschülern bzw. zu anderen Klavierschülerinnen und Klavierschülern das Klavierspiel besonders leicht erlernt, hat ein interpersonelles Talent für das Klavierspiel.
• Bei einem Talent im intrapersonellen Sinn zieht man Vergleiche zwischen den verschiedenen Fähigkeiten eines Menschen. Eine Person, die viele Dinge ein bisschen kann, sich aber das Kopfrechnen besonders leicht aneignet, hat ein intrapersonelles Talent zum Kopfrechnen. Man spricht selbst dann von einem intrapersonellen Talent, wenn die Schülerin bzw. der Schüler im Vergleich zu den Mitschülerinnen und Mitschülern nicht allzu gut Kopfrechnen kann. Es ist nur der Vergleich zu anderen Fähigkeiten und Fertigkeiten dieser Person relevant.

In der Schule konzentriert man sich in der Regel auf interpersonelle Talente. Durch die Hervorhebung der intrapersonellen Talente erhoffen sich die Lehrkräfte in TAFF vor allem positive Effekte für die Persönlichkeitsentwicklung der Schülerinnen und Schüler. Eine solche Ausrichtung auf Talente ermöglicht es, wesentlich mehr Talente zu finden, und eröffnet damit weitere Möglichkeiten der Talentförderung. Dieser veränderte Blick auf Talente ist besonders für die Mittelschule gewinnbringend, da viele Personen (auch Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler selbst) der Ansicht sind, dass die Schülerinnen und Schüler dieser Schulart über keinerlei Talent verfügen würden.

Erste Evaluationsergebnisse

Die Evaluation des Schulversuchs erfolgt als Praxisforschung im Sinne einer Implementationsforschung (Gräsel/Parchmann 2004). Das heißt, bereits während des Evaluationsprozesses werden Zwischenergebnisse der qualitativen und quantitativen Erforschung in den Prozess des Schulversuchs eingespeist (vgl. auch Valentin/Mahling/Eberle 2018). Damit handelt es sich um eine sehr gut reflektierte Praxis, bei der die Evaluierenden auch Aufgaben der operationalen Ebene übernehmen und konkrete Schlussfolgerungen für die Praxis ziehen.

1. Talentförderung als Schulentwicklung
Die Evaluation des Schulversuchs zeigt deutlich: Das Finden und Fördern von Talenten an einer Schule erfordert Vorgehensweisen im Sinne einer Schulentwicklung. Der Modellversuch bietet den Lehrkräften und externen Partnerinnen und Partnern Anregungen zur Talentförderung, zur Weiterentwicklung ihres Unterrichts sowie zur Gestaltung von Lernumgebungen, die die bisherigen schulischen Angebote erweitern und ergänzen. Fruchten können diese Impulse nur, wenn sich an der jeweiligen Schule Formen der Zusammenarbeit verschiedener Akteure entwickeln, die diese Impulse schulkulturell etablieren und sich in stetem Austausch befinden. In Zeiten, in denen unter anderem Inklusion, Ganztag und Digitalisierung bewältigt werden müssen, bedarf es einer stabilen, gewachsenen Schulfamilie, um sich dem Thema Talentförderung seriös annehmen zu können.

Der Grund dafür liegt vor allem in der vermeintlichen Einfachheit des Vorhabens: Als Lehrkraft ist man es gewohnt, Schülerinnen und Schüler zu fördern. Gleichzeitig ist in der Schule häufig ein defizitorientierter Blick auf Schülerinnen und Schüler üblich: Es wird in wesentlich höherem Maß rückgemeldet, was noch zu verbessern ist, als was alles schon gelernt wurde. Talentförderung an der Mittelschule erfordert in dieser Hinsicht ein Umdenken bei den Lehrpersonen: Die offensive Hervorhebung und Bewusstmachung von Kompetenzen entspricht Empowerment-Ansätzen der Schulentwicklung (z. B. Hattie 2016), die eine planvolle Implementation erfordern.

2. Strukturelle versus unterrichtliche Förderung
Im Schulversuch TAFF wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch Talente hat. Die qualitative und quantitative Evaluation legt offen, dass sehr viele Schülerinnen und Schüler keine klare Vorstellung davon haben, was eigentlich ein Talent ist – selbst wenn sie an einer TAFF-Maßnahme teilnehmen. Darüber hinaus geht ein großer Teil der Schülerinnen und Schüler an Mittelschulen davon aus, dass sie selbst über kein Talent verfügen. Die Auswertung der zweiten Befragungswelle zeigte jedoch deutlich: Wenn Lehrkräfte möchten, dass sich die Schülerinnen und Schüler ihrer Talente bewusst werden, dann ist es notwendig, sichausdrücklich (und nicht nur implizit) mit ihnen dazu auseinanderzusetzen.

Dieser Umstand spiegelt sich auch in der Umsetzung des Schulversuchs. Es sind zwei Formen zu beobachten. Viele Schulen betrieben zunächst Talentförderung auf struktureller Ebene: Allein die Tatsache, dass TAFF-Maßnahmen existieren, galt bereits als Talentförderung. Davon zu unterscheiden ist Förderung auf unterrichtlicher Ebene: Hier vollziehen die Schülerinnen und Schüler einen pädagogisch begleiteten und im Unterricht reflektierten Prozess.

3. Die Begeisterung der Lehrkraft als Prädiktor
Die Begeisterung der Lehrpersonen ist ein bedeutender Faktor für einen gelingenden Lehr-Lernprozess (Hattie 2015). Im Schulversuch hat sich die Begeisterung der Lehrkräfte für das Unterrichtsthema regel recht als eine Gelingensbedingung des Findens und Förderns von Talenten erwiesen. Die Auswertung der quantitativen Befragungen zeigte, dass der subjektiv empfundene Grad an Begeisterung der Lehrkraft für das Thema bzw. das Fach einer Maßnahme in direktem Zusammenhang damit steht, ob Schülerinnen und Schüler in der Maßnahme etwas Neues finden, das sie gut können, und ob sie sich in ihrem Talent gefördert fühlen. Auch entdecken Lehrkräfte, die sich selbst als besonders begeistert für das Thema ihrer Lehrveranstaltung bzw. das Fach beschreiben, bei mehr Schülerinnen und Schülern Talente. Darüber hinaus geben Schülerinnen und Schüler, die eine besonders begeisterte Lehrkraft haben, häufiger an, dass sie durch die TAFF-Maßnahme mehr Selbstbewusstsein erlangt haben. Externe Fachkräfte, die auch als Lehrkräfte an dem Schulversuch beteiligt sind, zeigen sich bei der Befragung überdurchschnittlich begeistert. Sie sind also nicht nur aufgrund ihres professionellen Blickes für Begabungen, sondern auch vor diesem Hintergrund eine große Bereicherung für den Unterrichtsprozess.

4. Ansprüche an die Lehrerkompetenz
Der Schulversuch TAFF fördert vielfältige Kompetenzen von Lehrkräften zutage. Es gibt zahlreiche Arbeitsgemeinschaften, in denen Lehrerinnen und Lehrer ihr Knowhow aus außerschulischen Aktivitäten und langjährigen Hobbys gewinnbringend einbringen. Vereinzelt gibt es jedoch auch die Situation, dass eine Lehrkraft eine Aufgabe übernimmt, für deren Bewältigung ihr die notwendigen Kompetenzen fehlen. Es kann zwar viel Spaß machen, sich mit Schülerinnen und Schülern gemeinsam in einer AG ein neues Themengebiet zu erschließen, doch wenn es nicht nur im strukturellen, sondern auch im unterrichtlichen Sinne um das Finden und Fördern von Talenten gehen soll, dann ist fachliche Kompetenz besonders erforderlich. Sie ist Voraussetzung dafür, die Entwicklungsschritte der jungen Menschen differenziert und pädagogisch anspruchsvoll begleiten zu können.


Die Begeisterung der Lehrpersonen ist ein bedeutender Faktor für einen gelingenden Lehr-

Lernprozess.


Für den Fall, dass einer Lehrkraft die Expertise fehlt, sind andere Modelle denkbar. Besonders hilfreich für das Finden von Talenten erscheint die Zusammenarbeit mit externen Fachkräften aus dem jeweiligen Berufsfeld. Zahlreiche Lehrkräfte berichten begeistert von deren wertvollem Beobachtungsvermögen. Daneben gibt es in manchen Fällen auch die Möglichkeit, ganz besonders erfahrenen Schülern – ähnlich einem Tutorensystem – die Co-Leitung für eine Arbeitsgemeinschaft zu übertragen und diese pädagogisch-didaktisch zu begleiten.

Darüber hinaus ist nicht nur fachliche Expertise, sondern auch eine Weiterentwicklung von didaktischen und pädagogischen Fähigkeiten relevant. Jede Lehrkraft entwickelt mit den Jahren ihren eigenen Lehrstil. Das ist nützlich, denn Bewährtes wird wieder aufgegriffen. Doch es ist auch gefährlich, denn man nutzt tendenziell nur die eigenen didaktischen Gewohnheiten. Dies gilt im Besonderen für den Regelunterricht. Das Finden und Fördern von Talenten findet auf implizite Weise häufig in schulischen Kontexten statt. Wenn aber auch explizit Talente gefördert werden sollen, dann besteht im Zuge von Talentförderung eine sehr gute Gelegenheit, den eigenen didaktischen Handlungsspielraum zu erweitern. Im Schulversuch zeigten sich kollegiale Beratungen über die Vorgehensweisen und der Austausch von Tipps für das pädagogisch- didaktische Herangehen als sehr gewinnbringend. Die Schulung von Lehrkräften und Projektkoordinatoren sowie die Entwicklung von zahlreichen Handreichungen sind ebenso unerlässlich.

5. Talentförderung als Kompensation
Die Evaluation eines Schulversuchs kann nur in Bezug auf operationalisierbare Ziele gelingen. In fünf Gruppendiskussionen wurden die verschiedenen Ziele und Motive der teilnehmenden Lehrkräfte erhoben. Man möchte annehmen, bei Talentförderung ginge es in erster Linie darum, besondere Fähigkeiten von Schülerinnen und Schülern auszubauen. Doch zeigte sich, dass dieses Ziel im Schulversuch nur selten von Lehrkräften anvisiert wurde. Das wurde jedoch sehr schnell plausibel. In der Regel speisen sich die Motivationen der Lehrkräfte eher aus dem Wunsch, Persönlichkeitsentwicklung bei den Schülerinnen und Schülern zu betreiben, eine Verbesserung des Unterrichts und eine Veränderung des Lehrer-Schüler-Verhältnisses zu erwirken, Schulentwicklung anzustoßen und mittelbar einen Beitrag für die Berufsvorbereitung zu leisten.

Tatsächlich muss also das Engagement der Lehrkräfte bei TAFF auch als eine Kompensation von Versäumnissen und Problemstellungen gelesen werden. Diese Kompensierung hat vier Stoßrichtungen: Sie ist intrapersonell, interpersonell, intraschulisch und interschulisch gerichtet.

Die intrapersonelle Kompensierung bezieht sich im Wesentlichen auf die Schülerschaft. Viele Lehrkräfte haben dabei die Schülerinnen und Schüler im Blick, die »mit den typischen Tugenden nicht glänzen können und bei TAFF erleben, dass sie was können «. Das heißt, es gibt bei einer Person Aspekte, die den Ansprüchen, die die Schule an sie stellt, nicht genügen, und diese sollen mit anderen Talenten, die diese Person hat, kompensiert werden.

Die interpersonelle Kompensation zielt zum einen auf die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern. Eine Lehrkraft gibt an, dass »Eltern an der Mittelschule die Talente ihrer Kinder viel zu wenig fördern. Da müssen wir als Lehrkräfte diese Aufgabe ein bisschen übernehmen.« Eine andere sagt, dass es »unrealistische Talentvorstellungen und Berufswünsche der Eltern aufzuheben« gilt. Zum anderen erleben viele Lehrkräfte, dass sich auch die Beziehung zwischen Lehrerin bzw. Lehrer und Schülerin bzw. Schüler positiv verändert. Man kann sagen, dass das Finden und Fördern von Talenten eine mangelnde Unterstützung durch das Elternhaus und Probleme, die sich durch eine Schüler- Lehrer-Beziehung, die im Wesentlichen von Zwängen geprägt ist, kompensieren soll.

Literatur

Gräsel, C./Parchmann, I. (2004): Implementationsforschung – oder: der steinige Weg, Unterricht zu verändern.
In: Unterrichtswissenschaft, H. 3, S. 196–214.
Hattie, J. (2015): Lernen sichtbar machen. Baltmannsweiler:
Schneider Verlag Hohengehren.
Hattie, J. (2016): Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.br/>Renger, S. (2010): Begabungsausschöpfung – Persönlichkeitsentwicklung durch Begabungsförderung. Berlin: LIT-Verlag
Stiftung Bildungspakt Bayern (2015): Schulversuch »Talente finden und fördern an der Mittelschule« (TAFF); hier: Ausschreibung. Schreiben an alle Mittelschulen vom 03.12.2014. IV.6 – BS4646 – 6a.147374 o. V. /SBB pr 1012
Valentin, K. (2019): Begabung aus pädagogischer Perspektive. (bisher unveröffentlichtes Manuskript).
Valentin, K./Mahling, M./Eberle, Th. (2018): Talentförderung an der Mittelschule. Impulse für Unterricht und Schulentwicklung. In: SchulVerwaltung. Jg. 41, H. 2, S. 44–47
Ziegler, A./Stöger, H. (2009): Begabungsförderung aus einer systemischen Perspektive. In: Journal für Begabtenförderung, H. 9, S. 6–31.


Das Finden und Fördern von Talenten soll allgemeine Mängel der eigenen Schule kompensieren .


In Bezug auf die intraschulische Kompensation werden manche Lehrkräfte sehr deutlich: »Der Mangel an Fachlehrern ist ein Problem, die Lehrer sind selbst zu wenig kompetent«. Die Lehrkraft, die dies sagt, sieht an ihrer Schule eine große Notwendigkeit, mit externen Partnern zusammenzuarbeiten, was durch den TAFF-Organisationszusammenhang wesentlich erleichtert wird. Hierzu kann man sagen, dass das Finden und Fördern von Talenten allgemeine Mängel der eigenen Schule kompensieren soll, in Bezug auf die Ganztagsgestaltung, in Bezug auf die kollegiale Zusammenarbeit und in Bezug auf die Fachlichkeit.

Zu nennen ist noch die interschulische Kompensation. Sie verweist zum einen auf das Erbe, welches die Grundschule hinterlassen hat. Eine Lehrkraft sieht »TAFF als Möglichkeit « an, »das mit bewältigen zu können, was vor der Mittelschule gelaufen ist«. Daneben werden auch Vergleiche zu anderen Schulen im Sozialraum gezogen. Eine Lehrkraft betont den »Erfolg, wenn die Schüler sehen: Wir sind besser als die anderen «. Das heißt, das Finden und Fördern von Talenten an der Mittelschule dient zum einen der Kompensierung von Erfahrungen, die die Schülerinnen und Schüler in der Grundschule gemacht haben, und zum anderen der Kompensation eines niedrigen sozialen Status im Sozialraum.

Ausblick

Möglicherweise ist es an der Zeit, die Bewältigung von Ganztagsentwicklung, Digitalisierungsprozessen und Inklusionsansprüchen zusammen zu sehen und diese großen Projekte im Sinne eines Empowerments – sowohl von Schülerinnen und Schülern als auch von Lehrerinnen und Lehrern – konzertiert anzugehen. Talentförderung im hier vorgestellten Sinne entspricht inklusiven Ansätzen, eignet sich hervorragend dafür, den Ganztag mitzugestalten, und bietet durch die digitale Sozialisation von jungen Menschen viele Möglichkeiten, Themen der Digitalisierung mit aufzugreifen.

Derzeit wird die zweite Welle der Evaluation ausgewertet. Die Veröffentlichung der wissenschaftlichen Befunde und Materialien für die Praxis erfolgt voraussichtlich im Frühjahr 2020.

Dr. Thomas Eberle ist Professor für Schulpädagogik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg mit dem Schwerpunkt Schulentwicklungsforschung und Experiential Learning.

Dr. Katrin Valentin undDr. Marina Mahling sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Lehrstuhl.