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BELLA ITAL IA


Bücher - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 22.05.2019

Musikalisch ist das Thema „die Deutschen entdecken Italien in der Mitte des letzten Jahrhunderts“ schnell eingegrenzt. Und bei Titeln wie „Zwei kleine Italiener“ oder „Marina“ kommt selbst bei Nicht-Zeitzeugen Italienfeeling auf. Die Literatur dieses Sommers zeigt, wie groß die Sehnsucht, wie bitter manche Ernüchterung und wie anders mitunter die Realität war.


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Bildquelle: Bücher, Ausgabe 4/2019

Weißt du noch, wie wir damals mit fünf Personen plus Gepäck in unserem Käfer an die Amalfi-Küste gefahren sind …?“ So sahen sie für viele aus, die ersten Auslandsreisen in der Wirtschaftswunder-Zeit. Mit zunehmendem Individualverkehr war Italien ...

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... plötzlich ganz nah, und so verwirklichte mancher seinen Traum vom Süden. Worin sich diese Anziehungskraft begründet, wusste schon Goethe: „Leben und Weben ist hier, aber nicht Ordnung und Zucht.“ Dolce Vita erhofften sich die vielen Urlauber, die es magisch zum Teutonengrill zog, wie Gerhard Polt die Adria einst bezeichnete. Da standen dann sole, vino und amore in Rimini, Riccione oder Caorle auf dem Plan. Doch längst nicht jede Erwartung wurde erfüllt.

PICCOLA E FRAGILE

Klein und zerbrechlich wirkt Reni nur sehr selten, obwohl sie zehn lange Wochen im Gipsbett liegt. Vielmehr überrascht die junge Deutsche das Klinikpersonal mit ihrer Resolutheit. Reni, Renate Klopp, ist 1961 in Arma di Taggia mitsamt ihrem Hotel-Balkon vier Stockwerke in die Tiefe gestürzt und muss sich nun mit allerlei Unbill in der fremden Klinik herumschlagen. Und mit Gianni Amoretti, dem Arzt, dem sie viele Jahre später – in einer kurzen, erkenntnisreichen Szene – wiederbegegnen soll. Sie ist eine von mehreren Figuren, deren LebenMarina, Marina von Grit Landau über viele Jahre begleitet. Die Autorin hat die Lebensläufe von Marina Lanteri und ihren Lieben, den Familien Vassallo, Parodi oder Morone und von Freunden und Feinden im Dorf Sant’Amato geschickt verwoben. Hier im Dorf werden die Enge und Eigenarten der Menschen besonders deutlich, und selbst so manches Klischee bestätigt sich: „Und es gab nichts, was eine Parodi stärker lockt als der Kummer anderer Leute.“ Auch wenn mancher Zufall recht arrangiert scheint: Die Begebenheiten vermitteln einzeln betrachtet ein sehr glaubwürdiges Bild von gesellschaftlichen Zwängen der Zeit, dem Wunsch nach Aufbruch und dem Wissen, dass sich vieles nicht verändern wird. Aber sind viele Zufälle nicht auch einfach ungeheuerlich? Diese Erkenntnis und die Tatsache, dass etliche Episoden im Buch auf wahren Begebenheiten beruhen, machen die Lektüre leicht und schwer zugleich und werfen ein nachdenkliches Bild auf das Sehnsuchtsland Italien.

FELICITA

Der zweite Italien-Roman trägt den Zufall sogar gleich im Titel:Der Postbote von Girifalco oder Eine kurze Geschichte über den Zufall ist das vielbeachtete Debüt von Domenico Dara, der in Girifalco aufwuchs. Der Postbote ohne oder, wie er selbst sagt, mit einem seltsamen Namen verfügt über ein kalligrafisches Talent. Das ist vielleicht noch nichts Besonderes, er nutzt diese Gabe allerdings zum Abschreiben von Briefen, die er heimlich öffnet. Dass er das Schicksal anderer damit verändert und das Glück herausfordert, ist ihm hinlänglich bewusst. Aber es gibt auch genug Gründe für seine Einmischungen. Sein Archiv ist über die Jahre ebenso beachtlich gewachsen wie die Zahl an Episoden, die er auf seine ganz eigene Art manipuliert hat. Im Verlauf dieser Ereignisse erfährt der Leser auch nach und nach die persönliche Geschichte des Postboten. Der Erzählstrang schwingt in poetischer Sprache locker von einer Episode zur nächsten. Und auch hier spiegeln Auf- und Umbrüche, Kommunisten, Partisanen, Revolution und Emigranten die Bilder der Zeit. Allein für den Brief von Pietro an seinen Vater, den Drucker in Girifalco, lohnt sich die Lektüre. Pietro, nach Amerika emigriert, „hatte sich dabei von Michele Pane helfen lassen, einem befreundeten Emigranten aus Kalabrien.“ Dabei herausgekommen ist: „Dein Sohn ist ins bisiness eingestiegen: eine Druckerei […] für die ehrenwerten Freimaurer der Mazzini-Loge, auch habe ich mir das Leben – genannt laif – für tensausend und sikstin dollari versichert. […] Und wenn Du einen fragen willst: Was hast Du?, dann musst Du sagen: Wazza-metta-visju?“ – ein Italenglisch von fast tragischer Naivität.


„Das ist Italien, das ich verließ. Noch stäuben die Wege, / noch ist der Fremde geprellt, stell er sich, wie er auch will. / Deutsche Redlichkeit suchst du in allen Winkeln vergebens: / Leben und Weben ist hier, aber nicht Ordnung und Zucht“
JOHAN WOLFGANG VON GOETHE


GRIT LANDAU: Marina, Marina
Droemer, 400 Seiten, 14,99 Euro

DOMENICO DARA: Der Postbote von Girifalco
Übersetzt von Anja Mehrmann Kiepenheuer & Witsch, 480 Seiten, 23 Euro

RAFFAELLA ROMAGNOLO: Bella Ciao
Übersetzt von Maja Pflug Diogenes, 528 Seiten, 24 Euro

CARLA BERNARDI: Requiem am Comer See
DuMont, 272 Seiten, 15 Euro

GIOACCHINO CRIACO: Die Söhne der Winde
Übersetzt von Karin Fleischanderl Folio, 336 Seiten, 22 Euro

STEFANIE GERSTENBERGER: Gelateria Paradiso
Diana TB, 448 Seiten, 10,99 Euro

BELLA CIAO

Amerika spielt auch eine Rolle inBella Ciao von Raffaella Romagnolo. Giulia kommt Ende der Vierzigerjahre aus den USA zurück nach Italien und sieht, wie die vergangenen vier Jahrzehnte das Leben ihrer Familie und Freunde verändert haben. Diese Ereignisse nehmen bei einem Streik in der Spinnerei Salvi ihren Lauf. Was folgt, ist die Geschichte zweier selbstbestimmter Frauen und der Abriss einer Zeit, die für alle nachhaltig erschütternd war. „Ein grandioses, berührendes Fresko“, jubelt „Il secolo XIX“ im Klappentext. Angesichts der vielschichtigen Zusammenhänge ist das eine wunderbar treffende Beschreibung. „Leben heißt gehen. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger“, sagt sich Giulia in der Mitte des dritten Kapitels. Gegen Ende des Buches soll diese Aussage hinsichtlich der Erlebnisse entscheidend verändert werden: „Leben heißt durchhalten und Widerstand leisten.“ Diese Erfahrungen vor Augen kann man sich kaum vorstellen, dass nur ein paar Jahre später Italien als Inbegriff des Dolce Vita verstanden werden soll. Man glaubt eher an ein Trugbild oder eben an die unstillbare Sehnsucht – nicht nur der Touristen – nach einer unbeschwerten Zeit. In dieser Hinsicht kann man „Bella Ciao“ auch als ein großes Buch der Ermutigung verstehen.

O SOLE MIO

Und dann hält der Lesesommer noch zwei Titel bereit, die die Mitte des letzten Jahrhunderts entweder nur am Rande streifen oder alles andere als Bella-Italia-Feeling vermitteln. Beim ersten spielen wieder eine Giulia und ein Briefträger die Hauptrolle und wieder nimmt die Geschichte in der Vergangenheit ihren Anfang.Requiem am Comer See ist der Auftakt einer Krimireihe von Clara Bernardi, in der die Ermittlerin Giulia Cesare und ihr Freund Brutus, der örtliche Briefträger, gemeinsam Fälle aufklären. Unterhaltsame Dialoge begleiten die Ermittlung in Abbadia Lariana und spielen ganz locker mit deutsch-italienischen Vorurteilen: „Deine Deutsche ist mit einem ausgezeichneten Tropfen aus dem Piemont erschlagen worden – welch eine Verschwendung. Da wäre der Moselwein für diesen Zweck schon besser gewesen, also für meinen Geschmack. Ganz abgesehen davon, dass du damit weniger Mühe gehabt hättest, den Täter zu finden, denn wer trinkt diesseits der Alpen schon deutschen Wein.“ Etwas später werden die nationalen Indifferenzen deutlicher und machen diesen Titel trotz Mord und Totschlag zu einer unterhaltsamen Lektüre: „Die Verläufe der Bruchlinien des Schädels sind wie aus dem Lehrbuch. Sogar beim Sterben bleiben die Deutschen noch korrekt.“

MAMA LEONE

Die Söhne der Winde von Gioacchino Criaco nimmt sich dagegen alles andere als unterhaltsam aus. Vielmehr spiegelt die Geschichte das Italien wider, das in den 1960er-Jahren gerade in Kalabrien die Antithese zu den beschwingten Schlagern war. Hier kämpfen Frauen um ein einigermaßen erträgliches Leben, während sich ihre Männer in Deutschland als Gastarbeiter verdingen und ihre Söhne eine Clan-Karriere anstreben. Eine beklemmende Atmosphäre bestimmt das Buch Criacos. Und vielleicht kann er darum diese Stimmung schaffen, weil auch seine Familie eine Mafia-Geschichte hat: „Wenn man uns so sah, hätte man glauben können, dass wie einander sehr gernhatten, vor einem Jahr wäre auch mir bei diesen Szenen das Herz aufgegangen, ich hätte gesagt: ‚Was für ein wunderschönes Dorf, was für gute Leute […].‘“ Mit diesem Thema fällt „Die Söhne der Winde“ deutlich aus dem Bella-Italia-Feeling heraus, darf aber aufgrund seiner zeitlichen Relevanz hier dennoch nicht fehlen.

AZURO

Angesichts der verstrickten Familiengeschichten und historischen Zusammenhänge will der völlig unbeschwerte italienische Lesesommer nicht so richtig gelingen. Nicht einmal bei einem Titel wieGelateria Paradiso , der ja nun wirklich Leichtigkeit verspricht. Doch auch Stefanie Gerstenberger kann das Bild vom Sehnsuchtsland Italien nicht wieder vollends zurechtrücken oder die Dolce-Vita-Ordnung wiederherstellen. Allerdings sorgt sie allein mit dem Leitthema Eisdiele immerhin für den Inbegriff eines Idylls dieser Zeit. Dies allerdings bröckelt, weil die italienische Eisdiele in Deutschland für ihre Betreiber immer ein Spagat zwischen den Kulturen bedeutete. Und so führt die Geschichte die Halbschwestern Susanne und Francesca, die erst mit über 50 voneinander erfahren, in genau jene Zeit zurück, in der die Deutschen ihre Sehnsucht nach Unbeschwertheit an italienischen Küsten stillten, während die Italiener ihr Glück in Deutschland suchten.

Blauer Himmel, Dolce Vita, der Duft von Zitronen und über Promenaden flanierende Fräuleins – dieser Kulisse von italienischer Leichtigkeit stand in den Fünfziger- und Sechzigerjahren immer auch ihr genaues Gegenteil entgegen. Mehr noch, oft findet sich in den Geschichten ein Stück von Pasolinis Italien, das von Gewalt, Straßenkämpfen und der bürgerlichen Doppelmoral der Nachkriegsgesellschaft geprägt war. Das macht die Literatur des Sommers so spannend und glaubwürdig und büßt dabei, wenn man nicht gerade Popcorn-Literatur erwartet, kein bisschen an Unterhaltungswert ein.

Sabine Kelp arbeitet als freie Redakteurin für verschiedene Magazine, füllt Corporate-Publishing-Titel mit Leben und hat eine Gastrokolumne in der „WAZ“

BILDBAND-TIPP

JOHANN WOLFGANG VON GOETHE, HELMUT SCHLAISS (FOTO): Italienische Reise
Der Fotograf Helmut Schlaiß folgt Goethes Spuren, der mit seiner legendären Bildungsreise über die Alpen die Sehnsucht der Deutschen nach unbeschwerter Leichtigkeit und südländischer Lebensart auslöste. Für sein fotografisches Abenteuer spürte er anhand der Reisetagebücher akribisch die Landschaften, Plätze, Gebäude und Kunstwerke auf, die Goethe beschrieb. Die 125 Fotografien in Schwarz-Weiß (Duotone) werden so auch zu einer Zeitreise in den Kopf des Dichters und seiner Sicht der italienischen Kulturlandschafen vor über 200 Jahren.
Manesse, mit einem Nachwort von Denis Scheck, 336 Seiten, 49,80 Euro