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BELUTSCHISTAN


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Off Road - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 08.02.2022

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BELUTSCHISTAN

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Bildquelle: Off Road, Ausgabe 3/2022

Gleich vorweg: Wer heutzutage beabsichtigt, mit einem Fahrzeug von Europa nach Indien, Nepal oder noch weiter Richtung Sonnenaufgang zu fahren, steht vor grundsätzlichen Entscheidungen die Route betreffend. Sieht man sich die Strecke auf der Karte an, ist schnell klar, dass es nur drei Möglichkeiten auf dem Landweg gibt. Erstens: durch China. Zweitens: durch Afghanistan, was seit dreißig Jahren so gut wie niemand auf eigene Faust versucht hat. Und drittens: durch Pakistan. Genauer gesagt durch den Teil von Pakistan, der unter dem Namen Belutschistan firmiert. Da wir Afghanistan leider außen vor lassen müssen, bleibt die Wahl zwischen China und Belutschistan. Tati und ich entschieden uns im Jahr 2018 weniger FÜR den Weg

durch die pakistanische Wüste als vielmehr GEGEN China. Und zwar ganz einfach der Kosten wegen. Denn die Durchfahrung von China, so reizvoll sie mit ...

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... Sicherheit wäre, ist mit teuren Auflagen verbunden. Zum Beispiel der Pflicht, einen chinesischen „Guide“ mit an Bord zu nehmen. Also einen Aufpasser der Regierung. Zu den Ausgaben, die dafür bereits im Vorfeld zu entrichten sind, kommen Unterkunft und Verpflegung des Anhängsels. So läppern sich schnell einige Tausend Euro für einen reinen Transit zusammen. In unserem Low-Budget- Fall wäre es ein Betrag gewesen, der die Reisekasse für sechs Monate schlichtweg halbiert hätte!

PAKISTANISCHE VISA

Also beantragten wir Multiple-Entry-Visa für Pakistan zur Hin- und Rückfahrt. Besser gesagt: Wir versuchten zunächst sie zu beantragen. Aber schnell war klar, dass die Zuständigkeit für Anträge aus der südlichen Hälfte Deutschlands beim Generalkonsulat der Islamischen Republik Pakistan in Frankfurt am Main liegt, wo zu unserem Leidwesen über Wochen niemand erreichbar war. Ganz im Gegensatz zur pakistanischen Botschaft in Berlin, die eigentlich nur für Visa- Anträge aus der nördlichen Hälfte der Bundesrepublik zuständig ist. Hier wurde uns nämlich schnell geholfen. Als allerdings die Pässe aus Berlin zurückkamen, stand ein falsches Datum auf den Visa. Und jetzt bekamen wir einen ersten – aber nicht letzten – Eindruck von pakistanischer Bürokratie. Wieder zurück in Berlin wurden nämlich die Visa von der Botschaft nicht ausgetauscht, sondern einfach mit Tipp-Ex(!) ausgebessert. Das wunderte uns, gelinde gesagt. Was uns im Nachhinein aber noch mehr wunderte war, dass diese Tatsache bei keinem Grenzübertritt auffiel!

ANFAHRT

Mit unseren getippexten Visa in den Pässen machen wir uns schließlich auf zur großen Fahrt. Und schon im östlichen Iran wird uns klar, wie einsam man sich in einer Wüste fühlt, wenn die Aussicht auf allen Seiten gleich ist: Abgesehen von einigen Strommasten ist vor uns Straße und Sand, hinter uns Sand und Straße, links und rechts von uns nur Sand und 360 Grad um uns herum der Horizont. Wir haben ein seltsames Gefühl von Stillstand trotz scharfer Überlandfahrt. Zu diesem Gefühl mischt sich eine gewisse Nervosität, je näher wir der pakistanischen Grenze kommen. Was wurde uns im Vorfeld nicht alles über diese Gegend berichtet! Raketenangriffe, Entführungen und Feuergefechte seien an der Tagesordnung. Diesen Eindruck vermittelt jedenfalls das Auswärtige Amt. Fünf Kilometer vor dem Grenzort Taftan werden wir von iranischen Sicherheitskräften gestoppt. Sie bitten uns kurz zu warten, bis eine Eskorte eintrifft, die uns auf dem restlichen Weg begleiten soll. Als nach zehn Minuten noch niemand in Sicht ist, wünschen sie uns aber eine gute Fahrt.

Nein, kein Schrottplatz. Eher eine besondere Form von Asservatenkammer. mischt sich eine gewisse Nervosität, je näher wir der pakistanischen Grenze kommen. Was wurde uns im Vorfeld nicht alles über diese Gegend berichtet! Raketenangriffe, Entführungen und Feuergefechte seien an der Tagesordnung. Diesen Eindruck vermittelt jedenfalls das Auswärtige Amt. Fünf Kilometer vor dem Grenzort Taftan werden wir von iranischen Sicherheitskräften gestoppt. Sie bitten uns kurz zu warten, bis eine Eskorte eintrifft, die uns auf dem restlichen Weg begleiten soll. Als nach zehn Minuten noch niemand in Sicht ist, wünschen sie uns aber eine gute Fahrt.

GRENZE

Am ersten Mai 2018 morgens um 10 Uhr überqueren wir also die Grenze von Iran nach Pakistan. Der Papierkram ist schnell erledigt. Obwohl auf pakistanischer Seite mit riesigen Büchern statt Computern gearbeitet wird. Unmittelbar nach der Grenze werden wir von den Levies übernommen, eine Art Stammespolizei der Belutschen. Sie haben das Sagen auf den 600 Kilometern zwischen Taftan und Quetta. Jedenfalls solange niemand auftaucht, der schwerer bewaffnet ist. Zum Beispiel Kämpfer aus Afghanistan, dessen Grenze weniger als 30 Kilometer entfernt liegt. Die Levies bringen uns in eine Kaserne, Schrägstrich Gefängnis, Schrägstrich Depot für Auto- Wracks und erklären uns, dass für heute hier Schluss sei. Bis morgen Früh werde unser Weitertransport organisiert. Wir bekommen ein leeres Zimmer zugewiesen und werden sehr gastfreundlich behandelt. Der Komplex, in dem wir uns befinden, ist ein U-förmiges, einstöckiges Gebäude mit einer Mauer und einem Blech-Tor an der offenen Seite. Es birgt Büros, Aufenthaltsräume, unser Gästezimmer, aber eben auch einige Gefängniszellen.

Alles glüht in der Wüstensonne. Der Innenhof misst ungefähr 15 mal 20 Meter und ist zu zwei Dritteln mit Autos gefüllt, die angeblich zu laufenden Gerichtsverfahren gehören. Dem Zustand dieser Vehikel nach zu urteilen, mahlen die Mühlen der Justiz hier sehr langsam. Kaum eines steht noch auf allen vier Rädern. Manche sind mangels Scheiben mit Sand gefüllt und wieder andere verzichten auf einen Motor. Offenbar dient dieser Fuhrpark auch als Ersatzteillager. An den Seitenfenstern eines Nissan Pick-up entdecke ich Windabweiser aus Plastik, die ziemlich genau an unseren Terrano II passen würden. Als ich deswegen einem der Levies mein Interesse bekunde, meint er auch prompt: Überhaupt kein Problem, könnt ihr haben. Er freut sich sichtlich, uns damit helfen zu können. Im Laufe des Tages fällt uns ein Mann auf, der in einer der Zellen festgehalten wird. Ein Dieb, erfahren wir auf Nachfrage. Unglücklich sitzt er auf dem Boden und beobachtet den Hof durch eine Stahlgitter-Türe. Außer einem Eimer hat er keine Gesellschaft. Etwas Schwung kommt am Nachmittag in die Bude. Ungefähr 30 junge Männer werden hereingebracht. Es sind, wie man uns erklärt, pakistanische Flüchtlinge, die im Iran geschnappt und anschließend wieder angeschoben wurden. Keiner hat viel mehr Gepäck als eine kleine Handtasche bei sich. Nach kurzem Trubel beruhigt sich die Situation. Die Jungs suchen sich einen Platz im Schatten und warten ab. Die allgemeine Stimmung ist gut. Die Levies sind freundlich und lachen viel, auch wenn sie mit ihren russischen Maschinengewehren martialisch aussehen. Sie bieten Haschisch und Opium an, um uns die Wartezeit zu versüßen, aber wir lehnen dankend ab.

KEILEREI

Nachts kommt es dann doch zu einer unbehaglichen Situation: Zwei berauschte Levies kriegen sich in die Haare. Von einem Moment auf den anderen explodieren die beiden. Der Kleinere greift den Größeren an, wird aber sofort von diesem übermannt. Auf dem Rücken liegend bekommt er daraufhin einen ungezügelten Fausthagel ins Gesicht, bis er aus Mund und Nase blutet. Ihre Kollegen zerren die beiden schließlich auseinander und schicken den Verletzten nach Hause. Hinterher lachen alle über den Vorfall, aber uns ist etwas mulmig zumute wegen der Tatsache, dass alle Beteiligten mit Kalaschnikows bewaffnet waren.

ABFAHRT

Am nächsten Morgen gegen neun Uhr geht es endlich los. Der erste von vielen alten Toyota Hilux, mit zwei bewaffneten Levies auf der Ladefläche, holt uns ab. Die einzige Anweisung lautet: Hilux fährt voraus, ihr bleibt dran! Die Umsetzung gestaltet sich nicht besonders schwierig, weil sich die Levies viel Zeit lassen und nicht schneller als 50 km/h fahren. Wir fragen uns, wie man bei der Geschwindigkeit 600 Kilometer am Tag schaffen soll, aber Befehl ist Befehl. Nach etwa 30 Kilometern erreichen wir einen Checkpoint. Nicht mehr als eine kleine Schutzhütte aus Lehm und die ist leer – bis auf einen Teppich am Boden, eine Autobatterie und ein Funkgerät. Die Besatzung besteht aus zwei Levies, die uns als willkommene Abwechslung verstehen und zunächst einmal Tee reichen. Auch hier ist die Stimmung heiter. Es wird viel gelacht und gescherzt. Niemanden außer uns Deutschen stört, dass der Tag nur 24 Stunden hat. Wir werden gebeten, unsere Angaben zur Person in ein riesiges Buch zu schreiben. Inklusive Name und Anschrift der Väter. Als alles erledigt ist, könnten wir weiterfahren. „Könnten“ deshalb, weil sich herausstellt, dass wir auf die Eskorte für den nächsten Abschnitt warten müssen. Jetzt macht es klick bei uns. Alle 30 Kilometer gibt es einen solchen Checkpoint und dazwischen pendeln die Hiluxe. Deswegen beeilt sich auch keiner. Schließlich muss niemand außer uns weiter als 30 Kilometer fahren. Dieses Spiel wird sich von nun an zwei Tage lang wiederholen – mit kleinen Abweichungen.

DER VERFOLGER

Zum Beispiel ist auf einem Abschnitt kein Fahrzeug verfügbar, und so wird uns kurzerhand ein Mann auf den Beifahrersitz gesetzt. Während Tati die Fahrt auf dem Gepäck kauernd im Fond genießt, nähert sich von hinten ein anderes Auto. Die Sicht beträgt mehrere Kilometer in alle Richtungen und so ist es zunächst nur ein glänzender Punkt am Horizont. Ich fahre 110 km/h, aber bald ist klar: Der Punkt holt auf und unser Levie wird nervös. Nach unendlich langen Minuten ist das Auto nur noch 100 Meter hinter uns, Tendenz weiter abnehmend. Jetzt hat auch uns die Nervosität gepackt. Schneller fahren ist bei unserem Gewicht und auf dieser Straße keine Option. Schon erkenne ich die Umrisse des Fahrers im Rückspiegel. Der Levie überprüft fahrig sein Gewehr, und ich schwitze nicht nur an den Händen, als uns der Kleinwagen überholt. Die Insassen – zwei alte Männer und ein Kind – interessieren sich dann aber nicht im Geringsten für uns. Abgesehen von dieser Situation begegnen wir nur sehr wenigen Fahrzeugen außer Lastwägen und Dieselschmugglern. Letztere bewegen bevorzugt die blauen Zamyad Z24 Pick-ups, Lizenznachbauten des Nissan Junior aus den 1970er Jahren. Auf deren Ladeflächen haben sie kunstvoll große Mengen Ölfässer verzurrt. Sie schmuggeln Diesel aus dem Iran nach Pakistan. Bei einer Preisdifferenz von umgerechnet circa 90 Euro-Cent pro Liter scheint uns das ein profitables Geschäft zu sein. Auch wir haben im Iran nochmal die Luft aus allen Tanks gelassen, wohl wissend, dass der Sprudel nicht mehr viel billiger als 7 Cent pro Liter werden kann.

DALBANDIN

Die Nacht verbringen wir in einem Hotel in Dalbandin, der einzigen größeren Ortschaft auf der Strecke. Von der Grenze bis hierhin sind es 290 Kilometer, für die wir sage und schreibe zehn Stunden brauchten. Vor unserer Zimmertür sitzt die ganze Nacht ein Wachposten, als wäre es das Normalste der Welt. Nach zwei strapaziösen Tagen unter der pakistanischen Wüstensonne erreichen wir die Stadt Quetta. Wir lassen den 3200 Meter hohen Chiltan links liegen und folgen einem gepanzerten Wagen der Stadtpolizei mitten hinein ins Getümmel. Die Kiste sieht aus, als wäre sie vom A-Team in einer Scheune entworfen und gebaut worden. In der Provinzhauptstadt steht die Organisation des NOC an, des „No Objection Certificate“. Dabei handelt es sich um eine Art schriftliche Genehmigung zur Weiterreise. Die Beantragung des selbigen erfolgt im Homeland Office. Zwei Tage später ist auch diese Hürde genommen und wir sind unserem Ziel Indien zwar einen riesigen Schritt näher, können aber noch nicht ermessen, welches Chaos uns dort erst erwartet.

FAZIT

Die Route durch Pakistan ist anstrengend, aufregend, wild und teilweise sogar mittelalterlich. Aber sie ist ebenso landschaftlich schön, freundlich, lustig und auf jeden Fall ein Abenteuer. Auf die Frage, ob sie gefährlich ist, muss die Antwort jedoch ein wenig differenzierter ausfallen. Denn trotz manch mulmigem Gefühl waren wir zu keiner Zeit in besonderer Gefahr. Aber dass es auch anders kommen kann, mussten 2013 zwei tschechische Rucksacktouristinnen erfahren. Sie wurden auf dieser Strecke von Banditen entführt und kamen erst zwei Jahre später wieder frei. Aber auch diese Tatsache relativiert sich mit all den Jahren, in denen seither nichts passiert ist. Denn es durchqueren etwa drei bis fünf westliche Fahrzeuge pro Woche diese Gegend. Zu dieser Einschätzung kamen wir durch die eingangs erwähnten großen Bücher, in die man sich an jedem Checkpoint einträgt. Sie ermöglichten uns eine grobe Schätzung des Fremdenverkehrs in diesem Teil der Welt. Schließlich würde es mich sehr wundern, wenn es das Wort Datenschutz auf Belutschi gäbe. ■

T/F | | August Auer

RATSCHLÄGE FÜR BELUTSCHISTAN

VORBEREITUNG

• Letzte Einkaufsmöglichkeit Zahedan/Iran

• Lebensmittel für mindestens eine Woche

• 5 Liter Trinkwasser pro Person mind.

• Vorbereitete Handzettel mit allen Angaben zur Person können manches beschleunigen.

AUF DER FAHRT

• Anweisungen der Levies befolgen. Diskutieren bringt nichts.

•H öflichund respektvoll gegenüber den Levies auftreten. Sie sind es auch zu euch.

• Auf Stress gefasst sein

• Immer ruhig und geduldig bleiben

QUETTA

• Auf gar keinen Fall im Bloomstar Hotel absteigen. (Unverschämte Wucherer)

• Besser auf der Polizeistation im eigenen Fahrzeug übernachten