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Benjamin Bernheim Geschichtenerzähler


Rondo - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 18.10.2019

Der als große Hoffnung gehypte Tenor erweitert sein lyrisches Fach – hin zu Verdi, Puccini und Tschaikowski.


Artikelbild für den Artikel "Benjamin Bernheim Geschichtenerzähler" aus der Ausgabe 5/2019 von Rondo. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Rollenwechsel: Vom Alfredo könnte er sich verabschieden, die Partie des Nemorino braucht er noch – sie bringt ein Lächeln in Benjamin Bernheims lyrischen Tenor


Wir treffen uns in Zürich in einem Café am Sechseläutenplatz mit Blick auf das Opernhaus. Dort sammelte der französische Tenor mit dem makellos reinen, lyrischen Timbre und den perfekt verblendeten Registern seine ersten Bühnenerfahrungen im Opernstudio und wechselte ins feste Ensemble. Heute singt Benjamin Bernheim an allen großen europäischen Opernhäusern zwischen Wien und Mailand und wächst behutsam hinein ins schwerere Fach.

RONDO: Sind Sie musikalisch vorbelastet?

Benjamin Bernheim: Meine Eltern sind beide Opernsänger, ich bin oft im Opernhaus backstage gewesen und war auch im Kinderchor vom Grand Théâtre in Genf. Das Theater war immer eine Traumwelt für mich.

Dann stand der Berufswunsch schon früh fest?

Nein, im Gegenteil: Ich wollte überhaupt nicht Opernsänger werden, denn ich habe gesehen, dass das nicht so einfach ist. Man muss viel Glück haben und ein unglaublich gutes Timing.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort?

Genau, und das kann man nicht vorbereiten. Ich dachte mir, das ist zu risikoreich. Ich wollte lieber Diplomat oder Psychologe werden.


Es ist wie Formel 1. Ich kenne alle Kurven, aber ich weiß nicht, wie das Wetter sein wird.“
Benjamin Bernheim


Psychologe ist ja schon relativ nah dran am Sänger, oder?

Ja, gewissermaßen. Dann aber habe ich mit siebzehn Jahren doch meine Stimme ausprobiert. Ich war nicht sonderlich überzeugt von ihr, aber ich habe bemerkt, dass sie auf andere Leute eine starke Wirkung hat.

Wieso haben Sie anfangs nicht an Ihre Stimme geglaubt?

Ich habe meine Stimme nicht besonders gemocht, ich dachte, sie ist zu hell und nasal, aber die Leute waren begeistert. Es war eher so, dass dieses Echo mich dazu gebracht hat, also, nicht ich, sondern der Beruf hat sich für mich entschieden!

Hatten Sie Unterricht bei Ihren Eltern?

Nein, ich bin nach Lausanne gegangen zum Studium, dort bin ich künstlerisch erst zu mir gekommen, denn ich musste mich bewusst lösen von meinen Eltern. Ich hatte vorher immer im Kopf gehabt, was sie dachten über diese Oper und jene Rolle und wie man singen sollte. Ich habe intuitiv gespürt, dass ich da einen radikalen Schnitt brauchte.

Aber es ist ja nicht nur die Stimme allein, die den Sänger ausmacht.

Nein, die Stimme und der Klang sind nur 10 Prozent. Wir sind Geschichtenerzähler. Es ist heute sehr wichtig, dass wir gute Darsteller sind und nicht nur Show-Men, so wie das früher war. Ich habe gerade „La Traviata“ in Paris mit dem Filmregisseur Simon Stone erarbeitet, ihm ist ein präzises, aber leichtes Spiel sehr wichtig. Keine großen Gesten. Das ist für mich interessanter als alles andere.

Und wieso haben Sie als lyrischer Tenor nie Mozarts Ferrando oder Don Ottavio gesungen?

Mit 25 Jahren hätte es Sinn gemacht. Aber da war ich in Zürich und da war ich nur einer von vielen Tenören, sagen wir, ich war vielleicht Nr. 16 in der Reihe. Es gibt eben auch ein Timing für das Repertoire, und für diese Mozart-Erfahrungen zur rechten Zeit war ich damals am falschen Opernhaus.

Der Alfredo ist im Moment eine Ihrer wichtigsten Rollen …

Und immer anders! Ich habe Alfredo schon oft gesungen, natürlich immer mit ganz anderen Kollegen. Und jeder Germont und jede Violetta bringen eine andere Farbe ein – und die verlangt eine andere Antwort von mir! Mir ist es wichtig, flexibel zu sein – ja, ich habe die Rolle sehr oft gesungen, aber jetzt kommt wieder eine neue Variante. Ein Künstler muss sich immer erneuern.

Welche Tenor-Vorbilder haben Sie?

Viele! Natürlich Domingo, Pavarotti, Carreras, Aragall, Bergonzi, später habe ich dann Jussi Björling und Nicolai Gedda entdeckt.

Ich muss bei Ihnen oft an Gedda denken! Weil er auch über so eine große Palette an Farben verfügte, stilistisch so vielfältig war und so eine enorme dynamische Breite besaß.

Ich muss diese Phase jetzt genießen, in der ich noch lyrisch bin und schon Verdi singe. Vielleicht bleibt es auch die nächsten 30 Jahre so? Aber wenn ich meinen ersten Don José oder Cavaradossi gesungen habe, kann es auch vorbei sein mit der Flexibilität.

Demnächst singen Sie Ihren ersten Duca im „Rigoletto“.

Ja, und das macht Sinn! Ich will mich nicht immer nur in der Komfortzone aufhalten. Danach kommt Romeo, Faust von Berlioz und Werther und in zwei, drei Jahren mein erster Hoffmann – aber in meiner Fassung!

Sie meinen gekürzt?

Ja, denn sonst ist es ist eine unendliche Oper. Hoffmann ist eine meiner Traumrollen, das ist jetzt an der Zeit, dann „Don Carlo“ auf Französisch, dann „Un ballo in maschera“, und Edgardo aus „Lucia“ reizt mich auch sehr.

Wie erarbeiten Sie die Psychologie einer Rolle?

Ich denke mich so weit wie möglich in die Psychologie einer Rolle hinein. Aber wenn ich dann in der Probenzeit sehe, dass ich bestimmte Aspekte nicht unterbringen kann, bin ich flexibel. In Covent Garden habe ich letztes Jahr Alfredo gesungen, und in einer Kritik stand: Das ist kein richtiger Piave/Verdi-Alfredo, sondern eher eine Alexandre-Dumas-Version dieser Figur! Und das habe ich als Kompliment aufgefasst! Und an der Scala war ich ein total italienischer Alfredo! Ich kann eben verschiedene Versionen singen.

Es kommt also auch auf die Aura des Ortes an?

Natürlich, in Mailand sollte man nicht zu intellektuell auftreten. Denn das Orchester und die Zuschauer haben Verdi im Blut. Man muss dort einfach singen. Ich weiß, was diese Leute hören wollen, ich fühle das instinktiv.

Gibt es eine Rolle, die Sie auf jeden Fall so lange wie möglich halten wollen?

Ja, den Nemorino! Viele Kollegen sagen, dass die Mozart-da-Ponte-Rollen Balsam für die Stimme sind, aber die habe ich ja verpasst! Deshalb brauche ich Nemorino, denn er ist ein sehr gutes Training. Carlo Bergonzi hat einmal zu mir gesagt: „Das bringt ein Lächeln in die Stimme“. Ich liebe Alfredo, und doch kann ich bald „tschüss!“ sagen zu dieser Partie – aber den Nemorino brauche ich.

Was war Ihre schwierigste Partie bislang?

Nemorino und der Duca. Das sind große Partien, technisch schwierig. Aber auch der erste Rodolfo war eine Herausforderung für mich. Nemorino ist toll, aber er ist dumm! Des Grieux in „Manon“ ist sehr, sehr schwierig. Ich habe diese Rolle im Kopf, im Herzen, im Blut – die Herausforderung besteht darin, dabei nicht zu emotional zu werden. Wie bei Werther auch.

Denken Sie an schwierigen Stellen an die Technik, wenn Sie auf der Bühne stehen?

Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich weiß nicht?! Es ist wie Formel 1. Ich kenne alle Kurven, aber ich weiß nicht, wie das Wetter sein wird. Wird es regnen? Oder bleibt es trocken? Ich weiß vorher nicht, wie ich mich heute fühle. Ich gehe in einen Tunnel und denke nicht so viel. Ich denke vorher viel, wenn ich die Rolle baue. Aber auf der Bühne versuche ich Farben zu produzieren, ehrlich zu sein, spontan und risikobereit.

Nehmen Sie sich auf zur Kontrolle?

Nicht mehr, drei Stunden üben und dann drei Stunden das Band abhören? Das erschien mir irgendwann absurd. Ich habe noch andere Interessen wie Politik und Sport … Ich muss mich auf meine Vorstellungskraft verlassen, ich weiß, wie es klingen soll. Und muss akzeptieren, dass es immer ein Tango ist zwischen Vorstellungskraft und Realität.

Lyrische Wurzeln

Benjamin Bernheim studierte bei Gary Magby am Konservatorium von Lausanne und komplettierte seine Ausbildung mit Meisterkursen bei Giacomo Aragall und dem Besuch der Accademia Verdiana von Carlo Bergonzi in Busseto. Seit der Spielzeit 2008/09 war er Mitglied des Opernstudios des Opernhauses Zürich, 2010 wechselte er dort ins feste Ensemble. Nun erscheint seine Debüt-CD und präsentiert einen Querschnitt seines ungewöhnlich breiten Repertoires, von seinen Wurzeln in den lyrisch-französischen Partien wie Gounods Roméo oder Massenets Des Grieux über Donizettis Nemorino und Puccinis Rodolfo bis hin zu Verdis Duca, Tschaikowskis Lenski und Berlioz’ Faust.

Neu erschienen: „Benjamin Bernheim“ ,

Arien von Gounod, Verdi, Puccini u. a., mit Prague Philharmonia, Villaume,DG/Universal

Abonnenten-CD: Track 4

Die nächsten Auftritte:

18.10. La Grange au Lac (CH)(Berlioz, Gounod, Massenet, Tschaikowski)

7./10./13.11. München,Staatsoper (Rigoletto)

22./26.12. & 3./8.1. Berlin,Staatsoper (La Bohème)

16./19.1. Berlin,Staatsoper (La Traviata)


Foto: Christoph Köstlin

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