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Benzinschwestern


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The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 11.10.2022
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Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 11/2022

NEXT STOP: SCHLEIZ Die Petrolettes-Gründerin IreneVincent Kotnik beim Schneider Einladen ihres surfing Triumph-Choppers, the river in fotografiert Bremgarten. in Berlin im Juli dieses Jahres

Irene Kotnik steht auf einer provisorischen Bühne mit Blick auf die älteste Straßenrennstrecke Deutschlands in Thüringen und ruft der Menge vor sich zu: „Einigkeit! Empowerment! Schwesternschaft!“ Die zierliche blonde Frau, die meist einen schwarzen Jeans-Overall trägt, ist die Gründerin der Petrolettes, des weltweit ersten Motorradclubs für Frauen. Und heute steht sie im Mittelpunkt des Petrolettes Festivals, Europas größter Motorradveranstaltung nur für Frauen.

Obwohl Kotnik häufig gezwungen ist, die strikte Beschränkung auf Frauen gegenüber Männern zu rechtfertigen, weist sie das Etikett „militante Feministin“ zurück. „Es geht nicht um eine politische Haltung“, sagt sie. „Die Idee war einfach, einen Raum für mich und meine Freundinnen zu schaffen. Ich wollte Frauen mit der gleichen Leidenschaft treffen.“

Was 2016 als Treffen von 250 Fahrerinnen bei einem illegalen Straßenrennen am Rande Berlins ...

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... begann, ist heute ein jährliches Festival, das an verschiedenen Orten in Deutschland stattfindet und Hunderte von Motorradfahrerinnen aus der ganzen Welt anlockt.

Ursprünglich hat Irene Kotnik Motorradfahren gelernt, um ihren Vater bei der Erfüllung seines Lebenstraums zu begleiten: einmal die berühmte Route 66 in den USA entlangfahren. „Aber die anderen Biker, die wir trafen, waren allesamt alte Männer auf riesigen Cruisern und mit Bierbäuchen“, erinnert sie sich. „Die Szene gefiel mir überhaupt nicht.“

2013 stieß Kotnik zufällig auf „Wheels and Waves“ – ein ultraschickes Festival in Biarritz, im Südwesten Frankreichs, wo Oldtimer-Motorräder auf Surf- und Skate-Kultur treffen. Sie war sofort fasziniert. „Ich wollte zurück nach Berlin, ein kleines Motorrad kaufen und es selbst herrichten.“ Aber zu Hause hatte sie keine Motorradfreunde, schon gar keine weiblichen, und die Mainstream-Motorradveranstaltungen mit ihrer Macho-Atmosphäre reizten sie nicht – „als wären wir noch in den 1970er-Jahren“. Also suchte sie im Netz nach Frauen auf Motorrädern. Es war die Geburtsstunde der Petrolettes.

Völkerverbindende App

Die Petrolettes sind keine Erscheinung der 1970er, sondern eine des 21. Jahrhunderts. Deshalb gibt es auch eine gleichnamige App, die inzwischen mehr als 12.000 Motorradfahrerinnen in 43 Ländern miteinander verbindet. Über die Plattform können die Userinnen Tipps austauschen und Mitfahrerinnen finden. Auf die Idee mit der App kam Kotnik während der Pandemie. „Das Festival war während der Lockdowns nicht durchführbar“, sagt sie. „Die Leute wollten sich trotzdem für einen Ausritt mit Abstand treffen. Aber es gab so viel Verwaltungsaufwand und so viele E‐Mails, um alles zu organisieren, dass mir klar wurde, dass eine App das alles für mich erledigen könnte!“

Die Idee dazu brütete sie schon eine ganze Weile aus, inspiriert von einer Solofahrt, die sie 2015 an der Westküste der USA unternahm. „Ich nutzte Facebook, um Mitfahrerinnen zu finden, bei denen ich unterwegs übernachten konnte, und dachte mir: Hmm, würde ich auf der Couch eines Mannes schlafen?“

In der App gibt es eine interaktive Karte mit einem Punkt für jede Petrolette auf der Welt. Jede von ihnen gibt in ihrem Profil an, was sie anbietet: Bett, Fahrrad, Werkstatt. Und die Sache funktioniert. Eine Petrolette aus Großbritannien übernachtet auf dem Heimweg vom Festival bei einem deutschen Mitglied; und eine amerikanische Fahrerin, die nach der Veranstaltung ihren Europatrip fortsetzen möchte, hat einen Schlafplatz bei einer Bikerin aus Paris gefunden.

Aus Süddeutschland ist Alischa Jewko angereist. Sie hat die App genutzt, um nach der Trennung von ihrem Freund gleichgesinnte Petrolettes in ihrer Umgebung zu finden. „Wir fuhren früher zusammen in einem örtlichen Motorradclub“, sagt sie. „Aber als wir uns trennten, war klar, dass er im Club bleiben würde und nicht ich. Einige Clubmitglieder fahren nicht einmal Motorrad, es geht mehr darum, ein Mann zu sein, als um das Motorradfahren.“

Beim Petrolettes Festival dreht sich alles um das Motorradfahren, klar – aber es geht um mehr als das. Neben packenden Rennen, Pop-up-Tattoostudios und Musikbands (alle weiblich natürlich) gibt es ein Yoga-Zelt und eine Masseurin, die den Fahrerinnen nach der langen Anreise aus Portugal, Polen oder Holland die Verspannungen aus den Muskeln knetet.

Glam und Tattoos

Am Freitagabend trudeln immer mehr Motorräder auf dem Parkplatz ein: alte 1970er-Jahre-Trailbikes, glänzende nagelneue BMW-Tourenmaschinen und mächtige Harleys. Unbeeindruckt vom Regen werden Zelte aufgebaut und Packtaschen ausgepackt. Als sich die Frauen für Kotniks Eröffnungsrede um die Bühne versammeln, wird klar, dass es so etwas wie eine typische Petrolette nicht gibt. Jede Generation ist vertreten und jeder Stil der Motorradkultur zu sehen – von schickem Pariser Retro-Glamour bis hin zu Tattoos im Gesicht. Was uns das sagt? Alle Frauen sind willkommen. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl war es auch, das die in Kanada geborene und in Berlin lebende Musikerin Yvonne Ducksworth zu den Petrolettes brachte.

„Einigkeit! Empowerment! Schwesternschaft!“

Bikerin Calvinna Caswara und das Motto der Petrolettes

„Ich fahre schon mein ganzes Leben Motorrad“, sagt sie. „Aber als farbige Frau in Deutschland bin ich sehr vorsichtig, was die Teilnahme an Biker-Veranstaltungen angeht. Ich frage mich immer, ob es dort AfD-Leute gibt, und ich bin mir bewusst, wie die Leute mich angucken. Aber als ich 2016 zum ersten Petrolettes Festival kam, bin ich fast in Tränen ausgebrochen! Normalerweise bin ich ein sehr gesprächiger, Mensch, aber ich stand einfach nur still da, war überwältigt und nahm alles in mich auf. Ich konnte es nicht fassen. Ich dachte: Endlich habe ich meine Crew gefunden.“

Legendärer Straßenkurs

Dieses Jahr findet das Festival auf dem „Schleizer Dreieck“ statt, einem legendären Straßenkurs in Thüringen, der beinahe zufällig entstand. 1922 stellte ein deutscher Rennfahrer und Ingenieur fest, dass drei Straßen in der Nähe der verschlafenen Stadt Schleiz eine perfekte Teststrecke bilden würden. Das Dreieck wurde bald zu einer der besten „natürlichen“ Rennstrecken der Welt. 1950 kamen 250.000 Zuschauer hierher, um die Deutsche Meisterschaft zu sehen. Ein halbes Jahrhundert später wurde der Kurs als zu gefährlich eingestuft und 2003 grundlegend umgestaltet, um sicherere Rennen zu gewährleisten. So passt es gut, dass der Höhepunkt des Petrolettes Festivals an diesem Ort über die Bühne geht: ein Sprint-Wettbewerb.

Gebäude und Tribünen sind retro – der Rest ist revolutionär.

Die neue Rennstrecke selbst mag zwar glänzen, doch die Infrastruktur und die Gebäude wurden nicht an das 21. Jahrhundert angepasst, sondern haben sich ihr baufälliges Flair bewahrt: abblätternde Farbe, Maschendrahtzäune und wettergegerbte Tribünen. Unter einem schiefergrauen Himmel mischt sich zum rauen Gesang von AC/DC-Sänger Bon Scott aus den Boxen das Dröhnen von Hunderten zuckenden Gasgriffen. Irene Kotnik ergreift das Mikrofon für einen letzten fiebrigen Anfeuerungsruf, die schwarz-weiß karierte Startflagge wird geschwenkt – und los geht’s. Die Fahrerinnen treten paarweise gegeneinander an und beschleunigen auf den 100 Metern wie benzinbetriebene Windhunde, die aus ihren Käfigen befreit wurden.

Workshop-Mentalität

Für diejenigen, die sich nicht auf der Rennstrecke messen, werden geführte Ausfahrten in der Umgebung und Workshops angeboten, zum Beispiel in Sachen Mechanik oder Abenteuerfotografie. Dabei werden auch ehrliche Diskussionen über Ängste geführt, die immer Teil des Motorradfahrens sind, aber bei einem Treffen von männlichen Bikern wahr- scheinlich eher nicht zu hören sein dürften, meint Irene Kotnik.

Auf der Wiese neben der Rennstrecke coacht Rallye-Dakar-Veteranin Tina Meier einen Offroad-Kurs. Sie nutzt Konzepte aus ihrem anderen Job als Yogalehrerin, um das für die Eroberung des Geländes erforderliche Körpergefühl zu vermitteln. „Bergab ist es der abwärts gerichtete Hund, bergauf die Kobra“, sagt Meier und demonstriert die einzelnen Positionen. Dann bittet sie die Gruppe, über den unebenen Boden zu fahren und dabei die linke Hand vom Lenker zu nehmen, um einen Ball an einer Schnur zu fangen. Diese Aktion, erklärt sie, lenkt die Aufmerksamkeit vom Gelände ab und sendet eine Botschaft an das Gehirn: Der Körper kann beide Bewegungen gleichzeitig ausführen.

Sohar aus Rom, die ebenfalls Yogalehrerin ist, fährt erst seit einem Jahr Motorrad, hat aber bereits 10.000 Kilometer auf ihrer Honda NC750S zurückgelegt. „Für mich ist Motorradfahren wie Yoga“, sagt sie. „Es konfrontiert mich mit meinen Unsicherheiten, aber auch mit meinem Bedürfnis nach Unabhängigkeit und meiner Liebe zur Geschwindigkeit. Und wie beim Yoga sind die inneren Prozesse individuell. Sich mit den Petrolettes auszutauschen und zu lernen, dass wir ähnliche Probleme haben, kann jedenfalls extrem ermutigend sein.“

Modeprobleme

Ein weiteres heiß diskutiertes Gesprächsthema auf dem Festivalgelände ist das miserable Angebot an Motorradkleidung für Frauen. Nichts passt richtig, und alles, was für Frauen entworfen wird, ist rosa.

Céline Froissart, eine Motorradfahrerin aus Paris, hat die Sache nach einem Erlebnis in einem französischen Motorradladen selbst in die Hand genommen. „Ich war auf der Suche nach Motorradjeans“, erzählt sie, „aber die waren alle mit niedriger Taille. Also fragte ich den Verkäufer, ob sie auch Jeans mit hoher Taille hätten, und er antwortete, dass Frauen Jeans mit niedriger Taille bräuchten, weil sie auf dem Sozius (der Sitz hinter dem Fahrer eines Motorrads; Anm.) ihren Tanga zur Schau stellen müssten.“ Dieses Gespräch gab den Anstoß zur Gründung von 2MileSix, der Bekleidungslinie von Froissart für Bikerinnen. „Ich hatte keine Erfahrung mit der Herstellung von Kleidung“, lacht sie. Trotzdem gab sie ihren Job in der Luft- und Raumfahrtkommunikation auf und machte sich daran, eine Reihe von hochwertigen Jeans, Jacken und T-Shirts zu entwerfen, alle in Frankreich hergestellt und so stilvoll, wie man es von einer Pariserin erwartet.

Marie aus Rennes, eine Freundin von Céline Froissart, erinnert sich ebenfalls an unschöne Begegnungen mit französischen Motorradfahrern: „Sie sagen Dinge wie: Warum fährst du am Sonntag? Solltest du nicht die Wäsche machen?“ Sie schüttelt den Kopf. „Aber die Dinge ändern sich. Es fahren jetzt viel mehr Französinnen mit dem Motorrad. Die Männer unterstützen sie in der Regel, wenn sie merken, dass es ihnen ernst ist.“

Und es ist ihnen ernst. Unter den Motorradfahrern in Frankreich liegt der Frauenanteil bereits bei 50 Prozent. Froissart sagt, dass diese neuen Fahrerinnen aus zwei verschiedenen Altersgruppen kommen: einerseits die Achtzehn- bis Zwanzigjährigen, die den Nervenkitzel suchen, andererseits Frauen in den Vierzigern und Fünfzigern, die „alles getan haben, was die Gesellschaft von ihnen erwartet, und nun etwas für sich selbst tun wollen“.

Die Bikerinnen tragen Pariser Couture statt prolligem Chic.

Selbst gebaute Bikes

Es gibt eine Umfrage von Harley-Davidson, die – Überraschung – herausfand, dass Frauen, die Motorrad fahren, glücklicher sind als solche, die es nicht tun. Diesen Vibe spürt man auch auf dem Festival. Die Atmosphäre ist durchweg gutmütig, und Generationen von Motorradfahrerinnen mischen sich, um Tipps und technisches Know-how auszutauschen.

Ineke und Margriet, zwei Freundinnen, die aus den Niederlanden angereist sind, teilen ihre Liebe zum Motorradbau. Ineke, 62, ist eine angesehene Motorradbauerin, Gründerin der niederländischen Offroad-Gruppe EnduroCats und Streckenposten für den holländischen Abschnitt des Trans Euro Trail, einer 51.000 Kilometer langen Offroad-Strecke durch 34 Länder. Kurz gesagt: Sie ist eine Königin des europäischen Motorradsports.

Herzensprojekt

Unter Inekes Anleitung hat Margriet, 32, kürzlich eine Yamaha XJ 900 von einem, wie sie es nennt, „Alte-Herren-Bike“ in einen abgespeckten Scrambler (geländetaugliches Motorrad; Anm.) umgebaut. Die beiden Frauen arbeiten in Inekes Garage, in der „Frauenhöhle“, wie Ineke sie grinsend nennt. „Da gibt’s weder Fernseher noch Bierkühlschrank“, sagt sie.

Am Samstagabend steht Irene Kotnik auf der Bühne und interviewt drei Gäste zu einem Projekt, das ihr sehr am Herzen liegt: „Ride with Purpose“, organisiert vom Petrolettes Circle, dem gemeinnützigen Verein der Gruppe, der Frauen im Motorsport unterstützt. Motorradfahren sei der Inbegriff der Befreiung und sollte Frauen auf der ganzen Welt zugänglich sein, meint Kotnik. Ihre Gäste sind die Französin Alison Grün, die „FreeW“ leitet, ein Motorradreiseunternehmen, das einheimische Guides in Ländern wie Nepal und dem Iran beschäftigt; Judith Pieper- Köhler, die mit „Two Wheels for Life“ zusammenarbeitet, einer Wohltätigkeitsorganisation, die Motorräder zur medizinischen Versorgung ländlicher Gemeinden in Afrika bereitstellt; und Behnaz Shafiei, eine iranische Rennfahrerin, die Frauen ausbildet.

Shafiei erzählt, wie sie mit 15 Jahren in einem iranischen Dorf zum ersten Mal eine Frau auf einem Motorrad sah. „Ich wusste sofort, dass dies meine Zukunft war“, erzählt sie. Aber da sie im postrevolutionären Iran aufwuchs, musste sie sich dafür als Mann verkleiden und nachts fahren – immer mit der Angst vor der strengen iranischen „Sittenpolizei“, die das Verhalten und Aussehen von Frauen in der Öffentlichkeit überwacht.

Ihre Leidenschaft hat Shafiei um die ganze Welt geführt, sie hat auf Renn- strecken in den USA trainiert, ist durch Europa getourt, war in Fernsehsendungen zu sehen und hat ihre Botschaft an ihre Hunderttausende von Followern in den sozialen Medien weitergegeben. Doch ihre Erfolge hatten einen hohen persönlichen Preis: Obwohl ihre Mutter ihre Ambitionen immer unterstützt hat, wurde sie vom Rest ihrer Familie ausgegrenzt.

Vorreiterinnen

Als die Nacht hereinbricht, lässt der Regen nach, und das Schweizer Power-Pop-Duo Ikan Hyu betritt die Bühne, gefolgt von den verführerischen Klängen des österreichisch-britischen Post-Punk-Vierers Friedberg. Bald ist die Tanzfläche ein Schlammbad, aber echte Petrolettes stört ein bisschen Dreck nicht.

Am nächsten Morgen drehen sich die Gespräche beim Frühstück um Shafieis Geschichte und wie sehr es die Petrolettes zu schätzen wissen, frei fahren und sich frei kleiden zu können. Aber Shafiei ist nicht die Einzige, die um die Akzeptanz auf zwei Rädern kämpft; andere Frauen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Nationalität erzählen ihre eigenen Geschichten, wie sie ihren Familien ver- heimlicht haben, dass sie Motorrad fahren. „Wir haben einige Mitglieder, die ihren Eltern erst nach dem Führerschein erzählt haben, dass sie Motorradfahren gelernt hatten – um Streit zu vermeiden“, erzählt Cäthe Pfläging, Mitbegründerin der Berliner Vorreiterinnen von The Curves.

Schlamm am Dancefloor? Echte Petrolettes stört das nicht.

Es ist klar, dass Irenes Aufruf zu Einigkeit, Selbstbestimmung und Schwesternschaft so notwendig ist wie eh und je. Und so packen die Petrolettes die durchnässten Zelte zusammen, füllen ihre Ölvorräte für die lange Heimfahrt auf und düsen los, um Irene Kotniks Botschaft in ganz Europa und darüber hinaus zu verbreiten. Irene selbst antwortet, angesprochen auf ihre Zukunft: „Die Electrolettes!“ Und lacht.