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BEOBACHTUNGEN: Schwarze Sonne über Chile


Sterne und Weltraum - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 09.08.2019

Eine totale Sonnenfinsternis ist ein außergewöhnliches, tief beeindruckendes Naturphänomen. Liefern die Beobachtungsbedingungen und der Standort auch noch den passenden Rahmen, wird daraus ein unvergessliches Erlebnis.


Artikelbild für den Artikel "BEOBACHTUNGEN: Schwarze Sonne über Chile" aus der Ausgabe 9/2019 von Sterne und Weltraum. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Sterne und Weltraum, Ausgabe 9/2019

Die gebogene Struktur des Mondschattens über dem Horizont veränderte ihre Form gegen Ende der Totalität. Eine Asymmetrie verrät zudem, dass der Beobachtungsort La Silla nicht direkt auf der Zentrallinie der Finsterniszone liegt, sondern an ihrem nördlichen Rand.


Uwe Reichert

Es ist kalt und dunkel, das Thermometer zeigt drei Grad Außentemperatur. Nicht viel wärmer erscheint es mir in der für ...

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... einige Tage gemieteten Wohnung, die – wie offenbar in Chile üblich – nicht mit einer Heizung, sondern nur mit einem Elektroheizgerät ausgestattet ist, das seine Alibifunktion nicht verbergen kann. Was mich trotzdem veranlasst, die wärmende Bettdecke früh zu verlassen, ist die Aussicht auf ein außergewöhnliches Naturphänomen. Heute, am Nachmittag des 2. Juli, wird die Sonne für knapp zwei Minuten vom Mond bedeckt werden, und ich habe die Gelegenheit, diese totale Sonnenfinsternis von einem der besten dafür geeigneten Standorte zu beobachten: vom Observatorium La Silla, das die Europäische Südsternwarte ESO rund 600 Kilometer nördlich von Santiago de Chile am Rande der Atacama-Wüste betreibt.

Es ist schon Zufall, dass ausgerechnet zum 50. Jubiläum des La-Silla-Observatori-ums der Kernschatten des Mondes genau über diese Forschungseinrichtung hinwegzieht. Na ja, nicht ganz genau, denn die Sternwarte liegt etwas nördlich der Zentrallinie, die eine Totalitätsdauer von zwei Minuten und 36 Sekunden verspricht. Auf La Silla wird die Sonne immerhin noch eine Minute und 52 Sekunden lang komplett verfinstert sein – lange genug, um die aufwändige Reise auf sich zu nehmen

Der Verlauf der totalen Sonnenfinsternis über La Silla in Chile im Zeitraffer:suw.link/SoFi-Chile

Seitdem es moderne Observatorien gibt, ist es erst das dritte Mal, dass eine solche Forschungseinrichtung von dem schmalen Streifen der Totalitätszone erfasst wird: Das erste Mal war das 1961 der Fall, als das l’Observatoire de Haute Provence in Frankreich im Kernschatten des Mondes lag, das zweite Mal, 1991, war das Observatorium auf dem Mauna Kea auf Hawaii begünstigt. Nun also La Silla. Die ESO nahm dieses außergewöhnliche Ereignis und das Jubiläum zum Anlass, mehreren hundert Personen die Beobachtung der Finsternis von La Silla aus zu ermöglichen.

Der Berg am südlichen Rand der Atacama-Wüste wird allerdings nicht der einzige Ort sein, wo sich Sonnenfinsternis-Fans versammeln werden. Amateurastronomen aus der ganzen Welt sind nach Chile gereist, und das südamerikanische Land scheint das Naturereignis zu einer Art nationalem Event erklärt zu haben. In den Regionen Coquimbo und Atacama gibt es zahllose Veranstaltungen und gemeinsame öffentliche Beobachtungen. Überall weisen Plakate verschiedenster Größe auf das kommende Ereignis hin, chilenische Astronomen füllen ganze Stadien mit ihren Vorträgen, und im Elqui-Tal, das sich von La Serena aus nach Osten erstreckt, wurden Beobachtungsplätze für Tausende Finsternisbegeisterte vorbereitet.

Auch auf der Zufahrtsstraße zum La-Silla-Observatorium hat die Regionalverwaltung von Atacama ein Gelände für mindestens tausend Beobachter hergerichtet. Als ich vor zwei Tagen den Weg nach La Silla erkundet habe, waren die Vorbereitungen noch im Gang. Die ESO hat jedenfalls empfohlen, frühzeitig nach La Silla aufzubrechen, damit man nicht Gefahr läuft, im Stau stecken zu bleiben.

So fahre ich denn um sechs Uhr morgens von meiner Unterkunft in La Serena los. Die einzig mögliche Straße, die nach Norden führt, ist die Ruta 5 wie das chilenische Teilstück der Panamericana hier heißt. In La Serena selbst sind nur wenige Autos unterwegs; es scheint sich um Leute zu handeln, die ganz normal zu ihrer Arbeitsstätte pendeln. Die zweispurige Autobahn der Ruta 5 lässt sich gut befahren, windet sich allerdings manchmal in engen Kurven die Berge empor. Noch ist es dunkel, in manchen Tälern liegt dichter Nebel. Mir fällt auf, dass die Chilenen sehr zivilisiert unterwegs sind, keiner fährt schneller als die erlaubten 100 Kilometer pro Stunde, auch in Baustellen und in anderen Zonen mit reduzierter Geschwindigkeit wird das Limit eingehalten. Die Straße kommt an zwei nennenswerten Siedlungen vorbei: La Higuera, die recht genau auf der Zentrallinie liegt, und Incahuasi etwas weiter nördlich. In beiden Ortschaften haben sich große Zeltlager gebildet, in denen Sonnenfinsternis-Touristen campen. Mobile Planetarien und natürlich Verpflegungsstände sind aufgebaut. Vor zwei Tagen war hier noch wenig los; heute, am Tag des großen Ereignisses, sind die Plätze gerammelt voll.

Juwelen in der Morgensonne

Offenbar sind die Leute rechtzeitig angereist. Und wer heute erst aufbrechen will, ist wohl noch beim Frühstücken. Jedenfalls erreiche ich nach knapp zweistündiger Fahrt unkompliziert den Abzweig nach La Silla, und auch an der »Campamento Base«, dem Ort der öffentlichen Beobachtung an der Zufahrtsstraße zum ESO-Observatorium, scheint das Leben erst langsam in Gang zu kommen. In Anbetracht der Temperaturen ist das auch nicht verwunderlich.

Die vor Kurzem aufgegangene Sonne wirft ihre ersten wärmenden Strahlen über die Ebene, aus den Zelten rechts und links der Straße kriechen einige Hartgesottene, die sich ihre klammen Glieder reiben. In einiger Entfernung vor mir glänzen die Kuppeln von La Silla wie Juwelen in der Morgensonne. Einige Fahrzeuge sind auf der Strecke vor mir, doch am nächsten Abzweig biegen sie alle nach links Richtung Las-Campanas-Observatorium ab. Diese Sternwarte wird von der Carnegie Institution betrieben und hat das Pech, knapp außerhalb der Totalitätszone zu liegen.

Rund 1000 Gäste konnten auf Einladung der Europäischen Südsternwarte ESO die totale Sonnenfinsternis vom 2. Juli 2019 vom La-Silla-Observatorium aus verfolgen, das beste Beobachtungsbedingungen bot.


Uwe Reichert

Da von einem Stau weit und breit nichts zu sehen ist, nehme ich mir die Zeit, auszusteigen, die aride Landschaft mit ihrem eigenartigen Charme auf mich wirken zu lassen und ein paar Fotos zu machen. Kurz nach acht Uhr erreiche ich das Camp Pelícano, den Zugangspunkt zum La-Silla-Observatorium. Hier herrscht schon beträchtliches Treiben, direkt vor mir wartet ein Bus auf seine Einfahrtgenehmigung. Nach Vorzeigen meiner persönlichen Einladung wird mir ein Parkplatz zugewiesen. Bepackt mit Fotorucksack und einer weiteren Tasche lasse ich zunächst die Sicherheitsüberprüfungen über mich ergehen und erledige die Anmeldeformalitäten. Das Camp liegt am Fuß des Berges; von hier aus darf man nicht mit dem eigenen Auto zum Observatorium fahren, sondern wird mit kleinen Shuttle-Bussen hinaufgebracht. Auch wenn sich um diese frühe Uhrzeit schon Warteschlangen gebildet haben: Es geht alles ähnlich routiniert und zügig zu wie beim Anstehen an einer Gondelbahn. Bereits der übernächste Shuttle-Bus nimmt mich und meine Ausrüstung mit nach oben.

In eng gewundenen Kurven geht es 13 Kilometer den Berg hinauf. Der Weg ist doch länger, als es von unten den Anschein hat. Dass man es bei einem Großereignis wie heute auch mit den Sicherheitsvorkehrungen genau nimmt, zeigt sich bereits entlang der Strecke: Fahrzeuge von Technischem Hilfswerk und Ambulanz halten sich bereit. Obwohl der Berg »nur« 2400 Meter hoch ist, merke ich bei den ersten Schritten nach dem Aussteigen, dass mit dem spontanen Aufstieg auf diese Höhe nicht zu spaßen ist. Doch schnell gewöhnt sich der Körper an den geringeren Luftdruck. Ständige Aufmerksamkeit verdient jedoch der Schutz vor der UVStrahlung, denn mittlerweile brennt die Sonne vom klaren, wolkenlosen Himmel.

Den südlichen Teil des Geländes zwischen dem New Technology Telescope, dem ersten Teleskop der Welt, dessen Hauptspiegel mit einer aktiven Optik ausgestattet war, und dem Submillimeter-Teleskop SEST hat die ESO für die Besucher vorgesehen. Entlang des Weges hat man ungehinderte Sicht nach Westen – dorthin, wo die Sonne bei ihrer Verfinsterung stehen wird. Entlang der Sicherheitsabsperrungen haben sich schon zahlreiche Sternfreunde mit ihren Stativen und Kameras positioniert (siehe Bild oben). Es dauert nur wenige Schritte, bis ich bereits den ersten bekannten Gesichtern aus Deutschland begegne.

Das landschaftlich schöne Valle del Elqui östlich von La Serena ist seit Langem Anziehungspunkt für Profi-und Amateurastronomen. Der Hauptort des Tals, Vicuña, hat sich zur Welthauptstadt der Astronomie erklärt. Anlässlich der Sonnenfinsternis am 2. Juli 2019 wurden hier Beobachtungs-und Zeltplätze für Tausende Amateurastronomen eingerichtet.


Uwe Reichert

Nach freudiger Begrüßung suche ich für mich und meine Gerätschaften einen Platz auf einer kleinen Plattform. Meine direkten Nachbarn sind Ragnar aus Norwegen sowie Nils und Hele, ein Paar aus Dänemark. Ein paar Schritte weiter steht eine kleine Gruppe aus Texas, auf der anderen Seite ein Paar aus Deutschland. Auch Japaner sind auf unserer Plattform. Erwartungsgemäß sind Sonnenfinsternis-Fans aus der gesamten Welt hier.

Wie klein diese jedoch ist, zeigt sich bereits nach kurzer Zeit, denn man kommt schnell miteinander ins Gespräch. Das dänische Paar ist mit einer skandinavischen Reisegruppe hier, die von einem mir bekannten Astrofotografen aus Schweden geleitet wird, der auch schon für unsere Zeitschrift geschrieben hat. Und der Ehemann des deutschen Paares entpuppt sich als Physiker-Kollege – und wen wundert’s: Auch wir haben gemeinsame Bekannte.

Der Standort La Silla

Nach Aufbau meiner Stative wird es Zeit, mich um die vereinbarten Interviews zu kümmern. Andreas Kaufer, der Technische Direktor der ESO-Observatorien La Silla und Paranal, nimmt sich zwanzig Minuten Zeit für mich. Er entschuldigt sich für seine formelle Erscheinung mit Anzug und Krawatte, denn »der chilenische Präsident kommt heute Mittag vorbei«. Andreas schildert kurz den Werdegang von La Silla und die Bedeutung, die das Observatorium nun schon seit einem halben Jahrhundert hat: »Die ESO hat in den 1960er Jahren einen Standort auf der südlichen Hemisphäre für ein Teleskop der Vier-Meter-Klasse gesucht. Das 3,6-Meter-Teleskop gehört seit Beginn zu einem der produktivsten seiner Art. Mit seinem hochauflösenden Spektrografen HARPS hat es zahlreiche Exoplaneten entdeckt. Und das New Technology Telescope (NTT) hat Geschichte geschrieben, denn es war das erste Teleskop, dessen Hauptspiegel computergesteuert stets in der optimalen Form gehalten wird. Solche technischen Errungenschaften und Modernisierungen haben La Silla auch in der Zeit der Acht-und Zehn-Meter-Teleskope einen Spitzenplatz in der Forschung gesichert. Hinzu kommen die optimalen Beobachtungsbedingungen an unserem Standort, der auch gerne von anderen Institutionen genutzt wird. Heute sind zum Beispiel auch Kollegen von der NASA und von der ESA hier, um während der Sonnenfinsternis Experimente durchzuführen.«

Die Spannung steigt während der partiellen Verfinsterungsphase: Wird die Ausrüstung mitspielen?


Uwe Reichert

Welche Experimente das sind, erläutert mir Elyar Sedaghati, ein aus Armenien stammender ESO-Astronom, der in Berlin promoviert wurde und nun seit zwei Jahren in Chile über Exoplaneten forscht. »Wissenschaftler, die mit dem Teleskop TAROT hier auf La Silla arbeiten, wollen die Experimente nachvollziehen, mit denen Arthur Stanley Eddington während einer Sonnenfinsternis 1919 die allgemeine Relativitätstheorie von Albert Einstein nachgewiesen hat (siehe SuW 5/2019, S. 26 – 35). Und in Kooperation mit der ESA finden hier mit kleineren Instrumenten Untersuchungen von Merkurs Exosphäre statt. Die Ergebnisse sollen die Merkursonde BepiColombo unterstützen.«

Elyar zeigt mir auch die Gerätschaften, die eine Gruppe von NASA-Wissenschaftlern unterhalb des Besucherzentrums aufgebaut hat. Rein äußerlich unterscheiden sich die kleinen Teleskope nicht sehr von denen, die so mancher Amateurastronom mitgebracht hat, aber hier wird tatsächlich ernsthafte Wissenschaft betrieben.

Während der rund zweiminütigen Totalität wurden am Sonnenrand rote Protuberanzen sichtbar.


Uwe Reichert

Wie für ein Minimum der Sonnenaktivität üblich, zeigte sich die Korona während der Finsternis am 2. Juli 2019 nur wenig ausgedehnt.


Uwe Reichert

Nun wird es Zeit, die eigene Ausrüstung fertig aufzubauen und für den Einsatz vorzubereiten. Die Spannung steigt langsam, das ist auch vielen anderen Beobachtern anzumerken. Wird das Gerät so funktionieren, wie bereits x-mal getestet? Stimmt der Fokus des Teleobjektivs? Leider bietet die Sonne zurzeit keine Sonnenflecken, die beim Scharfstellen helfen könnten. Im Geiste geht man nochmal die Prozedur durch, die bei aufwändigeren Aufbauten nötig ist. Knapp zwei Minuten Finsternis sind zu kurz, um Fehler auszugleichen oder zu beheben. Werde ich auch nicht vergessen, kurz vor Beginn der Totalität den Schutzfilter vor dem Objektiv zu entfernen, damit ich die Korona fotografieren kann?

Es sind solche Fragen, die sich die hier versammelten Sternfreunde stellen und die Nervosität etwas steigern. Aber das Wichtigste: Trotz aller technischen Finessen mit den Geräten sollte man nicht vergessen, die besondere Atmosphäre während der Totalität mit allen Sinnen aufzunehmen und zu genießen. Wer sich zu sehr mit seiner Ausrüstung beschäftigt, wird das eigentlich Besondere der Finsternis nicht wahrnehmen.

Die Wartezeit bis zum Beginn der Finsternis vergeht wie im Flug, dafür sorgen die interessanten Gespräche mit den Gleichgesinnten. Erfahrungen werden ausgetauscht, neugierig die Gerätschaften der anderen begutachtet. Ragnar erzählt mir, dass es seine elfte totale Sonnenfinsternis ist, zu der er reist. Wir unterhalten uns über die norwegische Amateurastronomie-Szene und schildern uns gegenseitig unsere Erfahrungen aus Namibia. Die Beobachter aus Texas entpuppen sich als Ärzte, die hier ihre erste Sonnenfinsternis erleben und auch erstmals den südlichen Sternenhimmel erkunden wollen.

Die Show beginnt

15:23 Uhr: erster Kontakt! Der Mond beginnt, sich vor die Sonne zu schieben. In der hellen Sonnenscheibe ist ein kleiner dunkler Einschnitt zu sehen – nicht nur mit Hilfe der Kamera, sondern auch mit den Augen, die durch eine Spezialbrille geschützt sind und das Sonnenlicht um den Faktor 100 000 dämpfen. Die anfängliche Nervosität und Anspannung der Beobachter wandeln sich: Jetzt geht es los, und die volle Aufmerksamkeit gilt der kleinen, hellen Scheibe am Himmel, die zusehends stärker »angefressen« aussieht.

Als der Mondschatten über den Strand von La Serena zog, herrschte für rund zwei Minuten eine fast nächtliche Stimmung. Die Stadtverwaltung hatte dafür Sorge getragen, dass sich die Straßenbeleuchtung nicht einschaltete.


Monika Reichert

Anfänglich beschränken sich die wahrgenommenen Veränderungen auf dieses langsame Fortschreiten der Bedeckung. Nach einer Weile bemerken aufmerksame Beobachter auch Veränderungen in der Umgebung: Die von Menschen und Gegenständen geworfenen Schatten werden in einer Richtung schärfer, durch kleine Löcher fallendes Sonnenlicht erzeugt am Boden sichelförmige Abbilder der Sonne. Selbst mit den Fingern lässt sich eine primitive Lochkamera formen, die solche Bilder hervorruft. Langsam wird das Umgebungslicht fahler. Brauchte man noch vor wenigen Minuten eine Sonnenbrille, um sich gegen das grelle Tageslicht zu schützen, kann man sich jetzt ohne diesen Schutz umschauen und ohne die Augen zukneifen zu müssen.

Wenige Minuten vor Beginn der Totalität wird die Lichtstimmung ungewohnt und unheimlich. Spätestens jetzt müsste jedem, der nicht weiß, dass eine totale Sonnenfinsternis bevorsteht, auffallen, dass etwas Merkwürdiges im Gange ist. Man kann die Unruhe nachvollziehen, die unsere Vorfahren in solchen Momenten verspürt haben müssen.

Der Mondschatten rast heran

Dann geht plötzlich alles sehr schnell, der Himmel entwickelt eine seltsame Dynamik: Der eben noch strahlend blaue Himmel verdüstert und verfärbt sich, als würde jemand eine riesige Decke über die Erde legen – der Mondschatten, der mit hoher Geschwindigkeit durch die Atmosphäre rast. Zwischen Sonne und Horizont bildet sich ein dunkler, seitlich nach oben gebogener Bereich, der nur noch einen schmalen hellen Streifen am Horizont im Norden und im Süden übrig lässt. Da die Sonne in diesem Moment mit nur 13 Grad Höhe über dem Horizont sehr tief steht, ist die Projektion des Mondschattens auf der Erdoberfläche nicht kreisrund, sondern in der Bewegungsrichtung des Schattens zu einem Oval auseinandergezogen. Diese Eigenheit der heutigen Sonnenfinsternis gibt dem Mondschatten zwischen Sonne und Horizont eine etwa U-förmige Struktur, die anders aussieht, als ich sie von den beiden totalen Sonnenfinsternissen, die ich bisher gesehen hatte, in Erinnerung habe.

Kaum registriere ich diesen Unterschied und bemerke, dass links unterhalb der Sonne die Venus sichtbar wurde, da ändert sich der Himmel erneut und noch dramatischer: Innerhalb von vielleicht einer Sekunde verschwindet der einstmals gleißend helle Lichtball am Himmel, und an seiner Stelle steht ein kreisrundes, tiefschwarzes Etwas, das von einem scheinbar feurigen Strahlenkranz umgeben ist. Die Korona, die äußere Atmosphäre der Sonne, die normalerweise von deren hellem Licht vollständig überstrahlt wird, ist sichtbar geworden (siehe Bilder S. 74). Ein lautes Raunen geht durch die Menge. Dieser unwirkliche, fremde Anblick ist so vehement, dass er tiefe Empfindungen auslöst.

Die Sonnenfinsternis-Fans konnten sich auch nach Einbruch der Dunkelheit von den ausgezeichneten Beobachtungsbedingungen auf La Silla überzeugen. Hier erstreckt sich die südliche Milchstraße über der Kuppel des 3,6-Meter-Teleskops.


Uwe Reichert

Im Bann der Korona

Noch ist man als Beobachter völlig gefangen in diesem Bild, da machen sich erneut Veränderungen bemerkbar. Die dunkle, etwa U-förmige Struktur unterhalb der Sonne flacht ab, ein sich bildender rötlicher Saum über dem westlichen Horizont wird heller und breiter, bis er etwa die Breite des scheinbaren Dämmerungssaums im Norden und im Süden erreicht hat: Das Ende des Mondschattens naht.

Und dann verschwindet auch schon der Strahlenkranz um die Sonne, an ihrem unteren linken Rand gleißt es hell auf, und das ungeschützte Auge muss sich von diesem hellen Licht abwenden. Erneut wird diese rapide Veränderung durch akustische Regungen der Beobachter begleitet – diesmal klingt es jedoch eher wie ein enttäuschtes Seufzen. Sollten die eine Minute und 52 Sekunden vorbei, sollte die Totalität tatsächlich schon zu Ende sein?

Das Gehirn braucht noch eine Weile, das gerade Erlebte zu verarbeiten – so überwältigend war das Gesehene. Jeder hängt noch seinen eigenen Gedanken nach, erst nach und nach werden wieder Gespräche aufgenommen. Die Anspannung fällt langsam ab. Man geht ein paar Schritte oder schaut nach, ob die eigenen Fotos etwas geworden sind. Auch wenn die Finsternis noch andauert: Die zweite Hälfte der partiellen Bedeckung interessiert jetzt kaum jemanden mehr. Zu tief sind die Eindrücke, welche die Totalität hinterlassen hat – damit kann eine partielle Verfinsterung nicht mehr konkurrieren.

Hier in La Silla ist die Finsternis kurz vor Sonnenuntergang zu Ende, der Mond hat die Sonne wieder komplett freigegeben. In der klaren Luft entwickelt das am Horizont einsetzende Farbenspiel des Sonnenuntergangs seine eigenen Reize. Ich genieße es still, bevor ich schließlich anfange, meine Ausrüstung abzubauen. In unserer Gruppe auf der kleinen Plattform hat sich in den letzten Stunden so etwas wie ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt. Wir haben viel voneinander erfahren, und wir haben etwas tief Beeindruckendes gemeinsam erlebt – das verbindet.

Mit der einsetzenden Dunkelheit werden die ersten Sterne am Himmel sichtbar, auch Jupiter leuchtet schon. Meine neuen texanischen Bekannten wollen wissen, wo das Kreuz des Südens ist, also bleiben wir noch eine Weile zusammen und machen eine kurze Sternführung. Schließlich ist es so dunkel, dass die Milchstraße in voller Pracht über der Kuppel des 3,6-Meter-Teleskops prangt. Noch einmal hole ich die Kamera heraus und mache ein letztes Bild (siehe Bild links).

Langsam leert sich der Berg. Während die professionellen Nachtastronomen bereits ihre Arbeit mit den Teleskopen aufgenommen haben, bringen uns die Shuttle-Busse zurück zum Parkplatz. Genau zwölf Stunden nach meiner Ankunft sitze ich wieder im Auto. Zwölf Stunden, die zu den eindrucksvollsten meines Lebens gehören.

PS: Ich sollte doch noch zu meinem Stauerlebnis kommen. Die zweite Hälfte der Strecke nach La Serena legte ich im Stop-and-Go-Verkehr im ersten oder zweiten Gang zurück. Offenbar waren die mehreren tausend Sonnenfinsternis-Fans zu verschiedenen Zeiten in die Region gereist, jetzt wollten sie aber alle gleichzeitig zurück nach Hause.

UWE REICHERT war bis März 2019 Chefredakteur der Zeitschrift »Sterne und Weltraum«.