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BEOBACHTUNGEN : sternähnliSchüler auf Supernovajagd


Sterne und Weltraum - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 15.03.2019

Eine Sternwarte in bester Lage, mit leistungsfähigem Teleskop, empfindlicher Kamera und Internetzugang – was steht einem anspruchsvollen Beobachtungsprojekt da noch im Weg? Gesagt, getan: Drei hochmotivierte Schüler begaben sich auf die Suche nach Supernovae in fremden Galaxien. Doch dabei stießen die jungen Forscher auf etwas gänzlich Unerwartetes.


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Bildquelle: Sterne und Weltraum, Ausgabe 4/2019

Christof Wiedemair

Wirklich Neues am Himmel zu entdecken, das ist ausschließlich den professionellen Astronomen mit ihren Großteleskopen und empfindlichen Zusatzinstrumenten vorbehalten – so könnte man glauben. Tatsächlich gibt es aber auch im Zeitalter ...

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... wissenschaftlicher Spitzentechnologie und automatisierter astronomischer Suchprogramme für Amateurastronomen noch Möglichkeiten, im Revier der Profiforscher auf die Pirsch zu gehen.

Ein Beleg hierfür sind die Erfolge des Himmelsbeobachters Paolo Campaner, den ich kürzlich im norditalienischen Ponte di Piave besuchte (siehe SuW 3/2019, S. 78). Von künstlicher Beleuchtung geplagt, betreibt Paolo hier inmitten eines erleuchteten Wohngebiets eine Gartensternwarte und fotografiert an seinem 16-Zoll-Newton-Teleskop in jeder klaren Nacht ferne Galaxien. Durch Vergleiche seiner Aufnahmen mit professionellen Durchmusterungen, die im Internet zugänglich sind, stößt er in diesen Welten inseln immer wieder auf neue sternähnli che Objekte, die nicht dorthin zu gehören scheinen. Auf diese Weise gingen dem fleißigen Amateurastronomen schon zahlreiche Supernovae ins Netz: Nachdem er sich vor rund sechs Jahren diesem anspruchsvollen Themengebiet zugewandt hatte, konnte er schon ganze zwölf Entdeckungen für sich verbuchen.

Eine solche Erfolgsgeschichte macht natürlich neugierig – und als Lehrer am Cusanus-Gymnasium im Südtiroler Ort Bruneck sah ich hier eine Möglichkeit, jungen Menschen die Faszination der Forschung zu vermitteln. So brach ich an einem unterrichtsfreien Samstag im April 2018 mit drei Schülern unserer Astronomiegruppe zum Beobachtungsaußenposten in 1600 Meter Höhe über dem Meer auf (siehe Bilder oben). Hier sollte unsere eigene Jagd auf noch unentdeckte explodierende Sterne in den Tiefen des Alls beginnen.

Die 1600 Meter hoch gelegene Sternwarte in den Bergen des Südtiroler Pustertals (links) eröffnet der Astrogruppe des Cusanus-Gymnasiums in Bruneck tiefe Einblicke in den Kosmos. Die Rolldachhütte beherbergt ein Schmidt-Cassegrain-Teleskop von Meade mit zehn Zoll Öffnung und eine CCD-Kamera SBIG ST-8XME. So ausgerüstet, begaben sich Dominik (16), Maximilian (15) und Vera (16) gemeinsam mit ihrem Lehrer Christof Wiedemair auf die Suche nach explodierenden Sternen in fremden Galaxien.


Christof Wiedemair

Ermutigende erste Schritte

Die Aussicht auf Erfolg bei unserem Vorhaben war gering, dahingehend machten wir uns nichts vor – und doch ließ sich bei den emsigen Vorbereitungsarbeiten in der aufkommenden Dämmerung eine gewisse Spannung nicht leugnen. Der Westhorizont leuchtete tiefrot, weil Saharastaub über Europa zog, ansonsten deutete alles auf eine Traumnacht hin. Als Arbeitsgeräte standen uns ein Schmidt-Cassegrain-Teleskop von Meade mit zehn Zoll Öffnung und einer effektiven Brennweite von 2750 Millimetern sowie eine filterlos betriebene CCD-Kamera SBIG ST-8XME zur Verfügung. Fokussiert wurde die Optik anhand des Sterns Eta Leonis, der günstig im Süden positioniert war. Ein Fokusmotor von Optec, der temperaturbedingte Änderungen der Lage des Brennpunkts ausgleicht, sollte die einmal gefundene Scharfeinstellung die ganze Nacht über beibehalten.

Da die Zeit bei der Supernovajagd ein entscheidender Faktor sein würde, wollten wir vor Ende der Dämmerung die Treffsicherheit unserer Teleskopmontierung, eine GM 2000 QCI der Firma 10micron, verbessern. Zu diesem Zweck brachten wir nacheinander zehn helle Sterne genau in die Mitte unseres Kamerasensors und bestätigten der rechnergesteuerten Montierung jeweils deren exakte Platzierung. Der Rechner ermittelte aus diesen Informationen nicht nur den verbleibenden Ausrichtungsfehler und kompensierte ihn, sondern er berücksichtigte dabei sogar die mechanische Durchbiegung des Teleskoptubus und weitere störende Effekte.

Dieses Dunkelbild wurde mit verschlossener Kamera aufgenommen, nachdem mehrere helle Sterne fotografiert worden waren. Deutlich ist hier das Nachleuchten der Sternabbildungen zu erkennnen. Astrofografen bezeichen den störenden Effekt als Residual Bulk Image (RBI).


Christof Wiedemair

In unserer Rolldachhütte war damit alles vorbereitet, und wir wechselten in den beheizbaren Beobachterraum. Inzwischen ließen wir die Kamera ungestört dreiminütige Dunkelbilder (englisch: Dark frames) bei einer Chiptemperatur von minus 30 Grad Celsius belichten. Solche Dunkelbilder – kurz Darks genannt – werden stets bei verschlossener Kamera aufgenommen, so dass kein Sternlicht den Chip erreichen kann. Die entstehenden Aufnahmen enthalten somit ausschließlich jene unerwünschten Störsignale, die der Chip selbst erzeugt. Bei der späteren Aufbereitung unserer Himmelsaufnahmen können die Darks von diesen Bildern subtrahiert werden; so lassen sich die Störungen auf einfache Weise eliminieren.

Unsere ersten Darks zeigten ein deutliches Nachleuchten – und zwar an denjenigen Stellen auf dem Chip, an denen wir zuvor die hellen Sterne platziert hatten, mit denen wir die Ausrichtungsgenauigkeit verbessert hatten (siehe Bild oben). Dieses durch helle Sternabbildungen verursachte Nachleuchten wird fachsprachlich auch als Residual Bulk Image (RBI) bezeichnet. Bei dem RBI-Effekt verbleibt nach dem Auslesen des Chips ein Restsignal in den Pixeln und überträgt sich in geringem Maß auch noch auf die nachfolgenden Aufnahmen.

Dieses lästige Phänomen hatten wir schon mehrfach beobachtet und beschlossen kurzerhand, die davon beeinflussten ersten paar Darks bei der endgültigen Auswertung einfach wegzulassen. Ohnehin hatten wir im Sinn, während der Supernovajagd auf die Dark-Korrektur zu verzichten – wie es auch Paolo Campaner tut; dies sollte den Ablauf beschleunigen.

Eine rechnergesteuerte automatische Nachführkontrolle mittels Leitstern kam für uns aus demselben Grund ebenso wenig in Frage; hier mussten wir uns auf die Güte der Nachführung unserer Montierung verlassen.

Nun ging es an die Aufgabenverteilung: Der 16-jährige Dominik sollte die Auswahl der Ziele übernehmen. Dazu nutzte er das kostenfreie Planetariumsprogramm Stellarium und die dort angegebenen Objektinformationen. Wie Paolo, so beschränkten auch wir uns auf Spiralgalaxien, Balkenspiralen und irreguläre Galaxien. Dominik begann im östlichen Teil des Sternbilds Löwe und arbeitete sich im Lauf der Nacht über das Haar der Berenike bis in das Sternbild Jagdhunde vor.

Wir planten, von jeder Galaxie zwei Bilder mit je drei Minuten Belichtungszeit aufzunehmen, diese im Rechner übereinanderzulegen und anschließend zu einem Summenbild zu kombinieren. Das Summenbild sollte im Anschluss mit einer Aufnahme aus dem Digitized Sky Survey (DSS) verglichen werden, der im Internet verfügbar ist (siehe Kasten unten). Maximilian (15) sollte das Aufnahmeprogramm CCDSoft sowie das Bildbearbeitungsprogramm Fitswork bedienen, und Vera (16) sollte die Montierung über das Virtual Keypad steuern. Beiden wurde außerdem die entscheidende Aufgabe anvertraut, im fertigen Bild nach Supernovae zu fahnden. So weit der Plan – doch wie so oft kam es anders.

Heiße Pixel zähmen

Bereits bei der ersten Galaxie machten sich Probleme bemerkbar. Das Pointing war erwartungsgemäß sehr gut, und auch die Nachführung lief rund – doch im Summenbild zeigte sich ein Meer aus leicht gegeneinander verschobenen Hotpixeln:

Bildelemente mit extrem hohen Helligkeitswerten, die nichts mit dem aufzunehmenden Objekt zu tun hatten, sondern vom Kamerasensor selbst erzeugt werden. Anfangs versuchten wir noch, die Hotpixel anhand ihres Aussehens von realen Quellen zu unterscheiden, aber bald gestanden wir uns ein, dass dies kein gangbarer Weg war. Zudem war der Vergleich unserer Aufnahmen mit denen des DSS aufwändiger als gedacht, da wir zuvor die Orientierung und das Histogramm unseres Summenbilds an das DSS-Bild anpassen mussten.

Also änderten wir unsere Strategie: Wir zähmten die Hotpixel, indem wir – entgegen unserer anfänglichen Planung – schon während der Supernovajagd eine Dark-Korrektur auf die Rohbilder anwandten. Zudem erinnerten wir uns daran, dass Paolo für den Vergleich seiner Galaxienbilder nicht nur den DSS, sondern einen weiteren digitalen Himmelsatlas, den Sloan Digital Sky Survey (SDSS), heranzog (siehe Kasten links unten). Bereits ein Blick auf die erste unserer Galaxien in dieser Durchmusterung überzeugte uns: Der SDSS ließ schwächere Quellen im Bild erkennen, die Galaxien waren hier besser aufgelöst und ihre Strukturen fast bis in den Kernbereich sichtbar. Wir versuchten es also für den Rest der Nacht mittels visueller Vergleiche unserer Dark-korrigierten Summenbilder mit dem entsprechenden SDSS-Bild und fuhren damit recht gut.

Unerwartet spannende Pirsch

Die Nacht schritt fort und bescherte uns einen erfreulich dunklen Himmel. Die Nachthimmelshelligkeit maßen wir mit einem kleinen Gerät, dem Sky Quality Meter (SQM). In seiner einfachsten Version wird es mit seinem Sensor einfach per Hand gegen den Himmel gehalten und zeigt dann auf Knopfdruck die Himmelshelligkeit in Magnituden pro Quadratbogensekunde an (siehe SuW 3/2019, S. 72).

Unsere Messung ergab 21,38 Magnituden pro Quadratbogensekunde – ein Ergebnis, mit dem wir zufrieden sein konnten. Ein Galaxienbild nach dem anderen trudelte nun auf unserer Festplatte ein, und bei jedem Download von der Kamera starrten wir wie gebannt auf den Bildschirm, um zu sehen, welches Gesicht sich hinter den nichtssagenden Katalognummern der anvisierten Galaxien verbergen mochte, die Dominik uns diktierte. Jedes Mal staunten wir über die abwechslungsreiche Morphologie und erhabene Ästhetik dieser Welteninseln – bevor sich die vier aufmerksamen Augen von Vera und Maximilian daran machten, die fernen Objekte nach Lichtpunkten abzugrasen, die fehl am Platz waren.

Es zeigte sich, dass gerade bei etwas größeren Galaxien oder in dem Fall, dass sich mehrere Galaxien im Feld befanden, eine Zeit von sechs Minuten für das Bearbeiten und ein gründliches Absuchen des Summenbilds nicht ausreichte, so dass wir die Belichtung bei zusätzlichem Zeitbedarf auf drei mal drei Minuten änderten. Dies schmälerte zwar unseren Durchsatz an Galaxien, erbrachte dafür aber ein stärkeres Signal. Eine nachträgliche Analyse belegte, dass die Empfindlichkeitsgrenze der aus drei Rohbildern gewonnenen Summenbilder bei einer Helligkeit von rund 19 mag liegt – also tiefer als die Helligkeit aller von Paolo Campaner entdeckten Supernovae.

Bisweilen machten uns Treffer hochenergetischer Teilchen, die in den Kamerasensor eindrangen (englisch: cosmics), und die hier extrem helle Pixel erzeugten, etwas stutzig. Gerade wegen solcher störenden Signale erwies es sich als nützlich, mehr als nur ein Bild von einer Galaxie aufzunehmen: War eine Quelle nicht in allen aufeinanderfolgenden Rohbildern vorhanden, so war sie nicht real.

Sowohl die Walgalaxie NGC 4631 mit ihrem Begleiter NGC4627 (links) als auch die Hockeyschläger-Galaxie NGC 4656 (rechts) zeigen ein irreguläres Aussehen: Spuren enger Begegnungen mit anderen Galaxien. Infolge solcher Wechselwirkungen können unzählige neue Sterne entstehen – darunter einige massereiche, leuchtkräftige Riesen, die ihren Entwicklungsweg als Supernovae beenden. Und tatsächlich fanden die Schüler in der Nähe der Walgalaxie ein ungewöhnliches Objekt (Pfeil): einen explodierenden Stern?


Christof Wiedemair

Die Walgalaxie gibt Rätsel auf

Nach mehr als zwei Stunden angestrengter Suche wählte Dominik gegen 00:15 Uhr MEZ die Galaxie NGC 4631 als Ziel aus (siehe Bild unten links). Sie trägt auch den Namen Walgalaxie und zeichnet sich durch eine hohe Sternentstehungsrate aus. Zu den jungen Sternen zählen auch viele massereiche und daher kurzlebige Exemplare, die ihren Entwicklungsweg als Supernova beenden – folglich war diese Galaxie ein ideales Ziel für unsere Suche! Nachdem wir zwei Rohbilder im Kasten hatten, summierten und begutachteten wir sie – während sich das Teleskop bereits das nächste Objekt, die Hockeyschläger-Galaxie NGC 4656, vornahm (siehe Bild unten rechts).

Die Walgalaxie ist recht groß und voller heller Knoten, so dass hier die Suche einige Zeit beanspruchte. Die darauf folgenden Minuten verliefen so turbulent, dass sich heute nicht mehr genau rekonstruieren lässt, wem der unscheinbare Fleck im Raum zwischen der Walgalaxie und ihrer Begleitgalaxie NGC 4627 zuerst auffiel. Jedenfalls war er klar sichtbar und von einer Gestalt, die eine Identifikation als Cosmic als unwahrscheinlich erscheinen ließ – und im Bild des SDSS war keine Spur davon sichtbar!

Flugs waren die beiden Rohbilder geöffnet, und siehe da: Auf beiden war derselbe Fleck an genau derselben Stelle vorhanden, wenn auch im zweiten etwas schwächer als im ersten. Zur Kontrolle wurden zusätzlich die DSS-Bilder der Galaxie geladen: Rot, Blau, dann Infrarot – wieder Fehlanzeige. An der fraglichen Stelle befand sich kein bekanntes Objekt! Die drei Schüler waren nun ganz aus dem Häuschen, doch ich ermahnte sie, einen kühlen Kopf zu bewahren. Schnell unterbrach Vera die aktuell laufende Aufnahme der Hockeyschläger-Galaxie und steuerte das Teleskop stracks zurück zur Walgalaxie.

Die nächsten drei Minuten schienen eine halbe Ewigkeit zu dauern. Als der Download-Balken für das Herunterladen des Bildes von der Kamera endlich bei hundert Prozent angelangt war, stürzten wir uns sogleich auf das neue Rohbild – doch an der besagten Stelle fand sich nur Rauschen. Der erste Anflug von Enttäuschung wich aber schnell, denn das gesamte Bild erwies sich als recht signalarm und verrauscht. Was war geschehen?

Ein kurzer Sprung ins Freie offenbarte das ganze Dilemma: Von Westen her waren wie aus dem Nichts dichte Wolken aufgezogen, und es wunderte uns geradezu, dass das letzte Bild überhaupt noch etwas zeigte. »Miserables Timing!«, dachte ich, denn genau jetzt wäre eine gute Aufnahme Gold wert gewesen.

Zu den Zielen der Supernovajagd gehörte die Galaxie NGC 4245, neben der sich der rund 12 mag helle Vordergrundstern USNO-A2 1125-06484676 befindet. Er hinterließ auf dem Kamerasensor ein Nachleuchten, das zwar allmählich schwächer wurde, aber auf den anschließend aufgenommenden Bildern von NGC 4169 und der Walgalaxie NGC 4631 noch deutlich sichtbar blieb (Pfeile) – und so den Beobachtern unbekannte Himmelsobjekte vortäuschte.


Christof Wiedemair

Die Aufnahmeserie lief weiter, doch die nachfolgenden Bilder waren von ebenso lausiger Qualität. Nach etwa zehn Minuten schien sich die Lage etwas zu bessern, denn die schwache, namenlose Hintergrundgalaxie, die rund 30 Bogensekunden von unserer Supernova entfernt lag, wurde wieder sichtbar. Doch wo war unsere Quelle? Sie blieb verschollen. Wir belichteten weiter und summierten die letzten drei Einzelbilder auf – ohne Erfolg. Wir warteten zu und summierten die letzten sechs Einzelbilder auf – wieder Fehlanzeige. Schließlich mussten wir uns eingestehen: Was immer es gewesen sein mochte, es war verschwunden. Ungläubig prüften wir nochmals die ersten beiden Rohbilder. Keine Frage, wir hatten uns die Quelle nicht eingebildet. Doch was konnte so schnell unter unsere Nachweisgrenze sinken?

Das Brainstorming war eröffnet und führte von der Theorie eines nahe an der Erde vorbeiziehenden Asteroiden über das optische Nachglühen eines Gammastrahlenausbruchs bis hin zu dem exotischen Vorschlag, dass hier eine intelligente außerirdische Zivilisation ein optisches Signal ausgesandt haben könnte. – Und Dominik fragte sich, ob hier ein Beispiel für einen ad hoc postulierten Verwandten der rätselhaften Dunklen Materie vorliegen könnte: die vorübergehend helle Materie.

Noch während die Lacher über unsere verwegenen Hypothesen abklangen, beschloss ich, über den Facebook-Messenger mit Paolo Campaner Kontakt aufzunehmen. Vielleicht beobachtete ja auch Paolo in diesem Moment – und er tat es! Rasch hatte ich ihm die Situation geschildert und einen Screenshot unserer mysteriösen Quelle verschickt. Ohne Zögern stimmte er zu, sein Newton-Teleskop mit 16 Zoll Spiegeldurchmesser auf die Walgalaxie zu lenken.

Von Neuem folgte nun ein banges Warten, während ein Teleskop im 150 Kilometer entfernten Ponte di Piave für uns Photonen sammelte. »Moderne Zeiten!«, dachte ich bei mir. Nach rund 15 Minuten erschienen in meinem Posteingang drei Nachrichten in kurzer Folge: ein Foto der Walgalaxie, eine Beschreibung »6 fits à 75 s« und die ernüchternde, aber nicht ganz unerwartete Fehlanzeige: »Non vedo transienti sospetti« (Ich sehe kein verdächtiges Objekt).

Phantom einer Supernova

Während unserer Heimfahrt, gegen halb zwei Uhr morgens, kamen im lockeren Gespräch noch einige weitere von komisch bis absurd reichende Hypothesen auf, und die Stimmung war bald wieder so gut, wie es die fortgeschrittene Nachtstunde zuließ. Und doch ließ mir der Lichtpunkt in den ersten beiden Bildern der Walgalaxie keine Ruhe: Sollten es wirklich nur zufällige Helligkeitsspitzen im Hintergrundrauschen gewesen sein? Kurz vor dem Zubettgehen fiel es mir beim Zähneputzen plötzlich wie Schuppen von den Augen!

Schnell war der Laptop mit unseren Aufnahmen wieder hochgefahren und die beiden ersten Bilddateien der Walgalaxie geöffnet. Zum Vergleich öffnete ich das Bild, das wir unmittelbar vor diesen beiden aufgenommen hatten und das die Galaxiengruppe um NGC 4169 zeigte. An exakt derselben Pixelposition war eindeutig eine schwache Quelle sichtbar. Ich öffnete nun das Bild, das wir unmittelbar vor dem eben begutachteten aufgenommen hatten. Wieder war eine Quelle an exakt derselben Stelle zu sehen, dieses Mal aber deutlich heller. Auf dem noch weiter zurückliegenden Bild war die Galaxie NGC 4245 zu sehen – und da war er, der Schuldige!

Meine Vermutung bestätigte sich: Der rund 12 mag helle Stern mit dem Katalognamen USNO-A2 1125-06484676 hatte bei dieser Aufnahme der Galaxie NGC 4245 eine 90-prozentige Sättigung des Kamerasensors bewirkt und ein klares Restsignal in den darauf folgenden Bildern hinterlassen – ein RBI hatte uns genarrt! Bei der Kontrolle der Bilder der Galaxiengruppe um NGC 4169 war es uns lediglich deshalb nicht aufgefallen, weil das RBI zu weit von den Galaxien entfernt war, doch bei der Walgalaxie lag es genau an passender Stelle. Da das RBI mit jedem Auslesen des Chips verblasste, schien unsere »Fake-Supernova« im zweiten Bild schwächer als im ersten zu leuchten. Und die Wolken kamen just im richtigen Augenblick, um die Täuschung für uns perfekt zu machen.

Ein nicht aussichtsloses Unterfangen

Am nächsten Morgen klärte ich Paolo und meine Schüler über die Entdeckung auf. Paolo meinte, ihm sei das Phänomen bei seiner Kamera gänzlich unbekannt. Und in der Tat tritt der RBI-Effekt bei derjenigen Gattung von CCD-Chips, die Paolo nutzt – bei Interline-Transfer-Sensoren –, nicht auf.

Rückblickend können wir das Geschehene als erfolgreich bestandenen Blindversuch werten: Wann immer eine neue Quelle im Bild auftaucht, finden wir sie mit unseren Methoden. Zudem durften wir die breite morphologische Vielfalt der Galaxien aus eigener Anschauung kennen lernen. So wurde unsere Jagd auch ohne Supernovatreffer zum Erlebnis. Alles in allem haben wir für das nächste Mal viel gelernt – und ein nächstes Mal gibt es ganz bestimmt!

CHRISTOF WIEDEMAIR ist Lehrer für Physik und Mathematik am Sprachen- und Realgymnasium in Bruneck, Südtirol. Hier leitet er die Schüler-Astronomiegruppe astrocusanus, die ihre Beobachtungsaktivitäten und Ergebnisse unter veröffentlicht.

Himmelsatlanten für die Supernovajagd

Für die Auswahl geeigneter Galaxien sowie zum Vergleich eigener Aufnahmen mit professionellen Daten eignen sich zwei frei zugängliche digitale Himmelsatlanten: der Digitized Sky Survey (DSS) und der Sloan Digital Sky Survey (SDSS). Der DSS ist ein online verfügbarer Atlas, der durch das Scannen und Digitalisieren fotografischer Platten entstand, die bei unterschiedlichen Wellenlängen des optischen und nahinfraroten Spektralbereichs aufgenommen wurden. Die erste Version des Katalogs, DSS 1, deckt den gesamten Himmel ab. Die Folgeversion DSS 2, die jüngere fotografische Durchmusterungen einbezieht, erreicht diese Abdeckung noch nicht in allen Farbkanälen. Beide Kataloge lassen sich bei der Europäischen Südsternwarte unterarchive.eso.org/dss interaktiv abrufen.

Der SDSS ist eine seit dem Jahr 2000 durchgeführte Himmelsdurchmusterung, die auf die finanzielle Förderung durch die Stiftung von Alfred P. Sloan, einem Präsidenten der Autofirma General Motors, zurückgeht. Seitdem wurde rund ein Drittel des Himmels fotografisch und spektroskopisch untersucht. Einen einfachen Zugang zu den Bilddaten ermöglicht die Websiteskyserver.sdss.org/dr14/en/tools/chart/navi.aspx

Literaturhinweise

Althaus, T., Schröder, K.-P.: Messier 82 – eine außergewöhnliche Galaxie im Großen Bären mit heller Supernova. In: Sterne und Weltraum 2/2014, S. 66 – 68

Althaus, T.: Beginn einer Supernova. In: Sterne und Weltraum 4/2017, S. 13

Wiedemair, C.: Zu Besuch beim Supernovajäger. In: Sterne und Weltraum 3/2019, S. 78 – 81 Dieser Artikel und Weblinks:

www.sterne-und-weltraum.de/artikel/1624698