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Beratung: Die wissenschaftliche Kolumne: Der Narr als Berater


Die Mediation - epaper ⋅ Ausgabe 1/2021 vom 23.12.2020

Einst galt der Narr als skurriler Spaßmacher, der mit Witz und beißendem Spott Kritik an den herrschenden Zuständen seiner Zeit übte. An Königs- und Fürstenhöfen genoss er die heute sprichwörtlich gewordene Narrenfreiheit, seine Lektionen waren sogar erwünscht und sein Rat wurde gezielt erfragt. Leider hat die über Jahrhunderte bewährte Profession den Sprung in die Moderne nicht geschafft. Es ist Zeit für ein Comeback!


Wer um Rat bittet, sucht fast immer einen Komplizen.“ Joseph-Louis de La Grange (1736-1813)

Kennen Sie Kunz von der Rosen, George Buchanan, Richard Tarlton, Joseph Fröhlich oder Jesse Dean ...

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Bildquelle: Die Mediation, Ausgabe 1/2021

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... Bogdonoff? Nein? Sollten Sie aber, denn diese Herren gehörten zu den Meistern ihres Faches, eines Handwerks, das Jahrhunderte und über die Kulturen hinweg den Mächtigen dieser Welt beratend zur Seite stand: Die Rede ist von den Hofnarren. Mit Jesse Dean Bogdonoff, der als Letzter seiner Art am 1. April 1999 zum Hofnarren des Königreichs Tonga ernannt wurde (Royal Degree, zit. nach Wayback Machine 2012), gilt der Beruf als ausgestorben.

Vom Entertainer zum Berater

Die Geschichte der Hofnarren ist lang und mannigfaltig. Es gab sie bereits bei den ägyptischen Pharaonen und selbst die Götter hatten Narren unter ihresgleichen, wie beispielsweise den griechischen Gott Momos oder den aus der nordischen Mythologie stammenden Gott und Gestaltenwandler Loki.

Im Laufe der Zeit veränderten sich Wesen und Funktion der Spaßmacher. Sie wandelten sich von natürlichen zu künstlichen Narren (Mezger 1981). Während der natürliche Narr durch Gebrechen, Wuchsanomalien, musikalisches oder akrobatisches Geschick die Gunst der Herrschenden mit ihren Unterhaltungsfähigkeiten erlangte, wird der Narr in seiner Hochzeit, im späten Mittelalter, selbst zur Reflexionsfläche der Herrschenden - das lustige Element tritt dabei in den Hintergrund. Der moderne Narr wurde somit zur Kunstfigur, zu einer Person, die unter dem Deckmantel der Unzurechnungsfähigkeit wortgewandt, mit Schabernack, Witz, List, Furchtund Peinlosigkeit ihrem Herrn gegenübertritt und ihm so als Quelle der Inspiration dient und die Funktion eines Korrektivs übernimmt.

Der Narr schützt vor dem Verlust der Objektivität, verhindert Selbstüberschätzung und Betriebsblindheit. Besonders bei Shakespeare wird er zu einer reflektierenden, fragenden und komplexen Figur, die wichtige Themen in den Fokus stellt und Missstände anspricht. Seine Kraft bezieht der Narr aus seiner Stellung, seiner Freiheit, außerhalb der Grenzen einer vorgegebenen Moral zu agieren. Er kann sprechen, ohne irgendwelche Konsequenzen fürchten zu müssen, wie beispielsweise in Shakespeares King Lear deutlich wird, wenn der Narr zu seinem Herrn sagt: „Du hattest wenig Hirn in deiner kahlen Krone, als Du die Goldene weggabst.“ (Shakespeare, Ausg. 2007)

Wichtig, wenn auch nicht immer scharf, ist die Abgrenzung zur bekannten Figur des Teufelsadvokaten, der eher destruktiv auftritt und sich als Experte der Antithese versteht. Dem Advocatus Diaboli fehlt die Verspieltheit, der Humor und Spaß, der seinem Dienstherrn durch einen gezielten Perspektivwechsel zur Quelle der Kreativität wird.

Auch wenn es die Profession des Narren inzwischen nicht mehr gibt, besteht aus organisationspsychologischer Sicht kein Grund, warum der Narr den gegenwärtigen Führungsetagen nicht mehr als Berater dienen sollte, denn seine besonderen Qualitäten würden ihn in so manchem Betriebszirkus zu einer exzellenten Besetzung machen.

Die Qualitäten eines modernen Narren

Ein wesentlicher Vorteil des Narren gegenüber den meisten gegenwärtigen Beratern beruht auf dem sogenannten confirmation bias bzw. auf Deutsch dem Bestätigungsfehler - einer Neigung, Informationen so auszuwählen, zu ermitteln und zu interpretieren, dass diese die eigenen Erwartungen erfüllen, um kognitive Dissonanz zu vermeiden. Wie im Eingangszitat angedeutet, reden viele Berater ihren Auftraggebern nach dem Mund, um ihr Mandat nicht zu verlieren. Der Narr hingegen arbeitet ganz klar im Sinne von Karl Poppers Idee der Falsifikation. Poppers hatte den Bestätigungsfehler als Fehlerquelle der Erkenntnis ausgemacht und sich seiner Bekämpfung verschrieben. Eine weitere Aufgabe, die in der Organisationsgestaltung nur schleppend angegangen wird, obwohl sie von größter Wichtigkeit ist, gehört zum Themenfeld der Whistleblower. Diese Aufgabe kann als eine der Kernkompetenzen eines närrischen Beraters verstanden werden. Werden in Organisationen offensichtliche Regelüberschreitungen, Missstände und Probleme durch kollektives Schweigen ignoriert, könnte der moderne Narr gute Dienste leisten. Denn derartige Zustände wären unter der Beteiligung eines Narren nicht möglich, und die Enttarnung des nackten Kaisers würde nicht dem Kindermund vorbehalten bleiben.

Ein aus psychologischer Sicht weiteres Merkmal des Narren, das bei der modernen Führungs- und Gruppenorganisation von entscheidender Bedeutung ist, wäre durch seine Mittätigkeit abgesichert - die Minderheitsbeteiligung. Zahlreiche Forschungsarbeiten des niederländischen Arbeits- und Sozialpsychologen Carsten De Dreu (De Dreu / West 2011; De Dreu 2002; Nijstad / Berger-Selman / De Dreu 2014) konnten zeigen, dass die Effektivität und Innovationsstärke von Teams auf die Inkorporation des „Unkonformen“ angewiesen sind. Diese Forschungsarbeiten zielen auf eine Kultivierung des Dissenses, die geschulte Konfrontation mit dem Gegenteil ab, um Korrektive und Handlungsempfehlungen aus dem Beratungsprozess abzuleiten.

Lukas Podolski - nicht nur als Fußballer wertvoll

Nehmen Sie folglich einen Narren in Ihre Reihen auf und profitieren Sie von seinen positiven Effekten, so wie es die deutsche Fußballnationalmannschaft getan hat, die mit ihrem närrischen Mitglied bei der WM 2014 zum Weltmeister, bei der EM 2008 Zweiter und in den Jahren 2006 und 2010 jeweils Dritter der WM wurde. Folgerichtig bekommt der letzte Hofnarr der Nationalmannschaft, Lukas Podolski, das Schlusswort. Nach dem WM-Qualifikationsspiel im Jahr 2009 gegen Finnland wurde er gefragt: „Wie geht es Ihnen, sind Sie enttäuscht über das 1:1 oder freuen sie sich, dass sie ein Tor gemacht haben?“ Podolski antwortete: „Es überwiegt eigentlich beides.“ (Zit. nach 11FREUNDE 2012)

Literatur

De Dreu, Carsten KW (2002): Team Innovation and Team Effectiveness: The Importance of Minority Dissent and Reflexivity. European Journal of Work and Organizational Psychology 11 (3), S. 285-298.
De Dreu, Carsten KW / West, Michael A. West (2001): Minority Dissent and Team Innovation: The Importance of Participation in Decision Making. Journal of applied Psychology 86 (6), S. 1191.
Lukas Podolski über Freude und Enttäuschung. Zit. nach: 11FREUNDE, 13. Januar 2012. Online abrufbar unter: 11freunde.de/artikel/lukas-podolskiüber- freude-und-enttäuschung/421204.
Mezger, Werner (1981): Hofnarren im Mittelalter. Vom tieferen Sinn eines seltsamen Amts. Konstanz: Universitätsverlag Konstanz.
Nijstad, Bernard A. / Berger-Selman, Floor / De Dreu, Carsten KW (2014): Innovation in Top Management Teams: Minority Dissent, Transformational Leadership, and Radical Innovations. European journal of work and organizational psychology 23 (2), S. 310-322.
Royal Degree by His Royal Majesty, Tāufa‘āhau Tupou IV, Kingdom of Tonga, South Pacific. Zit. nach: Wayback Machine, 6. November 2012.
Shakespeare, William (2007): König Lear. Zweisprachige Ausgabe. Hrsg. u. aus d. Engl. übers. v. Frank Günther. München: Deutscher Taschenbuch-Verlag.


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