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Bereit für Tokio


fotoMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 90/2021 vom 06.08.2021

REPORTAGE

Artikelbild für den Artikel "Bereit für Tokio" aus der Ausgabe 90/2021 von fotoMAGAZIN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Zu den Olympischen Spielen reisen stets die besten Fotografen von Getty Images. Hier eine Aufnahme von Al Bello, die 2016 bei den Wettkämpfen in Rio entstanden ist.

Tag 18 vor dem Start der Olympischen Spiele: Adam Pretty sitzt in seiner Wohnung in München. Er wird einer der Getty-Fotografen sein, die den Kampf um die Medaillen dokumentieren. Für ihn heißt das: 12 Tage Gewichtheben. Dazu einen Tag Skateboarding und Triathlon. Wie das alles ablaufen wird, weiß er noch nicht so genau. Er kann es weder beeinflussen, noch muss er es planen. Vor allem soll er so entspannt wie möglich hinfahren und sich auf die guten Fotos konzentrieren. Der in Australien geborene Sportfotograf arbeitet mit seinen 44 Jahren schon über die Hälfte seines Lebens für die Bildagentur Getty Images. Er hat Preise gewonnen, mit der Kamera unzählige Sportevents begleitet. Tokio sind seine zehnten Olympischen Spiele.

Doch diese Spiele werden anders sein. Auch wenn sie Tokio 2020 heißen, finden sie erst dieses Jahr statt, der Pandemie geschuldet. Und auch ob das klappt, war lange ...

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... nicht klar. Weiterhin sind sie im Land umstritten. In Japan gibt es bereits seit Wochen Unmut in der Bevölkerung, der es zu riskant erscheint, wenn sich die Welt bei ihnen trifft. Restriktionen wurden eingeführt – von Maske über Test bis Tracking. Viel weniger Fotografen als sonst fahren hin. Die einen, weil sie sich nicht überwachen lassen wollen, die anderen, weil ohnehin nur wenige Fotografen in den Austragungsstätten zugelassen sind und es kaum Möglichkeiten gibt, Sportler direkt zu treffen.

Das IOC hat aufgrund der Pandemie die Bewegungsfreiheit der Presse stark eingeschränkt: Vier Wochen vorher sollten Journalisten Aktivitätenpläne einreichen. 14 Tage lang darf man sich nur innerhalb der Arbeitsstruktur bewegen: vom Hotel zum Event und zurück. Auch nicht raus zum Essen. An jeder Sportstätte wird die Temperatur gemessen. Jede Medienorganisation muss einen Covid-Beauftragten bestimmen (Covid-19 Liaison Officer, kurz CLO), der vorher eingewiesen wird und dafür sorgen soll, dass die Pressefotografen die Regeln aus dem immer wieder aktualisierten Media Playbook einhalten.

Es wird vermutet, dass nur 20 bis 30 Fotografen pro Wettbewerb zugelassen werden. Zu Sportlern müssen Medienvertreter zwei Meter Abstand halten. Wie viele und welche Fotografen tatsächlich zugelassen werden, soll sich tagesaktuell entscheiden. Doch so ganz genau weiß es anscheinend niemand. Natürlich wird es Bilder der Spiele geben, auch wieder sehr gute. Aber sie werden nicht so vielstimmig sein.

EIN FOTOGRAF PRO SPORTART

Getty wird wie andere große Agenturen zumindest einen Platz sicher haben. Aber auch für Getty-Fotografen wird es ein anderes Arbeiten sein. „Die Olympischen Spiele waren sonst immer eine Gelegenheit, viele verschiedene Sportarten in zwei Wochen zu fotografieren. Jeden Tag konnte man etwas anderes machen.“ Dieses Mal werden sie einer bestimmten Sportart zugeteilt. Das ist im Sinne des IOC (Internationales Olympisches Komitee), weil dann das Hin und Her zwischen den Sportstätten reduziert wird. Für Adam Pretty heißt das also Gewichtheben, was sonst eigentlich gar nicht sein Spezialgebiet ist. Das Gute daran, fotografisch betrachtet: „Es gibt einen klaren Gewinner. Entweder du stemmst das, oder nicht.“ Die Konsequenz ist eindeutig: Erfolg oder Versagen. Es gibt nichts dazwischen. Und man weiß es in derselben Sekunde. „Ich denke, man bekommt daher auch bessere Emotionen, anders als bei Gymnastik oder Tauchen, wo man eine Jury hat. Man kann nicht darüber debattieren oder diskutieren. Das mag ich. Außerdem kämpft man nicht gegen andere, sondern gegen sich selbst.“

Doch nicht nur die Sportler kämpfen, sondern auch die Fotografen: Ums beste Bild, unter Zeitdruck, meist bei zu wenig Schlaf. Wie schafft man das? „Egal wie müde du bist: Man müsste schon extrem abgestumpft sein, um bei den Olympischen Spielen keinen Adrenalinschub zu bekommen. Da vertraut man einfach drauf.“ Doch übermorgen, an Tag 16 vor den Spielen, fliegt er erst einmal nach New York City, die Formel E fotografieren, dann noch mal kurz nach Hause zur Familie, dann für sieben Wochen nach Japan, weil er gleich noch für die Paralympics dort bleiben wird.

Im Juni hieß es, 10.000 einheimische Zuschauer pro Arena wären erlaubt, dann sollten es noch 5000 sein, doch an Tag 15 vor den Spielen beschließt das IOC dann Geisterspiele.

AUS DER FERNE GEHT MEHR

Tag 11 vor der Eröffnung der Olympischen Spiele: Richard Heathcote, seit 16 Jahren Fotograf für Getty, ist schon in Tokio. Er kümmert sich dieses Mal um alle Kameras, die nicht in den Händen von Fotografen liegen. Insgesamt werden es 24 ferngesteuerte Kameras sein, zwölf Robotics mit Köpfen, die Wechselobjektivkameras aufnehmen, sich aus der Ferne zoomen, neigen und schwenken lassen. Er plant ihre Verortung – bei welchen Sportarten, in welchen Arenen, ob unter Wasser, unterm Dach oder auf einem der Catwalks, wie man hoch oben verlaufende Stege nennt. Sobald die Spiele beginnen, bekommt er Unterstützung von Rob Carr, einem der Cheffotografen aus den USA. Die beiden werden dann vor Ort oder vom Pressezentrum aus die Kameras bedienen und Bilder schießen. Robotic Cameras setzte Getty erstmals bei den Spielen in London 2012 ein.

Was den Briten reizt: Bilder aus Perspektiven zu machen, die kein Fotograf einnehmen könnte. Die Kameras machen noch über den Köpfen von Sportlern Bilder, wenn es Fotografen aus Sicherheitsgründen nicht mehr dürften. Oder es sind Austragungsorte ohne Catwalks, auf denen Fotografen sonst gesichert arbeiten dürfen. „So kann man trotzdem noch ikonische Blickwinkel auf die Action bekommen.“ Wo er die Robotic-Aufnahmen besonders faszinierend findet: Schwimmen, weil dort Perspektiven möglich werden, die sonst nicht denkbar wären, etwa von unter Wasser. Auch Gymnastik und Leichtathletik findet er lohnend. „Aber es gibt noch viel mehr Sportarten, die großartige Strukturen und Perspektiven von oben ermöglichen, die man sonst nie sieht, wie beim Handball oder beim Gewichtheben.“

»Ich sehe Robotic- Bilder als Teil des Gesamtpakets. Es ist schlicht eine weitere Perspektive auf das Geschehen.«

Richard Heathcote

»Was ich ein Leben lang in mir trage, ist die Lust, alles sehen zu können und alles sehen zu wollen.«

Alexander Hassenstein

MEHR PLANUNG FÜR DIE SICHERHEIT

Man könnte annehmen, dass das Fotografieren aus der Ferne in einer Pandemie Vorteile bringt. Schließlich kann der Fotograf im Pressezentrum sitzen, weit weg. Sie sollten vermutlich nicht unter eine Kapazitätslimitierung fallen. Aber selbst diese Art des Fotografierens wird von der Pandemie tangiert. „Schweres Equipment auf Catwalks zu installieren ist ohnehin tough. Während einer Pandemie, wo wir Abstand halten und in großer Hitze Masken tragen müssen, umso mehr“, findet Heathcote, denn Masken sind immer und überall zu tragen, außer beim Essen und Trinken. „Aber Sicherheit geht natürlich vor, also achten wir darauf, innerhalb der Richtlinien zu arbeiten, die von den Organisatoren aufgestellt werden. Das ist jede Menge Planung und Vorarbeit, aber es ist es wert.“

Auch anderes braucht viel Vorbereitungszeit, wobei die Pandemie da keinen Unterschied macht. Getty arbeitete in Japan mit einem lokalen Telefonanbieter zusammen, um ein Glasfasernetz zu verlegen. So sind über diese Kabel alle Schlüsselfotopositionen der 42 Austragungsstätten mit dem Getty-Büro im Pressezentrum in Tokio verbunden. Die schicken die Bilder zu 50 Bildredakteuren in der ganzen Welt, die eine Auswahl treffen, Bildausschnitte machen, Korrekturen vornehmen, Bildinformationen schreiben. Dass hier mehr außerhalb des Gastgeberlandes passiert, hängt allerdings schon mit der Pandemie zusammen. Dezentral zu arbeiten, bei den Tätigkeiten, bei denen es machbar ist, schützt natürlich vor Ansteckung. Dieses Jahr wird Getty ein Team von 100 Mitarbeitern vor Ort haben, in Rio vor fünf Jahren waren es 120. Damals waren 40 der 120 Mitarbeiter Fotografen, heute sind es 48 von 100. Was sich auch gesteigert hat: Vom Drücken des Auslösers bis zum Eintreffen beim Kunden sollen nur noch 30 Sekunden vergehen, wenn es um Medaillenmomente geht. In Rio waren es noch 59 Sekunden. Getty schätzt, dass ihre Fotografen in Tokio zwei Millionen Fotos schießen und davon täglich 5000 hochgeladen werden.

»Es sind die besten Fotografen aus jedem Land, die zu den Olympischen Spielen kommen. Es ist also wirklich tough.«

Adam Pretty

ÜBER 150 CORONA-TESTS

Tag 7 vor der Eröffnung: Auch Alexander Hassenstein ist einer der Auserwählten und zum 15. Mal dabei. Sein Sport wird Hockey sein. Auch bei ihm ist es nicht sein Spezialgebiet, aber es ist ein Mannschaftssport wie Fußball, den er häufig dokumentiert. Und er findet draußen statt, was Hassenstein liebt, weil es unterschiedliche fotografische Möglichkeiten gibt: „Licht, Schatten, Sonne, mal vormittags, mal abends. Da kann man kreativ sein.“ Und überhaupt findet er es schöner, draußen zu arbeiten, in der Wärme. Jetzt grade allerdings ist er noch fast 10.000 Kilometer vom Olympischen Feuer entfernt und darf nicht mal das Haus verlassen. Er ist in Quarantäne. Denn er hat das Viertelfinale der Fußball-EM in St. Petersburg fotografiert. Zu dem Zeitpunkt noch Hochrisikogebiet. „Ich habe das durchgezogen und es war gut so“, meint Hassenstein am Telefon. „Trotz mehrmals getestet, doppelt geimpft, immer gemäß der Regeln. Es nutzt ja nichts, wir machen das, damit der Sport stattfinden kann. Und so wird das auch in Tokio sein. Wenn wir uns nicht groß bewegen dürfen, dann ist es so, dann können wir‘s nicht ändern, dann akzeptieren wir das natürlich, machen das Beste draus. Ich bin unglaublich froh, dass die Olympischen Spiele jetzt stattfinden dürfen und freu mich drauf.“ Noch bis Tag 6 um Mitternacht muss er zuhause bleiben. Zehn Stunden später, an Tag 5 startet sein Flugzeug nach Tokio.

Fotojobs unter Pandemiebedingungen kennen die Sportfotografen inzwischen gut. Einschränkungen gibt es überall. Masken, Tests. „Ich bin jetzt in eineinhalb Jahren gut 150 Mal getestet worden.“ Heute Abend wieder, dann am Sonntag vor dem Abflug, dann bei der Ankunft in Tokio. Dort dann drei Tage Quarantäne im Hotel mit täglicher Testung. Diverse Olympia-Pflicht-Apps hat er installiert – da spielt er auch die PDFs der Tests rein. Alles übersichtlich. Warum soll man sich da beklagen: „Ich fühle mich ja auch sicher, wenn ich weiß, die Leute um mich rum sind alle gesund, das geht ja jedem so.“

DAS OLYMPISCHE FLAIR FEHLT

Hassenstein erinnert sich an eine Szene in Rio, nach dem Rugbyspiel, als den Gewinnerinnen nach dem Finale aus den Zuschauerrängen ihre Kinder heruntergereicht wurden. So viel ist klar: Solche Szenen wird es nicht geben. Im Gegenteil: Die Sportler werden sehr schnell wieder zurück müssen hinter die Kulissen und in ihre Hotels, genauso wie die Fotografen. So sehr er sich einfach freut, dass die Spiele stattfinden, ist ihm doch klar, dass das übliche olympische Flair kaum aufkommen kann, er meint diese besondere Stimmung, die man sonst überall findet, sei es im Olympischen Dorf, aber genauso in Rio an der Copacabana oder in London in der U-Bahn. „Einfach Olympia zu atmen, das wird mir unglaublich fehlen.“