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Bergwissen: Lawinenschutz: Die weiße Wucht


Bergsteiger - Das Tourenmagazin - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 11.01.2020

Winter in den Bergen bedeutet immer auch Lawinengefahr. Das Schadenspotenzial ist mit zunehmender Besiedlung der Alpen immer weiter gestiegen, der reale Schaden aber nicht. Denn aus jedem Lawinenwinter haben Gemeinden und Forschungsinstitute etwas gelernt.


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Faszinierend, mächtig, bedrohlich: Staublawine am Wetterhorn bei Grindelwald


Stahlschneebrücken kamen in Folge des Lawinenwinters 1951 vermehrt zum Einsatz.


Fotos: picture alliance / blickwinkel/T. Mohr, Stefan Margreth

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1 Eff ektiv: Schneenetze können mehr Schnee aufnehmen als Mauern.

345 Meter lang und knapp 20 Meter hoch ist die »Stadtmauer « von ...

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... Galtür. Mit Naturstein verkleideter Beton, verstärkt mit 700 Tonnen Stahl. Gebaut, nachdem 1999 das absolut Unwahrscheinliche eingetreten war: Eine Lawine hatte in einem als sicher geltenden Ortsteil 31 Menschen das Leben gekostet. Seitdem ist Galtür Synonym für »Lawinenunglück«.

Lawinen machen den Menschen zu schaffen, seit sie den Alpenraum besiedeln. Die ersten Lawinendämme, die die Schneemassen von den zu schützenden Gebäuden ablenken, wurden um 1700 gebaut. In jener Zeit kam man auch auf die Idee, einzelne Gebäude mit Spaltkeilen zu schützen. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden mit Erdterrassen und Steinmauern erste Schutzformen im Anbruchgebiet der Lawinen realisiert. »Das war mehr oder weniger der einzige Lawinenschutz für Gemeinden«, erzählt Stefan Margreth. Der Bauingenieur ist Leiter der Gruppe »Schutzmassnahmen« beim Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF). »Im Lawinenwinter von 1950/51 kam es zu einer Zäsur. Man hat realisiert, dass eingeschneite Schutzmauern schnell keinen Schutz mehr bieten. « In der Folge baute man verstärkt gegliederte Stützwerke, also Stahlschneebrücken und Schneenetze, vertikal in die Hänge. Heute gibt es allein in der Schweiz 550 Kilometer Stahlschneebrücken, die laut Margreth »sicherlich schon einige Lawinenkatastrophen verhindert haben.« Da sie keine geschlossene Fläche haben, können sie größere Schneemengen aufnehmen als Mauern. Am SLF wurde nach dem Lawinenwinter zudem verstärkt zum Thema Lawinendruck geforscht.

Rote Zonen

Eine weitere Konsequenz der schadenreichen Winter 1951 und 1968 waren die Gefahrenkarten, erst anhand von Beobachtungen, später mit immer genaueren Simulationen erstellt. »Die in der Raumplanung umgesetzten Gefahrenkarten sind fast der wichtigste Bestandteil des Lawinenschutzes«, sagt Margreth. Sie zeigen in rot, blau, gelb und weiß Wahrscheinlichkeit und Intensität eines Lawinenabgangs. In roten Gebieten darf gar nicht gebaut werden, in blauen nur, wenn zugleich Objektschutzmaßnahmen realisiert werden. Das Problem: »Die Karten wurden zu spät erfunden, Mitte der 1950er standen viele Gebäude bereits.« Inzwischen haben 99 Prozent der gefährdeten Gemeinden der Schweiz solche Karten, die immer wieder angepasst werden. Nach dem Lawinenwinter 1999, in dem sich die Karten großteils bewährten, dokumentierte man etwa einige Auslaufstrecken mit Luftbildern, um Simulationsmodelle zu verbessern und Gefahrenkarten anzupassen.


Lawinen machen den Menschen zu schaffen, seit sie den Alpenraum besiedeln.


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2 Versichert: Anrissgebiet am Chüenihorn bei St. Antönien (Graubünden) im Januar 2019

In Österreich haben rund 1500 Gemeinden einen Gefahrenzonenplan. Auch in Galtür wurde der bestehende Plan nach 1999 geändert. Das Bauverbot wurde auf alle Gebiete ausgeweitet, in denen ein Lawinendruck von einer Tonne pro Quadratmeter, anstatt wie zuvor von zweieinhalb Tonnen zu erwarten ist. Neben der Gesetzesänderung, dem Bau von Mauern im Tal und Stahlnetzen oben im Anrissgebiet, setzte man in Galtür verredakteurin stärkt auf Schutzwald. »Wobei das bei unserer Gemeinde auf 1600 Metern nicht so einfach ist«, räumt Anton Mattle, der Bürgermeister von Galtür, ein. Die Baumgrenze ist nicht mehr weit. Ironischerweise haben die Galtürer so wie viele andere Alpengemeinden den natürlichen Lawinenschutz lange eifrig abgeholzt. Heute wird wieder aufgeforstet, was vor 300 Jahren in den Salinen verfeuert wurde. »Wirkliche Sicherheit gibt der Wald, wenn er den ganzen Hang bis hinauf zum Gratrücken bedeckt und die Bäume eine praktisch geschlossene Kronendecke bilden«, erklärt Stefan Margreth. Schon eine Lichtung von 20 mal 100 Metern reicht, dass dort angebrochene Lawinen groß genug werden, um den Wald darunter zu zerstören. In Aufforstungsgebieten sollen deshalb temporäre Holzmodule die Schneedecke stabilisieren.

Im Lawinenwinter 1999 zeigte sich die Bedeutung temporärer Maßnahmen wie Evakuierungen und Absperrungen. Damals hatten aber noch nicht alle Gemeinden ein Konzept, wie sie im Ernstfall vorgehen. Doch genau diese Pläne waren 1999 wichtig. Wer wird wann und wie informiert? Welche Maßnahmen müssen ergriffen werden? Wie wird evakuiert?


»Wirkliche Sicherheit gibt der Wald, wenn er den ganzen Hang bis hinauf zum gratrücken bedeckt und die Bäume eine praktisch geschlossene Kronendecke bilden.«


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3 Noch mal gut gegangen: Lawine bei St. Nikolaus im Wallis im Januar 2018

Sicherheit kostet

Generell auf Verbauung zu verzichten und auf Evakuierung und Frühwarnsysteme zu setzen, wäre günstiger – und das Kosten-Nutzen-Verhältnis wird immer wichtiger. Als Schutz für Ortschaften wird dies aber von den Einwohnern nicht akzeptiert. Bei weniger gefährdeten Straßen sind temporäre Sperrungen hingegen eine gute Alternative zu Lawinengallerien. Auch gezielte Sprengungen, wie sie in Skigebieten zum Einsatz kommen, sind oberhalb von Gemeinden wegen des nicht vollständig kalkulierbaren Risikos meistens keine Option. »Insgesamt ist der Lawinenschutz in der Schweiz heute auf einem hohen Standard«, fi ndet Margreth, »den gilt es jetzt zu halten.«

Auch Bürgermeister Anton Mattle hält seine Gemeinde für gut geschützt – tatsächlich gab es seit 1999 keinen Lawinenunfall mehr. Überlegte man damals, ob die Mauer gebaut werden solle? »Nein. Nichts zu unternehmen wäre für die Psyche der Menschen vor Ort nicht möglich gewesen. Sie hätten Tag und Nacht Angst gehabt«, sagt Mattle, der schon damals Bürgermeister von Galtür war. »Wir haben jetzt dreifachen Schutz und eine gute Lawinenkommission. Trotzdem üben wir uns in der Demut der Bergbewohner: Hundertprozentige Sicherheit gibt es nie.«

Redakteurin Franziska Haack hat einen Heidenrespekt vor Lawinen. Auf Skitour ist sie deswegen recht defensiv unterwegs.