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Berichte


Musik & Kirche - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 15.07.2020

Variabilität als Geheimrezept 50 Jahre Collegium Vocale Gent


Ambitioniert war es sicherlich, als Philippe Herreweghe mit gerade einmal 23 Jahren das Collegium Vocale Gent gründete, und niemand konnte 1970 ahnen, wohin die Reise geht. Es war eine der vielen Aktionen jener Zeit, traditionelle Strukturen aufzubrechen, Hierarchien umzukehren und vermeintliche Gewissheiten grundsätzlich zu hinterfragen. Herreweghe hatte schon als Schüler des Genter Jesuitenkollegs eine profunde musikalische Ausbildung erhalten, die auch tägliche Chorproben umfasste, aber damit war sein weiterer Weg noch nicht vorgezeichnet. ...

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Bildquelle: Musik & Kirche, Ausgabe 4/2020

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... So entschied er sich nach dem Abitur für den Spagat zwischen einem Medizinstudium an der Genter Universität und einem Klavierstudium am Genter Konservatorium. Er brachte es immerhin bis zum Assistenzarzt, und die Gründung eines Studentenchors sollte zunächst nur dem Ausgleich am Abend dienen. Doch es kam anders.

Die entscheidenden Impulse kamen von zwei Musikern, die oft in einem Atemzug genannt werden, aber unterschiedlicher kaum sein konnten: Gustav Leonhardt und Nikolaus Harnoncourt. Beide hatten seit den frühen 1960er Jahren mit ihren Schallplatteneinspielungen ein völlig neues Licht auf barocke Instrumentalmusik geworfen, der eine streng und klar, der andere wild und expressiv. Herreweghe reizte es, die von Leonhardt, Harnoncourt und einigen anderen vorgetragenen Erkenntnisse oder Hypothesen über Phrasierung, Artikulation, Intonation, Ornamente, Rhetorik usw. auf den Chorgesang zu übertragen. So machte er aus seiner 80-köpfigen Gruppe ein zunächst semi- und schließlich ein vollprofessionelles Vokalensemble von zwölf bis sechzehn Sängern in wechselnder Besetzung. Diese Variabilität ist bis heute das Erfolgsgeheimnis des Collegium Vocale, im Grunde aber nur die logische Fortsetzung des Gedankens, dass man als historisch orientierter Musiker Biber mit einem anderen Instrumentarium interpretiert als Bach, Beethoven oder Brahms.

Die ersten Konzerte in dieser neuen Formation ließen Gustav Leonhardt und Ton Koopman aufhorchen, die das Collegium Vocale dann gleich in ihre Schallplattenprojekte einbanden – für alle Beteiligten eine, wenn auch unspektakuläre, Situation zu beiderseitigem Nutzen. Dies ist übrigens neben der besonderen Transparenz, Homogenität und Geschmeidigkeit des Chorklangs etwas, das es sonst nur selten gibt, nämlich dass Herreweghe „sein“ Ensemble an andere „ausleihen“ kann, ohne sich dabei einen Zacken aus der Krone zu brechen. So entstanden in den 1980er Jahren die epochalen Aufnahmen von Haydns Schöpfung (1982) und Carl Philipp Emanuel Bach Die letzten Leiden des Erlösers (1986) unter Leitung von Sigiswald Kuijken oder unlängst Liszts Via Crucis mit Reinbert de Leeuw (2018).

Gleichwohl ist das Ensemble unverwechselbar von Herreweghes Personalstil geprägt. Zu den bereits genannten Qualitäten kommt in deutscher Barockmusik eine dezidierte Rhetorik, die den Predigtcharakter von Schütz’ und Bachs Werken klar herausarbeitet; exemplarisch sind hier wohl die Einspielungen der Geistlichen Chormusik (1994) und des Weihnachtsoratoriums (1989) zu nennen, vor allem aber Herreweghes erste Einspielung der Matthäus-Passion (1984), mit dem ihm in Deutschland der Durchbruch gelang.

Davon, dass Bach im Zentrum des Collegium Vocale steht, zeugen inzwischen über 30 Produktionen (die Einspielungen unter Leitung von Gustav Leonhardt nicht mitgerechnet), aber sein Radius reicht von der Renaissancepolyphonie eines Josquin und Palestrina bis hin zu Strawinsky, bei größeren Werken oft in Zusammenarbeit mit der 1977 von Herreweghe als Pariser Pendant gegründeten Chapelle Royale. Auffällig ist dabei, dass aus der Fülle der CDs immer wieder die Interpretationen deutscher Sakralmusik herausstechen, sei es Mozarts Requiem (1991), seien es Motetten von Mendelssohn (1984), Bruckners e-Moll-Messe (1989) oder Brahms’ Deutsches Requiem (1996). Der Einfluss, den diese Aufnahmen auf deutsche Kirchenmusiker ausgeübt haben, kann gar nicht zu hoch veranschlagt werden.

Van harte gefeliciteerd, Collegium Vocale Gent!
Matthias Hengelbrock

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Philippe Herreweghe (Foto: Michiel Hendryckx)