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Berlin macht locker


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tip Berlin - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 02.03.2022

Berlin Story

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So sah es beim Gretchen im vergangenen Corona-Herbst aus: eine vorsichtige Annäherung an wilde Zeiten vor der Pandemie. Jetzt soll es wieder krachen

Wenn diese feierwütige Stadt wieder ihre Betriebstemperatur erreicht, zum Beispiel während rauschender Clubnächte, ist die Stimmung unsicher wie vor einem Klassentreffen. Wer lässt sich blicken? Und kennen wir uns überhaupt noch?

Pamela Schobeß, 47, eine Mutter Courage der Party-Community, illustriert das aufregende Gefühl: „Manche haben Angst, dass erst mal nicht genug Gäste kommen, andere glauben, dass es so exzessiv wird wie im Berlin der 1920er-Jahre.“

Schobeß ist die Vorsitzende der Club Commission, außerdem Geschäftsführerin im Gretchen, dem facettenreichen Kultur-und Tanztempel am westlichen Rand Kreuzbergs. „Das Live-Erlebnis im Club lässt sich durch nichts ersetzen“, gibt sie sich optimistisch.

Die Wiedereröffnung der Clubs, von der Senatsverwaltung auf den 4. März angesetzt, ist wohl die spektakulärste Reanimation des Gesellschaftslebens nach den Entsagungen im Zuge der ...

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... Pandemie-Politik. Zuletzt waren die Drehscheiben des Nachtlebens Anfang Dezember geöffnet gewesen – unter massiven Einschränkungen.

Berlin, die Party-Metropole, ist bekanntlich mal so anziehend gewesen, dass manche Hedonist:innen eigens per Easyjet eingeflogen waren. Jetzt könnte die einstige Hochburg ihren internationalen Ruf zurückgewinnen.

Geplant ist in den Diskotheken dabei zurzeit eine Kapazität von 40 Prozent. 2G plus soll der Wellenbrecher gegen das Virus werden. Die Formel: geimpft oder genesen – und ein negativer Antigen-Schnelltest. Nur Leute mit injizierter Booster-Vakzine können sich den vorherigen Besuch im Testzentrum sparen. Es ist die Carte Blanche fürs große Glück. Eskalieren ohne Maske und Abstand. Am 20. März wird schließlich der „Freedom Day“ ausgerufen, der eigentlich nur eine weitere Lockerungsstufe markiert.

Dann fallen weitere Regeln weg – im Einzelhandel werden etwa die Masken nicht mehr kontrolliert.

Diese Verheißung mischt sich in eine ganze Reihe von Frühlingstrieben in der Amüsier-Landschaft. In den Restaurants gilt ab dem 4. März nur noch 3G. Auch Ungeimpfte dürfen also tafeln, wenn zuvor im Abstrich aus Nasen-oder Mundsekret kein Erreger detektiert wurde. Im Einzelhandel, aber auch in Museen, Gedenkstätten oder Bibliotheken ist jedwedes G-Gebot sogar obsolet. Nur noch die FFP-2-Maske ist dort Pflicht.

Was bedeutet die Normalisierung für die Stadt?

Im Gretchen, dem Schuppen, wo sich Pamela Schobeß ums Business kümmert, werden die Ärmel hochgekrempelt. Am Tag der Wiederauferstehung, dem besagten 4. März, passiert dort allerdings erst mal nichts – doch am 7. März wird auf dem Festival „Jenseits von Nelken und Pralinen“, das anlässlich des Internationalen Frauentags zelebriert wird, der Dancefloor gestürmt. Es braucht eben Zeit, damit das Party-Karussell wieder Tempo aufnimmt. Die Showrunner müssen DJ-Crews buchen; tatkräftige Teams an Tür, Tresen und sonstwo sind erforderlich. Später im März soll im Gretchen noch eine Clubnacht steigen.

Im Verlauf des Monats sollen überhaupt 80 Prozent der Tanz-Lokalitäten wieder offen sein können, heißt es bei der Club Commission. Eine Unwägbarkeit, die auch damit zu tun hat, dass die Kassen der Vergnügungsorte wegen der Party-Shutdowns noch klamm sind. In vielen Läden haben Handwerker zudem während der Zwangspause ihre Utensilien ausgepackt – um eine neue Bar zu bauen oder den Schallschutz zu modernisieren. „Wir werden sehen, wann welche Clubs wieder öffnen“, sagt Pamela Schobeß.

Ein gitarrenlastiger Ort hat die Ruhephase nicht überstanden: der Nuke Club im Friedrichshainer Nordkiez, wo Goths, Punks und Metalheads steil gingen.

Rehschinken und Rostgemüse-Ravioli

Eine andere Branche ist dagegen schon im Alltagsmodus. Man muss dafür bloß ein angesehenes Lokal im ehemaligen Umspannwerk am Kreuzberger Landwehrkanal besuchen. Zwischen Backsteinwänden ist dort das „Volt“ beheimatet, ein Schlaraffenland, wo abends feines Essen mit heimischer Note serviert wird, ob Rehschinken oder Rostgemüse-Ravioli. Von der Decke hängen kupferfarbene Lampen – eine Kolorierung, die an die Kessel von Industrieanlagen im 19. Jahrhundert erinnert.

Matthias Gleiß, 50, ist Chef dieses Restau rants und tragende Figur des gastronomischen Mittelstands. Zwischen 50 und 55 Gäste bewirten seine Leute zurzeit in diesem Lokal, das erst um sechs Uhr eröffnet, zur blauen Stunde also. Eigentlich passen fast doppelt so viele Gourmets in das Fine-Dining-Lokal.

Die neuesten Lockerungen im Kampf gegen Covid-19 erleichtern den Boss auf profane Weise. „Ich muss nicht mehr täglich eine halbe Stunde oder Dreiviertelstunde damit verbringen, drei Newsletter zu lesen, um mich über neue Corona-Verordnungen zu informieren“, sagt Gleiß.

Er erzählt aber auch von den negativen Folgen der Pandemie: etwa von der Abwanderung des Personals in einem Küchengewerbe, deren Öfen während der Corona ­ Einschränkungen oft nur mit halber Kraft glühten. So seien viele Fachkräfte in den Einzelhandel gewechselt, etwa in Weinlokale, sagt Gleiß. Immer weniger junge Menschen würden sich zum Koch ausbilden lassen wollen. Und klar, auch in den Gaststätten ist das Geld knapp geworden. Laut einer Untersuchung des Datendienstleisters CRIF sind 22,5 Prozent der gastronomischen Betriebe in Berlin vom Risiko einer Insolvenz verfolgt. Vor der Pandemie waren es noch 16,4 Prozent. Die kriselnde Branche, so scheint es, verschreckt den Nachwuchs. Immerhin: Jene Arbeitgeber:innen, deren Finanzen solide sind, könnten aus dem Tief lernen. Indem sie Gastro-Jobs, oft toughe Arbeit, begehrenswerter machen. Das „Volt“ ist offenbar Vorbild: Gleiß, der Geschäftsführer, selbst ein Familienvater, zahlt über Mindestlohn und setzt auf einen nervenschonenden Abend ­ Betrieb ohne Mittagsküche. Vielleicht wird er ja schon bald sein zehnköpfiges Team ausbauen – falls er wieder auf volle Tische in seinem Restaurant setzt.

Ob dann auch wieder die Berlin-Besucher:innen aus der Fremde kommen?

Bettenburgen, die als Hotspot des Massentourismus gelten, sind die legendären A &O Hostels – in Mitte und am Hauptbahnhof, in Friedrichshain und Lichtenberg. Die Berherbergungsfabriken gehören zu einer Kette, deren Filialen sich inzwischen über den ganzen Kontinent spannen.

Kurzarbeit und Kältehilfe

Im Frühjahr 2020, direkt nach dem Ausbruch der Seuche, war das Unternehmen noch Pionier des pandemischen Lebensstils. „Wir waren die erste Hotelgruppe deutschlandweit, die 2020 ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt hat“, erinnert sich Oliver Winter, 46-jähriger CEO und Gründer von A &O Hostels. Auch sonst hat der Branchenriese experimentiert: Er hat Obdachlose in frostigen Wintermonaten in seinen Zimmern übernachten lassen – wie übrigens auch andere Gasthäuser in Berlin. Die Rechnungen für die Wärmestuben in den A &O Hostels haben sozale Träger wie Karuna oder Arbeiter-Samariter-Bund beglichen. „Gegenseitige Berührungsängste zwischen Kommerz und sozialem Sektor sind weggefallen“, schwärmt Winter, ein Impulsgeber der Low-Budget-Hotellerie.

Mittlerweile sind Betten und Matratzen, die Logis für Menschen ohne Bleibe waren, an caritative Einrichtungen gespendet worden. Ein Sinnbild dafür, dass bald wieder Kohorten aus der Fremde in den Touri-Kiezen unterwegs sein könnten: Schulklassen, aber auch Backpacker und Party-Jetsetter. Die Zeit von strengen Gesundheitsregimes ist verstrichen. Wie in den Restaurants gilt ab dem 4. März nur noch die 3G-Regel in Hotels und Pensionen.

Dass das Mobiliar, das den Menschen von der Straße etwas Komfort geboten hat, auch Schlafstätte fürs normale Publikum im Hostel werden könnte: So weit geht die Annäherung zwischen einem Milieu im Überlebenskampf und der Mehrheitsgesellschaft dann doch nicht. Zu unhygienisch sind Betten, in denen einmal Stadtstreicherinnen und Stadtstreicher gelegen haben, für den Convenience-Sektor.

Ein bisschen Improvisations-Wille aus der erfinderischen Phase während des Corona-Stillstands ist aber noch erhalten. Auch in den nächsten Wintern sei die Aufnahme von Obdachlosen denkbar, sagt Oliver Winter, der Mann aus der Branche. Sein Gewerbe verstetigt damit soziale Dienstleistungen als Geschäftsmodell. Und dann sind da ja noch die Debatten rund um eine nachhaltige Urlaubskultur, über die Fachleute während der Lockdowns meditiert haben, von Slow Tourism bis Eco Tourism. Winter liefert ein Rechenbeispiel aus seinen Öko-Bilanzen: 5,8 Kilogramm CO2 koste eine Übernachtung in einem A &O Hostel, während es in gehobenen Etablissements über 100 Kilo CO2 sein könnten. Die Massenherbergen sind also womöglich besser als ihr Image.

Eine weitere Mode ist während der Corona-Pandemie hinzu gekommen: der große Erfolg der Lieferdienste, deren Rider der Stadtgesellschaft die Dinner-Menüs nach Hause brachten.

Wer über den digitalen Wandel in der Spaß-und Freizeit-Ökonomie sprechen will, erfährt Trends von den Leuten einer Agentur, die Berlins unternehmerische Interessen vertritt. „Berlin Partner“ kümmert sich um Wirtschaftsförderung in der Stadt; das Büro befindet sich an der Ludwig-Erhard-Straße in Charlottenburg. Stefan Franzke, 45, ein Tech-Experte, leitet die Einrichtung.

Er schüttelt aufsehenerregende Empirie aus dem Ärmel: Im E-Commerce seien in den vergangenen Jahren mehr als 20.000 neue Arbeitsplätze entstanden. Ein Heer, das längst auch das Straßenbild beherrscht. Da pesen die Kuriere von Wolt, Gorillas und Lieferando über die Straßen, um der urbanen Bevölkerung frische Ware zu kredenzen – und machen das Vor-Ort-Erlebnis, etwa in Restaurants, zu einer altmodischen Schrulle.

„Wir werden auch künftig über Apps einen großen Teil unseres Lebens organisieren“, sagt Stefan Franzke. Im Einzelhandel sorgt der Hype um die Lieferdienste ja jetzt schon für vereinzelte Niedergänge, wovon manche verödete Shopping Mall kündet. Aber auch die Gastro-Szene könnte einen Epochenbruch erleben.

„Man wird sich seltener mit Freunden treffen, um sich nebenher eine Pizza reinzuschieben“, mutmaßt Franzke. „Beim auswärtigen Essen wird man stattdessen achtsamer sein und das Qualitätserlebnis suchen.“ Mit anderen Worten: In einigen Schnellrestaurants könnten auch nach der Pandemie einige Bänke licht bleiben.

Vielleicht sehnen sich gerade deshalb so viele Menschen nach frenetischen Gefühlen auf den Tanzflächen der Clubs, ob im Watergate, SO 36 oder Ballhaus Spandau. Das ozeanische Bad in der Menge verleiht Endorphin-Kicks, die keine Smartphone-App der Welt bieten kann. Und natürlich auch kein noch so gut gemeinter Online-Stream auf Arte mit einem DJ-Set vor einem menschenleeren Saal.

Falls jemand befürchten sollte, dass das Party-Comeback wieder die Corona-Inzidenzen in die Höhe treibt: Es gibt Hinweise darauf, dass die Crowd ganz weit vorne beim Impfen ist. Ein Indiz ist das Pilotprojekt des Senats im vergangenen August, als sechs Clubs zeitweise ihre Türen öffneten. Dabei ist eine Impfquote weit über dem Schnitt erhoben worden. Kein ganz schlechtes Omen.