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BESTÄNDIGER FORTSCHRITT


bioland - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 06.04.2021

50 Jahre Bioland

Artikelbild für den Artikel "BESTÄNDIGER FORTSCHRITT" aus der Ausgabe 4/2021 von bioland. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Der Treffler-Striegel war eine kleine Revolution für den Ackerbau im Betrieb von Manfred (links) und Stefan Weller.

Wenn man Gita Sandrock beim Erzählen zuhört, wird man selbst ganz ruhig. Es ist die Mischung aus Gelassenheit, die sie ausstrahlt – dass schon alles gut ist, wie es ist – und aus Veränderungswillen, es immer noch ein bisschen besser zu machen. Dazwischen liegt eine Konstanz, eine Verwurzelung, die der Biolandhof Sandrock in Reichensachsen/Wehretal und seine Menschen verströmen. Die Menschen, das sind Mutter Cornelia, Gita und Heiko mit ihren drei Töchtern Lea, Ella und Maila.

Ein halber Mitarbeiter kümmert sich um den Ackerbau, Heiko arbeitet als Bauingenieur extern.

Der Bioland-Betrieb liegt alleingelegen am leichten Hang, angesiedelt 1967 von Gitas Großeltern. Die Gebäude – Flachbauten, weiß gestrichener Klinker, verzinkte Silos, aufgesatteltes Wohnstockwerk – und der mit grauen Knochensteinen gepflasterte Hof erinnern eher an ein auf Effizienz ausgelegtes Verarbeitungsunternehmen ...

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... als an einen bio-landwirtschaftlichen Betrieb.

„Wir haben uns oft mit Gleichgesinnten getroffen“

Wie das Haus, so die Menschen. Hier wird gewirtschaftet. Nicht weniger aber gelebt, die Menschen sind zentral, die Arbeit passt sich an. „Wir haben gerne gearbeitet, es hat Spaß gemacht! Und haben unser Drumherum versucht so zu gestalten, dass wir uns wohlfühlen und dass wir da gerne sind.“ Das sagt Cornelia Sandrock, Jahrgang 1945, Witwe von Herbert Sandrock. Sie führt den Hofladen, der 2004 eingerichtet wurde, mit Begeisterung. Dort gibt es Eier, Geflügelfleisch und Kartoffeln vom Hof und ein Naturkostvollsortiment von Naturkost Elkershausen.

Der Bio-Gedanke kam Sandrocks für den Garten. Und weil das gut ging, haben sie ihn auch im Feld umgesetzt. „Wir haben uns oft in den Familien von Gleichgesinnten getroffen und den Dr. Müller auf dem Möschberg in der Schweiz besucht“, erzählt die Hofälteste, Cornelia Sandrock.

Und Gita: „Mein Vater war ein Einzelgänger.“ Er sei aber genauso ein Menschenfreund gewesen, zeigte gerne den Bio- Betrieb vor.

Herbert und Cornelia haben den Betrieb am 4. Februar 1975 nach den Vorgaben des Fördervereins Ökologischer Landbau umgestellt. Erstmal wurde nur der Acker umgestellt, rund 50 Hektar, einen Umstellungsplan gab es nicht, keine Öko- Prämien. Man hat sich mit zwei, drei Betrieben aus Hessen überlegt, etwas anders zu machen und sich intensiver ausgetauscht als vielleicht heute. Heute ruft man den Berater an. Die ersten fünf Jahre waren richtig hart, „die Felder sahen aus wie Hulle, voll Unkraut.“ Den Hackstriegel musste man erst einsetzen lernen. Aber heute striegeln Sandrocks bewusst nicht mehr zwischen dem Aussäen und dem Ernten. Der Roggenschlag ist Anfang März lückenlos von Ackerwildkräutern im Rosettenstadium bewachsen. Kultur und Begleitflora gedeihen in Koexistenz und erhöhen die Biodiversität in der Fläche enorm.

„Ich habe die Sorge, dass der Gedanke irgendwann abhanden kommt, warum der Verband gegründet wurde“

Gita Sandrock

„Ich wollte gar nichts ändern“

Gita hat bis 2004 in Bonn studiert und dann den Betrieb übernommen. „Dann habe ich mit Bioland-Berater Jan Gröner eine betriebliche Standortbestimmung gemacht. Viele, die einen Betrieb übernehmen, wollen alles neu machen. Ich fand es aber gut, wie es läuft und wollte gar nichts ändern.“

Gitas Großeltern haben damals drei Ställe für Legehennen gebaut, konventionell, für 8.000 Tiere. Als ihre Eltern 1985 die Hühner auf Bioland umgestellt haben, hatten sie noch drei Mal 800. Seit 2002 mischt Gita Sandrock das Futter mit zwei anderen Kollegen zusammen selbst. 2005 musste ein Grünauslauf für die Hühner her, so wollten es die Bioland-Richtlinien. „Das war einschneidend. Deshalb mussten wir einen Stall aufgeben“, erklärt die Hühnerhalterin. Es waren dann weniger Hühner in zwei Ställen. 2012 wurden die beiden Ställe so umgebaut, dass wieder genauso viele Hühner hineinpassten, 2.230 Lohmann Klassik, „das reicht und passt perfekt zum Ackerbau.“ Der Ackerbau ist 2016 um 20 Hektar Pachtfläche gewachsen, seitdem ein Bioland-Kollege im Nachbarort aufgehört hat.

„Wir sind so viele bei Bioland“

Doch auch die Zukunft hält Herausforderungen bereit. Die Landwirtin überlegt, noch einen anderen Eiweißträger anzubauen, zum Beispiel Lein. „Noch nicht soweit bin ich mit den Zweinutzungstieren. Dazu müsste ich den Stall umbauen und den Tierbesatz halbieren.“ Und weil auch die Junghennen jetzt Grünauslauf brauchen, hören viele Aufzüchter offensichtlich auf.

Es ändert sich einiges um sie herum, sodass sie sich neu positionieren muss. „Das ist nicht schlimm, aber ich stehe jetzt ein bisschen bei Null und fange an zu überlegen.“ Die Geflügelhaltung bei Bioland ist stark reguliert, das sei aber in Ordnung. „Wir sind so viele bei Bioland, da kann man sich nicht mehr darauf verlassen, dass alle in die gleiche Richtung denken“, sagt Gita Sandrock.

„Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen“

Dass man sich noch reihum am Küchentisch trifft, geht mittlerweile schlecht. Trotzdem sei es ganz wichtig, dass diese Gemeinschaft praktiziert wird, in den Gruppentreffen und den Seminaren. „Ich habe die Sorge, dass der Gedanke, warum der Verband gegründet wurde oder man die Dinge anders machen muss als die anderen, irgendwann abhandenkommt“, sorgt sich die Bioland-Landwirtin.

Im Großen und Ganzen hat sich der Betrieb dann aber nicht so stark verändert, meint Gita Sandrock. Doch besser könne man es immer noch machen: klimafreundlicher, artenreicher. Und wer übernimmt einmal den Betrieb? Lea, die Älteste der jungen Generation, kann es sich schon gut vorstellen: „Ich helfe immer mehr bei den Hühnern mit und frage immer mehr. Also, eigentlich kann ich mir nichts Schöneres vorstellen.“ ←

Früher“, so erinnert sich Manfred Weller, hing beim Bioland-Vorreiter Ernst Weichel eine Karte im Büro. Dort waren die ersten Bioland-Betriebe mit Punkten markiert, darüber stand „Die Saat ist gesät“. Heute, sagt der Bioland- Landwirt zufrieden, ist die Saat aufgegangen und hat gute Erträge geliefert.

Manfred Weller ist dem Verband 1981 beigetreten. Der elterliche Betrieb in Franken bewirtschaftete 17 Hektar, Raps und Zuckerrüben waren neben dem Getreide die tragenden Früchte. „Ein stinknormaler Betrieb für die Region“, sagt Weller. Und heute? „Sind wir immer noch ein stinknormaler Betrieb ohne Viehhaltung“, ergänzt Stefan Weller, der Hofnachfolger. Die Zuckerrüben wurden durch Kartoffeln ersetzt, vor ein paar Jahren sind Kürbiskerne als lukrative Frucht hinzugekommen. Der Betrieb umfasst heute knapp 30 Hektar und wird im Nebenerwerb geführt.

„Einen Betrieb ohne Vieh umzustellen, passte damals überhaupt nicht ins Konzept“, erinnert sich Weller Senior. Deshalb hat er sich viele Gedanken über die Fruchtfolge gemacht. Zunächst wurden Ackerbohnen und Erbsen als Fruchtfolgeglied etabliert, zudem kam auf jeden Acker eine Untersaat oder Zwischenfrucht. Das System wurde zu einer Grünbrache mit Grobleguminosen und nichtlegumen Partnern weiterentwickelt. „Wir bauen die Grünbrache wie eine Hauptkultur mit einer richtigen Saatbettvorbereitung an“, erzählt der Landwirt. Dieser Schritt habe den Ackerbau wesentlich vorangebracht, „das System ist viel runder geworden“. Auch dem Sohn ist die intensive Bodenbearbeitung wichtig: „Wir pflügen teilweise ein- bis zweimal im Jahr flach zur Hauptsaat.“

Eine kleine Revolution im Betrieb war die Anschaffung eines Treffler-Striegels vor drei Jahren. „Wir haben das Getreide ja immer gehackt“, erzählt Stefan Weller. Sein Vater war ein Vorreiter des Getreidehackens und hat das Verfahren als Berater auf vielen Betrieben verbreitet. Das Getreide blindstriegeln zu können hat den Anbau wesentlich verändert. Die wirklichen Innovationen im Ackerbau, die stünden aber noch aus, um mit der Trockenheit zurechtzukommen. Der Regen fehlt zur Zeit des Wachstums, die Vegetationszeit ist kürzer geworden, „heute ernten wir das Getreide vier Wochen früher als zu der Zeit, als ich angefangen habe“, sagt Stefan Weller.

„Früher hattest du nur Überzeugte“

Beide, Vater wie Sohn, sind und waren neben der Bewirtschaftung des eigenen Betriebs auch als Berater tätig. Wie hat sich der Beratungsbedarf in den vergangenen Jahrzehnten verändert? „Früher hattest du nur Überzeugte“, sagt Manfred Weller. In erster Linie an die Betriebswirtschaft zu denken, war verpönt. Die frühen Bio- Landwirte haben sich für den Boden interessiert das „Nährstoffdenken war nicht da“. Ein Grund, warum damals viele Ackerbauern Nährstoffe wie Kali und Phosphat in den Mangel gewirtschaftet haben. „Das würde man heute nicht mehr so machen.“

„Man muss den Boden trotzdem in Form von Fruchtfolgen und Nährstoffversorgung unterstützen“

Stefan Weller

Heute steht das „Nährstoffdenken“ neben der Technik ganz im Vordergrund, Fragen zur Bodenfruchtbarkeit und zum Humus würden nur noch selten gestellt. „Das ist dann unsere Aufgabe als Berater, dies anzusprechen“, sagt der Landwirt. Sein Sohn begrüßt die neue Haltung: „Die neuen Betriebsleiter sind in ihrer Denkweise moderner und sehr technikaffin.“ Nicht bei dem stehenbleiben, was man vor 20 Jahren gelernt hat, auf Forschung und Wissenschaft zu hören, ist für ihn Voraussetzung erfolgreichen Wirtschaftens.

Neue Beratungsinhalte sind hinzugekommen: „Wie kühlen wir den Boden?“, fragt Weller, „wie gelingt eine durchgehende Bodenbedeckung?“ In diesem Jahr sollen Einsaaten in den Reihenkulturen erprobt werden, zum Beispiel ein Mikroklee im Kürbis, der nicht hoch wird, aber den Boden bedeckt. Vor Jahren schon hat Manfred Weller das Pflug-Mulch-System entwickelt, der zugehörige Schlegelhäcksler steht in der Halle.

„Offener in Punkten, die früher verpönt waren“

Wie hätten Vater und Sohn einem interessierten Landwirt den Ökolandbau erklärt, früher und heute? „Ich hätte gesagt, dass wir ein anderes Düngesystem haben, dass wir das Bodenleben düngen und das stellt der Pflanze dann alles Notwendige zur Verfügung“, meint Manfred Weller. „Das brauchen wir, weil wir keinen Pflanzenschutz haben. Wir müssen das System Boden aufbauen, um gesunde Pflanzen zu haben.“

„Die Bodenernährung ist auch heute wichtig, aber man würde viel technischer argumentieren“, erwidert Stefan Weller. „Das Unkrautthema würde schnell kommen. Bodenernährung ja, aber man muss den Boden trotzdem in Form von Fruchtfolgen und Nährstoffversorgung unterstützen. Da ist die heutige Generation einfach offener in Punkten, die vor 40 Jahren vielleicht noch verschrien waren.“ ←