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Bestens betreut


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Leben & erziehen - epaper ⋅ Ausgabe 9/2022 vom 25.08.2022

Unser TITEL THEMA

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Mehr als ein Drittel aller einjährigen Kinder (37,5 Prozent) in Deutschland gehen in die Kindertagesbetreuung, unter den Zweijährigen sind es fast zwei Drittel (64,5 Prozent). Bei den drei- bis sechsjährigen Kids steigt die Quote laut Statistischem Bundesamt auf stolze 91,9 Prozent.*

Die Kinder regelmäßig durch andere Personen betreuen zu lassen gehört für die Mehrheit der Eltern also zum Alltag dazu. Doch woher weiß man, welche Fremdbetreuung die passende für die eigene Familie ist? Um diese Frage zu klären, müssen Zeitschriften wie „Leben & erziehen“ zuallererst auf ihre Formulierungen achten, findet die Autorin Nora Imlau: „Wenn Medien unkritisch von ‚Fremdbetreuung‘ sprechen, festigen sie damit das überholte und ideologisch aufgeladene Bild von herzlosen Eltern, die ihr Kind in der Obhut Fremder lassen, um arbeiten zu gehen.“ Moderne Betreuung hingegen, die das familiäre Netz ...

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... ergänzt, basiere auf Bindungsbeziehungen, bei denen Kinder eben nicht von Fremden betreut werden – sondern von engen Vertrauten, erklärt die Expertin.

Mehr Bezugspersonen als die eigenen Eltern

Doch kann man die wirklich außerhalb der Familie finden? Auf jeden Fall, sagt Nora Imlau: „Das Großziehen von Kindern ist eine Gemeinschaftsaufgabe, und Kinder brauchen mehr Menschen als nur ihre Eltern, um die Entwicklungsimpulse zu bekommen, die sie benötigen.“ Welche Form dabei die optimale für das eigene Kind ist, hängt vom Charakter ab: „Je nach angeborenem Grundtemperament brauchen Kinder unterschiedliche Rahmenbedingungen, um sich wohlzufühlen“, erklärt die vierfache Mutter: „Eher extrovertierte Kinder lieben oft größere Kindergruppen mit viel Action, eher introvertierte, sensible oder gefühlsstarke Kinder brauchen mehr Rückzugsräume und engere Begleitung durch feinfühlige Erwachsene.“

Unsere Expertin

Nora Imlau

… ist Journalistin, Vierfach-Mama und Bestseller-Autorin aus Süddeutschland. Im Juli erschien ihr neuestes Buch „In guten Händen“. Darin zeigt die 39-Jährige anhand vieler alltagspraktischer Beispiele, wie Familien ein Bindungsnetz knüpfen können, das alle Familienmitglieder bereichert.

Aber nicht nur auf die Bedürfnisse der Kinder, auch auf die der Eltern sollte laut Nora Imlau Rücksicht genommen werden, zum Beispiel, wenn es um mögliche Betreuungszeiten und Fahrtwege geht: „Familien sind ein System – und deshalb darf die Wahl der Betreuung auch nicht nur von den Eltern oder nur vom Kind her gedacht werden, sondern aus dem Blickwinkel: Womit kann es uns allen gut gehen? Eine gute Betreuung hält unser Familiensystem in der Balance, indem es uns Eltern Entlastung und Freiräume ermöglicht und unseren Kindern wertvolle Bindungserfahrungen und Entwicklungsimpulse.“

Haben wir die richtige Wahl getroffen?

Und woher weiß man letztlich, ob man die richtige Entscheidung gefällt hat? Das geht recht einfach, sagt die Expertin: „Dass ich eine gute Betreuungslösung für mein Kind gefunden habe, erkenne ich als Elternteil daran, dass mein Kind dort gerne hingeht, sich vertrauensvoll von mir löst und nach Ende der Betreuungszeit zwar müde, aber nicht emotional belastet wirkt.“

Welche Optionen der Kinderbetreuung es bei uns in Deutschland gibt, stellen Vertreterinnen und Vertreter der einzelnen Berufsgruppen auf den nächsten Seiten vor.

Was bedeutet eigentlich „Kita“?

Das Wort „Kita“ ist die Kurzform von „Kindertagesstätte“ und ein Sammelbegriff für verschiedene Kinderbetreuungsformen. In Deutschland heißen je nach Region unterschiedliche Einrichtungen „Kindertagesstätte“: die Kinderkrippe und der Kindergarten, auf die wir in diesem Artikel eingehen, sowie der Hort, den Grund- und Mittelschüler nach Schulende oder in den Ferien besuchen können.

Betreuung in der Kita im Krippenbereich

Alter: ab etwa sechs Monate bis drei Jahre

Personalschlüssel*: 3,5 (Westdeutschland), 5,5 (Ostdeutschland)**

Gruppengröße: im Idealfall maximal 12 bis 15 Kinder

Kosten: variieren je nach Bundesland und Betreuungszeit; teils gebührenfrei, teils bis zu 600 Euro/Monat

„Ein größeres Netzwerk als nur die eigenen Eltern ist für Kinder schon früh wichtig. Bei uns in der Krippe haben sie die so wichtigen sozialen Kontakte zu Gleichaltrigen. Natürlich spielen Kinder in dem Alter noch nicht so miteinander, wie es die älteren tun. Aber sie lernen Abläufe und Rituale kennen – und den Austausch untereinander. Beim gemeinsamen Essen am Tisch entstehen richtige ‚Gespräche‘ unter Eineinhalbjährigen. Sowieso ist Sprachförderung ein großes Thema bei uns: Alles, was wir tun, versprachlichen wir, und wenn es nur das Schälen einer Kiwi ist. So lernen die Kinder jede Menge neue Vokabeln einfach nebenbei. Ich kann verstehen, dass die Betreuung in einer sehr kleinen Gruppe, wie bei einer Tagesmutter, für viele Eltern persönlicher wirkt. Doch wir sind natürlich entsprechend mehr Erwachsene im Team, sodass die Kinder die gleiche Aufmerksamkeit bekommen. Bei Krankheit oder Urlaub können wir uns gegenseitig vertreten. Und die Gruppe ist nicht so starr: Kommt ein neues Kind dazu, durchmischt es sich wieder – so entstehen tolle Dynamiken, ganz anders als in kleinen Betreuungsgruppen. Ich würde mein eigenes Kind auf jeden Fall auch in eine Krippe geben.“

*Der Personalschlüssel gibt Aufschluss darüber, wie viele Kinder im Schnitt durch eine Person betreut werden. Der Personalschlüssel 5 bedeutet beispielsweise, dass in der Regel eine Betreuungsperson für fünf Kinder zuständig ist.

** Quelle: statista.com (Personalschlüssel in der Kinderbetreuung)

Betreuung in der Kita im Elementarbereich / im Kindergarten

Alter: drei bis sechs Jahre

Personalschlüssel: 8,1 (Westdeutschland), 11 (Ostdeutschland)**

Gruppengröße: höchstens 25 Kinder

Kosten: variieren je nach Bundesland; teils gebührenfrei, teils bis zu 500 Euro/ Monat, in der Regel günstiger als ein Krippenplatz

„Der größte Vorteil bei uns ist, dass die Kinder durch die Interaktion mit den ganzen anderen Kindern sozialisiert werden. Sie lernen nicht nur von uns Erziehern, sondern eben auch voneinander. Diese Vielfalt haben sie meiner Meinung nach in kleineren Gruppen oder in der Einzelbetreuung nicht. Oft fragen sich junge Eltern: Wird mein Kind in so einer großen Gruppe überhaupt gesehen? Da kann ich nur beruhigen: Ja, dein Kind wird gesehen – gerade die Kleinen. Natürlich können wir nicht genau so auf die Kinder eingehen wie die eigenen Eltern, aber wir gehen auf unsere pädagogische Art sehr sensibel und gut auf alle Bedürfnisse ein. Ein Nachteil ist oft die Größe der Kitas, da muss man sowohl als Elternteil als auch wir als Pädagogen Bock drauf haben. Kleine Kitas sind leider die Ausnahme geworden. Was man aber auch nicht außer Acht lassen darf: Natürlich gibt es bei der Tagesmutter eine engere Bindung, dafür aber auch weniger Qualitätsmanagement. Die Normen, Werte und kontrollierten Regeln der großen Kita-Träger sind ein enormer Vorteil.“

Betreuung in der Kita in einer Familiengruppe

Alter: gemeinsam von ein bis sechs Jahre

Personalschlüssel: 6,1 (Westdeutschland), 8,6 (Ostdeutschland)**

Gruppengröße: höchstens 25 Kinder

Kosten: werden je nach Alter des Kindes denen für die Krippen- oder Elementar-Betreuung im jeweiligen Bundesland angepasst

„In einer Familiengruppe erlernen die Kinder früh soziale Kompetenzen: Die älteren Kinder geben auf die jüngeren acht und lernen, Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig lernen auch die Kleineren, Rücksicht auf den Spielraum der Älteren zu nehmen. Im Idealfall schauen sich die Jüngeren von den Älteren ab, wie sie ihre Bedürfnisse äußern können. Ich finde es außerdem schön, wenn die Gruppe sich mischt: Nicht jedes Krippenkind hat das Bedürfnis, mit Gleichaltrigen zu spielen, und freut sich, wenn es bei den Älteren dabei sein darf – und genauso umgekehrt. Eine Herausforderung für uns pädagogische Fachkräfte ist die zeitgleiche Befriedigung der vielen unterschiedlichen Bedürfnisse durch die große Altersspanne. Diese Sorge hören wir auch hin und wieder von den Eltern. Das ist aber lösbar, wenn man den verschiedenen Altersklassen genug Raum und bedürfnisorientierte Angebote bieten kann. Und durch diese Altersspanne sind die älteren Kinder in unserem Konstrukt auch wirklich ‚die Großen‘, sie helfen den Kleineren und übernehmen andere Aufgaben, auf die sie einfach richtig stolz sind.“

Betreuung bei einer Tagesmutter oder einem Tagesvater

Alter: ab etwa sechs Monate bis etwa fünf Jahre

Gruppengröße: ein bis fünf Kinder, für eigene Kinder der Tageseltern gibt es Ausnahmen

Kosten: abhängig vom Bundesland, Betreuungszeit und Gruppengröße etwa 5 bis 25 Euro pro Stunde

„Der größte Vorteil, den ich in unserer Kleingruppe sehr, ist die Reduzierung der Reize. Allein der Lautstärkepegel! Außerdem müssen die Kinder durch die kleine Gruppengröße viel weniger Kompromisse eingehen. Ich kann jedem von ihnen täglich Wünsche erfüllen, zum Beispiel das Lieblingsbuch vorlesen. Der Austausch zu den Müttern und Vätern ist durch die geringe Anzahl sehr eng, wir haben ein fast freundschaftliches Verhältnis. Oft begegnet mir das Vorurteil, dass die Kinder bei mir nicht ausreichend gefördert werden, weil die Angebote einer großen Kita-Gruppe fehlen. Dabei ist längst erwiesen, dass die Partizipation der Kinder am ganz normalen Alltag einen enormen Lerneffekt hat. Viele Mal- und Bastelangebote können sie noch gar nicht greifen. Natürlich machen wir solche Dinge auch, aber eben nur, wenn der Wunsch danach aus den Kindern heraus kommt. Ein Nachteil ist, dass ich keine Kollegin habe, die im Krankheitsfall oder während meines Urlaubs für mich übernimmt. Aber: Jede Tagesmutter hat eine Ersatzbetreuung – und nach spätestens 24 Stunden springt die für mich ein.“

SILKE SCHRÖCKERT