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Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 11/2021 vom 01.11.2021

BRENNPUNKT

Die einen finden es schlicht unkomfortabel und würden mit einer Mund-Nasen-Bedeckung nie eine Aufführung verfolgen. Andere Menschen würden nie vor einer Bühne Platz nehmen, wenn dort unmaskierte, vielleicht sogar nicht gegen Corona geimpfte Menschen ihre Atemluft ungefiltert in den Raum absondern.

Als im September im Kleinen Haus des Theaters Bremen von 200 Sitzplätzen 150 ohne Abstand verkauft werden durften und ohne Maskenpflicht miteinander Theatergucken möglich war, genoss das nicht nur der Autor dieser Zeilen nostalgisch erfreut, während Sitznachbarn irritiert bis erschreckt waren von der neuen-alten Intimität des gemeinschaftlichen Liveerlebnisses. Zwischen diesen beiden Positionen mäanderte bei Artikelabgabe reichlich Unsicherheit, die vielen die Vorfreude verdarb und sie vom Theaterbesuch absehen ließ. Wie auch immer Bühnen also ihr Hygienekonzept ausrichten, um den Spagat ...

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... zwischen Sicherheit und gänzlicher Öffnung hinzubekommen, es wird nicht nur Zustimmung hageln. Zur Ungewiss- heit trägt auch bei, dass in jedem Bundesland andere Verordnungen gelten, die sich auch noch alle paar Wochen ändern.

„Ein Zurück zur sogenannten Normalität wird es so schnell nicht geben. Denn es gibt dieses präpandemische Gestern gar nicht mehr, das einfach wiederbelebt werden könnte.“

Jens Fischer

Ein Zurück zur sogenannten Normalität wird es so schnell nicht geben. Denn es gibt dieses präpandemische Gestern gar nicht mehr, das einfach wiederbelebt werden könnte. Geändert hat sich vor allem die Haltung zur Nähe. Wir haben gelernt: Menge ist gefährlich. Menschen, die man nicht kennt, sollte erst mal misstraut werden. Kontakte können tödlich sein. Körper sind Virenschleudern. Distanz ist daher der neue soziale Imperativ. Wohlwollend wurde daher vielfach zu Saisonbeginn aufgenommen, dass Säle maximal halb besetzt werden sollten. Also montierten Theater die zur Abstandssicherung vorm Sommer ausgebauten Sessel wieder ein, räumten auch die Leere kaschierenden Sofas von den Tribünen, replatzierten das Gestühl – und arrangierten das maskierte Publikum darauf im Schachbrettmuster. Da Kontakt tabu war, geschah der Einlass häufig einzeln durch eine Unzahl noch nie wahrgenommener Türen. Dann ging es auf labyrinthisch anmutenden Pfaden durchs Haus zum Sitzplatz. Wer auch ins Theater geht, um Menschen zu sehen und ihnen zu begegnen, die Häuser auch als Wärmestuben der Gefühle, Kontaktbörsen und Laufstege nutzt, war ziemlich verloren. Fehlte es doch auch an Service- und Aufenthaltsqualität. Gestrichen waren Einführungen, Nachgespräche, Gastronomie, Garderobe, Premierenfeiern, Aufführungspausen zum Plauschen …

Aber dann kam 2G. Die Wellen schlugen hoch, als Vorreiter Hamburg diese Option für alle Kultureinrichtungen freischaltete. Wer nur noch Geimpfte und Genesene einlässt, darf sein Haus voll auslasten und wird von Masken- und Abstandspflichten entbunden. Gerade private Bühnen ergriffen schnell diese Möglichkeit, da sie viel stärker auf Eigeneinnahmen angewiesen sind als Stadt- und Staatstheater und nur mit voller Belegung wirtschaftlich arbeiten können. Wie Schmidts Tivoli in Hamburg.

Geschäftsführerin Tessa Aust ergänzt: „Wir sind unbedingt dafür, dass Geimpfte und Genesene ihre vollen Rechte zurückerhalten.“

„Obwohl Theater nach den Lockdowns mit geballten Spielplanreigen ihre Premierenstaus auflösten und mit viel Energie durchstarteten, entspricht die Nachfrage nicht dem wachsenden Ticket-angebot.“

Jens Fischer

Thüringen zog nach, und das Theater Erfurt sagte sofort Ja zu 2G. Dass ein Großteil des Publikums dabei ausgeschlossen werde, stimme nicht, heißt es nicht nur dort. Nach Umfragen unter ihren Zuschauern und Analysen der Besucherdaten bei 3G-Vorstellungen kommen fast alle 2G-Bühnen zu der Einschätzung: 90 bis 95 Prozent ihres Publikums sei eh durchgeimpft oder genesen. Kritik gab es nur dafür, Theater mit 2G für die Impfdruckpolitik zu instrumentalisieren. Celles Intendant Andreas Döring nimmt die Politik in die Pflicht. „Vom Grundsatz her dürfen wir subventionierten Kulturanbieter über Zugangseinschränkung nicht verfügen.“ Diese Entscheidungsrolle müsse bei der Politik liegen, weil es um Grundrechte geht. „Ein Ausschluss nicht geimpfter Menschen zu ihrem eigenen Schutz, beispielsweise an Stelle eines Lockdowns, muss also gesundheitspolitisch klar legitimiert sein“ – und nicht dadurch, dass Theater mehr Zuschauer und diese wieder mehr Komfort haben.

Deswegen gehen viele Häuser einen Mittelweg, spielen vornehmlich für ein 3G-Publikum im halb besetzten Saal und nur ausgewählte Vorstellungen in 2G-Vollauslastung. Einen weiteren Mittelweg gibt es in Rheinland-Pfalz – er firmiert als 2G plus: Neben den Geimpften und Genesenen dürfen auch einige nur getestete Besucher ins Staatstheater Mainz. Ihre Zahl ist je nach Infektionslage begrenzt: 250, 100 oder 50 pro Vorstellung. Ganz vorne beim Lockern ist Schleswig- Holstein. Da der Kieler Intendant Daniel Karasek nicht möchte, dass sich jemand an Abstände zwischen Menschen und Lücken im Parkett gewöhnt, nahm er sofort das Angebot der Landespolitik an, die Platzkapazität auf 100 Prozent hochzufahren. So bekommen auch Abonnenten wieder ihren Platz, und es kann dort auf Masken- sowie Kontaktdatenerhebungspflicht verzichtet werden. Nicht aber auf 3G. Am ersten Wochenende war die Studiobühne ausverkauft, die größeren Häuser, noch ohne Abo, etwa zur Hälfte gefüllt.

Obwohl Theater nach den Lockdowns mit geballten Spielplanreigen ihre Premierenstaus auflösten und mit viel Energie durchstarteten, entspricht die Nachfrage nicht dem wachsenden Ticketangebot. Die großen, starbesetzten Saisonstartpremieren am Deutschen Schauspielhaus und Thalia Theater in Hamburg wären vor zwei Jahren vermutlich wochenlang voll belegt gewesen, jetzt sind sie trotz halbierten Kartenkontingents nicht stets ausverkauft. Aus Wien ist zu hören, dass Burg- und Josefstadttheater im September nur eine Zwei-Drittel-Auslastung hatten, während es vor Corona immer mehr als 80 Prozent waren. Zögerlich steigt das Interesse auch an der Staatsoper München. „Aber wir geben alle Plätze in den Verkauf, weil das Erlebnis Oper mit Halbbesetzung nicht funktioniert. Auch Garderoben sind wieder geöffnet sowie Gastronomie in separaten Bereichen“, sagt Pressesprecher Michael Wuerges. Fürs Publikum gelte weiterhin 3G wie auch für alle Angestellten. „Auf 2G achten wir bei unseren Gästen, wer nur getestet ist, bekommt bei uns kein Engagement mehr.“ Andere Theater verzichten auf all die Änderungen, weil diese dem Sicherheitsbedürfnis des Publikums widersprächen.

Aber egal ob 2G oder 3G – das Theater Dortmund kündigt „5G-Superheld*innen“ für den 4. November an. Die sind vielleicht nicht nur genesen, geimpft oder getestet, sondern auch geküsst und gekuschelt. Denn nur so wäre es eventuell möglich, dass Dennis Duszczaks Stückentwicklung wie angekündigt die „Superkräfte unserer Zeit“ findet, um dem „Leben und Theater wieder Magie einzuhauchen“.