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Besuch von Herrn Zimmermann


Der Spiegel - epaper ⋅ Ausgabe 36/2018 vom 31.08.2018

Schicksale In Deutschland leben 3,3 Millionen pflegebedürftige Menschen. Der Medizinische Dienst stellt fest, wie viel Geld jeder Einzelne von der Krankenkasse bekommen soll. An jedem Hausbesuch hängt ein Schicksal. Unterwegs mit einem Gutachter.Von Maik Großekathöfer


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Bildquelle: Der Spiegel, Ausgabe 36/2018

Gutachter Zimmermann



An einem wolkenlosen Mittwochmorgen im Juli, gegen elf Uhr, parkt Kay Zimmermann seinen schwarzen Peugeot vor einem Haus in Liebenwalde, einer Stadt in Brandenburg. Bevor er aussteigt, desinfiziert er die Hände, er reibt sie so lange mit einer klaren Flüssigkeit ein, bis sie wieder trocken sind. Das Fläschchen steckt ...

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... er zurück in die Aktentasche, zu den blauen Einwegschuhüberziehern. Die hat er dabei, weil er sich nie sicher sein kann, was ihn hinter den Türen erwartet, an denen er klingelt. »Dann wollen wir mal«, sagt er. An seinem Hemd hängt ein Namensschild: »Kay Zimmermann. MDK – Medizinischer Dienst der Krankenversicherung«.

Zimmermann steht jetzt vor einem niedrigen Hoftor, das Tor ist zugezogen, aber nicht abgeschlossen, er könnte einfach auf das Grundstück gehen, das macht er aber nicht, er will nichts tun, was man ihm nachher vorwerfen könnte. Er kennt einen Kollegen, den man angezeigt hat, weil er beim Hausbesuch eine Vase verschoben hat.

Er greift zum Handy und ruft die Dame an, die in dem Haus wohnt: »Frau Bielau? Hier Zimmermann vom MDK. Ich stehe draußen … ja, ja, Sie können nicht laufen … ich komme dann mal rein, ja?«

Er geht über den Hof, tritt ins Haus und steigt eine gewendelte Holztreppe hinauf in den Flur. Im ersten Zimmer links liegt Gitta Bielau* in einem Krankenbett mit Seitengitter. Der Geruch von Urin beißt in der Nase. In dem Zimmer stehen ein mobiler Toilettenstuhl, ein Rollator und ein Fernseher, vor dem Fenster hängen graue Gardinen. »So schönes Wetter draußen, und ich habe nichts davon«, sagt Gitta Bielau.

Zimmermann nimmt Platz auf einem Stuhl am Bett, holt den Laptop aus der Aktentasche, stellt ihn auf seinen Schoß, klappt ihn auf. »Frau Bielau, Sie wissen ja, weshalb ich hier bin«, sagt er. »Ich stelle Ihnen jetzt ein paar Fragen, ja? Viel mehr passiert auch nicht. Einverstanden?«

Frau Bielau wischt sich Tränen aus den Augen und nickt.

»Ist nicht schlimm«, sagt Zimmermann. Kay Zimmermann ist MDK-Gutachter, wer ihn zu sich nach Hause bestellt, der bittet ihn, ein Leben zu betrachten, in dem es nicht weitergeht wie bisher. Er besucht Menschen, die bei ihrer Krankenkasse einen Pflegeantrag gestellt haben, weil sie nicht mehr in der Lage sind, sich allein zu versorgen. Zimmermann muss sich ein Bild von ihrem körperlichen und geistigen Zustand machen, um zu entscheiden, ob sie einen der fünf Pflegegrade erhalten. 60 Minuten hat er dafür Zeit, das kalkuliert der MDK so.

Von seinem Urteil hängt ab, wie viel Geld diese Leute bekommen, damit sie einen Pflegedienst bezahlen oder die Angehörigen entschädigen können, die sich um sie kümmern müssen. Er ist zuständig für die fünf Brandenburger Landkreise Oberhavel, Prignitz, Ost prignitz-Ruppin, Barnim und Uckermark. Fünf Hausbesuche macht Zimmermann am Tag – und an jedem hängt ein Schicksal.

Gitta Bielau hat ihren Antrag vor fünf Wochen gestellt, Auftragsnummer 641542, sie ist 76 Jahre alt, leidet an Rheuma, hat Arthrose im linken Ellenbogen und in beiden Knien künstliche Gelenke, seit 2011 hat sie links eine künstliche Hüfte. Vor drei Monaten ist sie in der Küche zusammengesackt.

Während sie ihre Krankengeschichte erzählt, schreibt Zimmermann hastig mit, er hackt mit den Zeigefingern in die Tastatur, »Krankenhauseinweisung bei dann festgestellter Koxarthrose rechts«, der Kopf des Oberschenkelknochens war abgenutzt.

Als sie im Krankenhaus auf die Operation gewartet hat, verabreichten ihr die Ärzte das Rheumamittel täglich, obwohl sie es nur wöchentlich schlucken muss, was zu einer Vergiftung des Knochenmarks führte. Sie musste künstlich ernährt werden und steckte sich mit MRSA an, einem antibiotikaresistenten Erreger. Operiert wurde Frau Bielau noch nicht. Zimmermann schreibt: »Mitte Juni 2018 Entlassung in die Häuslichkeit in weiter bestehendem erheblich reduzierten Allgemeinzustand sowie Geh- und Stehunfähigkeit.« Zimmermann beugt sich im Stuhl vor.

»Wohnen Sie allein hier?«, fragt er.

»Meine Tochter wohnt unten.«

»Ihre Tochter hilft aber schon?«

»Nein. Die ist doch von morgens sieben bis abends acht weg. Die will sich nicht so festlegen mit mir. Die hat auch einen Freund, da ist sie manchmal tagelang.« Frau Bielau weint jetzt wieder.

»Allet jut, Frau Bielau«, sagt Zimmermann. Sein Gesicht bleibt regungslos, kein Lächeln, kein Augenzwinkern.

Dann steht die Pflegerin im Türrahmen, ihre Unterarme sind tätowiert, eine Maske bedeckt Mund und Nase. Sie kommt zweimal am Tag, um Frau Bielau zu waschen und die wund gelegene Stelle am Steiß zu verbinden. 1800 Euro zahlt Frau Bielau im Monat hierfür, bei 1300 Euro Rente. Für sie geht es um ihre Existenz.

Zimmermann ist ein beeindruckend unaufgeregter Mann, ihn schockt wenig, weil er schon viel gesehen hat. Er ist 50 Jahre alt, Single, scharf rasierter Kinnbart, eckige Brille. Könnte auch gut Finanzbuchhalter sein. Er hat noch in der DDR Heizungsinstallateur gelernt, dann schulte er um auf Krankenpfleger, er hat im Operationssaal gearbeitet und auf der chirurgischen Intensivstation, später für vier Jahre in der ambulanten Pflege. 2005 wechselte er als Gutachter zum MDK.

»Wie groß sind Sie denn, Frau Bielau?«

»Einsfünfundsechzig.«

»Und was wiegen Sie?«

»Sechzig.«

»Wie ist es mit der Luft? Kriegen Sie gut?«

»Das geht.«

»Wenn Sie aufstehen könnten, könnten Sie dann das Wasser halten? Oder würde es tröpfeln?«

»Nee, das ginge.«

»Die Windeln, die tragen Sie, weil Sie nicht laufen können?«

»Ja, das ist doch das Schlimme.«

»Besteck können Sie halten?«

* Die Namen aller Antragsteller sind geändert.

»Geht, ja. Ich kriege aber keine Brauseflasche auf, da fehlt die Kraft.« Was Zimmermann macht, ist eine Musterung für Gebrechliche und Kranke. Er sagt kein Wort zu viel, keines zu wenig. Er wendet sich an die Pflegerin. »Hauswirtschaft – was machen Sie da?«

Die Pflegerin nimmt den Mundschutz ab. »Noch nichts«, sagt sie. Mittags schaut sie zwar kurz vorbei, um die Mahlzeit aufzuwärmen, die »Essen auf Rädern« liefert.

»Aber das ist freiwillig, das zahlt keiner.«

Nach 55 Minuten klappt Zimmermann seinen Laptop zu. »Das war’s schon, Frau Bielau. Ihre Krankenkasse meldet sich bei Ihnen und schickt den Bescheid.« Er steckt den Laptop in die Tasche und steht auf.

Gitta Bielau will sich im Bett aufrichten, schafft es aber nicht. Sie guckt Zimmermann an und fragt mit zittriger Stimme:

»Können Sie mir schon was sagen?«

»Nein.«

»Wenn Sie ablehnen, komme ich nicht aus den Schulden raus.«

Zimmermann schweigt.

In den Augen der Antragsteller hat ein Gutachter des MDK viel Macht. Zimmermann sieht das anders. Er meint, ein Krankenpfleger habe Macht, der sei unmittelbar für das Wohl eines Patienten verantwortlich, er nicht.

»Alles Gute, Frau Bielau«, sagt Zimmermann. Er gibt ihr die Hand und sitzt kurz darauf wieder im Auto, auf dem Weg zum nächsten Termin.

Beim MDK arbeiten gut 2300 angestellte Gutachter, die laut Gesetz unabhängig von den Interessen der Pflegebedürftigen und denen der Krankenkasse ihr Urteil fällen müssen. Im vergangenen Jahr haben sie 1,8 Millionen Anträge geprüft.

Nach Ansicht des Bundesrechnungshofs ist der MDK wegen Personalmangels völlig überlastet. In einem anonymen Schreiben beklagten Gutachter des MDK-Nord, der Hamburg und Schleswig-Holstein abdeckt, es herrsche unter den Prüfern »ein Zustand der Angst, Verzweiflung und Resignation «, der Zeitdruck wirke sich auf die Qualität der Gutachten aus.

Inzwischen ist jeder fünfte Mensch in Deutschland älter als 65, in zehn Jahren wird jeder Dritte über 60 sein, der Bedarf an Pflegeleistungen wird weiter steigen. Auf Kay Zimmermann kommt noch mehr Arbeit zu.

Was sollte, was kann ein Gutachter leisten? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass er zu hart urteilt oder zu weich? Reicht eine Stunde aus, um einem Menschen gerecht zu werden? Oder ist das Prozedere unwürdig?

Nachmittags um halb vier sitzt Zimmermann in seiner Maisonettewohnung auf dem Balkon, er hat sich umgezogen, steckt in T-Shirt und Shorts. Zimmermann wohnt in Bergfelde bei Oranienburg, die Gutachten macht er immer zu Hause fertig. Er ist ein pragmatischer Typ, der seine Duftwässerchen im Bad nach Größe der Flakons sortiert, die DVDs neben dem Fernseher sind auf Kante gestapelt, Zimmermann führt ein Leben, in dem immer alles korrekt sein muss.

Laut Dienstplan, den ihm die Zentrale am Vortag auf sein Handy geschickt hat, hat er für die Nachbereitung des Haus -besuches bei Frau Bielau exakt 32 Minuten Zeit. Er ruft im Laptop das Dokument auf, Gutachten 707-5644155. Er liest noch einmal, was er am Morgen geschrieben hat, verbessert Tippfehler, streicht hier einen Halbsatz, ergänzt an anderer Stelle. Im Gutachten heißt es: »Feste Mahlzeiten müssen klein geschnitten werden. Brote können belegt werden. Getränke müssen eingegossen werden.«

Zum Auftrag gehört, dass er die Ergebnisse der Begutachtung in langen Checklisten festhält. 78 Fragen muss Zimmermann beantworten, sie sind aufgeteilt in sechs Themenfelder, jeweils vier Antworten stehen zur Auswahl, für die es unterschiedlich viele Punkte gibt.

Interaktion in direktem Kontakt? Selbstständig. Null Punkte.

Positionswechsel im Bett? Überwiegend selbstständig. Ein Punkt.

Waschen des Intimbereichs? Überwiegend unselbstständig. Zwei Punkte.

Treppensteigen? Unselbstständig. Drei Punkte.

Die Punkte werden addiert und gewichtet, es ist ein kompliziertes Verfahren. Am Ende, nach 25 Minuten, kommt Zimmermann auf 47,5 Punkte, damit landet Gitta Bielau in Pflegegrad drei; sie erhält von der Krankenkasse künftig 1298 Euro im Monat für den Pflegedienst. Zimmermann sagt: »Ich kriege so einen Hals, wenn ich daran denke, was sie über ihre Tochter erzählt hat.«

Er will seine Arbeit gut machen, das heißt für ihn, dass er das richtige Maß finden muss zwischen Mitgefühl und Distanz, zwischen Wohlwollen auf der einen Seite und Pflegebedürftigkeitsrichtlinien auf der anderen. Wahrscheinlich pendelt man in seinem Beruf immer hin und her.

Bei seinem letzten Termin an diesem Tag stand er vor einem rotgeklinkerten Neubau in Rheinsberg, er rauchte und trat von einem Fuß auf den anderen. »Jetzt bin ich mal gespannt«, sagte er. Für einen Augenblick, bevor die Frau, die er gleich begutachten musste, zu einer abstrakten Fallzahl im Gesundheitssystem wurde, Auftrag 649076, war sie ein Mensch, mit dem er Mitleid hatte.

Zimmermann, die Aktentasche in der linken Hand, drückte die Klingel neben dem Namen »Stöbe«. Die Tür summte auf.

Im Hochparterre erwartete ihn ein drahtiger Herr mit Halbglatze und Sandalen an den Füßen. »Komm Se rin«, sagte Rolf Stöbe. »Ich bin Fußballer. Vor Ihnen steht jemand mit über tausend Pflichtspielen.« Herr Stöbe erweckte nicht den Eindruck, als sei er mit einer Frau verheiratet, die vielleicht nicht mehr lange lebt, aber es kann auch sein, dass er einfach nervös war.

Rita Stöbe saß im Wohnzimmer auf einem Samtsessel, mit einer Haut wie Pergament. Sie trug einen rosafarbenen Pullover und einen Rock mit Blumenmuster. Auf dem Tisch stand ein Teller mit Keksen und das gute Kaffeeservice. Rührte Zimmermann nicht an, macht er nie.

Wenn seine Gefühle den Richtlinien gegenüberstehen, müssen die Richtlinien gewinnen.

»Tag, Frau Stöbe«, sagte Zimmermann, er setzte sich ihr gegenüber an den runden Tisch mit dem Kerzenständer und holte den Laptop raus.

»Na, dann fragen Sie mal«, sagte Frau Stöbe. »Wenn ich nicht weiterweiß, gebe ich Bescheid.«

Rita Stöbe kam Heiligabend 1937 zur Welt, sie ist seit 57 Jahren verheiratet, war Lehrerin für Russisch und Sport. Sie war immer kerngesund, hat früher Volleyball gespielt und ist Ski gefahren, bis sie 2015 einen Hautkrebs am linken Oberarm bekam. »Dann ging’s los.«

Obwohl Zimmermann die Krankengeschichte schon aus der Akte kannte, sprach er sie noch einmal mit Frau Stöbe durch:

Operation des Melanoms, Stammzellen -infusion, Krebszellen in den Lymphknoten der linken Brustseite, Operation, im April 2018 stellten die Ärzte in der Berliner Charité dann Metastasen in der Lunge fest, im Bauchfell, in den Wirbelkörpern. »Aktuell fühle sich die Versicherte erheblichst geschwächt «, schrieb Zimmermann.

Frau Stöbe sagte: »Meine Hausärztin meint, ich hätte dreimal ›hier‹ geschrien.«

»So wat macht man ja auch nicht«, sagte Zimmermann.

Herr Stöbe sagte: »Ich spiele noch jede Woche, Ballschlepper im Mittelfeld.«

Zimmermann fragte nach Größe und Gewicht, verzichtete aber darauf, sich zeigen zu lassen, wie hoch Frau Stöbe die Arme heben kann. Ihn interessierte auch nicht, ob sie mit den Händen hinter den Rücken kommt. Es spielte keine Rolle, bei der Diagnose.

Zimmermann tippte ein paar Sätze in seinen Laptop, man hörte nichts, außer dem Klackern der Tastatur und dem Ticken der Wanduhr. Man konnte sich gut vorstellen, was in diesem Moment in den Köpfen der Stöbes vorging.

»Mit den Schmerzmitteln kommen Sie zurecht?«, fragte Zimmermann.

»Morphium brauche ich nicht, wenn Sie das meinen«, antwortete Frau Stöbe. »Nach der Palliativ kommt das Hospiz. Ich habe so feine Hobbys und kann keins mehr machen.« Ihr Mann sagte: »Dafür kannst du dich gut artikulieren.«

Frau Stöbe fragte: »Wie weit wird der geistige Zustand berücksichtigt?«

»Immer, im Hintergrund«, sagte Zimmermann. In sein Gutachten schrieb er:

»Die Antragstellerin ist bewusstseinsklar, in allen Bereichen orientiert und am Tagesgeschehen interessiert.«

Der Pflegedienst kommt dreimal täglich, gibt ihr Thrombosespritzen, sortiert die Medikamente, wäscht sie. »Geld ist überhaupt nicht mehr wichtig«, sagte Frau Stöbe. »Ich sollte noch mal nach Usedom fahren, aber ich komme nicht mal allein zu Lidl.«

Zimmermann ging ins Bad, guckte sich um. »Sie brauchen einen Wannenlifter«, sagte er zu Frau Stöbe, als er zurück ins Wohnzimmer kam. »Ich beantrage einen für Sie. Der ist dann auch gleich bewilligt.«

»Donnerlittchen«, sagte Frau Stöbe.

Zimmermann packte seine Sachen zusammen, zum Abschied sagte er den üblichen Spruch auf: »Sie kriegen dann Bescheid von der Kasse.«

Am Nachmittag, auf seiner Terrasse, öffnet er das Gutachten 707-349288, Rita Stöbe. Zimmermann schreibt: »Das Gehen ist mit personeller Begleitung mit Hilfsmittel möglich. Das Gangbild ist unsicher. Das Stehen ist mit zweihändigem Festhalten möglich.« Dafür erhält sie 7,5 Punkte. Er attestiert tägliche Angst -zustände, macht 11,25 Punkte. Er findet, sie könne selbstständig essen und trinken, sich ansonsten aber nicht allein ver sor -gen: 30 Punkte. Am Ende kommt er auf 61,25 Punkte, Pflegegrad drei. »Mehr ist nicht drin«, sagt Zimmermann. Er macht eine kurze Pause, dann sagt er: »Leider.«

Wenn seine Gefühle den Richtlinien gegenüberstehen, müssen die Richtlinien gewinnen. 61,25 Punkte sind 61,25 Punkte. Zimmermann sagt, es sei kaum möglich, jemandem Pflegegrad vier oder fünf zu geben, der kognitiv keine Einschränkungen habe, sich orientieren und erinnern könne, der Verwandte und Freunde erkenne.

Für Menschen, die von Kay Zimmermann Besuch bekommen, geht es darum, einen möglichst schlechten Eindruck zu machen, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Für Zimmermann geht es darum herauszufinden, was echt ist und was insze -niert. Er hat es meistens mit alten Menschen zu tun, deren Welt nicht immer sofort zu verstehen ist. Es sind stolze Menschen. Wenn sie Besuch bekommen, ziehen sie die feine Garderobe an, sie räumen die Wohnung auf, damit der Gast einen guten Eindruck bekommt, sie reden nicht über Schmerzen, weil sie im Leben nie geklagt haben. Sie riskieren, dass man sie für gesünder hält, als sie sind. Sie sind manchmal schwerer zu durchschauen als die, die es umgekehrt machen. Zimmermann meint, er habe ein ganz gutes Gespür für die Wirklichkeit.

Er ist einer, der von seiner Entscheidung, ist sie einmal getroffen, nicht mehr abweicht. Eine Stunde hält er für »völlig ausreichend «, um einen kranken Menschen zu klassifizieren, sogar für »hochgegriffen «. Ihm sei bewusst, sagt er, dass er »unser aller Geld« verteile. »Ich bin entgegenkommend, aber nicht großzügig. Zu verschenken habe ich nichts. Ich sage gern: Die Pflegeversicherung ist Teilkasko.«

Es gab eine Zeit, in der hat Zimmermann in einem Monat 138 Gutachten erstellt, 7 pro Tag also. Und trotzdem, sagt er, habe er es nie bereut, zum MDK gewechselt zu sein. Er wird besser bezahlt als ein Pfleger, ein MDK-Gutachter mit mehr als zehn Jahren Berufserfahrung verdient 3859 Euro im Monat, er hat keinen Schichtdienst, sondern Gleitzeit, er muss keine kranken Menschen waschen, heben oder drehen; er legt fest, wie oft ein Pfleger kommen darf, um zu waschen, heben, drehen.

Er checkt noch einmal seine Mails, die Zentrale hat ihm die nächsten Aufträge geschickt. Er muss zu einem 30-jährigen Mann, bettlägerig nach einem Autounfall. Zu einem 77-Jährigen, dement, in der Mail steht der Hinweis: »keine hellen Sachen anziehen«. Was bedeutet, dass die Wohnung völlig verdreckt ist. Manchmal packt Zimmermann Wechselwäsche ein. Und er muss nach Eberswalde, erst zu Frau Hilbig, danach zu Herrn Decker.

Der Wecker klingelt um 4.15 Uhr. Zimmermann macht sich einen Kaffee und setzt sich an den Rechner.

Wenn er mit seinem Wagen unterwegs ist, fährt er grundsätzlich vorschriftsmäßig. Seine Zentrale arbeitet mit einer Software für Tourenoptimierung, die Zimmermann vorschreibt, wie lange er für einen Weg benötigen darf. Innerorts rechnet das Programm mit Tempo 45, außerhalb mit 80.

Der Besuch bei Frau Hilbig war wieder einer von denen, wo die Gefühle hoch -kamen. Die Diagnosen, mit der die Pfle -ge bedürftigkeit begründet worden war, hießen: »Polyarthrose mit schmerzhaften Bewegungseinschränkungen« und Inkontinenz. Sie hatte einen Antrag auf Hö -herstufung gestellt, von Pflegegrad zwei auf drei. Zimmermann verbrachte eine volle Stunde bei ihr. Damit sie Messer und Gabel besser halten kann, empfahl er ihr, die Griffe des Bestecks mit Rohrisolierung aus dem Baumarkt zu um -wickeln. »Ist praktisch und kostet nur ein paar Cent.«

Im Auto sagt er, solche Ratschläge würden zynisch klingen, seien aber gut gemeint.

Es sind nur drei Kilometer bis zum nächsten Ziel, sieben Minuten Fahrzeit sind von der Zentrale errechnet worden. Schafft er.

Zimmermann parkt vor einem Plattenbau. Der Mann, den er jetzt besuchen wird, wohnt in der zweiten Etage. Auch ihn soll Zimmermann höherstufen, von Pflegegrad eins auf zwei: Das wären 316 Euro mehr. Er zündet sich eine Zigarette an, er raucht rote Pall Mall. »Das ist ein alter Russenblock«, sagt er. »Hier wohnen viele Hartzer. Die brauchen das Geld.«

Er tritt die Kippe aus, desinfiziert seine Hände, klingelt. Es ist 11.43 Uhr.

Die Lebensgefährtin des Antragstellers öffnet die Tür, eine dicke Frau mit Krücke. Sie führt Zimmermann ins Wohnzimmer, wo ihr Freund auf dem Sofa sitzt: Wolfgang Decker trägt Unterhemd und kurze Hosen, der Fernseher läuft, eine Spielshow auf ZDFneo. Weil Haustiere weggesperrt werden müssen, wenn ein Gutachter kommt, döst der Hund in der Küche.

Zimmermann setzt sich in einen Sessel und fährt den Laptop hoch.

Wolfgang Decker ist Jahrgang 1951 und hat als Kraftfahrer gearbeitet, seit vier Jahren ist er Rentner. Laut Akte leidet er an Typ-2-Diabetes, »Hörverlust, nicht nä her bezeichnet« und einer »chronischen ischämi schen Herzkrankheit«. Decker ist 1,87 Meter groß und wiegt 98 Kilo -gramm.

Zimmermann blättert durch den Medikamentenplan, er sagt: »Sie haben ja seit Oktober 2017 Pflegegrad eins. Was macht der Pflegedienst denn?«

»Na ja, alle 14 Tage kommt jemand und macht sauber.«

Die Freundin sagt: »Können Sie bitte lauter reden, der Wolfgang tut nicht mehr so gut hören.«

Decker zeigt mit dem Finger auf sein Hörgerät.

»Herr Decker, warum haben Sie denn einen neuen Antrag gestellt?«, fragt Zimmermann, nun lauter.

Die Lebensgefährtin nimmt Deckers Hand, sie sagt: »Mein Pflegeantrag wurde ja abgelehnt. Aber ich kann nicht mehr. Wenn er umkippen tut, kann ich ihn nicht halten.«

Zimmermann schaut vom Laptop auf. »Ich habe doch den Herrn Decker gefragt, oder? Was ist denn nun schlechter ge -worden?«

»Na, so der Allgemeinzustand«, sagt Decker und zuckt mit den Schultern. »Ich bin immer so erschöpft.«

Zimmermann blickt Decker an, es ist unmöglich zu sagen, was er gerade denkt.

»Haben Sie so ein Kribbeln in den Fingern? «

»Schon, ja.«

»Luft? Wird knapp?«

Decker schüttelt den Kopf.

»Wie viel trinken Sie so am Tag?«, fragt Zimmermann.

»Er tut wenig trinken«, sagt die Freundin.

Zimmermann lässt Decker einmal ins Bad und zurück gehen, er guckt sich die Dusche an und fragt, warum Decker fünfmal im Monat zum Hausarzt gehe. »Was wollen Sie da denn immer?« Er fragt, wer den Einkauf erledige.

Decker erzählt, dass er mit dem Rollstuhl zum Netto fahre. »Manchmal nehme ich auch das Auto.«

»Auto geht? Wie weit fahren Sie so?«

»40 Kilometer ab und zu.«

»Ach.«

Nach einer halben Stunde greift Zimmermann seine Aktentasche. Draußen zündet er sich erst mal eine Zigarette an und sagt: »Entweder hat der beim ersten Antrag gut geschauspielert, oder die Gutachterin war sehr kulant. Der kommt doch prima selbst zurecht.«

Dann fährt er nach Hause.

Auf dem Balkon bearbeitet er den Höherstufungsantrag von Greta Hilbig, er schreibt: Es besteht eine Störung der Feinmotorik beider Hände bei Gefühls -störungen. Der Nackengriff ist rechts nicht und links bis zum Ohr möglich. Halten einer stabilen Sitzposi tion: selbstständig. Körperpflege im Bereich des Kopfes: überwiegend unselbstständig. Mundgerechtes Zubereiten der Nahrung: über -wiegend unselbstständig. Zimmermann errechnet 43,75 Punkte, Pflegegrad zwei, keine Höherstufung. Es fehlen 3,75 Punkte.

»Ziemlich dicht dran«, sagt Zimmermann. »Tut mir in der Seele weh.«

Dann schreibt er das Gutachten von Wolfgang Deckert. Zimmermann raucht dabei sechs Pall Mall. »Pflegezustand nicht zu beanstanden«, tippt er, »der Antragsteller ist bewusstseinsklar, kann Aufforderun-gen bei sehr lauter Ansprache verstehen und umsetzen.«

Dann öffnet er im Laptop das Erstgutachten, bei dem Decker den Pflegegrad eins bekommen hat. Zimmermanns Kollegin war der Meinung, Decker sei eingeschränkt beim Waschen des Intimbereichs, beim Duschen und Bekleiden des Unterkörpers. »Bei einer internen Qualitätsprüfung wäre das eine Drei«, sagt Zimmermann.

Eine Drei bedeutet, das Gutachten entspricht nicht den Anforderungen. Eine Zwei heißt, es erfüllt sie mit Abstrichen.

Eine makellose Prüfung hat eine Eins. »Eine Drei hatte ich noch nie«, sagt Zimmermann. »Und die Zweien kann ich an einer Hand abzählen.« Vermutlich gibt es keine größere Bestätigung für ihn.

Aber was macht er mit Decker? Er will noch mal eine Nacht drüber schlafen. Um 21 Uhr geht Zimmermann ins Bett.

Am nächsten Morgen klingelt der Wecker um 4.15 Uhr. Draußen dämmert es. Zimmermann macht sich einen Kaffee und setzt sich an den Rechner.

In einem Arztbericht liest er, dass Decker bei einer Physiotherapie war, mit deren Hilfe er beweglicher geworden sei. Hatte er gestern übersehen. Jetzt hat er einen »Besserungsnachweis« in der Hand. Ein Besserungsnachweis bedeutet, dass Zimmermann Punkte abziehen kann.

Bei den Fragen zum »An-/Auskleiden des Unterkörpers« und »Waschen des Intimbereichs « löscht Zimmermann das Kreuz bei »überwiegend selbstständig« und wählt »selbstständig«.

Das Programm errechnet für Wolf -gang Decker, Auftrag 1857649, schließlich 7,5 Punkte. Das reicht nicht mehr für Pflegegrad eins. Für ihn gibt es demnächst kein Geld mehr von der Krankenkasse.

Dann liest Zimmermann noch mal das Gutachten, das er über die 84-jährige Frau Hilbig geschrieben hat. 43,75 Punkte. Es war ganz knapp.

Gestern war er der Ansicht, sie könne selbstständig telefonieren und sich allein beschäftigen. Heute früh findet er, sie brauche jemanden, der fremde Telefonnummern für sie eintippt und ihr einen Stift oder eine Zeitung bereitlegt. Er setzt zwei Kreuzchen um, der Computer kommt nun auf 50 Punkte: Pflegegrad drei statt zwei.

Zimmermann lädt das Gutachten auf den Server der Leitstelle, von dort wird es an die Krankenkasse geschickt.

In drei Tagen wird der neue Leistungsbescheid bei Greta Hilbig im Briefkasten liegen.

VideoUnterwegs mit dem Medizinischen Dienst spiegel.de/sp362018pflege oder in der App DER SPIEGEL