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Betriebliche Gesundheitsförderung: Kollegen den Rücken stärken


ÖKO-TEST Spezial Gesund & Fit - epaper ⋅ Ausgabe 7/2013 vom 21.06.2013

Ob jemand Akten wälzt oder Mülltonnen wuchtet, ist egal: Rückenschmerzen sind ein häufiger Grund für Krankmeldungen. Die besten Rezepte gegen die Beschwerden lassen sich oft genug am Arbeitsplatz finden: Eine andere Unternehmenskultur, bessere Arbeitsbedingungen und mehr Bewegung könnten helfen.


Artikelbild für den Artikel "Betriebliche Gesundheitsförderung: Kollegen den Rücken stärken" aus der Ausgabe 7/2013 von ÖKO-TEST Spezial Gesund & Fit. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: ÖKO-TEST Spezial Gesund & Fit, Ausgabe 7/2013

Verspannter Nacken, sagt der Laie dazu. Oder: stechender Schmerz in der Bandscheibe. Oder: eingeklemmter Nerv. Eben Rückenbeschwerden. Die Medizin kennt dafür noch einen anderen Namen. Sie nennt es Muskel-Skelett- Erkrankungen (MSE), wenn das Kreuz schmerzt oder der Nacken verspannt ist. Rückenbeschwerden machen ...

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... das Gros der MSE aus, und die wiederum sind die häufigste Ursache dafür, wenn sich deutsche Arbeitnehmer krankmelden. Ein Viertel aller Arbeitsunfähigkeitstage wird durch MSE verursacht, für sieben Prozent aller Frühverrentungen sind Rücken- und Wirbelsäulenerkrankungen verantwortlich. Zusammengestellt hat die Zahlen die Initiative Gesundheit und Arbeit (IGA), zu der sich die gesetzlichen Kranken- und Unfall versicherungen zusammengeschlossen haben.

Bei der Suche nach Ursachen und Lösungen sind sich die Versicherer einig: Stress im Job und mangelnde oder einseitige Bewegung gelten als Hauptursachen für Rückenprobleme. Dabei spielt es nur eine geringe Rolle, ob jemand Mülltonnen wuchtet oder am Schreibtisch sitzt. Zwar haben Menschen, die körperlich arbeiten, ein höheres Risiko, an Rückenschmerzen zu erkranken, hat die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsme- dizin (BAuA) errechnet. Doch auch für Dienstleistungs- und Verwaltungsberufe mit niedriger oder mittlerer Qualifikation ist das Risiko erhöht. Die Zahlen der BAuA zeigen auch, dass bei diesen Gruppen die Rückenschmerzen nicht mit dem Alter zunehmen wie bei anderen, sondern der Anteil der Betroffenen in der Altersklasse zwischen 30 und 40 am höchsten ist. Das sei „als Modifikation des Berufseffekts interpretierbar“, schrieben die BAuA-Experten im Frühjahr 2013 im Bundesgesundheitsblatt. Im Klartext: Es ist der Job, der diese Menschen krank macht.

Immer mehr Betriebe kümmern sich

Auch wer keine schweren körperlichen Arbeiten verrichtet, sondern die meiste Zeit am Schreibtisch sitzt, kann Rückenbeschwerden bekommen.


Also muss sich der Job ändern, genauer gesagt die Umstände, unter denen die Menschen arbeiten. Das können nur die Unternehmen selbst in die Hand nehmen. Der Fachbegriff dafür heißt betriebliche Gesundheitsförderung. Zwar haben die gesetzlichen Krankenkassen nach dem Sozial gesetzbuch die Pflicht, Leistungen zur Gesundheitsförderung in den Betrieben zu erbringen. Doch dazu braucht es die Mithilfe der Betriebe, organisatorisch wie finanziell, denn das Budget der Kassen ist begrenzt. Meist läuft es also auf eine Kooperation hinaus. Dabei steigt das Interesse der Betriebe rasant. Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Zahl der dokumentierten krankenkassengeförderten Maßnahmen zur betrieblichen Gesundheitsförderung vervierfacht. Insgesamt wurden 2011 fast 6.800 Betriebe und über eine Million Arbeiter und Angestellte erreicht, schreibt der Medizinische Dienst der Krankenkassen in seinem Präventionsbericht 2012. Allerdings geht es dabei nicht nur um Rückenschmerzen, sondern auch um andere betriebliche Gesundheitsthemen.

In den einschlägigen Broschüren und Internetportalen häufen sich die erfolgreichen Praxisbeispiele. Zu diesen gehört die Daimler-BKK: Sie bietet seit 2005 zusammen mit dem Bereich Health & Safety des Unternehmens ein Rückenprogramm für Mitarbeiter mit Rückenbeschwerden an. Im Mittelpunkt stehen dabei 30 bis 36 Trainingseinheiten unter physiotherapeutischer Anleitung, verbunden mit einem individuellen Übungsprogramm für zu Hause sowie einem Arbeitsbuch, das die Teilnehmer des vier- bis fünfmonatigen Programms dabei unterstützen soll, ihre Fortschritte zu dokumentieren. Nach Ende des Programms versorgt ein elek tronischer Newsletter die Teilnehmer weiterhin mit Nachrichten zum Thema Rückengesundheit und motiviert zu privaten Übungen. „Wir haben unser Rückenprogramm hinsichtlich seiner Wirksamkeit unter anderem durch Diplomarbeiten wissenschaftlich begleiten lassen“, sagt Andreas Bader, der bei der BKK das Projekt leitet. Und es zeigte sich: Die meisten Mitarbeiter profitieren von dem Programm. „80 Prozent aller Teilnehmer der Untersuchung gaben zum Ende des Übungsprogramms an, dass ihre Rückenschmerzen sich stark verringert haben.“ Aufgrund der Erfolge hat die Daimler-BKK das in Stuttgart und Sindelfingen gestartete Programm auf alle Werksstandorte ausgedehnt. Seit 2012 können zudem auch Mitarbeiter mit wiederkehrenden Schmerzen in Schultern, Hüfte oder Knie teilnehmen.

Dass körperliche Trainingsprogramme ein wirkungsvolles Mittel gegen Rückenschmerzen sind, ergab sich auch bei einer Auswertung der Initiative Gesundheit und Arbeit (IGA) von 2008. Für alle anderen Maßnahmen jedoch ließ sich eine Wirksamkeit nicht eindeutig belegen. Ergono mische Schulungen, Hebe- und Tragetechniken, die klassischen Rückenschulen, aber auch Übungen zum Stressmanagement stufte die IGA-Auswertung als wirkungslos ein – zumindest als Einzelmaßnahme. „Wurden mehrere Maßnahmen jedoch in einem umfassenden Präventionspaket miteinander kombiniert, ließen sich weit häufiger positive Effekte erzielen“, schrieben damals die IGA-Autoren.

Ein solches umfassendes Paket beginnt mit einer Analyse: Die Experten der Krankenkasse überprüfen die Arbeitsunfähigkeitsdaten auf Auffälligkeiten, sie befragen die Mitarbeiter nach Belastungen und gesundheitlichen Beschwerden, sie schauen sich die Arbeitsplätze an. Aus den gesammelten Informationen entwickeln sie in Abstimmung mit dem Betrieb ein individuelles Konzept mit Maßnahmen für ausgewählte Zielgruppen. Oft sind solche Konzepte auf mehrere Jahre angelegt, manche sogar auf Dauer. Sie umfassen auch nicht nur Rückenschmerzen, sondern widmen sich parallel allen wichtigen Gesundheitsproblemen, die sich bei der Analyse als relevant herausstellten.

Was macht das Arbeitsleben schwer?

Mach mal Pause: Sich hin und wieder zu recken und zu strecken, kurz aufzustehen und sich ein wenig Ruhe zu gönnen, tut Körper und Geist gut.


Auf Rückenprobleme bezogen sind ergonomisch gestaltete Arbeitsplätze und Arbeitsmittel ein wichtiger Bestandteil solcher Konzepte. Sie sollen Bewegungsabläufe während der Arbeit optimieren und einseitige Belastungen vermeiden. Ganz wichtig dabei sei es, dass die Mitarbeiter sich einbringen, sagt Dr. Gregor Breucker vom BKK-Bundesverband. Auch bei der Arbeitsorganisation, denn oft sind es die unmittelbaren Arbeitsbedingungen, die einem das Leben schwermachen, auf die Stimmung und das Kreuz drücken. Als Gegenmittel empfiehlt Gregor Breucker, „den Mitarbeitern für das Planen, Ausführen und Kontrollieren der Arbeit möglichst viele Freiräume zu lassen und eigenverantwortlich handelnde Teams zu fördern“. Ebenso wichtig sei es, dass Aufgaben ohne fortwährende Unterbrechungen bearbeitet werden können und Leistungen anerkannt würden.

Dass hier noch viel zu tun ist, zeigt der Stressreport 2012 der BAuA. 20.000 Arbeiter und Angestellte wurden dafür befragt. Rund die Hälfte berichtete von starkem Termin- und Leistungsdruck sowie Arbeitsunterbrechungen und Störungen. Besonders hoch war der Anteil solcher Stressfaktoren bei Erwerbstätigen, die sich selbst als körperlich oder emotional erschöpft einstuften. Auch zeigte die Befragung, dass Angestellte, die sich von ihren Vorgesetzten unterstützt fühlten, deutlich weniger körperliche Beschwerden aufwiesen als diejenigen, denen eine solche Unterstützung fehlte. Deutlich erhöht waren Stressfaktoren, schlechte Stimmung und gesundheitlichen Beeinträchtigungen in Betrieben, die gerade umstrukturiert wurden.

Rückenschule – aus Alt mach Neu

Aufrecht sitzen, Schweres aus der Hocke heben, beim Stehen ein Hohlkreuz vermeiden: Wer kennt sie nicht, die guten Ratschläge aus der Rückenschule. Die Vorträge über rückenfreundliches Verhalten, verbunden mit ein paar Übungen, helfen nicht wirklich. Das haben zahlreiche Studien bestätigt. Der Grund dafür: Die Bewegungsvorschriften steigern die Angst, sich falsch zu bewegen, und verhindern, dass die Teilnehmer eine positive Beziehung zu ihrem Rücken aufbauen. Außerdem führt die Wissensvermittlung allein nicht dazu, dass das Gelernte auch in den Alltag integriert und gelebt wird. Hinzukommt, dass die eigentlichen Ursachen der Rückenschmerzen oft nicht körperlicher Natur sind, sondern mit den Bedingungen am Arbeitsplatz zusammenhängen.

Weil die klassische Rückenschule sich als wirkungslos erwies, hat die Konföderation der deutschen Rückenschulen schon vor Jahren das Konzept geändert und eine „Neue Rückenschule“ entwickelt. Sie will die Teilnehmer zu regelmäßiger körperlicher Aktivität animieren, psychische Überbelastungen abbauen und die Einstellung zu Rückenschmerzen verändern. Diesen Zielen dienen Übungen zur Körperwahrnehmung, Entspannungstechniken oder Trainingseinheiten für mehr Beweglichkeit. Hinzu kommen Tipps zur Schmerzbewältigung und auch Wissen über den Rücken und was ihn schmerzen lässt. Insgesamt also ein umfassender Lehrplan, der die Teilnehmer zu einem sportlicheren Leben motivieren will. Denn, so das neue Credo der Rückenschulen: Es gibt keine falschen oder richtigen Körperhaltungen. Was zählt, ist allein die Bewegung.

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