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BEUTESPEKTRUM VON ISEGRIM: Wolfsbüfett


Wild und Hund - epaper ⋅ Ausgabe 16/2019 vom 15.08.2019

Welche Schalenwildarten bevorzugt der große Beutegreifer? Die Biologin Charlotte Steinberg von der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) hat im Labor Wolfslosung aus Niedersachsen analysiert. Inzwischen liegen die Ergebnisse vor.


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Bildquelle: Wild und Hund, Ausgabe 16/2019

Seit sieben Jahren kehrt der Europäische Grauwolf (Canis lupus lupus ) nach Niedersachsen zurück. Insbesondere aufgrund der hohen Schalenwildbestände und noch unbesetzter Lebensräume hat die Anzahl der niedersächsischen Wolfs-Territorien zwischen 2011 und 2019 jährlich um durchschnittlich rund 60 % zugenommen. Aktuell sind für das Bundesland 22 Wolfsrudel, zwei ...

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Seit sieben Jahren kehrt der Europäische Grauwolf (Canis lupus lupus ) nach Niedersachsen zurück. Insbesondere aufgrund der hohen Schalenwildbestände und noch unbesetzter Lebensräume hat die Anzahl der niedersächsischen Wolfs-Territorien zwischen 2011 und 2019 jährlich um durchschnittlich rund 60 % zugenommen. Aktuell sind für das Bundesland 22 Wolfsrudel, zwei Wolfspaare und drei territoriale Einzeltiere nachgewiesen (Stand: 06. Juni 2019). Zwangsläufig entstehen mit der Ausbreitung der Spezies Konflikte in der Kulturlandschaft. Zurückzuführen sind diese häufig auf die Nahrung des Wolfes, die zu einem überwiegenden Teil aus Schalenwildarten besteht. Sowohl die Übergriffe auf Nutztiere, als auch die potenzielle Konkurrenz mit Jägern stellen Konflikt-Felder dar.

Für uns Jäger stellt sich zunächst die Frage, ob der Wolf in unseren Breiten bestimmte Wildarten besonders häufig frisst, und wie viel Wild erbeutet der Beutegreifer überhaupt? Fragen, deren wissenschaftliche Untersu- chung für die Jagdpraxis schon jetzt überall dort, wo Isegrim auftaucht, relevant sind.

Vor sieben Jahren wurde der Wolf erstmals wieder in Niedersachsen bestätigt.


Im Rahmen einer Studie wurden daher 332 Wolfs-Losungen am Institut für terrestrische und aquatische Wildtierforschung (ITAW) der Tierärztlichen Hochschule Hannover auf unverdauliche Beutetierreste untersucht. Die Proben sind überwiegend von Ehrenamtlichen im Rahmen des offiziellen Wolfs-Monitorings der Landesjägerschaft Niedersachsen generiert und im Zeitraum 2013 bis 2017 im gesamten Bundesland gesammelt worden. Abbildung 2 (S. 18) kann entnommen werden, dass für bestimmte Gebiete mehr Proben verfügbar waren als für andere. Tabelle 1 (S. 17) gibt einen Überblick über die genaue Probenanzahl in den jeweiligen Landkreisen.

In die Untersuchung flossen alle Losungs- Proben ein, die durch genetische Analyse dem Wolf zugeordnet werden konnten, außerdem solche Proben, die bestimmte Kriterien (Maße, Fundort) erfüllen und mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem Wolf stammen. Da Fuchs- und Hundelosung der des Wolfes ähnlich sind, wurden fragwürdige Proben ausgeschlossen, um ein Verfälschen der Ergebnisse auszuschließen.

Der sogenannte Waschvorgang dient dazu, die Proben grob zu reinigen (o.). Getrocknet sind sie bereit für die Analyse (r.).


Für die Analyse mussten die Proben zunächst vorbereitet werden. Durch starkes Tieffrieren (– 80°C) und Erhitzen (+ 70°C) werden potenzielle Krankheitserreger abgetötet. Unverdauliche Beutetierreste werden eingeweicht und gewaschen, um von Dreck und anderen Substanzen getrennt zu werden , die für die Untersuchung nicht relevant sind. Für jede einzelne Probe wurden, überwiegend durch Haare, Beutetierarten bzw. -gruppen identifiziert. Knochen, Schalen und Zähne konnten teilweise für eine grobe Alterseinschätzung der Beute herangezogen werden. Knochen und Schalen durch ihre Größe, Zähne durch Größe sowie den Abnutzungsgrad. Beim Schwarzwild er-Fotos: Charlotte Steinberg lauben die Färbung der Haare und die Form der Haarspitze Aussagen zum Alter.

Die Art-Bestimmung erfolgt mit bloßem Auge im Vergleich mit Haaren bekannter Tierarten und unter dem Lichtmikroskop, wobei die innerste und die äußerste Haarschicht einzelner Haare untersucht werden. Haar-Bestimmungsschlüssel dienen der Zuordnung der erkennbaren Haar-Merkmale zu einzelnen Beutetieren bzw. -gruppen. Abbildung 3 (S. 20) zeigt die Struktur der innersten Haar-Schicht einzelner Beutetierhaare im Vergleich. Danach werden die Volumen- Anteile der jeweiligen Arten/Artgruppen für jede Losungs- Probe mit bloßem Auge abgeschätzt.

Um die Nahrung des Wolfes mengenmäßig darstellen zu können, wurde berechnet, in wie viel Prozent aller Losungen die einzelnen Nahrungskomponenten auftauchten (prozentuale Häufigkeiten). Außerdem wurde die Biomasse der identifizierten Arten/ Artgruppen ermittelt, sowie deren pro- zentualer Anteil an der gesamten Biomasse in der Stichprobe. Die Ergebnisse dieser Berechnung stellen die Masse in Kilogramm an aufgenommenem Frischgewicht dar, nicht die Masse des gerissenen Beutetieres. Die zugrunde liegenden Formeln sind auch im Rahmen vorausgegangener Studien zur Nahrung des Wolfes in Deutschland und Europa angewendet worden, wodurch ein Ergebnis-Vergleich möglich ist. Jungtiere fließen mit einem geringeren Lebendgewicht in die Biomasse- Berechnung ein.

Abbildung 2: Verteilung der untersuchten Wolfs-Losungen (rote Punkte) über die naturräumlichen Regionen und Landkreise Niedersachsens (braun: Berg- und Hügelland, grün: Tiefland, blau: Küste).


Haare stellen in fast allen Proben den Großteil der Beutetier-Reste dar.


Im Rahmen der Untersuchung versuchten die Wissenschaftler, das Schalenwild bis auf das Artniveau zu bestimmen. Dies gelang bei den Hirschartigen nicht in allen Fällen, weshalb die Nahrungs-Kategorie Hirsche eingeführt wurde. Die Proben, die dieser Kategorie zugeordnet sind, enthalten entweder Rehwild, Rotwild oder Damwild. Hasenartige, Kleinsäuger, Vögel und Früchte in Form von Beeren sind nicht bis auf Artniveau bestimmt. Die Familie der Hasenartigen ist in Niedersachsen durch den Feldhasen und das Wildkaninchen vertreten. Der Kategorie der Kleinsäuger wurden unverdauliche Reste verschiedener Mäuse-Arten zugeordnet.

Die identifizierten Beutetierreste sind in elf Nahrungskategorien eingeteilt worden. In einem Großteil der Losungen kamen Reh- und Schwarzwild vor, gefolgt von Rot- und Damwild. So ergaben sich folgende Häufigkeiten: Rehwild kam in knapp 48 % der Stichprobe vor, gefolgt von Schwarzwild in etwa 33 %, Rotwild in ca. 17 % und Damwild in 9 %. Da teilweise nicht nur eine, sondern zwei unterschiedliche Kategorien in ein und derselben Losung auftauchten, liegt die Summe der Proben bei über 332. Dies ist auch der Grund dafür, dass die aufsummierten Häufigkeiten mehr als 100 % ergeben.

Bezüglich der errechneten Biomasse stellt sich die Reihenfolge der Nahrungs- Kategorien etwas anders dar, da Rot- und Damwild sowie Schwarzwild aufgrund ihrer Körpergröße mit einer größeren Masse eingerechnet werden als das im Vergleich zierlichere Rehwild. Sauen stellen mit etwa 34 % den größten Biomasse-Anteil an der Stichprobe. Es folgen Rotwild (ca. 28 %), Reh (ca. 17 %) und Damwild (ca. 13 %). Die Ergebnisse sind in Tabelle 2 dargestellt. Abbildung 4 stellt die prozentualen Anteile der Nahrungskategorien als Balkendiagramm dar.

In einer der Losungs-Proben tauchten Teile des Unterkiefers einer Katze auf. Ob es sich dabei um Reste einer Haus- oder einer Wildkatze handelt, bleibt ohne genetische Analyse offen. Die entsprechende Probe wurde der Kategorie Säuger mittlerer Größe zugeordnet, ebenso eine Probe, die unverdauliche Reste eines Fuchses enthielt. Reste von Vögeln traten in Form von Eierschalen und Krallen auf. In lediglich einer Losung konnte ein Nutztier identifiziert werden. Dabei handelt es sich um die unverdaulichen Reste eines jungen Rindes. Ein Schneidezahn in der Probe erlaubte eine grobe Alters-Einschätzung – das Tier war circa ein bis zwei Monate alt. Die entsprechende Probe stammt aus dem Landkreis Cuxhaven, in dem es bestätigte Rinderrisse durch Wölfe gegeben hat.

Abbildung 3: Struktur des inneren Haar-Kanales unterschiedlicher Wildarten im Vergleich. Die Beutetierarten werden unter dem Lichtmikroskop bestimmt, wobei die innerste und die äußerste Haarschicht einzelner Haare untersucht wurden.


Wild lebende Schalenwildarten treten mit Abstand am häufigsten in der Stichprobe auf. Sie sind, basierend auf den vorliegenden Untersuchungsergebnissen, die Hauptnahrung des Wolfes in Niedersachsen. Dieses Ergebnis deckt sich mit Ergebnissen vorausgegangener Studien in Deutschland und in Mitteleuropa. Es zeigt, dass sich Wölfe auch in dicht besiedelten Kulturlandschaften überwiegend von wild lebenden Schalenwildarten ernähren, wenn das Angebot ausreichend hoch ist. Vermutet wird, dass die flächendeckende Förderrichtlinie Herdenschutz einen Einfluss auf das Untersuchungsergebnis hinsichtlich des geringen Anteils an Nutztieren hat.

Es ist jedoch anzunehmen, dass Nutztiere in Studien, die auf einer Untersuchung von Losungen basieren, zu einem gewissen Teil unterrepräsentiert sein dürften. Der Grund hierfür ist, dass Nutztierhalter zur Kadaver-Entsorgung rechtlich verpflichtet sind (§ 3 Abs. 1 TierKBG; § 44 Abs. 1 Nr. 1 Tier- SchNutztV). Dies hindert den Wolf unter Umständen daran, einen größeren Teil des gerissenen Tieres zu fressen und führt zu einer geringeren Losungs- Produktion im Vergleich zu Wildtierrissen, die häufig unbemerkt bleiben und/oder an Ort und Stelle zurückgelassen werden. Hinzu kann der Beutegreifer- Reflex kommen, der allen Beutegreifern gemein ist und der dazu führt, dass Nutztiere zwar gerissen, aber nicht oder nur wenig davon, verzehrt wird. Basierend auf der Losungs- Analyse ist keine Aussage darüber möglich, wie die Beute zur Strecke kam. Ob die Tiere in der Stichprobe also vom Wolf aktiv bejagt und erbeutet oder als Aas aufgenommen wurden, ist unklar. Außerdem sind keine Aussagen zum Geschlechter-Verhältnis und der körperlichen Verfassung der Beute möglich.

Ergebnisse aus Ostdeutschland zeigen u.a., dass die Wolf-Beute-Beziehung sehr komplex ist, da viele Fakto- ren die Nahrung des Räubers und damit seinen Einfluss auf die Beute bedingen. Die Gebiete Białowieża und Bieszczady in Ost-Polen sind hinsichtlich des Beutespektrums (Rot-, Schwarz- und Rehwild), dem geringen Auftreten von Nutztieren und Abfall in der Nahrung des Wolfes sowie der Bejagung von Schalenwild mit deutschen Verhältnissen vergleichbar. In den genannten Gebieten fallen Wölfen insbesondere junge und unerfahrene, überalterte und kranke oder schwache Stücke zum Opfer.

Da Halter von Vieh dazu verpflichtet sind, deren Kadaver zu entsorgen, sind Nutztierreste in den Stichproben wahrscheinlich unterrepräsentiert.


Beim Rotwild findet eine Selektion nach Geschlecht statt – weibliches Rotwild wird häufiger erbeutet, als männliches (Mech & Boitani 2003; Jedrzejewska & Jedrzejewski 1998). Aufgrund des opportunistischen Charakters der Wildart sowie der Feindvermeidungsstrategien beim Schalenwild kann nur vermutet werden, dass auch in Niedersachsen Wölfe insbesondere schwächere Stücke erbeuten. Die Nahrungsanalyse wird fortgeführt. Dabei stehen jahreszeitliche und lokale Unterschiede im Nahrungsspektrum des Beutegreifers im Fokus. Auch die Altersklassenverteilung der Beutetiere und deren körperliche Verfassung stellen weitere Fragestellungen für die zukünftige Forschung dar.

Die Autorin

Die Biologin Charlotte Steinberg (29) erhielt im Rahmen eines Praktikums erstmals Einsicht in das Management des Beutegreifers im Wolfsbüro des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Darauf folgte eine Projektarbeit, die sie auf dem Truppenübungsplatz Bergen in Form von Wolfsmonitoring durchführte und die zum Nachweis des Rudels im Ostenholzer Moor führte. Steinberg unterstützt Nutztierhalter beim Aufbau eines wolfsabweisenden Grundschutzes. Ihr Studium hat sie an der Universität Hildesheim mit einer Studie zur Nahrung des Wolfes in Niedersachsen abgeschlossen. Heute ist sie am Institut für terrestrische und aquatische Wildtierforschung der Tierärztlichen Hochschule Hannover angestellt, führt dort die Nahrungsanalyse fort und unterstützt das Wolfs-Besenderungs-Projekt. Die Autorin ist passionierte Jägerin.


Foto: Jürgen Borris

Fotos: Landesjägerschaft Niedersachsen e. V.

Fotos: Charlotte Steinberg

Grafik: Charlotte Steinberg

Foto: Privat