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Bewegende Musical-Oper in bestechender Qualität on Tour


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 23.03.2019

Cameron Mackintoshs Jubiläumsfassung von »Miss Saigon« im Musical Dome Köln


Artikelbild für den Artikel "Bewegende Musical-Oper in bestechender Qualität on Tour" aus der Ausgabe 2/2019 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

›Kim‘s Nightmare‹ (Fall of Saigon 1975) – Der letzte amerikanische Hubschrauber mit Botschafter und Marines hebt ab und lässt verzweifelte Menschen hinter dem Zaun zurück


Foto: Johan Persson

Bewegend erzählt der Engineer (Christian Rey Marbella) sein Leben und seinen Traum


Foto: Stephan Drewianka

Das Musical von Claude-Michel Schönberg und Alain Boublil, mit zusätzlichen Liedtexten von Richard Maltby Jr. und Michael Mahler, erlebte sein 25. Jubiläum mit einem gefeierten West End-Revival von Cameron Mackintosh, das aufgezeichnet und ...

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... als Film in die Kinos kam. Seit 2017 ist diese Fassung live auf Tour in Großbritannien, Irland und den USA. BB Promotion ist es zu verdanken, dass sie auch im deutschsprachigen Raum in der Schweiz und Deutschland zu sehen war. Mit Premiere am 25. Januar gastierte sie bis zum 3. März im Musical Dome Köln und beeindruckte mit ihren 15 Musikern unter Leitung von Matthew J. Loughran, deren Spiel dank exzellentem Sound den Raum füllte, ohne dass die Stimmen der Darsteller auf der Bühne untergingen.

»Miss Saigon« gehört zu den großen, durchkomponierten Musical-Opern, für die sich Komponist Claude-Michel Schönberg von Giacomo Puccinis Oper »Madame Butterfly« inspirieren ließ. Sie fragen sich vielleicht, was ein Musical, das – wie die Puccini-Oper auch – auf dem exotischen Roman »Madame Chrysanthème« (1887) des französischen Offiziers und Romanautors Pierre Loti basiert, das heutige Publikum angeht. Das Autorenteam hat die ursprünglich japanisch-französische Kriegsliebe in die letzten Tage des Vietnamkriegs, also das Jahr 1975, verlegt. Menschenrechtsverletzungen, der Einsatz von chemischen Waffen und die ihm eigene Brutalität prägten diesen Krieg, der offiziell bereits 1973 mit einem Friedensvertrag in Paris beendet wurde. Im März 1975 startete der kommunistische Norden jedoch eine überraschende Großoffensive mit dem Ziel, Saigon einzunehmen. Hier einzuordnen sind die Motorengeräusche, die zu Beginn des Musicals zu hören sind. Es sind Kampfflieger, die Saigon angreifen, als Kim (Sooha Kim) nach dem Tod ihrer Eltern und auf der Flucht vor ihrem Verlobten aus der Provinz eintrifft und vom Engineer (Christian Rey Marbella) von der Straße weg in das Bordell »Dream Land« gebracht wird. Sooha Kim spielt die Unschuld vom Lande, die auf einmal mit Prostitution konfrontiert wird und dieser neuen Welt mit Angst und doch stoischem Verhalten begegnet, zauberhaft. Ihre Figur entwickelt sich mit den schicksalshaften Erfahrungen nach dem Verlust ihrer Lebensliebe und dem Kampf ums Überleben zu einer emotionalen Frau, die nur ein Ziel hat: ihr Kind, das keiner sehen darf, zu retten. Damit einhergehend, scheinen auch Kraft und Ausdruck in der jungen Stimme der Koreanerin zu wachsen. Etwas blasser wirkt Ashley Gilmour, der gesanglich der Rolle des Chris zweifellos gewachsen ist, aber dem es insgesamt etwas an Ausdruck fehlt. So springt der Funke bei seinem großen Solo ›Why God Why‹ nicht über.

Die Inszenierung der Jubiläumsfassung von Laurence Connor, die für die Tour von Jean-Pierre van der Spuy angepasst wurde, scheut sich nicht, das rücksichtslose Verhalten der kriegsmüden GIs zu zeigen, die die »Girls« im »Dream Land« wie ein Stück Fleisch auf dem Tisch nehmen – John (Ryan O‘Gorman) ist hier keine Ausnahme. Im Dunkel der Bühne, auf der sehr gezielt nur die Momente, die im Fokus stehen sollen, atmosphärisch beleuchtet werden (Lichtdesign: Bruno Poet), erahnt man einen Gangbang. Als Gigi (kraftvoll und bewegend: Aicelle Santos mit ›The Movie in My Mind‹) John bittet, sie in die USA mitzunehmen, schlägt der Engineer sie brutal ins Gesicht. Welch ein Hohn – wünscht er sich selbst doch nichts sehnlicher, als mit den Amerikanern Vietnam zu verlassen. Er versucht sogar, von dem noch sehr jungen GI Chris einen Passierschein zu erpressen, als er beobachtet, dass zwischen diesem und seinem neuen »Star« Kim mehr ist als bezahlter Sex. Chris muss seine Autorität als Besatzer mit der Waffe unterstreichen. Die Aktion des Zuhälters, speziell zu diesem Zeitpunkt, ist nachvollziehbar. Während in den letzten Kriegsjahren jeder Vietnamese, der unter Verdacht stand, dem Vietcong nahe zu stehen, Folter und Tod befürchten musste, so galt dies erst recht, nachdem die Amerikaner geflüchtet waren, unter der Spitzelherrschaft des Politbüros im nordvietnamesischen Hanoi. Die ehemaligen Verbündeten der Amerikaner erwartete das Arbeitslager des Gulag. Nicht nur der Engineer hofft daher auf amerikanisches Asyl. In den letzten Tagen von Saigon wurden Tag und Nacht nicht nur Amerikaner zu den Navy-Schiffen ausgeflogen, sondern auch verbündete Vietnamesen. Die Amerikaner, die am 30. April 1975 mit dem letzten Hubschrauber vom Dach der Botschaft ausgeflogen wurden, waren, wie es das Musical mit einer Mischung aus Hubschrauberkörper, Projektionen und Licht nicht minder eindrucksvoll als in der Originalfassung von 1989 zeigt, die Marines. Sie ließen die verzweifelten Vietnamesen hinter dem Zaun zurück – unter ihnen auch Kim, die trotz ihres Passierscheins, wie so viele, nicht in die Sicherheit der Botschaft und zu ihrem GI gelangt.

Im Musical wird der Herrschaftsumbruch bis hin zum militärischen Aufmarsch der siegreichen Armee Nordvietnams vor der Riesen-Büste Ho Chí Minhs von dem weit über 20-köpfigen Ensemble mit ungeheurer tänzerischer Präzision dargestellt. Wie im Zeitraffer wird die chamäleonartige Anpassung des Engineers gezeigt, der knapp dem Tod entkommt, um im Dienst des hochgestellten Nordvietnamesen Thuy (Gerald Santos) – mit dem Kim als Kind verlobt wurde – nach Kims Verbleib zu fahnden. Als er sie findet, kommt es zu einer dramatischen Szene, die mit Thuys Tod endet. Christian Rey Marbella spielt den wandelbaren Engineer grandios, vom unterwürfigen Männchen über den väterlichen Beschützer bis zum brutalen Zuhälter immer mit der passenden Körperlichkeit und beeindruckt mit seiner prägnanten Stimme. Ziel des Engineers ist ein Leben in Amerika. Wenn ihm sein ehemaliger »Star« Kim und ihr Geheimnis dabei helfen, umso besser. Dann riskiert er auch sein Leben für die gemeinsame Flucht als Boat People, die ab 1978 bis weit in die 80er Jahre hinein versuchten, das kommunistische »Paradies« zu verlassen, und auf eine bessere Zukunft in Hongkonk, Malaysia, idealerweise Europa oder den USA hofften. ›The American Dream‹ gehört zu den Highlights des Abends: nicht nur wegen der beeindruckenden Ausstattung mit blinkender Freiheitsstatue, Cadillac und amerikanischer Kickline, sondern vor allem wegen der unglaublichen Präsenz, mit der Marbella die Geschichte des Engineers erzählt.

Eine der Zwischenstationen der Bootsflüchtlinge aus Vietnam war Bangkok in Thailand, in denen das Überleben nicht leicht war. Die Flüchtlinge waren Menschen zweiter Klasse und wie Kim im Musical, so blieb manchen Frauen nur der Weg in die Prostitution.

Doch »Miss Saigon« thematisiert mit der Liebesgeschichte zwischen dem amerikanischen Soldaten und der Vietnamesin noch ein weiteres Thema, das den Komponisten Claude-Michel Schönberg dazu bewog, seine moderne Adaption der Puccini-Oper »Madame Butterfly« mit dem Vietnamkrieg zu verbinden. Das sind die sogenannten Bui Doi. Eigentlich vietnamesisch für »Straßenkinder«, bezeichnet es die GI-Kinder, die von klein auf diskriminiert wurden. Einige Tausend Vollwaisen hatten die Amerikaner noch in der später auch kritisch betrachteten Aktion »Babylift« aus Vietnam ausgeflogen und damit weltweit adoptionswilligen Paaren ihren sehnlichsten Wunsch erfüllt. Die anderen Bui Doi wurden Opfer des Hasses unter dem neuen Regime oder wie im Musical von ihren Müttern vor der Öffentlichkeit versteckt, wie Kims Sohn Tam. Diese Kinder waren sofort als »Amerasians« erkennbar, weshalb ihre Mütter unter dem Druck standen, sie wegzugeben, damit sie wieder heiraten konnten, denn kein Mann wollte das Kind eines GIs. Frauen, die ihre Kinder behielten, lebten als schutzlos Ausgestoßene der Gesellschaft. Wenn es ihnen gelang, Kontakt zu einer Organisation aufzunehmen, die in den Nachkriegsjahren nach den Vätern der Kinder suchte, stand am Ende die Trennung von ihrem eigenen Kind – wie es das Foto zeigt, das Schönberg inspirierte. Im Musical engagiert sich der ehemalige GI John für die verhassten Kinder, versucht, Wiedergutmachung an den unschul-digen Opfern des Krieges zu leisten. Sein Solo ›Bui Doi‹ ist eines der bewegendsten Chor-Stücke in der Musicalliteratur, leider fehlt es Ryan O‘Gorman etwas an der Stimmfülle und Tiefe für den Song.

›You Will Not Touch Him‹ – Kim (Sooha Kim) kämpft für ihren Sohn


Foto: Johan Persson

1. ›The Last Night of the World‹ – Kim (Sooha Kim) betet für ihre Liebe zu Chris (Ashley Gilmour)


2. Der Engineer (Christian Rey Marbella, vorne Mitte mit Ensemble) träumt ›The American Dream‹


3. ›The American Dream‹ mit allem, was für den Engineer (Christian Rey Marbella, Mitte l.) dazugehört


4. ›The Morning of the Dragon‹ in Ho Chí Minh Stadt, dem früheren Saigon, im April 1978


1987 wurden bei der Aktion »Amerasians Homecoming Act« 25.000 GI-Kinder in die USA gebracht, aber nur drei Prozent gelang es, bei ihren Vätern zu leben. Die Mütter ließen ihre Kinder in eine ungewisse Zukunft gehen, weil ein normales Leben für sie in Vietnam nicht möglich war. Im Musical erfährt Chris von John, dass Kim nach ihm sucht und er einen Sohn hat. John initiiert auch die »Familienzusammenführung«. Doch Chris ist inzwischen mit Ellen (Elana Martin) verheiratet – eine zusätzliche tragische Komponente nicht nur im Musical. Die Heirat mit Ellen hat dem traumatisierten GI geholfen, ein neues Leben zu beginnen. Beim Zusammentreffen mit Kim in Bangkok wird Ellen zur Löwin, sie kämpft um Chris. ›Maybe‹, der für die Jubiläumsfassung von Schönberg &Boublil neu geschriebene Song, zeigt Ellens innere Auseinandersetzung. Diese erkennt überraschend klar, welche Gefahr Kim und ihr Kind für ihre Ehe bedeuten. Noch überzeugender spielt Elana Martin die Szene, in der sie Chris vorwirft, ihr nie die Wahrheit gesagt zu haben, ihm aber gleichzeitig versichert, dass sie das gemeinsam schaffen. Doch trotz Kims (einmal mehr beeindruckend: Sooha Kim) emotionalem Ausbruch ist Ellen nicht in der Lage, zu erkennen, dass für ein Kind wie Tam nur ein Leben in Amerika ein lebenswertes Leben sein kann und für seine Mutter dafür kein Opfer zu groß ist …

Das Autorenteam wählte den Vietnamkrieg, um die »Butterfly«-Thematik in der bewegenden Musical-Oper zu aktualisieren. In unserer Zeit könnte diese genauso gut in Bürgerkriegsländern wie Syrien oder Afghanistan spielen – angesichts des von Trump geplanten Abzugs der Amerikaner ähnelt sich hier das Muster erschreckend.

1. Freiheitsstatue und amerikanische Kickline in ›The American Dream‹ des Engineer (Christian Rey Marbella)


2. Chris (Ashley Gilmour) verspricht Kim (Sooha Kim), sie mitzunehmen nach Amerika


3. In ›The Morning of the Dragon‹ stellt das Ensemble den Sieg des vietnamesischen Drachens über die Amerikaner dar; hinten weht schon die rote Fahne und steht die riesige Büste Ho Chí Minhs



Fotos (1., 3., 4.): Birgit Bernds /

Fotos (1., 3., 4.): Birgit Bernds /

Fotos (2): Stephan Drewianka

Fotos (1., 3., 4.): Birgit Bernds /

Fotos (1., 3., 4.): Birgit Bernds /

Fotos (3): Stephan Drewianka