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Bewegung als Therapie


Mein Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 80/2021 vom 09.07.2021

REHA-TRAINING

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Bildquelle: Mein Pferd, Ausgabe 80/2021

Wenn Trainingsreize individuell angemessen gesetzt werden, kann Reiten dem Pferd guttun

Entspannt steht Romi in der Mitte der Reithalle. Sie schnaubt und beobachtet einen Vogel, der auf der Bande entlanghüpft. Die Sonne scheint durch die Fenster, und die Besitzerin der heute fünfjährigen Friesenstute ist überglücklich: „Ich hätte nicht gedacht, dass Romi es schafft und ich sie wieder reiten kann. Mir war nicht klar, wie entscheidend ein systematisches Training zur Rehabilitation sein kann.“ Vor anderthalb Jahren kam die junge Stute nach einem Weideunfall umgehend in die Pferdeklinik. Aufgrund schwerer Sehnenschäden und Befunden im Bereich der Hals- sowie Lendenwirbelsäule wurde zunächst strenge Boxenruhe verordnet. Zu diesem Zeitpunkt war Romis Zukunft als Reitpferd mehr als unsicher.

Den richtigen Weg finden

Nach dem Ende der Boxenruhe begann die nächste schwierige Phase. „Ich hatte zwar einen genauen Trainingsplan von meinem Tierarzt erhalten, jedoch ging Romi einen Tag ...

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... klar und lahmte dann plötzlich wieder leicht“, sagt ihre Besitzerin und fügt hinzu: „Auch für mich war das eine extreme psychische Belastung. Ich möchte immer nur das Beste für mein Pferd, aber irgendwann wusste ich einfach nicht mehr, was wirklich das Beste ist.“ Pferde nach einer Verletzung beziehungsweise Boxenruhe wieder anzutrainieren ist nicht immer einfach. Geschieht dies ohne sinnvollen Plan, ist es möglich, dass Pferd und Reiter bereits nach kurzer Zeit wieder vor ähnlichen oder sogar neuen Problemen stehen, von falsch etablierten Bewegungsmustern über Schmerzen bis hin zu Rückfällen. „Pferde, die eine Erkrankung oder Verletzung überstanden haben, bewegen sich oft weiterhin klamm oder unwillig bis hin zu geringgradig lahm. Dieses Phänomen führt oft dazu, dass das Pferd noch mehr geschont wird“, schreiben Katharina Möller und Claudia Weingand in ihrem Buch „Trainingstherapie“. Sie haben sich intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt und zeigen Wege auf, wie Bewegung als Therapie funktioniert und wie die Rehabilitation mit Plan bei unterschiedlichen Krankheitsbildern gelingt.

CHECKLISTE

Schriftliche Diagnosen des Tierarztes sowie schriftliche Befunde anderer Therapeuten erleichtern eine erfolgreiche Trainingstherapie. Folgende Fragen können Ihnen dabei als Besitzer helfen:

• Wie lautet der aktuelle Befund, und gibt es Berichte über alte Befunde?

• Was soll genau trainiert werden – von wem, wie lange und wie oft?

• Wann und von wem soll der Verlauf kontrolliert werden?

• Welche Folgeuntersuchungen stehen an? (Zum Beispiel ein Kontroll-Ultraschall nach einer Sehnenverletzung).

• Ist noch etwas unklar?

• Soll Fachleuten die Erlaubnis erteilt werden, dass sie sich über Ihr Pferd austauschen dürfen?

• Kann es sinnvoll sein, dass sich einzelne Experten und Therapeuten austauschen? (Zum Beispiel Trainer und Tierarzt).

• Sollte ein „Go“ des Tierarztes eingeholt werden? Zum Beispiel nach Boxenruhe oder Weidepause?

SCHMERZGEDÄCHTNIS UND BEWEGUNGSMUSTER

Warum sich ein Rehapferd auch nach dem teuren Klinikaufenthalt nicht plötzlich wieder frei bewegt, als wäre es nie krank gewesen, kann mehrere Gründe haben, zum Beispiel:

Schmerzen, Schmerzerinnerung und -gedächtnis

Theoretisch ist Schmerz eine gute Sache, denn er ist ein wichtiges Warnsignal. Zum Beispiel bemerkt das Pferd, dass ihm der rechte Vorderhuf wehtut. Daraufhin nimmt es eine Schonhaltung ein beziehungsweise lahmt, um weitere Schäden zu vermeiden. Entzündungen können die Schmerzwahrnehmung verstärken.

Schwierig wird es, wenn der Schmerz chronisch wird. Ähnlich wie beim Menschen haben wahrscheinlich auch Pferde ein entsprechendes Schmerzgedächtnis. Das liegt an der Lernfähigkeit der Nervenzellen: „Wenn Sie über einen längeren Zeitraum immer wieder Schmerzimpulsen ausgesetzt sind, bilden sie vermehrt Rezeptoren aus, die bereits bei schwachen Reizen oder sogar ohne tatsächlichen Reiz Schmerzsignale an das Gehirn weiterleiten“, erklären unsere Expertinnen. Das Pferd kann zum Beispiel trotz eines ausgeheilten Reheschubes weiter Schmerzen empfinden.

Tipp: Rufen Sie bei akuten Lahmheiten beziehungsweise sichtbarem Unwohlsein des Pferdes lieber einmal mehr den Tierarzt. Sprechen Sie mit ihm auch über eine geeignete Schmerztherapie. In bestimmten Fällen können Schmerzmittel eine Manifestation des Problems verhindern.

Unphysiologische Crosslinks

Therapeutisch gesehen ist es toll, dass sich Pferde recht schnell an neue Bewegungsmuster gewöhnen – meist innerhalb von Tagen oder Wochen. Allerdings funktioniert das Ganze auch umgekehrt: unphysiologische Bewegungsmuster und Kompensationsmechanismen etablieren sich schnell.

Macht der Vierbeiner zum Beispiel ein paar Mal die Erfahrung, dass Auftreten mit einem bestimmten Huf wehtut, wird er eine Schonhaltung einnehmen, auch wenn der Schmerz vorüber ist.

„Lernen von Bewegungen basiert immer auf der Verschaltung von Gehirn zu den Motoneuronen der einzelnen Muskelfasern, die schließlich für die Kontraktion und damit die Bewegungsausführung zuständig sind“, erläutern Katharina Möller und Claudia Weingand. Vereinfach gesagt, bilde der Körper eine „Nervenautobahn“ zu den Muskeln, die für das gewohnte Bewegungsmuster zuständig seien und einen „holprigen Nervenfeldweg“ zu denen, die er seltener benutze.

Bei einem Pferd, das lange in einem Kompensationsmuster läuft, kommt das Problem der unphysiologischen Crosslinks in den Faszien hinzu: Die Elastizität und Verschieblichkeit wird schlechter, und das Gewebe wird schlechter mit wichtigen Nährstoffen versorgt. Nahezu jede Art von länger anhaltenden schmerzhaften Prozessen sorgt unweigerlich für Schonhaltungen und unphysiologische Crosslinks.

Tipp: Es gibt auch physiologische Crosslinks, die sich durch Training ausbilden und das Pferd effizient stabilisieren. Dem Vierbeiner fällt es mit der Zeit immer leichter, auch ohne große muskuläre Anstrengung eine gesunde Körperhaltung einzunehmen. In der Trainingstherapie sollen unphysiologische Crosslinks in den Faszien durch das Üben neuer und das Überschreiben alter Bewegungsmuster gelöst werden. Daher ist die Arbeit mit einem geschulten osteopathischen Pferdetherapeuten sinnvoll.

„DIE KLASSISCHE REITLEHRE ENTHÄLT ZAHLREICHE ÜBUNGEN ZUR LÖSUNG NAHEZU JEDES MÖGLICHEN PROBLEMS, VOM BODEN ODER VOM SATTEL AUS.“

Katharina Möller und Claudia Weingand

Voraussetzungen und Ressourcen

Grundlage für eine zielgerichtete Trainingstherapie ist eine vorherige Befunderhebung und Diagnose. Je nach Erkrankung beziehungsweise Auffälligkeit kann das eine tierärztliche Diagnose oder aber auch ein Befund des Osteopathen sein. Im Idealfall sollte alles schriftlich vorliegen, damit nicht nur der Besitzer Bescheid weiß, sondern auch andere Personen, die mit oder an dem Pferd arbeiten, wie Trainer oder alternative Therapeuten. So werden zudem Missverständnisse durch die mündliche Weitergabe verhindert. „Nicht nur zur Auswahl der passenden Trainingsmaßnahmen, sondern auch, wenn später der Verlauf der Erkrankung, die Erfolge der Behandlung und des Trainings kontrolliert werden sollen, sind schriftliche Befunde Gold wert“, betonen unsere Expertinnen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt sind die vorhandenen Ressourcen. So nutzt es nichts, Mensch und Pferd ein Training zu empfehlen, das in der Praxis nicht umsetzbar ist. Zunächst wären da die logistischen Trainingsmöglichkeiten, die zur Verfügung stehen. Friesenstute Romi musste zum Beispiel eine gewisse Zeit lang auf geradem, hartem Boden Schritt gehen. Im alten Stall wäre das nicht möglich gewesen, da alle Wege entweder eine Steigung aufwiesen oder zu rutschig waren. Oft spielt auch das Wetter eine Rolle bei der Beschaffenheit der Böden.

Grundlagen schaffen und nutzen

Einen Einfluss hat auch der Ausbildungsstand von Pferd und Reiter sowie das Temperament des Vierbeiners. Romi war noch sehr jung zum Zeitpunkt ihrer Verletzung, ihre Besitzerin ist aber sehr erfahren, auch mit Jungpferden. Sie sagt: „Zudem hat Romi ein wirklich sehr ruhiges Temperament. Sie ist genügsam und hat starke Nerven.“ Die beiden haben bereits früh erste Grundlagen am Boden erarbeitet und mit der Gymnastizierung an der Hand begonnen. Daher konnte die Trainingstherapie genau hier ansetzen, was perfekt war: Ohne Reitergewicht wurde die Friesenstute langsam antrainiert und gestärkt. „Oft werden mögliche Trainingsmaßnahmen durch die Fähigkeiten des Besitzers eingeschränkt“, wissen Katharina Möller und Claudia Weingand. „Wäre es theoretisch sinnvoll, ein Pferd auf eine bestimmte Weise zu biegen und etwa Renverspirouetten auszuführen, was der Besitzer aber gar nicht kann, dann richtet er mehr Schaden als Nutzen an, wenn er es dennoch irgendwie versucht.“ In den allermeisten Fällen sei Trainingstherapie mit einem Lernprozess des Besitzers verbunden. Dabei kann jedoch bereits die Heranführung an Themen wie Handoder Bodenarbeit trainingstherapeutisch wirksam sein. Es muss nicht immer Renvers sein – auch eine saubere Volte oder Schenkelweichen können bereits sehr hilfreich sein. Der Lernprozess sollte immer fachkundig begleitet werden.

BEWEGUNGSMANGEL HAT FOLGEN

Wie der menschliche Organismus ist auch der tierische eine große funktionierende Einheit. Bewegung ist dabei für die Gesundheit elementar. Nicht nur für Muskeln, Sehnen, Faszien und Bänder, sondern auch für den Stoffwechsel und die inneren Organe. Wird das Pferd zu lange unnötig geschont, verliert der Pferdekörper insgesamt immer mehr an Fitness. Gewichtszunahme, Stoffwechselprobleme, Muskelabbau und Mobilitätsverlust sind häufige Folgen. Hinzukommt, dass auch das Körpergefühl der vierbeinigen Rehapatienten immer schlechter wird, was neue Verletzungen provozieren kann. Aufgabe des Menschen ist es, dem Pferd adäquate Bewegung zu bieten.

UNSERE EXPERTINNEN

KATHARINA MÖLLER ist FN-Trainerin A und verfügt über jahrzehntelange Erfahrung als selbstständige Reitlehrerin sowie in der Ausbildung und Korrektur von Pferden aller Rassen. Sie bietet eine Trainerausbildung zum „Grundlagentrainer klassisches Reiten“ sowie Weiterbildungen für Reitlehrer an. Außerdem hat sie das Konzept „Longieren als Dialog“ entwickelt und zahlreiche weitere Fachbücher veröffentlicht. www.klassische-reiterei.com

CLAUDIA WEINGAND ist osteopathische Pferdetherapeutin und OsteoConcept Coach nach Welter-Böller, Fachbuchautorin und leitet gemeinsam mit Katharina Möller die Weiterbildung zur Trainingstherapie für Therapeuten, Trainer und ambitionierte Pferdebesitzer. www.claudia-weingand.com

Katharina Möller und Claudia Weingand arbeiten seit 2018 unter dem Namen OsteoDressage zusammen. Gemeinsam betreiben sie das OsteoDressage-Ausbildungszentrum mit Beritt, Reha und vielen Kursangeboten in Dischingen (Baden- Württemberg).

www.osteo-dressage.com

Im Dialog mit dem Pferd

„Die Kunst ist, die passenden Lektionen für das individuelle Pferd und seine Befunde oder Probleme auszuwählen und diese dann in der Praxis korrekt auszuführen“, erklären Katharina Möller und Claudia Weingand. „Wir brauchen im Sinne der Trainingstherapie nichts neu zu erfinden, sondern schöpfen aus dem Wissensschatz der klassischen Reitlehre.“ Eine grundlegende Frage sei, was in dem jeweiligen Fall mobilisiert und was gezielt gekräftigt oder stabilisiert werden soll. Für die Expertinnen ist ihr selbst entwickeltes Longierkonzept „Longieren als Dialog“ ein wichtiges Instrument der Trainingstherapie, das ebenso zur Prävention weiterer Erkrankungen dient. Dabei geht es um physiologisches Bewegen am Kappzaum. Doch was, wenn der Tierarzt das Longieren verbietet? „Das macht Sinn, wenn man unter Longieren versteht, das Pferd in zu hohem Tempo permanent im Kreis zu schleudern, denn die Belastungen dabei sind selbst für gesunde Pferdebeine und nebenbei auch für die Halswirbelsäule und das Genick kritisch“, so Katharina Möller und Claudia Weingand. Durch den ständigen Einbau gerader Linien werden diese Belastungen beim Longieren als Dialog minimiert.

Das Pferd als Spiegel

Die eigene Einstellung spielt bei der Trainingstherapie eine Rolle, denn Pferde spiegeln unter anderem die Bewegungen des Menschen und nehmen als sensible Lebewesen zudem Spannungen ganz genau wahr. „Selbst wenn es einem Rehapferd vielleicht nur möglich ist, Schritt zu gehen, so kann man diesen selbst ganz beschwingt und mit positivem Ausdruck gehen“, sagen unsere Expertinnen. Lächeln hebt bekanntermaßen die Stimmung, was sich auch auf den vierbeinigen Reha-Patienten auswirkt. Wer selbst schon einmal verletzt war und pausieren musste oder mit Schmerzen zu kämpfen hatte, weiß, dass auch die Psyche ein nicht zu vernachlässigender Faktor ist. Ebenso wie Stress Heilungsprozesse bremsen kann, kann eine positive Stimmung und Trainingsatmosphäre einiges erleichtern, unter anderem auch das Erlernen neuer Bewegungsmuster. Versuchen Sie, Ihr Pferd nicht zu bemitleiden, sondern motivieren Sie es in dem Rahmen, der zum jeweiligen Zeitpunkt möglich ist. Mit der Angst, dem Pferd durch zu viel Bewegung zu schaden, haben nicht wenige Betroffene zu kämpfen. Gleichzeitig muss jedoch bedacht werden, dass ein Zuwenig an Bewegung ebenso Auswirkungen hat. Eine gute Trainingstherapie wird immer individuell gestaltet und hilft nicht nur dem Pferd, sondern auch seinem Besitzer, den richtigen Weg einzuschlagen und zu gehen.

BUCHTIPP

Die Trainingstherapie kann helfen, gezielt Schmerzgedächtnis und Kompensationsmuster zu überlisten und gesunde Bewegungen zu etablieren. Katharina Möller und Claudia Weingand zeigen in ihrem Buch klare Wege und den sinnvollen Einsatz von Hilfsmitteln wie Tapes, Cavaletti und Co., um dem Pferd wieder Freude an der gesunden Bewegung zu vermitteln. Dabei wird jedes Pferd individuell nach seinem Befinden trainiert, denn geschädigte Strukturen heilen in unterschiedlichem Tempo und sprechen auf unterschiedliche Methoden an.

Müller Rüschlikon, 176 Seiten, 19,95 Euro, ISBN: 978-3-275-02209-0