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beziehungen: NÄHE, die jeden ABSTAND überwindet


Vital - epaper ⋅ Ausgabe 12/2020 vom 04.11.2020

Freundschaften schenken uns eine ganz besondere Kraft. Lassen wir ihr genug Freiraum, können wir gemeinsam alles schaffen


„Gute Nacht, Freunde“, heißt ein Lied von Reinhard Mey. Damit bedankt er sich bei ihnen zum Abschied für all das, was sie ihm geben und gewähren. In Strophe drei singt er: „Für die Freiheit, die als steter Gast bei euch wohnt. Habt Dank, dass ihr nie fragt, was es bringt, ob es lohnt. Vielleicht liegt es daran, dass man von draußen meint, dass in euren Fenstern das Licht wärmer scheint.“

Joachim Negel, Theologie-Professor an der Schweizer Universität Fribourg, kennt diese Verse ...

Artikelbild für den Artikel "beziehungen: NÄHE, die jeden ABSTAND überwindet" aus der Ausgabe 12/2020 von Vital. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Vital, Ausgabe 12/2020

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... auswendig. „Sie sind eine hinreißende Beschreibung“, sagt der 58-Jährige begeistert. „Freundinnen und Freunde sind sich so nah und erkennen gleichzeitig, wie anders sie sind. Und gerade weil meine Freunde anders sind als ich, bereichern sie mich und umgekehrt. Es entsteht ein unsichtbarer Raum, in dem sich beide frei bewegen und wachsen dürfen.“ Ein schönes Bild.

Doch als Negel seine Stelle in Fribourg antrat, veränderte sich dieser Raum auf einmal. Er hatte in Marburg gelebt, dort als Pfarrer gearbeitet und - Freunde gefunden. „Obwohl alles in Fribourg passte, fühlte ich mich entwurzelt und tief verstört“, erinnert sich der Forscher. „Dann war die Idee plötzlich da: Du schreibst ein Buch über Freundschaft.“ Per Zug fuhr er dann noch mal nach Marburg. „Als ich ankam, war das Inhaltsverzeichnis fertig. Es floss nur so aus mir heraus.“ Soziologie, Psychologie, Politik, Religion, Ökonomie, Mystik, all diese Bereiche hatten mit dem Thema Freundschaft zu tun (s. Buch-Tipp auf Seite 89).

Nicht nur ein Ortswechsel verändert den Raum der Freundschaft. COVID-19 stört ihn bei uns allen. Abstandsregeln und Kontaktbeschränkungen sorg(t)en dafür, dass wir unsere Freunde nicht wie sonst treffen können. Per Smartphone, Tablet oder Computer versuchen wir, ein wenig Nähe aufzubauen. „Aber Freunden wollen wir persönlich begegnen“, sagt die Psychologin Rebecca Schild aus Kassel.

Seit fast 20 Jahren sind sie und die Autorin Rebekka Knoll eng befreundet. „Spätestens, wenn wir uns drei Wochen nicht besucht haben, treffen wir uns und spüren sofort, was gefehlt hat“, erzählt Rebecca Schild (s. Protokoll auf Seite 88). In der ersten Corona-Hochphase saßen sie dann mit Mindestabstand draußen und tranken Kaffee. „Andere Freunde schrieben mir Briefe. Das fand ich schön“, erinnert sich Rebekka Knoll. „Aber durch Corona ist uns, glaube ich, allen klar geworden, wie wichtig Freunde und persönliche Begegnungen für uns sind“, ergänzt Rebecca Schild.

Gute Freunde übernehmen heute die Rolle der Familie

Prof. Joachim Negel sieht COVID-19 obendrein als Nagelprobe. „Manche Freunde, von denen wir es erwartet haben, riefen nicht an, schrieben keine SMS. Andere, die sich vorher zurückhielten, waren uns auf einmal ganz nah“, so der Theologe. „Auch wir selbst konnten in dieser Zeit für uns klären, wie viel Nähe oder Abstand wir bei welchen Freunden zulassen können.“ Bereits vor der „neuen Normalität“ antworteten 85 von 100 Deutschen in einer Allensbach-Umfrage auf die Frage „Was ist wichtig im Leben?“: Freunde haben. Auf Platz zwei landete die Familie, auf Platz drei die Partnerschaft. Wie wird diese Rangfolge wohl in Zukunft aussehen?

Fest steht mittlerweile: Je brüchiger andere Beziehungen werden und je unsicherer sich die Zeiten anfühlen, in denen dies geschieht, desto wichtiger werden Freundschaften. „Stellen Sie sich vor, zwei Einzelkinder werden Eltern eines Einzelkindes“, nennt Prof. Negel ein Beispiel. „Es hat keine Geschwister, keine Onkel, keine Tanten. Wenn seine Eltern gestorben sind, bleibt es völlig allein zurück. Freunde ersetzen heute die Familie.“ Doch darin sieht der Experte auch eine Gefahr: „Wir übertragen gerade das romantische Ideal der Liebe auf die Freundschaft.“ Paare, die versuchen, es zu erfüllen, belegt nicht nur die hohe Scheidungsrate, zerbrechen früher oder später daran. „Und wenn eine Freundin, ein Freund mein Ein und Alles sein soll, kann auch diese Freundschaft am Ende nur scheitern.“ Wahr sei aber auch: „Wird z. B. eine Ehe zur Freundschaft, hält sie höchstwahrscheinlich am längsten.“

In jeder Freundschaft steckt beides: Power und Pulverfass

Bereits vor über 2000 Jahren unterschied der griechische Philosoph Aristoteles drei Arten von Liebe: Eros, das (sexuelle) Begehren, Agape, die (elterliche) Fürsorge und Philia, die starke Zuneigung unter Freunden. „Das ist erstaunlich aktuell“, findet Prof. Negel. „Tatsächlich spielen alle drei in Freundschaften eine wichtige Rolle. Zwischen zwei Freundinnen oder Freunden vibriert es, der Funke springt über.“ Eine wunderbare Kraft, die uns beflügelt. Aber auch ein Pulverfass. Bei Rebekka Knoll und Rebecca Schild explodierte es. Mit Anfang 20 hatten sie einen Riesenkrach (s. Protokoll links). Doch sie schafften es, sich wieder anzunähern. In anderen Fällen gelingt das nicht.

Die Journalistin Dorothee Röhrig aus Hamburg weiß, wie weh das tut. Sie hat mit 13 Frauen gesprochen, die ihre beste Freundin verloren hatten. „Das Ende der Freundschaft schmerzt oft mehr als das Ende einer Liebesbeziehung“, berichtet die 67-Jährige (s. Interview auf Seite 87). Wie kommt es dazu? „Frauen haben eine besondere Sehnsucht nach Harmonie“, so die Expertin. „Um die Einheit mit der Freundin nicht zu gefährden, schlucken wir Enttäuschungen herunter. Neid oder Konkurrenzgefühle werden überspielt.“ Bis es irgendwann nicht mehr geht.

INTERVIEW: „Dürfen herauswachsen“

Nicht leicht, aber zu einer guten Freundschaft gehört, die oder den anderen ziehen zu lassen, wenn es so weit ist, ermutigt die Journalistin Dorothee Röhrig

vital: Frau Röhrig, wie es sich anfühlt, wenn eine Freundschaft zerbricht, darüber haben Sie für Ihr Buch (s. unten) mit 13 Frauen gesprochen. Hatten die Erfahrungsberichte etwas gemeinsam?
Dorothee Röhrig: Ja, das hatten sie. Zunächst einmal ging es ausschließlich um Freundschaften unter Frauen, die beste Freundin also. Einigen war sie wichtiger als der eigene Partner. Und genau diese große Harmonie wurde dann zum Problem.

Inwiefern?
Gerade Frauen schrecken davor zurück, gegenüber der besten Freundin Konflikte anzusprechen, aus Angst, sie zu verletzen. Stattdessen, auch etwas, das eher Frauen tun, erzählen sie dann oft unbeteiligten Dritten, was sie an der besten Freundin stört - hintenrum. So entstehen Vertrauensbrüche und Frust, denn das Unausgesprochene löst sich ja nicht einfach auf. Nur wenn ein Konflikt angesprochen wird, kann es eine Versöhnung geben.

Wie äußern sich solche Freundschaftskrisen?
Hören beide Seiten in sich hinein, spüren sie, dass ihr innerer Ärger-Eimer fast überläuft. Es reicht. Dann sollten sie miteinander reden. Auch wenn ich das Gefühl habe, nicht die sein zu können, die ich gern wäre, wenn ich mich in der Freundschaft nicht mehr wohlfühle, sollte ich das einer Freundin sagen.

Weil sie mich manipuliert?
Geben Sie nicht gleich der anderen die Schuld. Bleiben Sie bei sich. Überlegen Sie, warum Sie bei Ihrer Freundin nicht mehr so offen, lustig, nicht mehr so frei sein können. Warum empfinden Sie Telefonate mit ihr nur noch als Verpflichtung? Es erfordert Mut, solche Dinge anzu- sprechen, schützt Freundschaft aber vor Unfreiheit.

Und wenn es dennoch einfach nicht mehr passt?
Dann dürfen wir eine Freundschaft auch beenden. Wir dürfen aus ihr herauswachsen und die Freundin mit gutem Gefühl ziehen lassen.

Wie gelingt das?
Indem wir uns liebevoll, respektvoll, ohne Schuldzuweisungen und generös voneinander verabschieden. Keinen Zickenkrieg, bitte! Wertschätzen Sie die schöne Zeit, die Sie gemeinsam hatten - und lassen Sie dann innerlich los.

Dorothee Röhrig, 67 arbeitete viele Jahre als Journalistin und Redakteurin. Sie ist Mutter einer Tochter und lebt mit ihrem Mann in Hamburg


„Unsere Freundschaft mussten wir erst wieder neu aufbauen“

Rebekka Knoll und Rebecca Schild, beide 32, kennen sich seit der Schulzeit

„Das erste Mal trafen wir uns bei einem Lesewettbewerb. Wir fanden es lustig, dass wir beide den gleichen Vornamen haben, aber danach hatten wir erst mal nicht viel miteinander zu tun. Bis klar war, dass wir Freundinnen sein wollten, vergingen fast zwei Jahre. Am 11. August 2002 gingen wir dann zum ersten Mal gemeinsam ins Kino. Wir kennen nicht viele, die so lange und so intensiv wie wir befreundet sind. Fast 20 Jahre, das ist schon etwas Besonderes.

Wir waren 13, 14, als wir Freundinnen wurden, ein sehr prägendes Lebensalter. Insofern ist unsere Freundschaft sehr eng mit unserer Persönlichkeitsentwicklung verbunden. Wir machten damals alles zusammen, trafen uns und telefonierten jeden Tag. In einem Schultheaterstück spielte eine von uns mal die gute, die andere die böse Seite der Hauptfigur. Auch in unserer Freundschaft hatte jede von uns ihre Rolle. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen. Es war viel zu eng. Als wir 20 waren, kam dann schließlich der große Krach. Der war überfällig.

Wer bin ich ohne dich? Das mussten wir danach beide herausfinden. Wir lebten in verschiedenen Orten und sahen uns monatelang gar nicht. Wir bauten unsere Freundschaft neu auf. Heute geben wir uns mehr Raum. Wir sind zwar beide immer noch eher streitvermeidend, aber wir werden besser. Jede von uns hat ihre Arbeit, ihre Hobbys, ihre Pflichten, da sehen wir uns eher zu selten. Aber treffen wir uns, wissen wir sofort, was uns gefehlt hat. So wie wir ist auch unsere Freundschaft reifer und erwachsener geworden.“

Gute Freunde lassen einander Freiraum zum Wachsen

Natürlich passiere es auch, dass Frauen, die mit 30 Freundinnen wurden, mit 50 zwei so unterschiedliche Leben führen, die nichts mehr verbindet. „Das dürfen und sollten wir sagen“, ermutigt Dorothee Röhrig. „Gute Freundinnen lassen sich gegenseitig Raum. Sie respektieren individuelle Entwicklungen und Veränderungen, gehen ehrlich und vor allem wohlwollend miteinander um.“ Auch wenn die Freundin etwas tue, das wir total bescheuert fänden. „Es ist ihr Leben, ihre Sache. Davor sollten wir Respekt haben und uns nicht wie eine Oberlehrerin aufführen.“

Je länger eine Freundschaft besteht, desto leichter „vergessen“ wir, dass sie eine freiwillige Beziehung und unser(e) Seelenverwandte(r) eine eigenständige Person bleibt. „Lassen wir ihr die Luft zum Atmen“, sagt Dorothee Röhrig. „Wir sollten uns aber auch regelmäßig fragen: Bin ich eine gute Freundin? Wie gehe ich mit unserer Freundschaft um?“ Denn so, wie sich die Freundin, der Freund ohne uns weiterentwickelt, ändern auch wir uns ohne sie oder ihn. Umso spannender wird das Wiedersehen. Und dann öffnet er sich, der Raum der Freundschaft.

BUCH-TIPP

ZU VIEL NÄHE Einer guten Freundin dürfen wir uns zumuten, mit allen Ecken und Kanten, schreibt Dorothee Röhrig. Eine ehrliche Begegnung auf Augenhöhe. „Aus und vorbei!“, Kailash, 256 Seiten, 15 Euro

BUCH-TIPPS

GESTERN & HEUTE Für eine neue Stelle musste Prof. Joachim Negel seine Freunde zurücklassen - und schrieb dieses Buch. „Freundschaft“, Herder, 536 Seiten, 45 Euro


NÄHE & ABSTAND Mit vielen Praxistipps zeigen Rebekka Knoll und Rebecca Schild (s. Protokoll ganz links), wie Freundschaften halten. „Freunde fürs Leben?“, EMF, 256 Seiten, 17 Euro


FOTOS: JOHN KUCZALA / GETTY IMAGES

FOTOS: PM IMAGES/GETTY IMAGES (2), SEBASTIAN FUCHS

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