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„BEZIEHUNGEN ZU JUROREN SIND GOKD WERT“


digit! - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 21.02.2020

Gérard A. Goodrow, Kurator, Autor und ehemaliger Leiter der Art Cologne über Photo Awards und den Fotokunstmarkt, seine Erfahrungen als Jurymitglied bei Fotowettbewerben und die Dos und Don’ts beim Einreichen von Bildern.


Artikelbild für den Artikel "„BEZIEHUNGEN ZU JUROREN SIND GOKD WERT“" aus der Ausgabe 2/2020 von digit!. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: digit!, Ausgabe 2/2020

Motiv aus der Serie „Wee Muckers - Youth of Belfast“, Gewinner Gold Award und Kategorie „Portrait“, Felix Schoeller Photo Award 2019, © Toby Binder, Deutschland.


Gérard A. Goodrow, Credit © Eike Thomsen


Herr Goodrow, Sie beobachten die Fotokunst- und die Foto-Award-Landschaft seit vielen Jahren. Trügt unser Eindruck oder hat die Zahl der Wettbewerbe in den letzten Jahren stark zugenommen?

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Gérard A. Goodrow: Nein, das deckt sich mit meiner Wahrnehmung in den letzten zehn Jahren.

Worauf führen Sie diesen Award-Boom zurück?

GG: Ich denke, das hat auch damit zu tun, dass der Stellenwert von Fotografie am Kunstmarkt nach dem gigantischen Hype zwischen Ende der 90er- und Mitte der Nuller-Jahre wieder auf Normalgröße geschrumpft ist. Auch bei Auktionen wird wieder deutlich weniger Fotografie gezeigt. Als Ausgleich versuchen viele ambitionierte Fotografen, ihre Sichtbarkeit durch die Teilnahme an Wettbewerben zu erhöhen.

So weit die Fotografen-, also Nachfrageseite. Aber wie erklären Sie sich das steigende Angebot an Awards?

GG: Ich glaube, immer mehr Institutionen und Imaging-Unternehmen haben den Wert von Foto-Wettbewerben in Sachen Marken-Profilierung und Kommunikation für sich erkannt. Attraktiv sind Wettbewerbe nicht zuletzt für Anbieter von Print-Produkten, so lässt sich die Bedeutung des gedruckten Bilds in digitalen Zeiten eindrucksvoll unterstreichen.

Sie gehören unter anderem den Jurys des Felix Schoeller Photo Awards und des L.-Fritz-Gruber-Preises an. Wie müssen wir uns eine Jurysitzung vorstellen?

GG: Im Vorfeld siebt der Veranstalter einen Teil der Einreichungen entlang formaler Kriterien aus. Je nach Größe des Wettbewerbs folgen dann unterschiedlich viele Vorstufen, die sich über mehrere Monate hinziehen können. Die Jurymitglieder sehen sich in dieser Phase Abertausende Bilder an und reduzieren die Einreichungen pro Kategorie auf ca. 30 bis 50 Fotografen. Dann folgt die eigentliche Jury-Sitzung, die sich über mehrere Tage erstrecken kann. In diesem Zeitraum wird wahnsinnig viel diskutiert, teilweise auch gestritten, weil jeder seine Favoriten verteidigen möchte. Meist ist das ein sehr konstruktiver Streit, bei dem zuweilen die eigenen Favoriten an Bedeutung verlieren.

Mit anderen Worten, Sie als Jurymitglied lernen während einer Sitzung dazu?

GG: Wahnsinnig viel sogar, das schärft den eigenen Blick. Ich gehe aus diesen Sitzungen meist mit ein oder zwei Entdeckungen heraus. Mit denen arbeite ich dann später oft in irgendeiner Form, beispielsweise im Rahmen von Ausstellungen oder Publikationen.

Aus der Serie „Pride and Prejudice - Sapeurs of Brazzaville“, nominiert in der Kategorie „Portrait“, Kai Löffelbein, Germany.


Aus der Serie „On the other side“, Gewinnerin Kategorie „Modefotografie“, Felix Schoeller Photo Award 2019, © Julia Bezhanova, Russland.


Noch einmal zurück zur Sichtbarkeit, die sich viele Teilnehmer erhoffen. Funktioniert die?

GG: Davon bin ich überzeugt. Da ist zum einen der Award selbst, der während der Preisverleihung und durch die Vorund Nachberichterstattung in verschiedenen Medien Sichtbarkeit schafft. Allerdings ist diese zeitlich begrenzt. Vielleicht noch wichtiger sind deshalb die Beziehungen, die ich als Teilnehmer zu bestimmten Jurymitgliedern aufbauen kann, denn diese Kontakte entfalten ihre Wirkung im Idealfall über Jahre hinweg. Mein Credo lautet: Die Kunstwelt ist ein „People-Business“, die Qualität der Arbeiten ist nur die zwingende Voraussetzung für Erfolg, am Ende aber geht es darum, wen man kennt.

Aus der Serie „Garbage Project“, Kategorie „Konzeptionelle Fotografie“, Felix Schoeller Photo Award 2019, © Sarah Tröster, Deutschland.


Aus der Serie „My Dear Yakutia“, Gewinner in der Kategorie „Fotojournalismus“, Felix Schoeller Photo Award 2019, © Alexey Vasilyev, Russland.


Wie finde ich als Fotograf den richtigen Wettbewerb für mich?

GG: Das lässt sich nicht pauschal beantworten, denn jeder Preis hat ja eine andere Wirkung und einen anderen Wirkungskreis. Wenn ich in Deutschland Fuß fassen will, bieten sich Wettbewerbe an, die hierzulande ausgeschrieben sind, will ich mein Standing hingegen in Übersee verbessern, sind Wettbewerbe vor Ort oder international besetzte Jurys natürlich besser. Klar ist aber: Wichtiger als die Größe eines Wettbewerbs ist die Zusammensetzung der Jury, denn deren Mitglieder sind ja potenzielle Multiplikatoren. Auch kleine Awards, wie etwa der an der Uni Köln ausgeschrie bene L.-Fritz-Gruber-Preis, dessen Jury ich seit vielen Jahren angehöre, können für die Teilnehmer im Zweifel eine große Wirkung entfalten.

Welche Dos and Don’ts gibt es denn beim Einreichen von Beiträgen?

GG: Zunächst einmal: Gut die Hälfte der Einreichungen fällt schon im Vorfeld durch, entweder aus Mangel an Qualität oder schlicht, weil sie am Thema vorbei sind. Was ich auch immer wieder sehe, ist, dass Fotografen die maximale Zahl an eingereichten Bildern nicht ausschöpfen, das ist aber verschenktes Potenzial, denn oft kann man eine gewisse Spannweite oder eine Idee erst mit mehreren Bildern darstellen. Darüber hinaus sollte man unbedingt ein schriftliches Konzept einreichen - es ist nämlich ein Mythos, zu glauben, dass Bilder ohne Worte auskommen. Als Juror bin ich zwar in der Lage, ein qualitativ gutes Foto zu erkennen, deshalb weiß ich aber noch lange nicht, was es bedeutet. Im Extremfall fallen Arbeiten, die auf den ersten Blick vermeintlich banal wirken, sogar durchs Raster. Ich kann mich erinnern, dass das noch 2009 bei der Verleihung des Kulturpreises der DGPh an Wolfgang Tillmans fast der Fall gewesen wäre - Teile des Gremiums hatten damals argumentiert, es handele sich lediglich um „digitale Schnappschüsse“ und folglich nicht um fotokünstlerische Arbeiten. Von daher lautet mein Tipp: bei den einzelnen Wettbewerbern genau hinschauen, wer in der Jury sitzt und sich gezielt bewerben. Wenn die Zusammensetzung für meine Art der Fotografie vielversprechend ist, dann sollte ich auch Vollgas geben.

Nach welchen Kriterien gehen Sie persönlich als Kurator vor?

GG: Ich bin kein Foto-, sondern ein Kunstexperte, dementsprechend steht das Bild für mich im Vordergrund und nicht die Tech- nik. Mein erster Blick ist sehr intuitiv und rein visuell, entscheidend ist, was das Bild oder die Bilderserie in mir auslöst. Erst danach fange ich an, zu analysieren und bewusst auf die Lichtverhältnisse und die Komposition zu schauen. Die Frage, wie es präsentiert wird, also beispielsweise als Print oder in Buchform, ist für mich hingegen nachrangig.

Ein Blick hinter die Kulissen während der Jurysitzung des Felix Schoeller Photo Awards 2019, © Lingner Böhle Studio.


Was treibt Sie als Jurymitglied an?

GG: Der Job ist in vielen Fällen ehrenamtlich, das heißt, die meisten Juroren sind mit entsprechend viel Herzblut dabei und engagieren sich aus purem Interesse am Thema und aus Neugier an neuen Positionen. Das gilt auch für mich persönlich.

GÉRARD A. GOODROW (geb. 1964 in New Jersey/USA) lebt als freier Kurator und Autor in Köln. Er studierte Völkerkunde und Kunstgeschichte an der Rutgers University in New Jersey, Geschichte der modernen und zeitgenössischen Kunst an der City University of New York und Kunstgeschichte, Germanistik und Anglistik an der Universität zu Köln. Zu seinen wichtigsten beruflichen Stationen gehören u. a. die Ursula Blickle Stiftung in Kraichtal (1994-2001), das Museum Ludwig in Köln (1992-1996), das Auktionshaus Christie’s in London (1996-2003) sowie die Kunstmesse ART COLOGNE, die er von 2003 bis 2008 leitete. Seit 2014 ist er Dozent an der privaten Bildungsakademie Zeit für Wissen in Köln. Goodrow ist unter anderem Juror beim Felix Schoeller Photo Award und beim L.-Fritz-Gruber-Preis.

www.goodrow.de www.felix-schoeller-photoaward.com | www.portal.uni-koeln.de/photowettbewerb.html

Der Felix Schoeller Photo Award ist einer der höchstdotierten Fotowettbewerbe im deutschsprachigen Raum. Der Preis ehrt Arbeiten, die Liebe zur Fotografie und höchste Ansprüche an die Qualität der Bilder erkennen lassen. Als Hersteller von Spezialpapieren für bestmögliche Ausdrucke möchte die Felix Schoeller Group mit dem Preis Fotografen auszeichnen und unterstützen, die die Leidenschaft des Unternehmens für kompromisslos gute Bilder teilen. Der Felix Schoeller Photo Award wird alle zwei Jahre vergeben. Bei der erfolgreichen Premiere 2013 wurden rund 1.300 Arbeiten eingereicht, 2019 waren es über 3.800 Einreichungen.

www.felix-schoeller-photoaward.com/award