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Big and punchy


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Recording Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 16.09.2022
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Wie ihr bereits in der letzten Ausgabe im Zuge unseres Drum-Mikrofonierungs-Workshops erfahren konntet: Das Drum-Recording zählt zu den kniffligsten, aber auch lohnendsten Aufgaben eines Toningenieurs. Dieses Mal geben wir euch einen Einblick in die Praxis – und blicken hinter die Kulissen der Schlagzeug-Aufnahmen zu „Eraser“, dem neuen Album von Long Distance Calling. Rede und Antwort stand uns als erstes Schlagzeuger Janosch Rathmer.

Janosch, was war dir für den Drumsound von „Eraser“ wichtig?

Janosch Rathmer: Uns war wichtig, dass wir einen eigenen Drumsound entwickeln. Das heißt: keine Samples. Außerdem wollten wir einen großen Klang, der gleichzeitig punchy klingt. Und das ist mit der Vorgabe, ohne Samples zu arbeiten, gar nicht so einfach!

Seid ihr generell mit einer bestimmten Vision für dieses Album ins Studio gegangen?

Janosch Rathmer: Die Vision für das Album bestand darin, dass wir einen ...

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... noch organischeren Sound brauchten als bei dem letzten Album. Da wir wieder einen sehr großen Aufnahmeraum benutzt haben, mussten wir anders mikrofonieren. Das Album hat vermehrt härtere Passagen, bei denen der Raum etwas rausgenommen werden musste. Vor allem Close-Mics haben hier geholfen.

Hat hier dein Set eine Funktion übernommen? Was hast du gespielt?

Janosch Rathmer: Um in der Post-Produktion über ein perfektes Ausgangssignal zu verfügen, ist natürlich auch die Wahl der einzelnen Komponenten am Drumset entscheidend. Ich habe mich dieses Mal für ein Tama Starclassic Walnut/Birch entschieden. Der warme und volle Klang vom Walnussholz mit dem Punch der Birke war einfach perfekt für das Album. Ich habe mir dann direkt eines in einer limitierten Edition bestellt. Auch optisch absolut ein Killer! Außerdem sind die Becken enorm wichtig. Ich spiele seit langer Zeit hauptsächlich Becken der Byzance-Serie von Meinl. Bei den Crashes wähle ich relativ dünne, aber dafür große Becken. Das sorgt für einen sehr ausgeglichenen Sound. Selbst bei hohen Lautstärken und viel Energie versauen sie dir sowohl live als auch im Studio nicht den Mix, sondern runden ihn perfekt ab. Es kamen aber auch ein paar Effektbecken zum Einsatz. Ebenfalls von Meinl. Die sorgen immer für kurze und schnelle Akzente. Bei den Fellen haben wir hauptsächlich Emperors auf den Toms und Ambassadors bei der Snare genutzt. Die Haupt-Snare war eine Starphonic Copper. Wir wollten bewusst die Snare schön offen haben und nicht schon beim Recording mit zuviel Damping alle Obertöne killen.

Hast du spielerisch bei den Aufnahmen dieses Mal anders agiert beziehungsweise versucht, spezifische Akzente zu setzen?

Janosch Rathmer: Ich denke, die Platte hat sehr viel Platz für energetisches und abwechslungsreiches Drumming gelassen. Das war für mich schon herausfordernd, hat aber auch total Bock gemacht. Generell finde ich, dass der Drummer immer den Song im Fokus haben sollte, und ich versuche, wenn möglich, mit meinen Kollegen für Hooklines zu sorgen. Mit Arne hatte ich auch einfach wieder super viel Spaß beim Recording. Er pusht mich im richtigen Maß.

„Energie, Groove und Dynamik sind für den Sound von Long Distance Calling wichtig.“

Was hältst du in Sachen Drumming bei Long Distance Calling für besonders ausschlaggebend?

Janosch Rathmer: Zunächst ist es natürlich ein Vorteil, dass wir instrumental agieren. Es kommt selten vor, dass ein Bandkollege sagt: „Spiel das mal anders, ich kann da nicht zu singen“ (lacht). Ich bin sehr dankbar, so offene Kollegen zu haben. Als Drummer bin ich voll ins Songwriting integriert. Das bedeutet, es kann auch mal ein Drumgroove der Grundstein eines Songs sein. Energie, Groove und Dynamik sind für den Sound von LDC wichtig.

Unter welchen Bedingungen fühlst du dich als Drummer in einem Studio wohl?

Janosch Rathmer: Also wichtig ist eine gute Vorbereitung zusammen mit dem Engineer. Es geht darum, dass man vorher genau absteckt, wie man ans Ziel kommt. Da unsere Ansprüche in der Hinsicht sehr hoch sind, ist so ein Plan schon mal die halbe Miete. Bei den letzten beiden Platten habe ich auch gemerkt, dass ich mich gerne liebevoll quälen lasse (lacht). Nein, im Ernst: Es ist wichtig, dass man zusammen eine gute Energie bei den Aufnahmen hat und stressfrei agieren kann – aber ein kleiner Push hilft definitiv auch.

HÖR-TIPPS

Arne Neurand empfiehlt euch einige Drumrecordings, die ihm besonders am Herzen liegen: „Im Horus gibt es eine lange Historie von tollen Drumsrecordings: Guano Apes, Donots, ZSK, Revolverheld und The Intersphere fallen mir hier spontan ein. Das sind natürlich in erster Linie alles fantastische Drummer, mit einem fetten Drumrecording glänzen sie aber noch ein bisschen mehr. International bin ich großer Fan von den Produktionen, die Brendan O‘-Brien und Nick DiDia gemacht haben. RATM, Stone Temple Pilots, Pearl Jam … Da sind die Drumsounds super organisch und haben einen großen Impact. In der Königsklasse spielt hier zum Beispiel die Platte „Dogman“ von King‘s X. Unfassbar direkte und punchige Drums!“

Ihr habt unter anderem im legendären Horus Sound Studio aufgenommen. Was schätzt du an dieser Recording-Location?

Janosch Rathmer: Vor allem schätze ich Arne als Engineer. Studionamen finde ich gar nicht so wichtig. Die Menschen, die sie betreiben, sind das, das was zählt. Aber selbstverständlich ist das Horus Studio auch eine coole Location mit viel Charme.

Wenn es möglich wäre, in der Zeit zu reisen, was würdest du dann, dem Schlagzeug-Anfänger Janosch ans Herz legen?

Janosch Rathmer: Übe mehr Rudiments (lacht)! Ach, ich weiß nicht, ob ich so viel ändern würde. Ich habe sehr viel autodidaktisch gelernt. Das hat später dazu geführt, dass ich einiges an Grundtechniken nachholen musste, aber auf der anderen Seite konnte ich meinen eigenen Stil finden. Das vermisse ich bei der You-Tube-Generation von heute leider oft. Also das Wichtigste ist immer: Einfach machen!

Welche Formen der Weiterentwicklung reizen dich als Schlagzeuger noch?

Janosch Rathmer: Absolut, denn ich unterrichte ja auch. Das bedeutet, dass ich selbst auch oft neue Sachen über. Zudem sorgt es für viele Wiederholungen. Das tut mit gut. In letzter Zeit habe ich auch wieder viel mehr Double-Bass geübt. Ich finde es wichtig, neugierig zu sein und trotzdem zu alten Dingen zurückzukehren.

Welcher Part auf „Eraser“ gefällt dir besonders?

Janosch Rathmer: Da gibt es viele, aber wie wir als Band zusammen bei „Blood Honey“ ruhig werden, hat etwas Besonderes. So etwas ist uns in dieser Form selten gelungen. Und ich finde, das ist das Wichtigste: ein gutes Zusammenspiel der Band. Das sollte jeder Musiker im Fokus haben!

Arne Neurand, Mitinhaber des Horus Sound Studios, zeichnete auch als Engineer der Drum-Recordings von „Eraser“ verantwortlich. Im Gespräch verriet er uns alles Wichtige zu den tontechnischen Aspekten der Schlagzeug-Aufnahmen.

Arne, eben hat Janosch uns schon erzählt, dass „Eraser“ punchiger als sein Vorgänger klingen sollte. Welche Sound-Vorstellungen galt es außerdem umzusetzen?

Arne Neurand: „How Do We Want to Live“ war noch von sehr großen, räumlichen Drumsounds gekennzeichnet, „Eraser“ sollte nun , wie gesagt, etwas punchiger klingen, aber auch härter. Die Platte ist wieder eine Ecke straffer. Wir haben also also auch nach einer Möglichkeit gesucht, das Schlagzeug sehr direkt und „in your face“ klingen zu lassen.

Wie wurde diese Idee dann beim Recording umgesetzt?

Arne Neurand: Die Main-Drums haben wir im Live-Room des Tonstudio Tessmar aufgenommen, wo es auf Grund der schieren Größe des Raumes relativ einfach ist, mit Raummikros dieses Volumen auch darzustellen. Gleichzeitig wollten wir ja aber sehr direkte Signale einfangen, weshalb es einer nicht unerheblichen Anzahl von Stützmikros bedurfte. Jedes Becken wurde im Grunde auch sehr nah abgenommen, um eben den Raum auszublenden. Da es kaum Begrenzungen bezüglich der Channel-Anzahl beziehungsweise -Leitungen gab, konnten wir aus dem Vollen schöpfen und zum Beispiel auch alle vier Toms von oben und von unten mikrofonieren. Was nochmal mehr Wucht aufs Band gebracht hat. AKG-C414er als Top-Mics und ein Sennheiser-MD421er als Bottom-Mics waren dann für die offen klingenden Toms eine super Kombi. Janoschs Tama Star Classic klang – gestimmt von Drumtech Michael Wolpers – unglaublich gut in dem riesigen Raum.

„Wir haben die Drums auf einer analogen ADT-Konsole gemischt.“

Ihr habt aber auch Schlagzeug-Spuren im Horus aufgenommen, oder?

Arne Neurand: Ja, als Kontrast zu den „Big Drums“ wurde später noch das genaue Gegenteil im Vintage-Raum vom Horus Studio eingefangen: trashige, verzerrte Drums, aus denen wir unsere eigenen Loops für „Eraser“ basteln konnten. Hierfür waren vor allem sehr heiß gefahrene Vintage-Preamps und ein paar Tretminen sowie Delays entscheidend.

Wie wurden die Drumspuren im Mix bearbeitet?

Arne Neurand: Wir haben die Drums auf einer analogen ADT-Konsole gemischt, wobei viel Pult-EQ und einiges an Parallelkompression verwendet wurden. Ein Vintage Design CL1 und ein UBK Fatso waren oft im Einsatz sowie ein paar Distressors auf den Direktsignalen. Die Herausforderung beim Mix der Drums bestand darin, eine gute Balance zwischen Direktsignalen und Raummikros zu finden, je nach Part. Da wirklich viele Stützmikros im Einsatz waren, kam es vor allem auf viel Automationsarbeit an, um immer wieder einzelne Elemente des Kits – etwa die Stackbecken oder Splashbecken – zu featuren. Eine essenzielle Herausforderung war bei „Eraser“ auch der absolute Verzicht auf künstliche Drumsamples. Es geht eben auch organisch. Wir wollten keinen Einheitssound, die Platte sollte aber trotzdem modern klingen. Das war eine echte Herausforderung für einen Mixengineer im Jahr 2022 – gerade in härteren Musikrichtungen ist es nicht leicht, so etwas zu erreichen. Aber mit ein wenig Selbstbewusstsein lässt es sich umsetzen.

Hegt ihr im Horus-Studio eigentlich eine bestimmte Philosophie, wenn es um das Recording von Drums geht?

Arne Neurand: Unsere Philosophie lautet: klare und dynamische Drums. Das deutlichste Merkmal von „Horus-Drums“ sind die echten Drumräume, die durch Hallgeräte so nicht zu simulieren sind. Quasi eine Antwort des Raums auf die Drummer. Wichtig ist den Musikern vor allem das Feedback aus der Regie von Leuten, die eine musikalische Meinung haben und auch coachen können.

Welchen Fokus hältst du persönlich beim Drum-Recording und -Mixing für besonders wichtig?

Arne Neurand: Ich möchte beim Recording akribisch arbeiten und mich nicht auf den späteren Mix verlassen müssen. Natürlich stehen hierbei als erstes die Künstler im Fokus, dann das Instrument, dann der Raum und die Aufnahmetechnik. Performance geht über alles. Wenn die Luft nicht brennt, kannst du später im Mix drehen, was du willst, es wird nicht zünden. Der Mix sollte im Idealfall nur noch Spaß machen und nichts reparieren müssen.

Welche Fehler gilt es, bei Aufnahme und Mix eines Schlagzeugs zu vermeiden?

Arne Neurand: Bei der Aufnahme muss einem Engineer klar sein, was der Begriff „Phasenlage“ bedeutet, vor allem weil relativ viele Mikrofone verwendet werden um ein Instrument aufzunehmen. Die Qualität der Künstler und das passende Instrument beziehungsweise die Stimmung sind viel entscheidender als die Mikrofonauswahl. Trotzdem ist es selbstverständlich Aufgabe des Engineers, die einzelnen Instrumente in ihrem vollen Klangspektrum einzufangen. Ich halte die richtige Positionierung der Overheads und der Snare, vor allem die Phasenlage zueinander, für das Wichtigste beim Drumrecording. Klingt ein Drumkit hier nicht groß, wird es im Verlauf der Produktion immer schwierig sein. Was den Mix eines Drumkits angeht, lohnt es sich, den Fokus mehr auf die Balance sowohl in Lautstärke als auch Panorama zu setzen. Das ist erstmal wichtiger als EQing und Kompression.

Worauf sollte man als Drummer achten, um es Engineers besonders leicht beim Recording zu machen?

Arne Neurand: Die besten Trommler klingen auch vor einem einzelnen Mikrofon gut. Weil sie ihre Dynamik und Balance im Griff haben und ihr Kit zum Klingen bringen. Und man darf eine Hi-Hat auch mal sehr geschlossen spielen (lacht). Unabhängig von irgendwelcher Tontechnik gut zu klingen, macht jedem Engineer das Leben sehr einfach.

Florian Friedman