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BIG GIG


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drums & percussion - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 10.08.2022

ANIKA NILLES

Artikelbild für den Artikel "BIG GIG" aus der Ausgabe 5/2022 von drums & percussion. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Jeff Beck und Anika Nilles beim Konzert in der Londoner Royal Albert Hall

Jeff Beck ist ein britischer Rockgitarrist und mehrfacher Grammy-Preisträger. Seit Ende der 1960er-Jahre machte er mit seiner eigenen Band, aber auch in anderen Formationen von sich reden und gilt als einer der einflussreichsten und stilbildendsten Gitarristen aller Zeiten. Zu seinen bisherigen Drummern zählen neben Vinnie Colaiuta weitere Großkaliber wie Terry Bozzio oder Simon Phillips. Anika Nilles wäre aber nicht eine der weltweit angesagtesten Schlagzeugerinnen, wenn sie sich dadurch hätte beirren lassen. Hier erzählt sie, wie man einer solchen Anforderung gerecht wird – trotz gebrochenenen rechten Zehs…

Anika, du spielst die aktuelle Jeff-Beck-Tour in Großbritannien und Europa, ein Mega-Gig. Wie kam es dazu?

Das kam so, dass irgendwann eine E-Mail bei mir im Postfach war. Und zwar kam da aus dem Nichts die Anfrage von Jeff Becks Manager, ob ich Interesse daran hätte, die Europa- ...

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... und UK-Tour zu spielen. Dafür würde gerade ein Schlagzeuger gesucht. Das war’s, keine weitere Info oder dergleichen. Ich dachte: »Moment mal« – und habe erst mal gegoogelt, denn im ersten Moment kannst du das ja gar nicht glauben. Es stellte sich heraus, dass das tatsächlich der Manager von Jeff Beck war, und dann wurde ich eingeladen, für drei Tage hinzufliegen, um ihn kennenzulernen. Jeff Beck hatte ein Studio bei sich in der Nähe angemietet, und da hingen wir dann erst mal so ein bisschen ab, um letztendlich drei Tage lang zu jammen und uns musikalisch kennenzulernen.

IE ANFRAGE AN MICH KAM DAHER, DASS JEFF BECK MEINE VIDEOS AUF YOUTUBE GE-SEHEN HATTE

Und das war dann sozusagen deine Audition?

Das war sozusagen die Audition, die keine war.

… sondern bei der gejammt wurde. Wurden denn vorher keine Stücke mitgeteilt, die du vorbereiten solltest? Du bist doch wahrscheinlich nicht völlig unvorbereitet da aufgeschlagen?

Die Ansage, bestimmte Songs vorzubereiten, kam erst mal nicht. Ich habe dann irgendwann gedacht: Vielleicht frage ich mal nach, ob ich irgendetwas vorbereiten soll. Zu dem Zeitpunkt hat mir Jeff selber schon geschrieben, und ich

habe die Songs vorbereitet, die er mir genannt hat, sie transkribiert und mir ein Leadsheet und Notizen gemacht. Klar, dass ich möglichst gut meine Hausaufgaben machen wollte. Und so habe ich erst einmal gefühlt tausend Jeff-Beck-Videos geguckt und mich über seine Biografie informiert, um darüber im Bilde zu sein, was er in seinem Leben schon alles gemacht hat – sodass ich nicht so ganz blind da hineingegangen bin.

BIOGRAFIE

Anika Nilles, geboren 1983 in Aschaffenburg, trommelte schon als Kind im Musikkeller des Vaters, der auch Schlagzeuger war. Sie besuchte die örtliche Musikschule sowie den Musikverein und hatte mit 13 ihre erste Band. Nach der Schule machte sie eine Ausbildung zur Erzieherin, um danach als Leiterin eines Kindergartens zu arbeiten. Das Trommeln lief nebenbei. Ihr Lehrer und Mentor Claus Heßler machte sie fit für ein Studium an der Popakademie Mannheim, mit dem sie beruflich umschwenkte. Dort brachte Udo Dahmen sie darauf, Videoclips zu veröffentlichen. Nilles, die seit 2015 Workshopautorin dieses Magazins ist, hat sich mittlerweile in der weltweiten Topliga etabliert – ihre Videos generieren Millionen Klicks auf YouTube. Live ist sie mit ihrer Band Nevell aktiv. 2020 erschien das Album »For A Colorful Soul« und vor kurzem das neue Album »Opuntia« (Rezension S. 92). Neben ihrer Clinician-Tätigkeit wurde Nilles 2022 zum »Head of Drum-Department« an die Popakademie berufen. Ihr erstes Lehrbuch »Pad Book« erschien vor zwei Jahren bei Alfred Music. Mit ihren YouTube-Videos erregte Anika Nilles jüngst die Aufmerksamkeit des britischen »Gitarrengottes« Jeff Beck, der sie prompt in seine aktuelle Liveband holte.

Bei der Beschäftigung mit der Biografie fiel dir wahrscheinlich auf, dass Vinnie Colaiuta Schlagzeuger der letzten Jeff-Beck-Tour war – große Fußstapfen. Wie bist du mit diesem Wissen umgegangen?

Das habe ich ignoriert, weil ich eh nicht spielen kann wie Vinnie. Niemand spielt wie Vinnie. Deshalb war schon von vornherein klar: Ich brauche mich da gar nicht zu stressen, um irgendetwas ähnlich zu spielen wie er, sondern ich habe mich gleich darauf fokussiert, die Songs so zu erarbeiten, wie ich sie spielen würde. Die Anfrage an mich kam ja schließlich daher, dass Jeff Beck meine Videos auf YouTube gesehen hatte – also wusste er, was ich mache. Und das hat ihn dazu gebracht, diese Anfrage zu stellen. Da wäre es doch total unsinnig, irgendetwas anderes machen zu wollen und nicht so zu spielen, wie ich eigentlich spiele. Deshalb hatte ich da erst mal gar keinen Druck und konnte meine Vorgänger recht gut ausblenden.

Ein gutes Mindset. Wie liefen denn dann die eigentlichen Proben ab?

Es gab eine gewisse Anzahl an Songs, wobei aber auch schon gleich feststand, dass einige davon nicht live gespielt, aber trotzdem vorbereitet werden. Nun ist es bei Jeff Beck so, dass es nicht nur eine Version von einem Song gibt. Ich habe dann versucht, mich ein bisschen an die Original-Studioversion zu halten, und mir trotzdem die Liveversionen von dem jeweiligen Song angehört und Videos dazu angeschaut – das war meine Vorbereitung. Wir sind dann meistens so um elf, halb zwölf im Studio angekommen, und dann wurde durchgeprobt bis um sieben, mit einer kleinen Pause. Wir haben dabei auch gar nicht so lange an einem Song herumgeprobt, sondern wollten eher die ganze Liste an Songs in den vorgesehenen zehn Tagen durchbekommen, um herauszufinden, was funktioniert und was nicht. So wurde eine Setlist festgelegt, und dann haben wir uns auf diese Songs konzentriert.

EQUIPMENT

Drums: Tama (»Star«- oder »Starclassic Maple«) 20˝ x 16˝ Bassdrum 10˝ x 7˝ und 12˝ x 9˝ Toms 16˝ x 16˝ Floortom 14˝ x 5˝ Snaredrum (Stewart Copeland Sig. Brass) 14˝ x 5,5˝ SLP Aluminium-Snaredrum (links) 14˝ x 8˝ SLP »Big Black Steel«-Snaredrum (rechts)

Cymbals: Meinl »Byzance« 8˝ »Traditional«-Splash 18˝ »Deep Hat« 18˝ »Jazz Medium Thin«-Crash 20˝ »Jazz Medium Thin«-Crash 15˝ »Foundry Reserve«-Hihat 20˝ »Foundry Reserve«-Ride 22˝ »Vintage«-Crashride 22˝ »Jazz China Ride«

Hardware: Tama Pedal: »Iron Cobra 900«

Drumsticks: ProMark (Anika-Nilles-Modell)

Felle: Evans »Black Chrome (Toms), »HD Dry« (Snare), »UV EQ4« / »EQ3« (Bassdrum)

Einer von Jeff Becks bekannten Songs ist »Space Boogie«, bei dem Doublebassdrum gespielt wird. Dafür bist du eher nicht bekannt. Hast du dir das dann extra draufgeschafft?

Das eine ist: Ich habe noch nie wirklich ernsthaft Doppelpedal gespielt – noch nie auf der Bühne und in meinem Leben zusammengerechnet insgesamt vielleicht zehn Tage. Und dann ist mir eine Woche vor Tourbeginn etwas total Blödes passiert: Beim Aufräumen im Proberaum ist mir eine Beckentasche aufgefallen, die nicht richtig im Regal lag. Sie war offen, was ich nicht bemerkt habe, und als ich sie rauszog, sind mir die Becken, richtig schwere Teile, auf den Fuß gefallen, auf den großen rechten Zeh. Der war dann gebrochen. Somit blieb mir dann nur noch übrig, mit meinem linken Fuß Bassdrum zu spielen. Deshalb habe ich das Doppelpedal jetzt doch in Betrieb, um die Bassdrum mit dem linken Fuß spielen zu können, der rechte bleibt schön brav untätig und ist in Schonhaltung auf einem Kissen abgestellt. Das muss ich jetzt noch drei weitere Wochen so durchziehen.

Oje, gute Besserung erst einmal! Klingt so, als hättest du relativ problemlos auf links umstellen können?

Na ja, es fühlt sich so an wie 20 Jahre zurückgeworfen in den Spielfähigkeiten.

Du musst ja auch mit einem Gliedmaß weniger spielen…

Das hat eigentlich auch den größten Druck auf mich ausgeübt. Ich war vor dem ersten Gig vor allem deshalb aufgeregt, weil es mein erster Gig im Leben war, bei dem ich die Bassdrum mit dem linken Fuß gespielt habe. Ich weiß: Normalerweise, wenn ich nervös bin, habe ich das maximal nach dem dritten Song im Griff, aber hier war ich mir nicht sicher, ob ich das in den Griff kriege. Wenn du mental nicht fit bist, dann wirkt sich das beim Spielen auf die Gliedmaßen und das Timing und einfach auf alles aus. Aber es hat

dann irgendwie funktioniert – ein Wein und ein Bier haben geholfen [lacht].

Eine wirkliche Alternative gab es angesichts des Zeitpunkts wohl auch nicht mehr?

Es hätte einfach zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt passieren können. Es wäre für das ganze Team sehr unangenehm gewesen, wenn ich das nicht gemacht hätte. Am Samstag und Sonntag hatte ich noch Zeit – montags war mein Flug –, und ich dachte: Ich muss das jetzt noch mal probieren mit dem linken Fuß, ob ich das wirklich hinkriege – und habe dann bis elf Uhr abends im Proberaum probiert und wieder probiert, stundenlang. Am nächsten Tag hatte ich zwar Hüftschmerzen, weil die linke Seite diese Beanspruchung nicht gewohnt ist, aber ich habe anschließend angeboten, dass ich es so mache.

Wie hat denn Jeff Beck darauf reagiert?

Er hat das erst mal gar nicht erfahren. Es war so abgesprochen mit dem ganzen Team, dass ich erst mal nicht explizit kommuniziere, an welchem Fuß ich meine Verletzung habe. Mittlerweile hat Jeff schon mitbekommen, glaube ich, dass es ein gebrochener Zeh ist. Aber ob er weiß, dass ich die ganze Zeit mit links spiele, kann ich gar nicht sagen [Am 29. Juni, nach dem Interview, war der erste Konzert, bei dem Anika Nilles ihre Bassdrum wieder mit dem rechten Fuß spielte; prompt hat Jeff Beck einen Song mit Doppelpedal ins Programm genommen.].

Benutzt du bei Jeff Beck spezielles Equipment oder spielst gar ein anderes Set-up als sonst?

Na ja, schon allein aufgrund des gebrochenen Zehs musste ich Sachen ändern. Aber ich habe im Set-up auch Dinge speziell auf Jeffs Musik ausgerichtet. Glücklicherweise kann ich mein Schlagzeug, ein orangenes »Star Bubinga«-Set, mit auf Tour nehmen, auf dem ich auch schon die Proben gespielt habe. Auf dem eigenen Set spielt sich’s am besten – nicht nur, dass man weiß, wie es klingt, sondern man weiß auch, an was man schrauben muss, um einen gewissen Sound zu erhalten. Die Snaredrums habe ich genauso positioniert wie immer – mit der tief gestimmten auf der Tomseite.

Für die Tour habe ich andere Felle aufgezogen, als ich sonst spiele, nämlich »Black Chrome«-Felle von Evans, die klingen ein bisschen offener als die Coated-Felle, die ich sonst spiele. Außerdem habe ich nur hell klingende Becken mit auf Tour anstatt einer Mischung aus hellen und dunklen Klängen wie sonst. Jetzt habe ich weniger trashige Sounds am Start, sondern mehr brillante, die sich auch auf großen Bühnen besser durchsetzen. Was ich auch ändern musste, ist, dass ich nun ein Doppelpedal mit dabeihabe. Dadurch musste ich meine »Deep Hat«, meine zweite Hihat, die normalerweise von mir aus gesehen rechts ist, auf die linke Seite stellen. Ich spiele sie als leicht geöffnete Hihat. Auf der Trittplatte meiner normalen Hihat liegt ein Gewicht, sodass sie fest geschlossen ist. Zwischen diesen beiden Hats muss ich hin und her wechseln. Filigrane Hihatfiguren gehen so natürlich weniger gut, das erfordert schon ein Umdenken beim Spielen. Aber sonst ist mein Equipment dasselbe, wie ich es sonst auch spiele.

Wird es von der Tour auch eine CD- oder DVD-Produktion geben?

Davon weiß ich nichts. Jeff Beck ist gerade 78 geworden, da sollte man die Chance, ihn live zu sehen, unbedingt nutzen – wer weiß, wie oft er noch auf eine Tour wie diese geht, das ist ja schon ein Marathon. Andererseits ist das Gute an ihm, dass er nicht »Jetzt habe ich alles erreicht.« sagt, sondern es für ihn einfach immer weitergeht. Er setzt sich immer neue Ziele, und das finde ich schon sehr inspirierend, muss ich sagen – auch in diesem Alter stets nach vorne zu denken.

Interview: Timo Ickenroth Transkription: Cord Radke

NETZ

www.anikanilles.com www.jeffbeck.com