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BIKINI KILL: REVOLUTION GIRL STYLE 23 JAHRE DANACH


musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 11.07.2019

lt@Keine andere Band hat die Riot-Grrrl-Bewegung so geprägt wie Bikini Kill. Nun sind sie auf Reunion-Tour. Und nichts erscheint in diesen Tagen passender. Trotzdem bleibt die Frage aller Reunion-Shows: Braucht die Welt das noch? Eine feministische Punkband aus den 90ern? Ein Besuch in der aufgeheizten Brixton Academy – und ein paar Anmerkungen zum vielleicht wichtigsten Comeback des Jahres.


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Bildquelle: musikexpress, Ausgabe 8/2019

Sie sind zurück, die Queens of the Neighborhood, und spielen mit unverhohlener Freude – im Uhrzeigersinn v.o.: Kathleen Hanna mit Wut im Bauch, Tobi Vail an den Drums, Kathi Wilcox am Bass und Neuzugang Erica Dawn ...

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... Lyle an der Gitarre.

Und dann steht sie da. Auf der Bühne der legendären Brixton Academy. Rosa Kleid, blaue Strumpfhose, Wut im Bauch: Kathleen Hanna. „The Punk Singer“, wie eine Dokumentation über sie aus dem Jahr 2013 heißt. Sie ist zweifelsohne – und dem anhaltenden Geschrei im Saal nach zu urteilen – die Heldin aller Anwesenden. Rechts neben ihr steht Kathi Wilcox (meistens Bass), dahinter Tobi Vail (meistens Drums, manchmal Gesang), und links an der Gitarre Neuzugang Erica Dawn Lyle, selbst eine altgediente Punk-Heroine aus Portland und Ersatz für Billy Karren, den es nicht auf die Bühne zurückzieht. Vail zählt ein – „one, two, three, four“ – und mit„New Radio“ eröffnen sie ihr erstes London-Konzert seit 1996: Bikini Kill, Mutter aller feministischen Punkbands.

23 Jahre, das ist länger her, als viele in diesem Saal – überwiegend Frauen* – alt sind oder sich zurückerinnern können. Doch der Abend wird keiner der üblichen Reunion-Shows alternder Musiker*innen gleichen, die immer noch oder schon wieder auf Tour gehen, weil die Kohle alle ist oder man sonst nichts mit sich anzufangen weiß. Klar ist das sicherlich schön nostalgisch, aber dem großen Lauf der Geschichte eigentlich ziemlich egal, ob nun Bob Dylans Neverending Tour wirklich nie endet, oder Mick Jagger beim nächsten Stones-Konzert vielleicht doch endlich, endlich„Satisfaction“ findet. Doch das Gewitter, das Kathleetition“ findet. Doch das Gewitter, das Kathleen Hanna und Bikini Kill in London zum Ausbruch bringen, hat eine politische und gesellschaftliche Relevanz, die nicht mit dem üblichen Zirkus der Musikwirtschaft zu vergleichen ist. Die Energie und Dringlichkeit, mit denen sie die Songs spielen, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten von Undergroundhits zu Hymnen gewachsen sind, lassen keine Zweifel: Es geht hier um mehr als finanzielle Interessen. Das hier ist politisch. Das hier, das ist wichtig.

Denn natürlich sind die Fragen, die damals richtig waren, immer noch relevant, und die Kämpfe, die damals geführt wurden, immer noch nicht ausgefochten. Das Recht auf Abtreibung zum Beispiel, der Kampf gegen Misogynie, gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Heute versammeln sie sich hinter Hashtags wie #MeToo oder #Wegmit219a, die Probleme aber sind im Grunde immer noch dieselben.

Das macht auch die Band klar: Hanna und Vail benennen die politische Gesamtwetterlage auch als Grund, wieder auf Tour zu gehen. „Ich musste diese Songs selbst wieder hören“, sagt Hanna nach etwa der Hälfte des Konzerts, gibt später noch Solidaritätsbekundungen für Sexarbeiter*innen ab und kritisiert den selbsternannten „Anti-Abtreibungs-Feminismus“. Und auch in ihrer Bühnenperformance zeigt sich der politische Anspruch der Band: wie in den 90ern wechseln sich alle an den Instrumenten ab; Wilcox setzt sich ans Drumset, wenn Vail den Gesang übernimmt; Hanna steht immer wieder am Bass. Tobi Vail, schon immer die Theoretikerin der Band, erklärt, dass sie damit damals wie heute transparent machen wollten, wie Musiker*innen Instrumente erlernen und dass man auch einen guten Song schreiben kann, wenn man sein Instrument nicht perfekt beherrscht. In solchen Ansagen verbinden sich Geschichten aus der Vergangenheit mit praktischen Ratschlägen an das Publikum der Gegenwart: Der Abend könnte glatt eine Anleitung sein für die 1991 von Bikini Kill geforderte und immer noch dringliche „Revolution Girl Style“. Und genau hier liegt der Unterschied zur zwanzigsten Abschiedstour von Ozzy Osbourne: Allein die Existenz dieser Frauen auf der Bühne ist unerhört.

Denn Frauen über 40, ach was, über 35 verschwinden üblicherweise aus der Musikindustrie, während die Geschichten alternder weißer Männer auf jeder Bühne schier endlos zelebriert werden. Und Frauen? Da gibt es Leerstellen und höchstens noch Madonna, die als Zielscheibe unverhohlener Misogynie herhalten muss, oder Patti Smith, die sowieso einen ätherischen, fast geschlechtslosen, und damit unangreifbaren Status erreicht hat. Das typische Muster: Heilige oder Hure. Dazwischen gibt’s wenig. Bikini Kill waren nicht die erste Band, die sich gegen diese übergriffigen Zuschreibungen gewendet hat, aber die wohl einflussreichste. Dass sie jetzt auf den großen Bühnen auftreten, ist auch ein Akt der Repräsentation: Da stehen vier Frauen um die 50 und haben etwas zu sagen. Sie teilen ihren Erfahrungsschatz als Musiker*innen und Aktivist*innen mit dem Publikum – ein Wissen, das sonst viel zu oft ignoriert und vergessen wird. Kein Reissue alter Aufnahmen kann diese unmittelbare, gemeinsame Erfahrung ersetzen – diese Verbindung zwischen zwei Generationen.

Trotzdem verblasst all die Theorie hinter der unverhohlenen Spielfreude auf der Bühne. Hannas Stimme hat kein bisschen ihrer Kraft verloren und lotet alle Extreme aus – von süßem Gesäusel zu aggressiven Shouts, von Cheerleader zu Hardcorepunk in unter einer Sekunde. In knapp anderthalb Stunden rast die Band in bester Punk-Tradition durch den größten Teil ihres musikalischen Outputs. Frühe Demos wie„This Is Not A Test“ stehen genauso auf der Setlist wie„Capri Pants“ und„Reject All American“ vom gleichnamigen Album von 1996. Als sie vor den Zugaben„Rebel Girl“ anstimmen, ist der Lärm ohrenbetäubend. Der Saal verliert kollektiv die Kontrolle. Sie sind zurück, die Queens of the Neighborhood. Und die „Revolution Girl Style“ ist wichtiger denn je.