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Bilder der Kindheit


Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 11.12.2019

Wir alle haben magische Erinnerungen an unsere Kindheit. Obwohl sie uns so lebendig vorkommen, sind diese Erlebnisse oft mehr Fiktion als Realität. Ein Schatz sind sie gleichwohl. Was erzählen diese Kindheitserinnerungen über uns? Und wie können wir sie in turbulenten Zeiten als Orte der Geborgenheit und Selbstvergewisserung nutzen?


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Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 1/2020

ILLUSTRATIONEN: LUISA STÖMER

Es war ein wundervoller Abend im Spätsommer. Die ungemähte Wiese duftete nach Alpenblumen, in der Ferne war das alte Bauernhaus und dahinter im Gegenlicht die Bergkette der Karnischen Alpen zu sehen. Das Kind lief über die Wiese, die langen Gräser ...

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... fast bis zur Hüfte, es zirpte überall. Da vorne war das Kälbchen, es stand wacklig auf viel zu dünnen Beinchen am Ende der Wiese, gerade mal sechs Stunden alt. Der Bauer nahm das kleine Kind an die Hand. „Wie willst du es denn nennen?“ „Willi.“ Der Bauer lachte. „Dann gehört Willi jetzt dir!“ Glücklich rannte das Kind zu seinen Eltern zurück. Hoffentlich würde dieser Urlaub niemals enden!

An diese Kindheitserinnerung denkt die Autorin gern zurück. Bis heute fährt sie oft in die Berge und sie hat die Geschichte von Willi dem Kälbchen auf den langen Autofahrten immer wieder den eigenen Kindern erzählt. Gemeinsam haben sie spekuliert, ob aus Willi wohl ein stattlicher Bulle, ein zahmer Ochse oder – schluck – ein Kalbsbraten geworden ist.


Ein großartiges Kindheitserlebnis in den Bergen! Bloß mit einem Haken: Es kann sich so nie ereignet haben


Doch nun ist Schluss mit der Geschichte. Denn sie stimmt überhaupt nicht: Autobiografische Recherchen haben ergeben, dass sie sich nie so ereignet haben kann. Denn die Autorin war erst knapp drei Jahre alt, als sie Urlaub in Österreich machte, und damit noch viel zu klein, um sich detailreich an diese Szene erinnern zu können. Wie Fotos bezeugen, gab es auf dem Bauernhof in Kärnten auch nur Schafe. Doch ein Kälbchen durfte sie wirklich taufen, Jahre später, im Urlaub an der Nordsee. Irgendwie haben sie also zusammengefunden, die Fotos aus dem Alpenurlaub, die Erinnerung an den Duft von Bergwiesen und das Kälbchen vom Deich.

Unsere Erinnerungen an frühe Kindertage sind äußerst wertvoll. Immer wieder holen wir sie heraus, schauen sie an, erzählen sie weiter. Sie sind ein Teil dessen, wer wir sind. Doch obwohl uns diese erinnerten Momente so real vorkommen, sind sie doch zu einem großen Teil Fiktion. Denn unser Gedächtnis ist ein äußerst unzuverlässiger Zeuge. Gerade in den letzten Jahrzehnten haben viele Forschungen gezeigt, dass Erinnerungen keine gespeicherten Filme aus der Vergangenheit sind, sondern vielmehr Konstruktionen, die sich im Laufe des Lebens überdies immer wieder verändern. „Erinnerungen sind datengestützte Erfindungen“, erklärte der Neurophysiologe und Hirnforscher Wolf Singer vom Max-Planck-Institut in Frankfurt. „Sie bauen auf lückenhaften, meist recht willkürlich ausgewählten Daten auf und haben den Charakter von Rekonstruktionen.“

Dürfen wir unseren Erinnerungen also nicht mehr trauen? Warum aber erinnern wir dann überhaupt? Und wie entstehen diese magischen Kindheitserinnerungen, die uns durch unser Leben begleiten?

Erstaunlicherweise haben viele Menschen überraschend lebendige Erinnerungen gerade an ihre frühesten Lebensjahre. Britische Wissenschaftler um Martin Conway, Professor für kognitive Psychologie an derCity University of London , befragten jüngst online mehr als 6600 Menschen zu ihren frühesten Erinnerungen und stellten fest, dass 40 Prozent der Teilnehmer sich detailliert an Geschehnisse erinnern konnten, die sie im Alter von zwei Jahren oder jünger erlebt hatten. 13 Prozent konnten sich sogar an Ereignisse im Alter von einem Jahr erinnern.

Die Forscher hielten dies für völlig ausgeschlossen. Denn gerade Erinnerungen aus den ersten drei Lebensjahren sind in der Regel nicht valide. Aus der Säuglings-und Kleinkindzeit bleibt nichts im expliziten Gedächtnis haften (zur „infantilen Amnesie“ und Erinnerungsforschung siehe auch das Porträt des Psychologen Jan Born ab Seite 58). Das frühkindliche Gehirn ist noch nicht ausgereift genug, um Erinnerungen angemessen speichern zu können. Dafür fehlen dem Kind sowohl die sprachlichen Kompetenzen als auch ein ausgefeiltes Ich-Bewusstsein.

Gedächtnis ohne Erinnerung

Dennoch sind die Erfahrungen der ersten Lebensjahre – auch wenn sie nicht erinnert werden können – unschätzbar wichtig für die Entwicklung. Unsere ersten drei Lebensjahre sind die prägendsten, weil unser Gehirn in dieser Zeit am formbarsten ist: Alle Erfahrungen, die wir machen, verändern unmittelbar den Aufbau des Gehirns und beeinflussen sowohl die Fähigkeit zur Gefühlsregulation als auch das Hirnwachstum, das Immunsystem, den Spracherwerb und das Sozialverhalten. Unsere frühen Erlebnisse sind also ungemein einflussreich, auch wenn wir sie eher implizit erinnern – also zum Beispiel durch die Art und Weise, wie wir mit Stress umgehen oder Beziehungen führen.

Dennoch handelten die Erinnerungen der Befragten in Conways Studie tatsächlich von Ereignissen, die typisch waren für die frühe Kindheit, wie Spazierfahrten im Kinderwagen oder das Laufenlernen. Allerdings unterschieden sich die Erinnerungen an diese frühe Zeit in Detailreichtum, Wortwahl und Inhalt stark von späteren autobiografischen Erinnerungen, sie waren deutlich elaborierter (siehe auch den Kasten auf Seite 24). „Wir schlussfolgerten, dass diese frühen Erinnerungen höchstwahrscheinlich fiktional waren, also sich nie ereignet hatten“, erklärt Martin Conway. „Statt eines echten erlebten Ereignisses erinnerten sich unsere Probanden an Fotos, Heimvideos, häufig erzählte Familiengeschichten. Über die Zeit wird diese Kombination aus Fakten und Bildern schließlich als echte Erinnerung erlebt. So etwas passiert uns allen.“


Piaget war jahrzehntelang davon überzeugt, auf einem Spaziergang fast entführt worden zu sein


Eine ähnliche Erfahrung machte einst der berühmte Entwicklungspsychologe Jean Piaget, der jahrzehntelang davon überzeugt gewesen war, als kleines Kind auf einem Spaziergang mit seinem Kindermädchen fast entführt worden zu sein. Piaget erinnerte sich genau an den Mann, der ihn entführen wollte, an die Umgebung und die blitzschnelle Reaktion seines Kindermädchens. Doch die Sache war nie passiert. Jahre später gab das Kindermädchen zu, die Entführung erfunden zu haben, weil sie sich bei einem Spaziergang verspätet hatte. In Piagets Erinnerung aber war das Ereignis klar und deutlich abgespeichert. Er schlussfolgerte, dass seine Eltern ihm die Geschichte immer wieder detailreich erzählt haben mussten.

Oft täuschen wir uns auch, was den Zeitpunkt eines erinnerten Erlebnisses angeht. Reale Erinnerungen werden dann zum Beispiel unbewusst in einen früheren Lebensabschnitt zurückverlegt und damit fiktionalisiert – wie bei dem Deichkalb der Autorin. Erst ab dem Alter von fünf bis sieben Jahren werden kindliche Erinnerungen zuverlässiger, so Gedächtnisforscher Martin Conway. Zwar können Kinder sich noch an Erlebnisse erinnern, die im Alter von dreieinhalb Jahren oder früher geschehen sind, langfristig im Gedächtnis haften bleiben jedoch meist nur solche, die sich ab dem sechsten Lebensjahr ereignen. Viel umfassender und realistischer als die frühe Kindheit stehen uns die spätere Kindheit, die Jugend und insbesondere die Zeit des jungen Erwachsenenalters vor Augen. Gerade die Erlebnisse zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr sind besonders eindrücklich, fallen in diese Zeit doch viele für das spätere Erwachsenenleben prägende Erfahrungen. Zudem werden Entscheidungen gefällt, die den Kurs des Lebens stark bestimmen.

Was bleibt hängen?

Doch welche Erlebnisse sind bedeutend genug, um später noch erinnert zu werden? Unser Gehirn verarbeitet riesige Mengen an Daten und muss laufend aussortieren und löschen, um arbeitsfähig zu bleiben. Aus der Kindheit werden am häufigsten Spielerlebnisse, Verletzungen, Urlaube und Lebenseinschnitte wie Umzüge oder Schulwechsel erinnert. Vor allem stark emotionale Ereignisse haben große Chancen, erinnert zu werden. Der gebrochene Arm auf dem Spielplatz, die Verlustangst, wenn die Mutter im Kaufhaus verschwunden scheint, die Furcht vor dem prügelnden Mitschüler prägen uns nachhaltig.

Der französische Schriftsteller Édouard Louis hat ein ganzes Buch gefüllt mit seinen Kindheitserinnerungen, die er allesamt als unglücklich beschreibt: InDas Ende von Eddy erzählt er von seiner schwierigen Kindheit als homosexueller Junge in einer französischen Arbeiterfamilie. Immer wieder schildert er detaillierte Szenen seelischer und physischer Gewalt. „Als ich zwölf war, saß mein Vater einmal mit seinen Freunden vor dem Fernseher“, erinnert Louis sich. „Ich kam ins Wohnzimmer, er nannte mich vor allen eine Schwuchtel – und alle lachten.“

Aber auch besonders schöne Erlebnisse aus der Kindheit werden häufig erinnert: Noch Jahrzehnte später erzählen wir dann vom tollen Familienurlaub am Meer mit meterhohen Sandburgen, dem großen Stolz, das erste Wort lesen zu können – oder eben dem Erinnerungsfragment des Kälbchens, das wir als Kind tauften.

Besonders häufig werden zudem Erinnerungen abrufbar gehalten, die das Kohärenzgefühl stärken, uns also retrospektiv ein Gefühl vermitteln, dass wir unser eigenes Leben verstehen und es als sinnhaft empfinden. Anders gesagt: Ergibt eine Erfahrung in besonderem Maße Sinn für unsere Lebensgeschichte und Identität, steigt die Chance, dass sie erinnert wird. Für Édouard Louis etwa sind seine Kindheitserinnerungen auch im Rahmen seiner künstlerischen Identitätsfindung wichtig, sie schaffen ein Narrativ, das ihm hilft, sich selbst zu verstehen.

Ähnlich agiert Goethe in seiner literarischen AutobiografieDichtung und Wahrheit. Dort präsentiert er eine Vielzahl detaillierter Kindheitserinnerungen dezidiert mit dem Ziel, „ein Bild des Autors und seines Talents“ zu entwerfen. „Ich erinnere mich, dass ich als Kind Blumen zerpflückt, um zu sehen, wie die Blätter in den Kelch, oder auch Vögel berupft, um zu beobachten, wie die Federn in die Flügel eingefügt waren“, schreibt der Dichter, der sich auch als Naturforscher verstand. Weil diese frühen Erlebnisse also für die Konstruktion seiner Identität wichtig sind und seiner späteren Entwicklung vorgreifen, werden sie erinnert.

Doch nicht immer muss ein derart hehres Ziel vorhanden sein, um Kindheitserinnerungen einen gebührenden Platz im Langzeitgedächtnis zu verschaffen. Die kanadische Psychologin und Erinnerungsforscherin Carole Peterson von derMemorial University of Newfoundland etwa berichtet von einer jungen Frau mit einer überaus eindrücklichen Kindheitserinnerung: Als sie fünf oder sechs Jahre alt gewesen sei, sei ein dunkelhaariger Mann im Anzug in ihre Schulklasse gekommen, um einen Vortrag übernative Americans zu halten. Während er sprach, zog er langsam erst seine Anzugsjacke, dann sein Hemd und schließlich seine Hose aus, bis er nur in Shirt und Leggings vor ihnen stand. Stück für Stück legte er dann das Häuptlingsgewand eines Onondaga-Indianers an: ein Lederhemd, einen Umhang, Kopfschmuck und Gamaschen. So wurde aus dem Anzugträger innerhalb weniger Minuten ein indigener Amerikaner. Die junge Frau erklärte, dass diese Erinnerung besonders bedeutend für sie sei, weil sie ihr den Wert der Diversität gezeigt und sie später zu ihrer Arbeit als Menschenrechtsaktivistin inspiriert habe.


Der Mann, der vom Anzugträger zum Onondaga-Häuptling wurde


Unsere Erinnerungen zeigen uns also, wer wir sind oder wer wir sein wollen. Wir nutzen sie nicht nur, um zurückzublicken, sondern vor allem auch, um unsere Identität zu konstruieren und zu festigen. „Erst das Gedächtnis stattet uns mit einer individuellen Persönlichkeit und einer Ich-Perspektive aus und lässt uns dadurch zu kulturellen Wesen werden. Wir Menschen sind unser Gedächtnis – und unser Gedächtnis sind wir“, erklärt der Neurobiologe Martin Korte von der TU Braunschweig. Dabei haben unsere Erinnerungen genauso viel mit der Vergangenheit wie mit der Gegenwart zu tun: Sie sind Inseln im Meer unseres Erlebten, die oft herausragen, weil sie eine Funktion für uns erfüllen. Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann unterscheidet deshalb zwischen einem passiven „Speichergedächtnis“, das keine Zeit und keine Bewertung kennt, und einem aktiven „Funktionsgedächtnis“, das rein interessegeleitet erinnert.

Erfundenes und Verdrängtes

Dennoch ist eine Erinnerung niemals gleich. Jedes Mal, wenn sie aus dem Gedächtnis abgerufen wird, verändert sie sich, immer wirken unsere gegenwärtigen Wünsche, Stimmungslagen und Themen auf sie ein. Denken wir also gern an die Momente unserer Kindheit zurück, in denen wir mit Freunden gefühlt stundenlang unbeaufsichtigt in der Natur spielten, so verändert unsere Stimmung in just diesem Moment vielleicht auch den Gehalt der Erinnerung – und das nächste Mal erinnern wir uns dadurch ein wenig anders. Zudem haben viele Forschungen gezeigt, dass unsere Erinnerungen recht leicht manipulierbar sind. Die amerikanische Psychologin und Gedächtnisforscherin Elizabeth Loftus (siehe das PorträtEine Wissenschaftlerin im Kreuzfeuer in Heft 5/2010) ist Expertin für falsche Erinnerungen und hat in aufsehenerregenden Experimenten gezeigt, wie einfach man Menschen neue Erinnerungen regelrecht einpflanzen kann. Loftus konstruierte etwa ein Experiment, bei dem sie Teilnehmern, die früher einmal Disneyland besucht hatten, ein Treffen mit der Figur Bugs Bunny einredete. Die Teilnehmer produzierten anschließend lebhafte Erinnerungen an das Treffen mit der Trickfilmfigur, das aber dort nie hätte stattfinden können, weil Bugs Bunny eben keine Disney-Figur ist. Loftus vergleicht das Gedächtnis deshalb gern mit Wikipedia: „Sie können es aufrufen und es verändern, aber andere können das auch.“

Unsere Kindheitserinnerungen sind also subjektiv, identitätsstiftend und gegenwartsbezogen. Ein objektives und wertfreies Erinnern ist prinzipiell nicht möglich, was sowohl Historiker als auch Psychotherapeuten und Gerichtsgutachter immer wieder vor Herausforderungen stellt. Dass unsere Kindheitserinnerungen uns prägen, steht jedoch außer Frage. Was bedeutet dies also für unsere Auseinandersetzung mit unseren Erinnerungen, ob mit belastenden Kindheitserinnerungen oder mit schönen? Wie gehen wir mit diesen um, wenn wir doch wissen, dass sie nicht gänzlich zuverlässig sind?

In der Psychoanalyse, aber auch in anderen Therapierichtungen ist die Auseinandersetzung mit den Kindheitserinnerungen von zentraler Bedeutung. Sigmund Freud glaubte, dass seelische Konflikte und psychische Erkrankungen häufig mit unbewussten Kindheitserlebnissen zu tun haben und dass viele Symptome erst durch das Erinnern und Wiedererleben solcher oft schambesetzter Erlebnisse gelindert werden können. Dabei ging er von zwei verschiedenen Systemen des Unbewussten aus: vom latenten, doch bewusstseinsfähigen Unbewussten und vom dynamischen, nicht bewusstseinsfähigen Unbewussten. Während die Erinnerungen im latenten Unbewussten Freud zufolge lediglich „ruhten“ und bei Bedarf jederzeit wieder zugänglich seien, halte das dynamische Unbewusste mithilfe eines Zensors bedrohliche Schuldgefühle, Erinnerungen, Fantasien und Wünsche unter Verschluss, indem es die Denkinhalte bis zur Unkenntlichkeit verfremde. Freud bezeichnete diesen Abwehrmechanismus als Verdrängung und beschrieb ihn 1923 genauer in seinem WerkDas Ich und das Es . Gelinge die Verdrängung nicht vollständig könne es bei belastenden Lebenssituationen zu Symptomen in Form von Träumen, Fehlleistungen, Blockaden und Neurosen kommen.

Hirnphysiologische Studien haben manche der Erkenntnisse Freuds mittlerweile belegen können. Sie zeigen, dass das Vergessen bisweilen ein aktiver Prozess ist, der psychische Arbeit erfordert. „Man kann seine Erinnerungen nicht kontrollieren, aber wahrscheinlich manipulieren wir ganz bewusst, woran wir denken wollen oder was wir lieber vergessen“, glaubt auch Martin Conway. Dieses aktive Vergessen ist zwar nicht ganz dasselbe wie Freuds Verdrängung, aber die Vorgänge ähneln einander.

Warum haben die anderen sich so verhalten?

Auch heute arbeiten Psychoanalyse und Tiefenpsychologie noch mit den Konzepten der Verdrängung und Durcharbeitung. Allerdings geht es bei der Arbeit mit dem Erinnerten nicht in erster Linie um dessen Zuverlässigkeit. „Auch in der Psychotherapie sind Erinnerungen mit einer gewissen Skepsis zu betrachten“, so der Berliner Psychoanalytiker Wolfgang Albrecht. „Sie erfassen immer nur einen Aspekt einer möglicherweise verzerrt erinnerten Realität. Oft wird erst im Laufe einer längeren Psychotherapie überhaupt klar, wie einzelne Erinnerungen im größeren Kontext von Biografie, Psychodynamik, Familiendynamik und Übertragungsgeschehen zu bewerten sind.“ Vielmehr, so Albrecht, stellten Erinnerungen in einer Psychotherapie Material dar, das zeigen könne, welche unbewussten Grundmuster, Fixierungen, Selbstbilder oder auch Traumatisierungen hinter dem Erinnerten steckten und wie diese verändert oder aufgelöst werden könnten. Tatsächlich gehe es in Psychotherapien also darum, über Erinnerungen zu reflektieren.

„Die Arbeit mit Erinnerungen bietet die Chance einer komplexeren Sichtweise“, sagt Wolfgang Albrecht. „Was waren die Beweggründe für das Verhalten der anderen? Warum hat man selbst etwas so und nicht anders erlebt? Erinnerungen können dabei helfen, sich im Laufe einer Psychotherapie besser zu verstehen, aber auch zu lernen, die Beweggründe anderer Menschen und die der eigenen Person besser nachzuvollziehen.“


Der Vorlesewettbewerb in der 5. Klasse erzählt viel über ihre Angst vor dem Scheitern


Ob die Kindheitserinnerungen maßgeblich das Selbstbild prägen, da ist der Psychoanalytiker eher skeptisch: „Ja, sie sind wichtige Aspekte des aktuellen Selbstbildes. Aber unser Selbstbild ist ja nicht nur aus Erinnerungen aufgebaut. Auch Anerkennung und Kritik von außen, unsere eigenen Kompetenzen und die eigene Wirkmächtigkeit in Alltag, Berufsleben und Beziehungen spielen dabei eine Rolle. Die komplexen Erinnerungen sind ein zwar nicht unwesentlicher, aber doch kleinerer Teil des Selbstbildes.“

Wir können unsere Erinnerungen also vor allem nutzen, um über uns zu reflektieren. Im Wissen, dass sie zwar meist einen wahren Kern enthalten, aber doch in Teilen konstruiert oder verzerrt sind, können wir mit ihrer Hilfe eine Auseinandersetzung führen mit unserer Biografie und den Annahmen, die wir über uns und andere haben. Das ist manchmal schön und bereichernd, manchmal tut es aber auch weh, wie eine 37-jährige Physiotherapeutin aus Hamburg erfahren musste, die wir hier Tanja Wagner nennen wollen. Wagner hatte in den letzten Jahren immer wieder heftige Konflikte mit ihren Geschwistern erlebt und befasste sich seitdem verstärkt mit ihrer Kindheit, vor allem mit den Rollen, die alle Familienmitglieder in ihrer Herkunftsfamilie innehatten. Seit einigen Monaten macht sie eine Psychotherapie.

Nun versteht sie eine ihrer prägnantesten Kindheitserinnerungen etwas besser: Als sie in der fünften oder sechsten Klasse war, nahm sie an einem Vorlesewettbewerb teil, eine Erfahrung, die ihr noch heute wie ein Film vor Augen steht. Sie erinnert sich, dass sie zwar sehr aufgeregt war, aber klar und flüssig am Pult vorne vorlas. Voller Hoffnung wartete sie auf die Entscheidung der Jury und war unendlich enttäuscht, als sie nur den vierten Platz belegte.

„Eigentlich war das kein großes Ding“, berichtet Tanja Wagner, „sondern nur ein ganz normaler Vorlesewettbewerb in meiner Klasse. Aber die Geschichte ist mir total hängengeblieben, sie ist eine meiner dominantesten Erinnerungen, was ich nie so ganz verstanden habe. Inzwischen weiß ich, warum. Ich trage eine riesige Angst vor dem Scheitern mit mir herum, schon seit Jahrzehnten. Das hängt sicher mit den hohen Ansprüchen zusammen, die es in meinem Elternhaus gab. Diese Angst ist bis heute geblieben, ich habe mich auch in meinem beruflichen Leben ganz vieles nicht getraut, aus Angst heraus, abgelehnt zu werden oder zu scheitern. Und diese Erinnerung bringt das irgendwie auf den Punkt.“ Obwohl es für Tanja Wagner also schmerzlich und deprimierend ist, zu erkennen, dass ihre Minderwertigkeitsgefühle viele Lebensentscheidungen diktiert haben, hilft ihr diese Schlüsselerinnerung doch, ihre Geschichte neu zu beleuchten.

Orte der Geborgenheit

Unsere Kindheitserinnerungen können uns aber nicht nur herausfordern. Manchmal stellen sie auch tröstliche Orte dar und geben uns Kraft. Der Gedanke an einen wunderschönen Zelturlaub in der Natur mit den Eltern und Geschwistern, an ein glückliches Weihnachtsfest in der Familie, an die wöchentlichen Spielenachmittage mit der Oma können Gefühle von Frieden und Geborgenheit hervorrufen. Gute Kindheitserinnerungen bringen uns wieder in Balance, wenn es uns schlechtgeht.

Legendär ist in dieser Hinsicht die oft zitierte Madeleine-Episode aus Marcel Prousts MammutromanAuf der Suche nach der verlorenen Zeit. Der Ich-Erzähler, eine Art Alter Ego des Autors, ist in einer niedergeschlagenen Stimmung. Seine Mutter reicht ihm Tee sowie eine Madeleine, ein französisches Gebäck. Plötzlich überschwemmen ihn glückliche Kindheitserinnerungen: „In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen […] Woher strömte diese mächtige Freude mir zu? […] Und dann mit einem Male war die Erinnerung da. Der Geschmack war der jener Madeleine, die mir am Sonntagmorgen in Combray […], sobald ich ihr in ihrem Zimmer guten Morgen sagte, meine Tante Léonie anbot, nachdem sie sie in ihren schwarzen oder Lindenblütentee getaucht hatte.“

ZUM WEITERLESEN

Martin Conway u. a.: What is your first memory – and did it ever really happen? Im Internet: city.ac.uk/news/2018/september/ first-memory-research (2018)

Mark Howe, Martin Conway, Lauren Knott: Memory and miscarriages of justice. Routledge 2017

Martin Korte: Wir sind Gedächtnis. Wie unsere Erinnerungen bestimmen, wer wir sind. Deutsche Verlags-Anstalt 2017

Édouard Louis: Das Ende von Eddy. S. Fischer 2019 (7. Auflage)

C. Peterson u. a.: Predicting which childhood memories persist: Contributions of memory characteristics. Developmental Psychology, 50, 2014, 439–448

C. Peterson u. a.: “When I was little”: Childhood recollections in Chinese and European Canadian grade school children. Child Development, 80, 2009, 506–518