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Bilderbuchstart


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Sterne und Weltraum - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 09.09.2022

TELESKOPE

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Bildquelle: Sterne und Weltraum, Ausgabe 10/2022

Das JWST Deep Field Dieses galaktische Wimmelbild eröffnete den Bilderreigen am 12. Juli 2022. Nachdem das Webb-Teleskop 12,5 Stunden lang auf den Galaxienhaufen SMACS 0723 ausgerichtet wurde, tauchen dort tausende Galaxien auf. Einige von ihnen werden vom Gravitationslinseneffekt verzerrt.

Das James Webb Space Telescope (JWST) hat einen fulminanten Start hingelegt, anders kann man es nicht sagen. Die Erwartungen der astronomischen Community waren groß, und sie wurden mehr als erfüllt. Endlich haben wir die ersten offiziellen astronomischen Bilder. Sie decken verschiedene Themengebiete der Forschung ab und demonstrieren die enorme Leistungsfähigkeit des neuen Superteleskops im Infraroten.

Tiefer Blick in den Weltraum

Alle neuen JWST-Bilder waren schon zur Veröffentlichung am Dienstag, 12. Juli 2022 angekündigt worden. Kurzfristig wurde dann bekannt, dass US-Präsident Joe Biden die Ehre zuteilwird, das erste JWST-Infrarotbild einen Tag früher, nämlich am 11. Juli 2022 um 23:00 Uhr MESZ zu präsentieren. Tatsächlich wurde es dann am 12. Juli kurz nach Mitternacht unserer Zeit von ihm und dem ehemaligen Astronauten und NASA-Administrator Bill Nelson vorgestellt.

Die erste ...

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... »richtige«, wissenschaftliche Aufnahme des Webb-Teleskops ist eine Tiefenfeldbeobachtung, die im englischsprachigen Fachjargon »deep field« genannt wird. Dabei belichten die Forschenden eine kleine Himmelsregion für längere Zeit, so dass schwache und häufig auch sehr weit entfernte Quellen sichtbar werden. Das JWST wurde auf den Galaxienhaufen mit der Bezeichnung SMACS J0723.3-7327 (kurz SMACS 0723) im Sternbild Fliegender Fisch (Volans) am Südhimmel gerichtet und am 7. Juni 2022 für 12,5 Stunden belichtet. Das Ergebnis ist ein spektakuläres Gruppenbild von Galaxien und einigen Vordergrundsternen (siehe »Das JWST Deep Field«, S. 24).

In der Mitte der Aufnahme befindet sich der Galaxienhaufen SMACS 0723 bei einer kosmologischen Rotverschiebung von z = 0,4, also in rund fünf Milliarden Lichtjahren Entfernung. Seine gigantische Masse bringt das Licht von Hintergrundquellen auf Abwegen. Dieser Gravitationslinseneffekt wurde von Albert Einstein vor etwa hundert Jahren vorhergesagt. Dadurch sehen einige Galaxien merkwürdig verzerrt aus, und es gibt sogar Doppel- und Mehrfachbilder von ihnen. Vor allem fallen gebogene Strukturen auf, die sich um die Bildmitte und damit den Galaxienhaufen krümmen. Ansonsten sind viele einzelne Welteninseln in verschiedenen Farben zu sehen. Sie befinden sich in unterschiedlichen Entfernungen, typischerweise Milliarden Lichtjahre, zum Teil übersteigen sie die Distanz des Galaxienhaufens. Aus den Formen und Farben der Galaxien können Astronominnen und Astronomen ablesen, in welchen Entwicklungszuständen sie sich befinden. Welteninseln, deren Gestalt wir gut erkennen können, zum Beispiel Spiralarme, stehen uns verhältnismäßig nah. Oftmals sind strukturlose rötliche Flecken hingegen extrem weit entfernte Galaxien, bei denen es sich lohnt, sie noch genauer unter die Lupe zu nehmen.

NIRCam

Der quadratische Himmelsausschnitt des JWST Deep Fields ist 2,4 × 2,4 Bogenminuten groß. Zum Vergleich: Der scheinbare Durchmesser des Vollmonds beträgt etwa 30 Bogenminuten. Das Himmelsfeld um SMACS 0723 wurde als Deep Field ausgewählt, um es mit einer ähnlichen Aufnahme des Weltraumteleskops Hubble zu vergleichen (siehe »Webb übertrumpft Hubble«, »Das gleiche Deep Field mit MIRI« und »Hubble legte vor«). Stellt man identische Bildbereiche direkt nebeneinander, so erkennt man, dass das JWST das HST in Brillanz und Schärfe weit übertrifft: Die Quellen beim JWST-Bild sehen viel heller aus und sind besser aufgelöst.

Zweiter Akt: Kein Bild, sondern ein Spektrum

Die zweite veröffentlichte JWST-Aufnahme war eigentlich gar kein Bild, sondern vielmehr ein Diagramm. Auch das Thema war ein anderes, nämlich nicht mehr Kosmologie, sondern Exoplaneten. Das Webb-Teleskop ist unter anderem dazu designt worden, um Atmosphären von Planeten in anderen Sonnensystemen zu untersuchen. Motiviert sind solche Ana lysen ganz klar durch die Suche nach extraterrestrischem Leben. Finden sich in den Gashüllen anderer Planeten Biosignaturen wie Wasserdampf oder Ozon? Um das herauszufinden, studieren Astronominnen und Astronomen die Infrarotemission eines Sterns, der von einem Exoplaneten umkreist wird. Dabei muss eine besondere Voraussetzung erfüllt sein: Diese Systeme müssen relativ zu uns so orientiert sein, dass wir mehr oder weniger auf die Kante der Bahnebene des Planeten schauen. Dann kann es passieren, dass der Exoplanet direkt vor seinem Stern vorüberzieht. Der Stern fungiert somit als Hintergrundbeleuchtung, und seine Strahlung scheint durch die Gashülle des Planeten, sofern vorhanden. Im Fachjargon heißt diese Methode Transmissionsspektroskopie, und sie verrät dem Kenner anhand des Spektrums, wel- che chemischen Elemente und Moleküle in der Exoplanetenatmosphäre vorkommen (siehe SuW 10/2020, S. 42).

MIRI

HST (2017)

Die Kostprobe des JWST für eine solche Analyse wurde mit dem spaltlosen Spektrografen NIRISS am Exoplaneten WASP- 96b durchgeführt. Dabei handelt es sich um einen heißen Gasplaneten im südlichen Sternbild Phönix, der 1150 Lichtjahre von der Erde entfernt ist. Der Planet verdankt das Attribut »heiß« der Tatsache, dass er seinem Wirtsstern WASP-96 sehr nah ist, denn er umrundet ihn in nur 3,5 Erdtagen. Damit kreist er viel enger um den Stern als Merkur um die Sonne, der 88 Tage benötigt. WASP-96 hat den Spektraltyp G wie unsere Sonne. Das Akronym »WASP« steht übrigens für »Wide Angle Search for Planets«, also eine Planetensuche bei großem Bildfeld. Bei dieser Kampagne wurden von einem internationalem Team robotische Teleskope eingesetzt. Bevor wir einen Blick auf das zweite veröffentlichte Bild, nämlich das Spektrum, werfen, schauen wir uns eine Skizze zur Geometrie des Systems und die entsprechende Lichtkurve an (siehe »Lichtkurve des Sterns WASP-96«, S. 29).

Die Lichtkurve stellt die gemessene Helligkeit des Sterns in Abhängigkeit von der Zeit dar. Allein die Qualität der hier mit dem Webb-Teleskop gemessenen Kurve lässt die Herzen von Astrofans höherschlagen, weil der von den Datenpunkten aufgezeichnete Verlauf mustergültig dem Lehrbuch entspricht. Die Messunsicherheit ist bemerkenswert gering.

Das während der Pressekonferenz am 12. Juli 2022 gezeigte Bild war ein Infrarotspektrum, das in einem Wellenlängenbereich zwischen etwa 0,6 und 2,8 Mikrometern mit dem JWST-Instrument NIRISS aufgenommen wurde (siehe »Spuren von Wasserdampf bei WASP-96 b«). Das Forschungsteam interpretiert den Verlauf so, dass sich Wasserdampf in der Atmosphäre des Exoplaneten WASP-96 b befindet. Ein solcher Nachweis war schon mit dem Weltraumteleskop Hubble im Jahr 2013 bei einem anderen Exoplaneten geglückt, aber es ist beruhigend zu sehen, dass sich die Methode bewährt und die Fälle häufen.

Bei den kürzeren Wellenlängen – im Spektrum links – flacht die Kurve merklich ab. Darin sehen die Forschenden Anzeichen dafür, dass Dunst und Wasserdampfwolken kaum noch Strahlung durchkommen lassen.

Aus dem Spektrum lässt sich sogar eine Atmosphärentemperatur von 725 Grad Celsius ableiten. Zum Vergleich: Die unwirtliche Venus hat eine Oberflächentemperatur von ungefähr 500 Grad Celsius.

Der dritte Streich: Ein kosmisches Auge

Das James-Webb-Teleskop wurde bei Bild Nummer 3 für ein Thema der Stellarphysik eingesetzt. Sowohl die NIRCam als auch MIRI nahmen den Planetarischen Nebel NGC 3132 ins Visier (siehe »Opal auf rotem Samt«, S. 30, und »Entlarvtes Duo«, S. 31). Er ist etwa 2000 Lichtjahre entfernt und hat einen Winkeldurchmesser von 2,4 Bogenminuten. Wie bei allen Objekten dieser Art stieß ein sterbender Riesenstern seine gravitativ kaum noch gebundenen äußeren Hüllen ab, die sich im Weltraum verloren. Sie bildeten interessant anzuschauende, ausgedünnte Gasgebilde mit teils relativ regelmäßigen, teils recht bizarren Symmetrien. Berühmte Beispiele für solche Objekte sind der Ringnebel Messier 57 im Sternbild Leier und der Katzenaugennebel NGC 6543 im Sternbild Drache. Mit dem auch Südlichen Ringnebel genannten NGC 3132 im Sternbild Segel des Schiffs (lateinisch: Vela), hat das JWST ein sowohl ästhetisches als auch wissenschaftlich interessantes Objekt aufs Korn genommen.

Es ist gut, dass das Webb-Teleskop über gleich fünf wissenschaftliche Instrumente verfügt. Jedes davon kann seine Vorteile ausspielen. MIRI schafft zwar nicht ganz die Schärfe und Brillanz der NIR-Cam, bildet jedoch die Objekte bei deutlich größeren Wellenlängen von bis zu 28 Mikrometern ab. Mit dem MIRI-Bild ist ein klarer Nachweis dessen gelungen, was bislang nur vermutet wurde: Im Nebel sitzen zwei Sterne, die sich eng umkreisen (siehe »Entlarvtes Duo«, S. 31). Ähnlich wie beim System aus Sirius A und B (siehe S. 19), befindet sich – im NIRCam-Bild kaum sichtbar – ein kleiner Partner nah am Zentralstern. Es ist ein Weißer Zwerg, der eine stattliche Oberflächentemperatur von 100 000 Kelvin aufweist. Nach dem Stefan-Boltzmann-Gesetz wächst die Strahlungsleistung mit der Temperatur zur vierten Potenz. Trotz der hohen Temperatur bleibt die Leuchtkraft des Zwergs gering, weil die strahlende Oberfläche klein ist: Weiße Zwerge erreichen nur in etwa die Größe der Erdkugel.

Eine Fünfergruppe auf Platz 4

Stephans Quintett ist vielen Astrofans ein Begriff. Es ist eine berühmte Gruppe aus fünf Galaxien im Sternbild Pegasus, die sich scheinbar recht nah kommen. Tatsächlich sind nur vier Mitglieder des Quintetts auch räumlich benachbart. Das Quartett ist ungefähr 290 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt. Der Ausreißer ist die auf den Bildern ganz links befindliche Spiralgalaxie NGC 7320. Sie steht weit im Vordergrund und hat eine Distanz von nur 40 Millionen Lichtjahren zur Erde. Damit kommt sie uns sogar näher als Messier 87 im Virgohaufen (siehe SuW 6/2019, S. 26). Der französische Astronom Édouard Stephan war Namensgeber der Gruppe, weil er sie im Jahr 1877 entdeckte.

Für Galaxienforschende ist das Fünfergespann interessant, weil es sich um eine kompakte Gruppe handelt. Es sind deutlich weniger Mitglieder als in einem Haufen – der enthält nämlich einige hundert bis tausend Galaxien –, aber die wenigen Weltinseln der Gruppe kommen sich ungewöhnlich nah. Diese enge Nachbarschaft bleibt für die Galaxien nicht ohne Folgen. Besonders die zwei Galaxien in der Mitte des Verbunds beeinflussen sich heftig gegenseitig auf Grund der Gravitation. Es bilden sich Gezeitenarme aus, und die Schwerkraft verformt das Aussehen der Galaxien. Früher oder später werden sich ihre Zentren vereinigen. Danach verschmelzen die dort befindlichen extrem massereichen Schwarzen Löcher.

Das spannende Ensemble war damit ein hervorragendes Zielobjekt für das James-Webb-Teleskop. Wieder richteten die Teams sowohl die NIRCam als auch MIRI auf Stephans Quintett. Als viertes JWST-Bild wurde der Öffentlichkeit ein NIRCam-MIRI-Komposit vorgestellt (siehe »Infrarotbild von Stephans Quintett«, S. 32). In einem weiteren Bildbearbeitungsschritt produzierten die Astronomen ein reines MIRI-Bild (siehe »Mit MIRI in den Galaxienzoo«, S. 32). Die Ergebnisse beeindrucken und verblüffen aufs Neue. Allerdings muss man konstatieren, dass auch die visuelle Hubble-Aufnahme von 2009 einen großen Charme hat (siehe »Das fünfte Rad am Wagen«, S. 33) und – bis auf die Erkennbarkeit von Galaxien und Staub – große Ähnlichkeit mit dem neuen NIRCam-MIRI-Bild aufweist. Allerdings sind die verwendeten Farbpaletten bei der Bildbearbeitung unterschiedlich.

Im Zuge der Veröffentlichungen der fünf ausgewählten Bilder wurden weitere zur Verfügung gestellt, die bestimmte Forschungsaspekte beleuchten. Eines der klar umrissenen, großen Ziele ist es, mit dem JWST die Entstehung und Entwicklung der extrem massereichen Schwarzen Löcher zu verstehen. Sie lauern in den Zentren von Galaxien – manchmal sogar mehrere von ihnen – und vereinen Millionen bis Milliarden Sonnenmassen in sich. Unsere Galaxis enthält ebenfalls eines mit 4,3 Millionen Sonnenmassen, das sich in der Quelle Sagittarius A* im Sternbild Schütze befindet und dessen Schatten kürzlich im Radiobereich aufgenommen wurde (siehe SuW 7/2022, S. 26).

NIRCam

Das James-Webb-Teleskop soll nun diejenigen Schwarzen Löcher aufspüren, die als Erste die kosmische Bühne unseres Universums betreten hatten. Wann genau und wie entstanden sie? Welche Massen hatten sie am Anfang? Wie sind sie zu den später beobachteten Giganten angewachsen: durch Verschmelzung und Akkretion, wie es nach gängiger Lehrmeinung verbreitet wird? Das JWST verspricht hier dank seiner enormen Leistungsfähigkeit, vor allem durch den riesigen Spiegel, Fortschritte. Eine Kostprobe seines Könnens demonstrierte das JWST beim im Infraroten beobachteten Gas, welches in das zentrale Schwarze Loch der Balkenspiralgalaxie NGC 7319 stürzt (siehe »Dem Loch ins Maul geschaut«, S. 33). Sie befindet sich in Stephans Quintett ganz oben. Im Infraroten emittieren bestimmte chemische Elemente wie ionisiertes Argon und ionisiertes Neon oder auch molekularer Wasserstoff charakteristische Spektrallinien. Sie unterliegen dem Dopplereffekt, der die Linien zum blauen oder zum roten Ende des Spektrums verschiebt, je nachdem, ob sich das Material auf uns zu- oder von uns wegbewegt. Die daraus gemessenen Geschwindigkeiten verraten uns die Dy- namik und letztlich auch die Masse des Schwarzen Lochs, um das die Gase kreisen. Das Webb-Teleskop eröffnet so völlig neue Möglichkeiten zum Untersuchen der kosmischen Raumzeitfallen.

Fünfter und letzter Akt führt in einen Sternenkindergarten

Das Finale des komischen Bilderreigens des Webb-Teleskops bildete wieder eine aufsehenerregende Region am Südhimmel. Im Sternbild Schiffskiel (lateinisch: Carina) befindet sich eine riesige Sternentstehungsregion in rund 7600 Lichtjahren Distanz (siehe »Nebelkomplex am Südhimmel«, S. 34). Der gesamte Komplex ist mehr als 200 Lichtjahre groß und heißt Eta-Carinae-Nebel (NGC 3372). In ihm tummeln sich wahre Supersterne wie Eta Carinae, der 100 bis 150 Sonnenmassen in sich vereinen soll. Er gehört zu den größten Sternen unserer Galaxis, ist extrem instabil und Vertreter der Leuchtkräftigen Blauen Veränderlichen (LBVs), die heftige Sternwinde abgeben. Nicht minder beachtlich ist der Wolf-Rayet-Stern WR 22 mit bis zu 100 Sonnenmassen. Beide Supersterne sind nah am Nebelzentrum.

MIRI

Das James Webb Space Telescope hatte allerdings keine Augen für die Stars der Region. Vielmehr schweifte sein Blick an den Rand des Carina-Komplexes und die dort befindlichen kosmischen Klippen: zum Nebel NGC 3324 (siehe »Tiefer Einblick hinter den Schleier«, S. 34, und »Sternbildung im Breitbildformat«, S. 35). Der Grund war offensichtlich: Im Jahr 2008 fixierte Hubble die gleiche Stelle (siehe »Der Nebel im Visuellen«, S. 35), und es ging wieder darum, die Performance von Hubble versus Webb zu vergleichen. Und sie schenken sich nichts, wie die Aufnahmen dokumentieren. Besonders hervorzuheben ist, dass MIRI bei den etwas größeren Wellenlängen im mittleren Infrarot die jungen Sterne mit ihren staubigen Scheiben gut abzubilden vermag. Das verspricht neue Einblicke in die Entstehung und Entwicklung von Sternen mit Hilfe des JWST.

Webb-Bild von Jupiter

Im Nachgang zu den ersten fünf JWST-Bildern vom 12. Juli 2022, erschienen bald weitere. So wurde das Webb-Teleskop auf den größten Planeten im Sonnensystem ausgerichtet, um ein Infrarotbild von Jupiter bei 2,12 millionstel Meter Wellenlänge anzufertigen (siehe »Webb sieht Jupiter«, S. 36). Auch wenn die Aufnahme viel Bekanntes zeigt, so ist die Leistungsfähigkeit des James-Webb-Teleskops sehr beeindruckend. Obwohl der Gasplanet ein Gigant ist, benötigt Jupiter nur etwa zehn Stunden, um einmal um sich selbst zu rotieren. Diese rasante Eigendrehung lenkt die Gasmassen in der Atmosphäre quer zur Drehachse ab. Das erzeugt eine gut sichtbare Bandstruktur. In ihr kommt es zu Verwirbelungen. Die bekannteste ist der Große Rote Fleck, der auf dem Infrarotfalschfarbenbild von Jupiter weiß erscheint. Zum Aufnahmezeitpunkt waren auch Jupitermonde im Bild. Europa ist ei- ner der Galileischen Monde und gehört zu den hellsten Trabanten des Riesen. Er produzierte deshalb das typische, achtzackige Beugungsmuster im JWST-Bild, das auf die Sechseckform des Hauptspiegels, die Spiegelsegmente und das Dreibein des Sekundärspiegels im Strahlengang des Teleskops zurückzuführen ist (siehe SuW 5/2022, S. 14). Links neben dem Großen Roten Fleck warf Europa seinen schwarz erscheinenden Schatten auf die Planetenatmosphäre. Etwas leuchtschwächer ist der Jupitermond Thebe, der links vom Planeten als Pünktchen erscheint.

NIRCam

MIRI

HST (2009)

Wir wissen, dass Jupiter ein Ringsystem aufweist. Es wurde im Jahr 1979 mit der Raumsonde Voyager 1 entdeckt, als sie am Planeten in unmittelbarer Nähe vorbeiflog. Im Gegensatz zu Saturn sind die Ringe sehr schwach ausgeprägt, weil die großen inneren Monde Jupiters ein signifikantes Ringsystem verhindern. Astronominnen und Astronomen haben inzwischen den Ursprung von Jupiters Ringsystem geklärt: Innere Monde wie Metis verlieren Material durch Einschläge in den Orbit des Planeten (siehe SuW 7/2022, S. 32). Jupiters schwaches Ringsystem kann mit einem Infrarotteleskop wie dem JWST besonders gut abgebildet werden. Spannend ist, dass sich im neuen Jupiterbild von Webb ein Mysterium verbirgt: Vor allem am rechten Rand des Planeten ist eine dünne Gasschale erkennbar, die sich vom Rest des Planeten abhebt. Handelt es sich um ein Bildartefakt oder um interessante Physik?

MIRI

NIRCam, MIRI

HST (2008)

Neue Galaxienrekorde

Kaum ist das James-Webb-Teleskop einsatzbereit, schon werden Rekorde gebrochen. Rund eine Woche nach den ersten JWST-Bildern identifizierte ein Team um Rohan Naidu von der Harvard University Kandidaten für extrem weit entfernte Galaxien im JWST Deep Field (siehe »Fernste Galaxie?«). Die Galaxie namens GLASS-z13 soll eine kosmologische Rotverschiebung von z=13 aufweisen und existierte damit in einer Epoche von nur 300 Millionen Jahren nach dem Urknall (arXiv:2207.09434). Das stellte damals, sollte das Resultat bestätigt werden, einen neuen Entfernungsrekord dar. Wenige Tage später wurden allerdings auf dem Preprintserver weitere neue Rekorde mit dem JWST vermeldet: Galaxien mit z=14 (arXiv:2207.12474), z=16 (arXiv:2207.12338), z=17 (arXiv:2207.12356) und sogar z=20 (arXiv:2207.11558). Doch Vorsicht, diese Galaxien stellen Kandidaten dar, die unabhängig in weiteren Analysen bestätigt werden müssen. Die zur Veröffentlichung eingereichten Manuskripte müssen noch wissenschaftliche Begutachtungsprozesse durchlaufen, bis wir endgültig Klarheit haben. Schon bald wurden Zweifel laut: Im August konnten die hohen Rotverschiebungen einiger Kandidaten nicht bestätigt werden (arXiv:2207.11217). Wir werden besser geduldig abwarten.

Grundsätzlich war es jedoch zu erwarten, und es war auch das erklärte Ziel, mit dem JWST tiefer ins All zu schauen als jemals zuvor. Mit Erscheinen dieses Artikels gibt es vermutlich bereits neue Rekordhalter. Eine kosmologische Rotverschiebung von z=30 ist auf jeden Fall in Reichweite des neuen Superteleskops. Rechnet man diesen Zahlenwert mit Hilfe der bekannten kosmologischen Parameter um, so gehört dazu eine Epoche von 100 Millionen Jahren nach dem Urknall.

Fakt ist, dass die Theorie der Strukturentstehung im Universum mit solchen Funden vor große Herausforderungen gestellt wird. In der Kosmologie muss man dann erklären, wie die ersten Galaxien in einer dermaßen kurzen Zeit entstehen konnten. Solche Protogalaxien sahen allerdings vollkommen anders aus als die Welteninseln im heutigen lokalen Kosmos. Für GLASS-z13 wurde aus den JWST-Beobachtungen bestimmt, dass die Gesamtheit ihrer Sterne nur aus einer Milliarde Sonnenmassen besteht.

Eine neue Ära der Astronomie

Die Leute waren natürlich von den ersten James-Webb-Bildern begeistert – wir sind es auch! Inzwischen überschlagen sich die Ereignisse, und wir bekommen im Prinzip täglich neue Meldungen und Funde mit dem neuen Superteleskop herein. Endlich ist es so weit, dass wir uns alle über die aufregenden Entdeckungen mit Webb freuen können. Die große Frage ist, ob irgendwann mit dem James-Webb-Teleskop etwas aufgespürt wird, was wir nicht erwartet haben und was unser naturwissenschaftliches Weltbild erschüttern wird. Dann wird es richtig spannend!

Literaturhinweise

Althaus, T.: Das JWST ist scharf gestellt. Sterne und Weltraum 7/2022, S. 10–11

Lemke, D.: Das James Webb Space Telescope. Von der Idee zur Mission. Sterne und Weltraum 2/2022, S. 26–39

Weblinks

NASA Webb Log: Erste Bilder vom James Webb Space Telescope: www.nasa.gov/webbfirstimages

Dieser Artikel und Weblinks: artikel/2048394

Didaktische Materialien: artikel/1051502