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Bildgewaltiges Freilichtdrama


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 4/2018 vom 26.07.2018

»Les Misérables« zurück auf der Freilichtbühne Tecklenburg


Artikelbild für den Artikel "Bildgewaltiges Freilichtdrama" aus der Ausgabe 4/2018 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Abb. oben: ›Der erste Angriff‹ – auf die Tecklenburger Barrikade aus Rädern, Teppichen, Leitern, Stühlen, Bilderrahmen …, mit Frauen und Männern des Ensembles Foto: Birgit Bernds


2006 war das Musical von Claude-Michel Schönberg, Alain Boublil und Jean-Marc Natel sowie James Fenton erstmals bei den Freilichtspielen Tecklenburg zu sehen. 12 Jahre später ist das große, dramatische Ensemble-Stück mit einem 35-köpfigen Cast sowie Chor und Statisterie der Freilichtspiele, begleitet von einem 20-köpfigen Orchester, wiederbelebt worden. Regisseur Ulrich ...

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... Wiggers hat die Bühne mit prall-le-bendigen Gesellschaftsszenen gefüllt: Da kommen die Bauern vom Acker und der entlassene Sträfling, der verzweifelt versucht, ein neues Leben zu beginnen, muss feststellen, dass »die ganze Welt […] für Jean Valjean [Patrick Stanke] ein Gefängnis [ist]« und »das Gesetz […] gegen ihn«. Der Heiligen Familie gleich sucht er vergeblich eine Herberge, bis ihn der Bischof von Digne aufnimmt. Im kleinen Ort Montreuil-sur-Mer – intelligent angebrachte Daten- und Ortsschilder erlauben die Einordnung –, an dem Valjean sich unter neuer Identität niederlässt, entfaltet sich eine große Halle mit Näherinnen. Fantine (Milica Jovanović) ist hier eine Außenseiterin (durch ihre Position am Rand der Bühne verdeutlicht). Als sie dem Vorarbeiter ihren Körper verweigert, muss sie diesen bald darauf verkaufen, um sich und ihre Tochter durchzubringen. Bürger flanieren und Prostituierte bieten ihre Dienste an. Besondere Authentizität und Lebendigkeit erhält Susanna Bullers Bühnenbild mit seinen Häusern mit den rußgeschwärzten Fassaden und Schindeldächern dadurch, dass Menschen aus den Fenstern das Treiben auf der Straße betrachten und beispielsweise sehen, wie Valjean den Heukarren allein mit Muskelkraft anhebt. Erfreulicherweise ist auch die Wendeltreppe in die Häuserzeile integriert, sodass Valjean mit seiner Tochter wirklich im Haus verschwinden kann. Ein besonders lebendiges Bild stellt der Auftritt der Gauner und Bettler (einer sogar auf einem Rollbrett) von Paris dar, bei dem man buchstäblich Zeuge wird, wie jeder an seinem Platz dazu beiträgt, Valjean mit Cosette in die Enge zu treiben: ›Schaut her – Reprise‹. Allerdings bleibt offen, wann Thénardier die Sträflingsnummer gesehen haben will, und doch gibt er Inspektor Javert den entsprechenden Wink. Zu den authentischen Bildern tragen auch Karin Albertis zeitgemäß gestaltete historische Kostüme der Ständegesellschaft und die Ausstattung bei – darunter die eindrucksvolle Barrikade – vom Wagenrad, über Möbel, Bilderrahmen bis zu Harken und Leitern authentisch. Es wird sogar angedeutet, wie die Frauen der Aufständischen Material für die Barrikade zusammentragen oder von den Passanten erbitten. Auch andere an sich kleine Momente erhalten Wirkung, etwa, wenn Enjolras die Frauen von der Barrikade wegschickt, weil er ahnt, dass es ihr letzter Kampf sein wird. Dagegen geht leider die Freilassung des gefangenen Javert durch Valjean auf der linken Seite der Bühne etwas unter.

Doch Ulrich Wiggers hat auch den Mut, seinen Solisten die Bühne allein zu überlassen. Nachdem der barmherzige Bischof von Digne (Florian Soyka in dem gleichnamigen Lied mit geradezu herzerwärmendem Bariton-Vortrag) Valjean beschämt hat, versteht es Patrick Stanke, in einer sehr überzeugend gespielten Verwandlung vom Saulus zum Paulus den Raum mit seiner klangvollen Stimme sowie mit Bühnenpräsenz zu füllen. Präsent klingen hier zudem Posaune und Horn aus dem unter Leitung von Tjaard Kirsch brillant und sehr differenziert spielenden Orchester herauf. Auch die innere Auseinandersetzung Valjeans in ›Wer bin ich?‹ berührt, doch gesanglich beeindruckt Stanke am meisten mit dem stimmlich wunderbar sicher geführten Gebet des Valjean: ›Bring ihn heim‹. Dass Patrick Stanke auch als gereifter Herr in der Paris Rue Plumet überzeugend wirkt, wenn er über die Zeit, die ›Schon so lang‹ her ist, nicht sprechen möchte, ist auch der guten Maske von Stefan Becks und Susanne Bechtloff zu verdanken. Einzig dem geschwächten Greis im ›Epilog‹ könnte Stanke in der Körperlichkeit noch etwas mehr Gebrechlichkeit geben, eventuell unterstützt durch einen Stock, auf den er sich stützt.

›Mein Herz ruft nach dir‹ – Marius (Florian Peters) und seine angebetete Cosette (Daniela Braun) Foto: Sandra Reichel


Milica Jovanović steht bei Fantines Lebensresümee ›Ich hab’ geträumt vor langer Zeit‹ als Solistin im Mittelpunkt und zeigt in ihrer gefühlvollen Interpretation, dass selbst einer so ausgezeichneten Sängerin wie ihr die emotional-gesteigerte Stimmführung mit ihren Höhen und Tiefen einiges abverlangt. In Fantines Sterbeszene dagegen klingt sie für die gebrochene Frau fast noch zu schön. Doch das ist »meckern« auf höchstem Niveau.

Kevin Tarte zeichnet sich als Inspektor Javert durch sein imposantes Auftreten aus, wobei der fanatisch gesetzestreue Inspektor zunehmend an Akkuratesse verliert und später vom Aussehen her an den aufgelösten Lucius Malfoy in »Harry Potter« erinnert, kurz bevor er seinen in Tecklenburg besonders inszenierten Selbstmord begeht. Tartes an sich überzeugendes Schauspiel leidet bedauerlicherweise dadurch, dass er in den stark rhythmisch angelegten Sprechgesangspassagen, immer wieder aus dem Takt gerät. Szenen wie beispielsweise ›Die Prüfung‹, in der Javert das erste Mal Verdacht schöpft, wer Bürgermeister Madeleine wirklich ist – dabei doch eine musikalisch besonders schöne Passage in Tecklenburg – oder Javerts Auftritt als Polizeichef in Paris (›Schaut her – Reprise‹) verlieren an Wirkung. Es scheint, als mache Tarte der deutsche Sprachduktus, den er in Dialogen und Songs souverän beherrscht, hier Schwierigkeiten. Die teils hölzerne Übersetzung von Heinz Rudolf Kunze tut ihr Übriges. In Javerts großer Hymne auf Recht und Gesetz dagegen liefert Kevin Tarte eine emotionale und gesanglich starke Interpretation von ›Stern‹.

Auch ohne Drehbühne malt die Tecklenburger Inszenierung die Szenenbilder ineinander. Von der Gerichtsszene mit einem vom Orchester brillant begleiteten Demaskieren Jean Valjeans geht es flüssig über in die Krankenhausszene an Fantines Bett, wozu ein Wagen mit wehenden Vorhängen hineingeschoben wird, während der Raum in der Mitte unter dem Häuserbogen mit Krankenschwestern bevölkert wird. Ulrich Wiggers entschärft überraschenderweise die Konfrontation zwischen Valjean und Javert im ersten Akt (›Der doppelte Schwur‹) durch das Auftreten einer Nonne, die beide Streithähne, wie es aussieht, zum Respekt gegenüber der verstorbenen Fantine ermahnt. Über diese Veränderung kann man geteilter Meinung sein. Die wehenden Vorhänge, die in der bekannten Verfilmung des Musicals (2012) den Gegner gezielt verbargen, führten am Premierenabend bei aller Dramatik der Handlung zu einer unfreiwillig komischen Szene, da Javert sich zu Valjean durchkämpfen musste.

1. Valjean (Patrick Stanke) bittet Gott um das Leben von Marius (Florian Peters, liegend): ›Bring ihn heim‹


2. Die Hospiz-Schwester (Ensemble) mahnt die Widersacher Valjean (Patrick Stanke, l.) und Javert (Kevin Tarte, r.), die Totenruhe zu respektieren


3. ›Stern‹ – Javert (Kevin Tarte) sieht in seiner Jagd eine Mission der Gerechtigkeit


4. Vor dem letzten Kampf: Valjean (Patrick Stanke, l.) und Enjolras (David Jakobs) an der Barrikade Fotos (4): Sandra Reichel


Gezielte Komik gilt dagegen für das Gaunerpaar Thénardier – von Karin Alberti extra farbenfroh eingekleidet –, das sich in allen Lebenslagen zu bereichern versucht und dabei vor dem Unglück anderer nicht zurückschreckt. Gleichwohl gelingt es dem Komödianten Jens Janke und seiner kongenialen Partnerin Bettina Meske bei aller typgerechten Überzeichnung, Sympathie für ihre Figuren zu wecken: Bei ›Ich bin Herr im Haus‹ passen die Beinschwung-Choreographien von Kati Heidebrecht gut ins Bild, das gilt auch für die wunderschöne Schlusspose, mit der sie die Szene, in der Madame Thénardier am Fleischwolf etwas von Mrs Lovett hat, enden lässt. Zahlreiche Lacher erntet Thénardiers Versuch, sich am Mantel Valjeans die Nase zu schnäuzen, zugleich zeigt sich hier seine ausgeprägte Respektlosigkeit. Auch das zahllose Bekreuzigen, welches die Ehrlichkeit der Zieheltern beteuern soll, lässt einen schmunzeln. Doch Janke begeistert auch während der eindrucksvoll mit kaltem Streiflicht und Nebel gebauten Kanalisationsszene (Lichtdesign: Tim Löpmeier), in der Thénardier »im öffentlichen Dienst« den Toten die Goldzähne und anderes Verwertbares abnimmt.

In der Rolle der erwachsenen Éponine ist die junge Osnabrücker Absolventin (Institut der Musik) Lasarah Sattler zu erleben. Mag im Schauspiel noch etwas Raum nach oben sein, so verleiht sie doch der unglücklichen Thénardier-Tochter mit Spielfreude und starker Stimme Profil – das nicht allein in ›Nur für mich‹.

David Jakobs entspricht vielleicht äußerlich nicht dem gängigen Bild eines Enjolras, doch macht er das sowohl stimmlich als auch im Schauspiel durch Energie und Präsenz vergessen. Etwas blass wirkt dagegen noch Florian Peters als Marius. So ganz nimmt man ihm das Schüchterne, ja Linkische seiner Darstellung nicht ab – da ist noch Luft nach oben. Gesanglich überzeugt er hingegen solistisch (›Dunkles Schweigen an den Tischen‹) und im Duett mit Cosette (Daniela Braun): ›Mein Herz ruft nach dir‹. Dabei harmonisiert er glücklicherweise die leider an der Premiere sehr schrill klingende Stimme von Daniela Braun, die trotz ihres lyrischen Soprans unerklärlicherweise Probleme mit den Höhen hat. Dagegen überzeugt sie in ihrem Spiel der behüteten, aufs Leben neugierigen Cosette und in der Zuneigung zu Geliebtem und Vater.

1. ›Ich hab’ geträumt vor langer Zeit‹ – die verzweifelte Fantine (Milica Jovanović)


2. Freuen sich auf ein neues Leben – die kleine Cosette (Malina Mahnig) und ihr Ziehvater Valjean (Patrick Stanke)


3. Der tapfere kleine Gavroche (Dean Clausmeyer, Mitte) bringt die erbeutete Munition noch über den Rand der Barrikade, bis er tot zusammenbricht, mit Enjolras (David Jakobs, Mitte) und Ensemble


4. ›Nur für mich‹ – Éponine (Lasarah Sattler) liebt heimlich den Studenten Marius


Fotos (4): Sandra Reichel

Hervorzuheben sind auch die Kinderdarsteller: allen voran Dean Clausmeyer als frecher Gavroche, der zeigt, was die »Kleinen« schon können. Claire Heinrich bezaubert als Cosette mit klarer Stimme (›In meinem Schloss‹) und im Zusammenspiel mit Patrick Stanke oder ihren Pflegeeltern Janke und Meske. Intelligent ist auch die Verwandlung der kleinen in die große Cosette gelöst. In ihrer rein mimischen Darstellung überzeugt auch Malina Mahnig als verwöhnte Göre Éponine, welche die geschenkte Puppe der Mutter ablehnt, sie aber auch ihrer Ziehschwester nicht gönnt.

Der Chor der Tecklenburger Freilichtspiele überzeugt durch klare Verständlichkeit und enorme Spielfreude, manche langjährigen Mitglieder spielen inzwischen auch kleinere Rollen überzeugend.

Bei »Les Misérables« in Tecklenburg trifft der oft gehörte Satz »Das Beste kommt zum Schluss« zu. Ist schon das erste Finale mit den roten Tüchern und der roten Fahne in Gavroches Händen eindrucksvoll, so verschafft Ulrich Wiggers dem Publikum mit der Schlussszene im ›Epilog‹ erst recht Gänsehaut, wenn alle Mitwirkenden – Lebende und Tote – aus dem Nebel auftreten und die gesamte Spielfläche füllen.

1. ›Dunkles Schweigen an den Tischen‹ – Marius (Florian Peters) hat überlebt und sieht die gefallenen Kameraden vor sich


2. Valjean (Patrick Stanke, r.) kann kaum glauben, dass der Bischof von Digne (Florian Soyka, l.) ihm den Hals rettet, und nimmt die Aufgabe, Gutes zu tun, an


3. ›Herr im Haus‹-Schlusspose – ein herrliches Gespann: die Thénardiers (Bettina Meske und Jens Janke mit Ensemble)


4. ›Javerts Selbstmord‹ – Javert (Kevin Tarte) versteht die Welt nicht mehr


Fotos (4): Birgit Bernds