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Bildung: Wie schlau bist du wirklich?


didacta - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 11.09.2019

Gute Noten sind kein sicheres Indiz für hohe Intelligenz. Wie lässt sich das tatsächliche intellektuelle Potenzial von Schülerinnen und Schülern also erkennen? Mit diagnostischer Kompetenz – und die kann man lernen.


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Bildquelle: didacta, Ausgabe 3/2019

AUF EINEN BLICK

› Intelligenz lässt sich unterscheiden in fluide und kristalline Intelligenz. Ersteres meint die Fähigkeit zum Lernen, letzteres das erlernte Wissen.

› Faktoren wie Motivation, Unter- oder Überforderung beeinflussen, inwieweit ein Kind sein intellektuelles Potenzial in der Schule zeigt.

› Um bei Kindern auch verborgene Potenziale zu erkennen und den Unterricht an die ...

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... Lernvoraussetzungen anzupassen, brauchen Lehrkräfte gute diagnostische Kompetenz.

Jede Lehrkraft macht die Erfahrung, dass manche Schülerinnen und Schüler die Anforderungen des Unterrichts problemlos erfüllen, während andere sich deutlich schwerer tun. Bei diesen Leistungsunterschieden spielen zwei Faktoren eine besondere Rolle: Gewissenhaftigkeit – ein Persönlichkeitsmerkmal, das sich beispielsweise in zuverlässigem und gründlichem Arbeiten zeigt – und Intelligenz.

Fluide und kristalline Intelligenz

„Intelligenz ist das am gerechtesten verteilte Merkmal der Welt – alle meinen, genug davon zu haben“, so hat es der französische Philosoph René Descartes formuliert. Intelligenz drückt die allgemeine Fähigkeit zum Lernen oder zur Informationsverarbeitung aus. Sie zeigt sich beispielsweise in Situationen, in denen neuartige Probleme nicht durch auswendig gelernte Routinen gelöst werden können, sondern durch schlussfolgerndes Denken – man spricht von fluider Intelligenz. Diverse Faktoren beeinflussen, ob dieses intellektuelle Potenzial im Alltag gezeigt wird, zum Beispiel Persönlichkeitseigenschaften wie Motivation und Ängstlichkeit oder Umweltmerkmale wie Lernangebote und Bildungsnähe der Eltern.
Je weiter man auf dem Bildungsweg fortschreitet, desto wichtiger wird die kristalline Intelligenz. Sie beschreibt das Wissen, das man auf Grundlage der fluiden Intelligenz erwirbt, beispielsweise Allgemein- und Schulwissen. Das Zusammenspiel von fluider und kristalliner Intelligenz funktioniert wie bei einem Sparkonto: Mit einem hohen Startkapital an fluider Intelligenz vermehrt sich das Wissen – die kristalline Intelligenz – dank Zins und Zinseszins schneller als mit einem niedrigen Anfangswert.

Diagnostische Kompetenz

Da Intelligenz ein Potenzial ist, das sich nicht immer in Leistung zeigt, benötigt es ausgeprägte diagnostische Kompetenz, die kognitiven Fähigkeiten von Schülerinnen und Schülern festzustellen. Diese Kompetenz sollen Lehrkräfte laut Kultusministerkonferenz schon in ihrer Ausbildung erwerben, denn sie ist außerdem Voraussetzung, um möglichst passgenaue Lernangebote für die Schülerinnen und Schüler zu schaffen und damit Lernerfolge zu maximieren. Denn Aufgaben, die mit etwas Anstrengung zu meistern sind, motivieren, wohingegen dauerhafte Über- oder Unterforderung frustrieren.

Verborgene Potenziale erkennen

Für Lehrkräfte ist es schon schwer genug, Schulleistungen akkurat zu bewerten – bei verborgenen Potenzialen wird es noch schwieriger. Hierbei sollte man sich auf Denkfähigkeiten des/ der Schüler/-in konzentrieren und diese möglichst genau beobachten: Kann sich ein Kind neue Inhalte sehr schnell merken? Erkennt es Parallelen zu anderen Sachverhalten? Zieht es korrekte Schlussfolgerungen? Das kann Hinweise auf das intellektuelle Potenzial geben.
Wir alle machen beim Beobachten und Bewerten von Leistung allerdings Fehler, die zu Verzerrungen und Verfälschungen führen. Oftmals wird von guten Noten auf Intelligenz geschlossen, was nicht immer stimmt, da Gewissenhaftigkeit ebenfalls eine wichtige Rolle spielt, um in Tests gut abzuschließen. Zudem bleiben markante Situationen – etwa, wenn eine Schülerin etwas Außergewöhnliches wusste – besser im Gedächtnis, auch wenn sie für das Gesamtbild des intellektuellen Potenzials der Person nicht repräsentativ sind. Studien zeigen, dass Kinder weniger gebildeter Eltern von ihren Lehrkräften unbewusst als weniger intelligent eingeschätzt werden, als sie tatsächlich sind. Dies befördert Bildungsungerechtigkeiten. Und die Spannbreite der diagnostischen Kompetenzen verschiedener Lehrkräfte ist groß. Es ist wichtig, die eigenen diagnostischen Kompetenzen zu schulen. Durch Übung und gezielte Reflexion kann man sie deutlich verbessern – was der Förderung von Schülerinnen und Schülern zugutekommt.

Diagnostische Kompetenzen schulen

Üblicherweise wird diagnostische Kompetenz anhand der Übereinstimmung zwischen dem subjektiven Urteil der Lehrkraft und einem objektiven, standardisierten Test ermittelt. Die Psychologen Andreas Helmke und Friedrich-Wilhelm Schrader unterscheiden drei verschiedene Aspekte:

Niveau: Wie hoch schätzt die Lehrkraft die Leistungsfähigkeit ihrer Schülerinnen und Schüler ein? Wie sehr weicht diese Einschätzung von den Testergebnissen ab? Dies kann sowohl für einzelne Personen als auch für den Klassendurchschnitt bestimmt werden.

Streuung: Wie unterschiedlich sind die Schülerinnen und Schüler hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit? Schätzt die Lehrkraft dies als homogener oder heterogener ein?

Rang: Wenn die Lehrkraft ihre Schülerinnen und Schüler nach Leistungsfähigkeit sortiert, ist die Rangfolge dann dieselbe wie die eines Testverfahrens?

DIE AUTORINNEN

Dr. Tanja Gabriele Baudson, Hochschullehrerin des Jahres 2018, forscht an der Universität Luxemburg zu Hochbegabung. Sie ist Beisitzerin für Begabungsforschung und -förderung bei Mensa in Deutschland.

Dr. Sara Köser ist Psychologin, Diagnostikerin, aktives Mitglied bei Mensa in Deutschland und im Mind-Hochschul-Netzwerk.

Um ein realistisches Bild der eigenen diagnostischen Kompetenz zu erhalten, schlagen die Erziehungswissenschaftlerinnen Ingrid Hesse und Brigitte Latzko vor, zunächst eine subjektive Einschätzung vorzunehmen. Beispielsweise kann die Lehrkraft den Intelligenzquotienten der Schülerinnen und Schüler schätzen und dies dann mit den Ergebnissen eines standardisierten Tests abgleichen. Einen Intelligenztest kann beispielsweise eine Schulpsychologin mit der Klasse durchführen. Gemeinsam mit ihr werden dann Einschätzung und Test abgeglichen, Diskrepanzen interpretiert und pädagogische Schlüsse daraus gezogen, etwa: Unterschätze ich die Fähigkeiten meiner Schülerinnen und Schüler? Mache ich systematische Fehler, etwa, indem ich Mädchen fälschlicherweise schlechter oder besser einschätze als Jungen? Bei wem liege ich am stärksten daneben, und woran kann das liegen? So kann es Lehrkräften gelingen, die eigenen Bewertungsfehler zu reflektieren und durch den Abgleich ihre diagnostischen Fähigkeiten zu schulen.
Intelligenztests erfassen Denkfähigkeiten. Es ist belegt, dass intelligente Menschen im Durchschnitt größere schulische und berufliche Erfolge erzielen als weniger intelligente. Intelligentere Menschen sind gut sozial anpassungsfähig, aber ihr gesamtes Leistungspotenzial entfalten sie nur mit der passenden, herausfordernden Lernumgebung. Sobald eine Lehrkraft um das tatsächliche intellektuelle Potenzial der Schülerinnen und Schüler weiß, kann sie eine entwicklungsförderliche Lernumgebung angemessen gestalten – die sowohl den Schülerinnen und Schülern zugutekommt als auch den Lehrkräften die Arbeit erleichtert.

BEISPIEL: HOCHBEGABUNG

Wann ist ein Kind hochbegabt?

Wissenschaftlicher Konsens ist, dass eine intellektuelle Hochbegabung besteht, wenn in einem IQ-Test ein besseres Ergebnis erzielt wird, als 98 Prozent der Bevölkerung es erreichen würden. Dies entspricht in den meisten Tests einem IQ ab 130.
Der IQ wird allgemein als Maß der kognitiven Fähigkeiten verstanden. Er erfasst Fähigkeiten wie zum Beispiel logisches Denken oder räumliches Vorstellungsvermögen. Andere Begabungen, etwa soziale oder sportliche Fähigkeiten, erfasst er nicht; das ist aber auch nicht sein Anspruch. Insgesamt bleiben IQ-Tests derzeit das beste Untersuchungsinstrument für die Intelligenz.

Wie erkenne ich ein hochbegabtes Kind?

Generell sollte man auf Merkmale achten, die unmittelbar mit den Denkfähigkeiten zusammenhängen. Hochbegabte sind nicht weniger sozial kompetent oder weniger emotional stabil als durchschnittlich Begabte; ebenso wenig sind Verhaltensauffälligkeiten typisch für Hochbegabte. Fragen, die weiterhelfen können, aber nicht müssen, um hochbegabte Kinder zu erkennen:

›› Hat das Kind ein gutes Gedächtnis?

›› Stellt das Kind Zusammenhänge zwischen Themen her, erkennt es Parallelen?

››Wirkt das Kind bei schwierigeren Aufgaben motivierter?

›› Löst das Kind freiwillig oder „heimlich“ Zusatzaufgaben – möglicherweise auch in seiner Freizeit?

›› Stellt es sich selbst geistig anspruchsvolle Aufgaben?

Wie lässt sich Unterricht mit begabten Kindern individualisiert gestalten?

›› Bonus-Aufgaben, die die Kinder abgeben oder vorstellen dürfen – Stichwort: Enrichment

›› Projektunterricht für alle, aber mit höheren Anforderungen und größeren Freiheiten für die hochbegabten Kinder

›› Fächerübergreifende Projekte in Absprache mit anderen Fachlehrkräften, an denen gearbeitet werden darf, wenn Aufgaben erledigt sind. Anreiz: Ausstellung, Vorstellung in der Klasse/Schule, besondere Note

›› Klassenstufen zu überspringen, schafft entgegen zahlreicher Vorurteile für viele Kinder ein Umfeld, das intellektuell besser zu ihnen passt.

Weitere Infos auf:

www.mensa.de/ueber-den-iq/bildung

https://www.bmbf.de/upload_filestore/pub/Begabte_Kinder_finden_und_foerdern.pdf


Foto: © Mark Nazh / Shutterstock.com