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Bildungsgerechtigkeit? Yes, we can(not)!


unerzogen Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 04.10.2019

Die US-Amerikanerin Alexis Morin gründete 2009 mit einer Kommilitonin die NichtregierungsorganisationStudents for Education Reform (SFER) in Princeton. Auslöser dafür war die Chancenungleichheit in amerikanischen Klassenzimmern. Heute arbeitet SFER international. Ein Gespräch mit Alexin Morin.


Artikelbild für den Artikel "Bildungsgerechtigkeit? Yes, we can(not)!" aus der Ausgabe 3/2019 von unerzogen Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: unerzogen Magazin, Ausgabe 3/2019

Alexis Morin, in der Mitte, mit einigen Studenten, die Teil ihrer BewegungStudents for Education Reform sind.

Alexis Morin sitzt mit ausgestreckten Beinen auf einer Couch in Berlin. Draußen prasselt der Sommerregen. Ein leichtes Gewitter- Grummeln tönt aus der Ferne. Drinnen ist alles in ein warm-gelbes Licht ...

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Alexis Morin sitzt mit ausgestreckten Beinen auf einer Couch in Berlin. Draußen prasselt der Sommerregen. Ein leichtes Gewitter- Grummeln tönt aus der Ferne. Drinnen ist alles in ein warm-gelbes Licht gedimmt. An der Wand über Alexis Morin hängt ein Holzschild, auf dem in weißen Buchstaben auf Englisch »Home« geschrieben steht. Zuhause. Doch Morin ist nicht zu Hause. Sie ist unterwegs. New York City hat sie vor zwei Monaten verlassen, die von ihr gegründete NGOStudents for Education Reform auch. Dieses Interview ist das erste Mal, dass sie seitdem wieder über das Thema Schule redet.

Schule als Basis für die Zukunft

In der Schulzeit stört Alexis Morin eine Sache besonders: die Chancenungleichheit. »Je nach Rasse und sozialer Klasse funktioniert das amerikanische Schulsystem für jeden anders«, erzählt Morin. In ihrer Highschool waren alle weiß und wohlhabend. Fast jeder hatte einen Abschluss gemacht und ist danach zur Universität gegangen. »Normal«, dachte Morin, bis sie auf der Highschool erkennt, in welcher Blase sie lebt. Sie erkennt, dass sie privilegiert ist. Und sie erkennt, dass Schule ein Schlüsselfaktor ist. An Schulen in reichen Vierteln geht so gut wie jeder zur Universität. Doch nur 10 % der Schü- ler auf armen Schulen gehen zur Universität. Die Schüler ohne Uni-Abschlussbekommen keinen guten Job, bleiben arm und der Teufelskreislauf beginnt. »Schule ist das Ticket, um aus der Armut heraus zu kommen. Es sollte eine unglaubliche Möglichkeit für jeden bieten, aber das System tut das Gegenteil«, sagt Alexis Morin klar. Auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gibt es keine Chancengleichheit.

Alexis Morin stellt sich dem Kampf gegen Ungerechtigkeit

Als Alexis Morin nach der Highschool zur Universität geht, ist ihr bewusst, dass das ein Privileg ist. Doch sie will etwas verändern. Sie möchte, dass dieses Privileg nicht nur für Menschen wie sie garantiert ist. Das Privileg sollte ein Prinzip werden, das selbstverständlich ist. Sie setzt sich als Ziel, für Chancengleichheit zu kämpfen. Sie startet eine AG auf dem Campus – ein Programm, in dem Schulen besucht werden, viel über Bildung diskutiert und gelernt wird. Schon bald entstehen kleine Projekte und das Programm erreicht über 1000 Menschen. Dann gründet Morin eine NGO, die gemeinsam mit Schülern, in der Politik und an den Schulen vor Ort Ungerechtigkeit bekämpft.

Für die NGO bricht Morin ihr Studium ab – kurz vor ihrem Abschlussjahr. Die NGOStudents for Education Reform wird eine Netzwerkbewegung aus Studenten und Schülern, die in ihrem Umfeld für Bildungsgerechtigkeit kämpfen – in ganz unterschiedlichen Projekten. Momentan arbeitet die NGO z. B. in einem Projekt daran, dass in einem Schuldistrikt in den USA es in jeder Schule einen psychologischen Berater gibt. In einer anderen Kampagne kämpfen Studenten dafür, dass es keine höheren Schulkosten für Menschen ohne legalen Einwanderungsstatus gibt, denn in North Carolina müssen »undokumentierte Studenten« viermal so viel zahlen wie Amerikaner.


Ein Stundenplan, in dem Schüler sich sehen, motiviert sie.


Tabea Zorn

studiert Psychologie in Berlin. Letztes Jahr hat sie mitSchools of Trust eine Reise zu acht verschiedenen Freien Schulen in Deutschland, Holland und der Schweiz gemacht. Das neue Schulkonzept hat sie so fasziniert, dass sie nach der Reise in das Leitungsteam vonSchools of Trust eingestiegen ist. Seitdem sammelt sie Geschichten von Menschen, denen vor allem eine Sache auf dem Herzen liegt: Kinder sollen Spaß am Lernen haben.

Es gibt nicht die eine Lösung

Wer Morin durch das offene Fenster zuhört, der merkt nicht nur ihre Leidenschaft, sondern auch, wie verzwickt die Situation ist. Alles hängt irgendwie zusammen. Es gibt nicht die eine Lösung. Das System wirkt so verzwickt wie ein Labyrinth. Doch Alexis Morins Blick ist fokussiert. Sie kennt die Problematiken des amerikanischen Schulsystems und weiß, wo man in dem Labyrinth nicht weiterkommt. Sie hat diesem System ein Lebensjahrzehnt gewidmet. Den Ausgang des Labyrinths hat sie bis heute nicht gefunden. Morin hat Schulen gesehen, an denen es funktioniert – Schulen, an denen die soziale Klasse und Hautfarbe egal sei. Und das fänge klein an. An jeder Ecke des Labyrinths. Wenn es an einer armen Schule fast 70 % Lateinamerikaner gibt, sollten die Schüler nicht nur amerikanische Geschichte lernen. »Was ist mittellateinamerikanische Geschichte?«, fragt Morin mit einem Gesichtsausdruck von Verständnislosigkeit. »Wenn die Schüler sich selbst nicht im Stundenplan sehen, dann sind sie nicht motiviert.«

Aus dem kleinen Studentenprojekt wurde eine erfolgreiche NGO

Alexis Morins NGO ist aktiv an knapp 100 Schulen, doch in den USA gibt es über 26.500 staatliche Highschools. Ist das Labyrinth nicht endlos? »Ja, im Vergleich zu der Größe und Anzahl der Schulen in den USA fühlt sich unsere Arbeit niederschmetternd an«, sagt Morin, aber während sie das sagt, brennt das Feuer in ihr weiter. Ihr Motto? »Sei hungrig, besser zu werden, frag nach Ratschlägen, reflektiere.« Auf ihrem Schoß liegt ein schwarzes Notizbuch aus Leder. Ab und zu schreibt sie sich eine Notiz auf. Mit 22 Jahren hat sie ihre NGO geleitet. Dabei hat sie viel gelernt: »Es gibt keine magische Person, für die alles einfach ist.« – Oft hätte sie fast Panik bekommen. Sie dachte, sie sei überfordert oder, dass sie das alles gar nicht schaffen könne. Sie hat es geschafft.Students for Education Reform hat inzwischen etliche Preise gewonnen, über 25 Millionen Dollar an Spenden gesammelt und 21 Festangestellte.

Ein neues Kapitel beginnt für Alexis Morin

Der Regen hat sich gelegt. Durch das Fenster strahlen die letzten rot-orangen Sonnenstrahlen. Es ist ruhig. Nur ein paar Tropfen von der Dachrinne sind zu hören. Vor zwei Monaten hat Alexis ihre NGO verlassen, denn sie glaubt, dass sie langfristig nicht die Person sei, die die NGO leiten solle. Stattdessen sollte das eine Person mit einer anderen Hautfarbe sein. »Die besten Ideen kommen von den Menschen, die diese Ungerechtigkeit erlebt haben. Wenn Menschen über ihre eigene Erfahrung reden, dann ist das sehr kraftvoll.« Diese Kraft wolle sie ihrer NGO nicht nehmen.

»Aber die NGO war das Coolste, Bestmögliche, womit ich meine 20er Jahre verbringen konnte«, sagt Alexis Morin und lässt daran keine Zweifel. Jetzt macht sie eine Weltreise. Entdeckt. Liest. Reflektiert. »Es ist emotional. Meine Identität wurde lange durch die Bewegung gefüllt. Jetzt muss ich schauen: Wer bin ich eigentlich ohne diesen Teil meines Lebens?« Alexis Morin, die manches im amerikanischen Bildungssystem verändert hat, verändert jetzt sich selbst.