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BILLIE EILISH & DIE REVOLUTION DES SCHRÄGEN


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 9/2019 vom 29.08.2019

Sie ist die erfolgreichste Debütantin des Jahres. Ein Besuch bei dem 17-jährigen Popwunder in Los Angeles – und ein paar irre Tage auf Tour


Artikelbild für den Artikel "BILLIE EILISH & DIE REVOLUTION DES SCHRÄGEN" aus der Ausgabe 9/2019 von Rolling Stone. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 9/2019

Billie Eilish beim Shooting für den ROLLING STONE


FOTOS VON PETR A COL L INS

HEY, BILLIE!“, RUFT IHRE MOM AUS DER KÜCHE.
„Räumst du heute endlich dein Zimmer auf?“

„Yeaaah …“, antwortet die 17-Jährige und dehnt das Wort so demonstrativ, dass es an ihrer Begeisterung keinen Zweifel lässt. Obwohl sie auf dem Sofa im Wohnzimmer sitzt, ist das Rollen ihrer Augen unüberhörbar.

Mom wendet sich an mich: „Kann sie ihr Zimmer aufräumen, während Sie Ihr Interview führen? Ist das ...

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... okay für Sie?“

Familie Eilish wohnt in einer begrünten Straße in Highland Park, einem gentrifizierten, semiurbanen Stadtteil von L.A. Mit seinen zwei Schlafurbanen Stadtteil von L.A. Mit seinen zwei Schlafzimmern und den überquellenden Bücherborden wirkt der Bungalow eher etwas beengt – er beherbergt dafür aber auch das pralle Leben. Fünf Bewohner drängen sich hier auf engstem Raum: die Eltern, Katze Misha, Hund Pepper und der größte, aufregendste Popstar des Jahres 2019.

„When We All Fall Asleep, Where Do We Go?“ , ihr Debütalbum, wurde im Frühjahr veröffentlicht und bereits mehr als zwei Milliarden Mal gestreamt. Letzte Woche war sie in Australien auf Tour, morgen macht sie sich auf den Weg zu einem Festival in England. Anschließend wird sie vier Wochen lang Stadien und Amphitheater in den USA bespielen, die natürlich allesamt ausverkauft sind. Doch dieser Nachmittag ist eine Rarität in ihrem Leben geworden: ein freier Tag im elterlichen Heim.

Also tut sie das, was jede 17-Jährige in dieser Situation täte: Sie surft im Internet und hängt ihren Gedanken nach. Ans Aufräumen ihres Zimmers denkt sie nicht.

„Wisst ihr eigentlich, dass Brokkoli nicht wild in der Natur wächst?“, fragt sie und schaut dabei auf ihr Smartphone. „Das ist ein Gemüse, das von Menschen gezüchtet wurde!“

„Ich habe Brokkoli geerntet, als ich noch ein Kind war“, sagt ihre Mutter.

„Nein, hast du nicht!“, kontert Eilish. „Ich hab in Safari gerade eine Seite aufgerufen, die mir alles über die Geschichte von Brokkoli erzählt.“

Eilish wurde im Dezember 2001 geboren, was sie zum ersten Popstar macht, der in diesem Jahrtausend geboren wurde und bereits ein Nummer1Album vorweisen kann. Sie ist so sehr Generation Z, dass neben ihr selbst Twentysomethings angestaubt wirken: Sie hat noch nie in ihrem Leben eine CD gekauft. Sie gibt Sachen von sich wie: „Ich werde nie 27 – wer will schon so alt werden?“ Sie ist wahrscheinlich auch der einzige Popstar der Welt, der noch immer zu einem Kinderarzt geht. („Es ist schon seltsam“, sagt ihre Mom. „Im Wartezimmer sitzen lauter Vierjährige – und mittendrin Billie.“)

Eilish hat die Popwelt dadurch erobert, dass sie Sachen macht, die man tunlichst nicht machen sollte. Ihre Musik ist abgründiger, schräger und weirder als die der meisten gleichaltrigen Kollegen. Während andere nicht ohne Bubblegum auskommen, setzt sie lieber auf Goth und Punk. Für ihre TeenagerFangemeinde ist sie so etwas wie die coole Kunststudentin, die sich so gibt und kleidet, wie sie selbst gern wären: stylish, schrill und ein bisschen gefährlich. (Auf ihrer Hitsingle „Bad Guy“ singt sie: „I’m the bad type, makeyourmamasad type, mightseduceyourdad type.“ Wahrscheinlich sähe sie ihr Fahndungsfoto liebend gern bei „Parents Beware“, der TV-Institution, mit der US-Medien die armen Kinder vor dem Schlimmsten zu schützen versuchen.) Sie zelebriert ihre Aufsässigkeit, neigt aber gleichzeitig auch zu Nihilismus und demonstrativem Desinteresse. Anders gesagt, sie liefert den perfekten Soundtrack für eine Generation, die schon mit einem halben Dutzend existenzieller Krisen konfrontiert wird, bevor sie morgens zur Schule geht. Darüber hinaus kann sie aber auch verspielt sein, boshaft, verletzlich, verunsichert, melancholisch – mit anderen Worten: ein Teenager.

Anders als die TeenSensationen früherer Generationen kann Billie Eilish immerhin auf eine halbwegs organische Karriere zurückblicken. Vor vier Jahren hatte sie eine wundervolle Ballade namens „Ocean Eyes“ eingesungen, die von ihrem älteren Bruder Finneas geschrieben und produziert worden war. Der Song war ursprünglich für Billies Tanzlehrerin gedacht, die sich Musik für bestimmte Tanzsequenzen gewünscht hatte. Doch nachdem Eilish einen Upload bei SoundCloud gemacht hatte, nahm das virale Wunder seinen Lauf. Es dauerte natürlich nicht lange, bis auch die altehrwürdige Musikindustrie auf der Matte stand. Und bevor ihr Debütalbum erschienen war, konnte sie bereits eine Milliarde SpotifyStreams für sich verbuchen.

Das sind Zahlen und Auszeichnungen, denen sie herzlich wenig abgewinnen kann. Der erste Sound auf dem Album ist das schmatzende Geräusch, das beim Entnehmen ihrer Zahnspange entsteht. Es ist dieser hyperreale Naturalismus, der ihr künstlerisches Selbstverständnis bestens veranschaulicht. Ihre Musik, die sie noch immer mit ihrem Bruder im Schlafzimmer zusammenbastelt, ist so gänzlich anders als alles, was die sieben, acht Superprofis produzieren, die heutzutage den TeenpopMarkt dominieren.

Wenn man ihren Erfolg zu erklären versucht, steht ihr Talent, Affektiertheit und Bullshit beim Namen zu nennen, sicher auf einem der vorderen Plätze. „Wir müssen Billie manchmal aber auch klarmachen, dass es im Leben gewisse Dinge gibt, die durchaus ihre Berechtigung haben“, erzählt ihre Mutter. Ihr Vater beschreibt sie als kompromisslosen Sturkopf, der „keine Geduld hat mit Menschen, die sie nicht interessieren, und dem es völlig egal ist, ob man ihn mag oder nicht“. Er erinnert sich an einen Tag, an dem ihr ein paar Plattenmanager eine Goldene Schallplatte überreichten. „Andere Künstler würden sich vermutlich überschlagen, eine Plakette mit einer goldenen Schallplatte zu bekommen. Billies Reaktion hingegen war: Wozu brauch ich den Quatsch?“


„Andere Menschen würden sich vermutlich dafür überschlagen, eine Goldene Schallplatte verliehen zu bekommen. Billies Reaktion war: Wozu brauch ich den Quatsch?“


AUF FOTOS SIEHT MAN SIE SELTEN LACHEN, doch in natura ist Eilish witzig, abgedreht und zum Schießen theatralisch und komisch. Sie zieht wundervolle Grimassen, und sollte sie doch einmal als vorlaute Göre rüberkommen, dann immer mit einem ironischen Augenzwinkern. Ihr Haar (meist blau, zurzeit aber espressobraun gefärbt) und ihr typischer StreetwareLook: Hoodie, BasketballShorts, Air Jordans, alles in Übergröße, verleihen ihr eine eher androgyne Note. Dutzende von silbernen Ringe an ihren Fingern („Bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen ist sie der reinste Horror“, sagt ihr TourManager) und fünf Zentimeter lange Acrylklauen dokumentieren dagegen auch ein Faible für weibliche Accessoires. „Sie sollten eigentlich die gleiche Farbe wie meine Haut haben“, sagt Eilish. „In Wirklichkeit sehen sie aber pink aus. Ich hasse es!“

Da ihr Ruhm gerade in diesem Jahr exponentiell wuchs, ist Eilish noch immer damit beschäftigt, die neuen Erfahrungen zu verarbeiten. Unlängst musste sie in Behandlung, weil sich auf ihrer Haut Ekzeme gebildet hatten. Der Arzt erklärte ihr, dass ihr Körper auf diesem Weg signalisiere, ihm werde der Stress zu viel, den müsse sie reduzieren. Dann wurde Eilishs Adresse im Internet veröffentlicht – mit dem Erfolg, dass schon am ersten Tag drei Pappnasen vor der Tür standen, darunter ein älterer Typ, der eigens aus San Diego angereist war. Eine Zeit lang hatten sie einen Bodyguard, der im Wohnzimmer übernachtete. „Das war eine echt traumatische Erfahrung!“, sagt sie. „Ich fühle mich in meinem eigenen Haus nicht mehr sicher – und das ist wirklich witzlos!“

An diesem Nachmittag ist die ganze Familie mit Packen beschäftigt: Ein Monat auf Tour will vorbereitet sein. Ihr Vater fährt zu ihrem externen Lagerraum, um Billies Elektroroller zu holen, während Mom wäscht, kocht und Koffer packt. Einmal erscheint sie mit einem Paar BluetoothLautsprecher im Türrahmen: „Honey, nehmen wir die mit?“

„Nein“, sagt Eilish, „mein Rucksack(der eingebaute Lautsprecher hat) ist mir lieber.“

„Vielleicht willst du ja einen Ersatz in der Hinterhand haben – nur für den Fall der Fälle?“

Billie Eilish in ihrem Dodge


„Nein“, sagt Eilish.
„Bist du dir hundertprozentig sicher?“

Eilish seufzt. „Von mir aus pack sie ein, aber ich werde sie nicht brauchen.“

„Okay!“, sagt Mom. „Soll ich sie nun einpacken oder nicht?“

Eilish wirft entnervt ihre Hände in die Luft.

„Oh mein Gott!“

Um ganz ehrlich zu sein, sie hat nicht unbedingt Lust auf diese Tournee. Genau genommen ist sie sogar ausgesprochen genervt. Wenn man 17 ist, hat man eigentlich nirgendwo die Freiheit, die man sich wünscht. Sie hasst auch die Vorstellung, so lange von ihren Freunden getrennt zu sein. Sie ist sich sicher, dass, wenn sie zurückkommt, ihre Clique modisch auf einem völlig anderen Trip sein wird und InsiderInsiderJokes zum Besten gibt, die sie nicht mehr versteht. „Es ist eine komplizierte Geschichte“, sagt sie. „Da habe ich in meinem Leben diese einmalige Chance … die ich auch gar nicht schlechtreden will … was ich auch nicht tue … Aber es gibt Sachen, die mir doch auf den Keks gehen!“

Billies Hirn hat schon immer etwas anders funktioniert. Als Kind wurde bei ihr das TouretteSyndrom diagnostiziert, das sich in ihrem Fall etwa in einer ungewollten Drehung des Kopfes bemerkbar macht. Sie kann diese Impulse normalerweise steuern, ist aber hilflos, wenn gewisse Umstände – wie die Beschäftigung mit Mathematik! – die Störung begünstigen. Hand in Hand mit Tourette geht ihre Synästhesie, ein neuronaler Kurzschluss, durch den alle sinnlichen Eindrücke miteinander verschmelzen. „In meinem Kopf“, sagt sie, „habe ich eine Farbe, eine Form und eine Nummer für jede Person, die ich kenne.“ Finneas zum Beispiel ist ein orangefarbenes Dreieck, wohingegen sie den Namen Finneas mit einem dunklen Grün assoziiert. Ihr Song „Bad Guy“ „ist gelb, aber auch rot. Und er hat die Nummer 7. Er ist nicht heiß, aber warm – wie ein Ofen. Und er riecht nach Keksen.“

Eilish ist eigentlich ihr zweiter Vorname. Vor ihrer Geburt hatten ihre Eltern (Maggie Baird und Patrick O’Connell) eine Doku über die siamesischen Zwillinge Katie und Eilish Holton gesehen und beschlossen, ihre Tochter Eilish zu nennen, sollten sie je eine Tochter bekommen. Doch als Maggie tatsächlich schwanger war, verstarb ihr Vater, Bill, weshalb Billie nach ihm benannt wurde. Nur dumm, dass Billie mit ihrem Namen gar nicht glücklich war: „Er klang so, als würde eine Ziege einen Menschen spielen wollen: Billie Goat O’Connell.“(Der „billy goat“ ist im Englischen der Ziegenbock.)

Eilish war ein sensibles Kind, das unter extremer Trennungsangst litt. Sie schlief im Bett ihrer Eltern, bis sie zehn Jahre alt war. Ihr Vater erzählt, dass man sie bis zu ihrem zwölften Lebensjahr rund um die Uhr betreute. Maggie und Patrick, beide „überwiegend arbeitslose Schauspieler“ (seine Worte), hatten ihre Ambitionen frühzeitig hintangestellt, um ihren Kindern das in den USA mögliche Homeschooling zuteil werden zu lassen. Sie ließen Billie und Finneas (inzwischen 22 geworden) praktisch freie Hand, sich ihren Lehrstoff selbst auszusuchen. Das konnten Kunstkurse sein, Museumsbesuche oder wissenschaftliche Kurse an der Cal Tech. „Unsere Position war und ist: Allgemeinwissen ist wichtiger als alles andere“, sagt der Vater. „Man sollte wissen, warum der Himmel blau ist. Esoterischen Ballast auswendig zu lernen, den man nie in seinem Leben braucht, hat hingegen überhaupt keinen Sinn.“ (Billie bestand das Examen, das einem HighschoolAbschluss gleichkommt, bereits mit 15 Jahren.)

EILISH VERSUCHTE ES EIN PAARMAL mit Schauspielerei, fühlte sich aber immer wie ein Fremdkörper. „Ich ging genau zweimal vorsprechen“, sagt sie, „und das war echt zum Abgewöhnen: ein gruselig steriler Raum mit einem Haufen Kinder, die alle identisch aussahen. Ich bin sicher, dass die meisten schauspielernden Kinder Psychopathen sind.“ Sie hatte mehr Spaß beim „Looping“, bei dem Tonaufnahmen für Massenszenen produziert werden. „Ein paar Kinder krakeelen herum und werfen sich sinnlose Sachen an den Kopf. Zwischendurch gibt es eine Pause, in der man den Kindern ein paar Snacks in die Hand drückt.“ Was ja durchaus eine gewisse Ähnlichkeit mit ihrer heutigen Situation hat.

Und dann gab es da natürlich noch die Musik. Die Familie hat drei Klaviere im Haus, darunter ein heruntergekommener Flügel, den Patrick für lau im Internet fand. Maggie spielte Gitarre und brachte ihren Kindern das Einmaleins des Songschreibens bei: Das sind Strophen, dies sind Akkorde … „Wir hatten eine Art ungeschriebenes Gesetz im Haus“, sagt Maggie. „Solange jemand Musik machte, musste er nicht ins Bett.“

Sollte das ein Rezept gewesen sein, um musikalischen Nachwuchs zu fördern, war es höchst erfolgreich. Finneas bekam mit drei Jahren sein erstes Drumset und lernte mit elf Klavier spielen. Billie schrieb ihren ersten Song mit vier auf der Ukulele, trat mit sechs in schulischen Talentshows auf und wurde mit acht Mitglied des L.A. Children’s Chorus. Mehr und mehr machte sie auch Musik mit dem älteren Bruder. Finneas, der als Kind Minirollen in „Modern Family“ und „Glee“ spielen durfte, hatte sich vom Honorar einen iMac gekauft, auf dem sie nun ihre Musik produzierten. Doch als Billie ihren Plattendeal unterschrieb, kam, was kommen musste: Die „Musikprofis“ schlugen ihr vor, fortan doch besser ein „richtiges“ Studio zu nutzen, in dem ihr auch gestandene Produzenten und Songschreiber unter die Arme greifen könnten.


„Da waren diese 50jährigen Männer, die diese ‚Riesenhits‘ geschrieben hatten, sich aber als totale Nieten herausstellten. Und keiner wollte auf mich hören. Ich hasste es!“


Eilish war nicht begeistert. „Ich hasste es von ganzem Herzen! Da waren diese 50jährigen Männer, die diese ‚Riesenhits‘ geschrieben hatten, sich aber tatsächlich als totale Nieten herausstellten. Ich sagte nur: Oh Gott, das hat man vielleicht vor hundert Jahren so gemacht! Und sie alle wollten natürlich auch nicht auf mich hören, weil ich ein 14jähriges Mädchen war. Ich sagte: Wir haben ‚Ocean Eyes‘ auch ohne diese Leute geschrieben. Warum sollten wir daran was ändern?“

Als die Aufnahmen zum Debüt anstanden, hatte sie sich durchgesetzt. Sie schrieb 11 der 13 Songs mit Finneas, der zwei weitere beisteuerte und das gesamte Album auch produzierte. Sie arbeitete in Schüben: manchmal 45 Minuten, manchmal die ganze Nacht. Ihre Vocals nahm (und nimmt) Eilish immer auf dem Bett des Bruders sitzend auf. Stilistisch ist ihre Musik eine genreübergreifende Mischung aus den „Confessionals“ einer Lorde, federndem BennyBlancoPop, 808-TrapBeats und Kanyes radikalen SoundReduktionen der„Yeezus“ Phase.

Stimmlich liegt sie irgendwo zwischen Lana Del Rey und dem frühen Eminem, wechselt von melodischen Raps zu flüsternden Balladen, stets begleitet von einem minimalistischen Beat. „Billies Stimme hat einen begrenzten Umfang“, sagt Finneas. „Wenn man zu viele Instrumente in dieses Spektrum quetscht, verliert ihre Stimme die Konturen. Mischt man sie dagegen nur mit Bass, Kickdrums und einer tiefen Snare, passt alles wunderbar zusammen.“

Vor ein paar Monaten kaufte Finneas sich ein Haus. Es ist nur vier Minuten vom Elternhaus entfernt, wo aber noch immer sein ganzes Equipment im Schlafzimmer steht. „Wenn meine Eltern sagen würden, wir brauchen den Platz, wäre das kein Problem. Aber solange sie Billie die Möglichkeit geben wollen, zu Hause Musik zu machen, bleibt das Equipment erst mal, wo es ist.“

Ihren Heimurlaub möchte Billie diesmal auch dazu nutzen, endgültig die Sache mit den Pferden in Angriff zu nehmen. In der Nähe ihres Hauses gibt es Stallungen, wo sie als Mädchen reiten lernte. Da ihre Eltern den Unterricht nicht bezahlen konnten, arbeitete Billie im Stall und striegelte nach dem Ausritt die Pferde ab. „Ich traf auch ein paar nette Leute“, sagt sie, „aber die meisten waren extrem unfreundlich. PferdeSnobs mögen keine armen Schlucker.“

Doch da sie nun selbst Geld hat, möchte sie Zugang zu einem Pferd, wann immer sie zu Hause ist. „Es ist nicht mal so sehr ein Hobby“, sagt sie, „sondern mehr eine notwendige Maßnahme, um meine psychische Gesundheit zu stabilisieren.“

Draußen am Bordstein steht bereits ein anderer Untersatz: ein mattschwarzer Dodge Challenger, den sie auf den Namen „Dragon“ getauft hat. „Gucken Sie sich bloß diesen geilen Hintern an!“, sagt sie. „Ich hab dieses Auto schon mit 13 geliebt!“ Klar, dass Billie es kaum fassen konnte, als plötzlich einer vor ihrem Haus stand: ein Geschenk der Plattenfirma zu ihrem 17. Geburtstag.

Bis vor fünf Tagen durfte sie ihn nur in Begleitung von Vater oder Mutter fahren, inzwischen hat sie aber endlich ihren offiziellen Führerschein. „Hier, schauen Sie mal!“, sagt sie und zeigt mir stolz das druckfrische Dokument. „Name: Billie Eilish O’Connell. Eyes: Blue. Hair: Other.“

BÜHNENPOWER

Billie Eilish beim Coachella-Festival im April: Inzwischen bringen ältere Rockstars wie Dave Grohl, Eddie Vedder, Billie Joe Armstrong und Thom Yorke ihre Kinder mit, um Eilish anzuschauen und dem Popstar kurz hallo zu sagen. „Yorke war etwas griesgrämig“, erinnert sich ihr Tourmanager, aber immerhin lobte er sie sehr: „You’re the only one doing anything fucking interesting nowadays.“

BRUDERLIEBE

Billie 2005 mit Bruder Finneas, in dessen Schlafzimmer ihr Debüt entstand

FAMILIENBANDE

Eilish mit Vater, Mutter und Bruder. Die Eltern unterrichteten die Kinder zu Hause

Vor den Stallungen begrüßt der Besitzer sie mit einer herzlichen Umarmung. Sie gehen hinein, um ihre Optionen zu besprechen. Er schlägt ein „Half„HalfLease“ vor, das ihr den Zugang zum Pferd garantiert, wann immer sie den Wunsch verspüren sollte. Die Kosten dafür würden sich auf tausend Dollar im Monat belaufen. „Wir können uns das wirklich nicht leisten“, sagt ihre Mutter. „Aber sie natürlich schon.“

Nach dem Geschäftlichen unternimmt Eilish einen Spaziergang durch die Stallungen, um die Pferde zu besuchen. Sie kennt die meisten von ihnen noch beim Namen: Rosie, Clover, Frenchie, Captain America, die Ponys Jellybean und Tinkerbell. Sie tätschelt jedes Pferd und streckt die Hand aus, um sich beschnüffeln zu lassen.

Schließlich kommt sie zu einer atemberaubend schönen Stute, die pechschwarz ist und Jackie O. heißt. Eilish ist hin und weg. „Ich hab mich damals Hals über Kopf in sie verliebt“, sagt sie. Sie nahm ihre Reitstunden auf dem Pferd, „doch dann kam dieses andere Mädchen und wollte auch Jackie O. reiten“. Und da sie dafür zahlte, bekam sie natürlich den Vorrang. Eilish war am Boden zerstört und wollte vom Reiten nichts mehr wissen. Der Gedanke, dass jemand anderes auf Jackie O. sitzen könnte, trieb sie in den Wahnsinn. „Selbst als ich nicht mehr zum Reiten kam, guckte ich aber immer mal wieder rein, um Hallo zu sagen.“ Sie streicht dem Pferd über den Hals und grinst. Jackie O. macht ebenfalls den Eindruck, als würde sie sich an das Menschenkind erinnern.

WIEDER ZU HAUSE SETZT SIE SICH aufs Sofa, starrt aus dem Fenster und wartet auf den Tee, den ihre Mutter aufbrühen will. „Mom, kannst du mein Skizzenbuch mitbringen?“ Als Mom es bringt, schlägt Eilish ihre papiergewordenen Erinnerungen auf, um mich durch die geheime Welt des modernen Teenagers zu lotsen. „Eine Weile habe ich alles, was mir so durch den Kopf ging, in dieses Buch geschrieben“, sagt sie. „Seit einiger Zeit habe ich allerdings nichts mehr notiert, weil ich meine Gefühle lieber für mich behalte.“

Sie blättert durch Seiten mit Zeichnungen und groben Entwürfen, darunter optische Täuschungen, Bilder mit Spinnen oder der HorrorfilmFigur Babadook. Es gibt noch ein weiteres angsteinflößendes Wesen, das gelegentlich in ihren Träumen auftaucht. Es sieht aus wie eine Kreuzung aus Schlange und dem Xenomorph aus „Alien“, ist in Wirklichkeit aber „die Person, die ich sehe, wenn ich versuche, mir mich selbst vorzustellen“.

Der größte Teil des Buchs ist jedoch Texten vorbehalten: Passagen aus ihren liebsten RapNummern, eigenen SongLyrics, zum Teil veröffentlicht, zum Teil im noch unvollendeten Frühstadium. „Und dann gibt’s natürlich auch eine ganze Menge dummes 14-JährigenZeug.“ (Auf einer Seite heißt es: „You really know how to make me cry.“ Oder: „I just want to hold you“ – wobei „hold“ durchgestrichen und durch das Wort „fuck“ ersetzt wurde.)

Eilish blättert weiter. „Und diese Seite … uff … das bin ich auf der Höhe meiner Depression.“ „Scared, broken and alone“, lese ich. Und: „I’m sad again.“ – „Ja“, sagt Eilish, „das war die Zeit, als ich überhaupt nicht gut drauf war.“

Es begann, als sie mit 13 einen Unfall hatte. Seit Jahren hatte sie professionellen Tanzunterricht genommen: Ballett, Stepptanz, Jazz, HipHop. Mit zwölf trat sie einer „competitive dance company“ bei, die Wettbewerbe und Ausscheidungen bestritt. Da waren „wirklich hübsche Mädchen“, was dafür sorgte, „dass ich verunsicherter war als jemals zuvor. Ich konnte mich nicht mehr entspannt verhalten oder überhaupt sprechen. Und diese winzigen Leibchen, die man dort trägt, machten alles nur noch schlimmer. Ich konnte mich nicht mehr im Spiegel ansehen!“

Und dann passierte das Malheur. „Es gibt da so eine Faustregel: Vor dem 16. Lebensjahr ist der Knorpel in den Hüften noch nicht fest“, erklärt sie. „Man ist dann noch am Wachsen. Ich war in einem HipHopTanzkurs für Fortgeschrittene, zu dem nur ältere Tänzer gingen“, als sie sich einen Riss in der sogenannten Wachstumsfuge zuzog – und mit der Tanzerei komplett aufhören musste.

„Ich glaube, das war die Phase, in der die Depression richtig zuschlug“, sagt sie. „Ich fiel in ein tiefes Loch und fing sofort mit dieser ganzen SelbstverstümmelungsGeschichte an. Ich mag nicht in die Details gehen, aber der Impuls selbst ist leicht zu erklären: Man hat das Gefühl, völlig zu Recht mit Schmerzen bestraft zu werden. Mein Verhältnis zu mir selbst war jedenfalls nur noch ein schlechter Scherz.“

Sinnigerweise war es auch die Zeit, in der ihre Karriere wirklich abhob. „Ja, das ist schon verrückt“, sagt sie. „Wenn Außenstehende an Billie Eilish mit 14 denken, sehen sie wohl ausschließlich die positiven Seiten. Aber ich denke nur daran, wie dreckig es mir ging. Die Jahre von 13 bis 16 waren der Horror!“

Irgendwann verzogen sich die dunklen Wolken. „Depressionen sind mir inzwischen fremd – seit mindestens einer Minute –, und das ist ein großartiges Gefühl. Die 17 hat mir das bislang beste Jahr meines Lebens beschert.“ Doch eine tiefer liegende Traurigkeit ist geblieben. „Wenn ich bei meinen Shows ins Publikum schaue, dann sehe ich oft Mädchen mit Narben auf den Armen, und das bricht mir das Herz. Ich habe keine Narben mehr, weil sie alle verheilt sind, aber ich habe mit einigen dieser Mädchen gesprochen und ihnen gesagt: Just be nice to yourself. Ich weiß, wie es sich anfühlt. Ich war selbst an dem Punkt.“

UND DANN SIND WIR SCHLIESSLICH mit Billie Eilish on the road. Die Tour startet in San Francisco, hakt den Nordwesten der USA ab und macht in Utah Station, als ich wieder zu dem reisenden Familienbetrieb stoße. Die riesige Konzerthalle steht am Rande des Great Salt Lake.

Eilish läuft von Kopf bis Fuß in Neongrün gekleidet auf die getrocknete SalztonEbene hinaus, kommt für den Soundcheck in die Halle und rekrutiert Vater, Finneas und ein paar andere Jungs für eine Runde Frisbee, die schnell in eine HipHopParty ausartet. Dann kommt sie wieder rein, um sich abzukühlen und einen veganen Burrito zu verdrücken. (Eilish ist ihr Leben lang Vegetarierin und hat noch nie Fleisch angerührt.) Sie spült den Burrito mit Mineralwasser hinunter, das ihre Mutter ihr reicht, weil ihr zuckerhaltige Softdrinks ein Gräuel sind. Nein, ganz so wüst wie auf der ’72erauf 72erTour der Stones geht es im Hause O’Connell nicht zu.

Könnte das vielleicht ihr kleines dunkles Geheimnis sein? Sollten ihre unflätigen Affronts und Rundumschläge nur die Tatsache kaschieren, dass sie in Wahrheit ein ausnehmend braves Kind ist? Sie trinkt nicht, hat noch nie eine Droge angefasst und kommt, wenn sie im Song „Xanny“ über Pillen singt, zu einem vernichtenden Urteil. Sicher, Eilish flucht noch immer wie ein Bierkutscher, hält sich aber zumindest auf ihrem Album zurück. Finneas behauptet, dass das kein Zufall sei: Billie Eilish ist die Antiheldin, deren Musik man auch hören kann, wenn man zusammen mit Mama und Papa im Auto sitzt.

Brian Marquis, ihr Tourmanager, fühlt sich von Eilishs Musik an einige der Bands erinnert, die er in den Neunzigern liebte: Portishead, Nine Inch Nails … Und viele seiner GenX- Idole haben inzwischen selbst Kinder. Und diese Kinder sind nun genau im richtigen Alter, um BillieEilishFans zu sein. Glaubt man Marquis, kommen diese Väter oft genug nur hinter die Bühne, um ihren Kindern den eigenen Stellenwert vorzuführen: Dave Grohl. Billie Joe Armstrong. Thom Yorke.

„Yorke war erwartungsgemäß ein schwieriger Kandidat“, erzählt er. „Etwas griesgrämig und schroff.“ Er sei nach dem Konzert auf Billie zugegangen und habe etwas genervt gemurmelt: „You’re the only one doing anything fucking interesting nowadays.“

Eilish kennt diese Leute, versinkt deshalb aber nicht vor Ehrfurcht im Boden. Ihr Vater erzählt, dass Eddie Vedder zu ihrem Gig in Seattle und anschließend auch hinter die Bühne gekommen sei. „Billie war ausnehmend nett zu ihm und seiner Tochter, doch dann machte sie sich auch gleich wieder aus dem Staub.“

Eilishs plötzlicher PromiStatus hat zur Folge, dass ihre Gigs heute mit ihrer ersten Tournee vor zwei Jahren keinerlei Ähnlichkeiten mehr haben.
Damals waren sie zu sechst in einem Van unterwegs, Vater Patrick kümmerte sich um das Licht und wechselte sich mit Marquis hinterm Steuer ab. Ihr Hotelbudget betrug 100 Dollar pro Nacht, was bedeutete, dass Billie, Finneas und ihre Eltern in einem Zimmer schliefen und sich manchmal sogar ein Bett teilen mussten. „Das hatte seinen ganz eigenen Charme …“, sagt Patrick. „Es war die Hölle!“, sagt Eilish.

Doch obwohl sie inzwischen mit vier Bussen unterwegs sind und eine 37köpfige Crew haben, ist das Ganze ein Familienbetrieb geblieben. Patrick, der zwischen Schauspieljobs auch mal als Schreiner gearbeitet hat, ist dank seines handwerklichen Talents ein perfektes Mädchen für alles. Maggie fungiert als guter Geist der Crew, kümmert sich aber auch um die individuellen Wehwehchen ihrer Tochter. Sie ist der psychologisch geschulte Empfangsdrache, der all ihre Kontakte zur Außenwelt überwacht. „Ich weiß einfach, wie sie tickt“, sagt sie, „und wie Impulse von außen ihre Stimmung beeinflussen. Schlimmstenfalls können sie ihr den ganzen Tag versauen.“

Und natürlich machen sie sich auch manchmal Sorgen um ihre Tochter. „Als der ganze Zirkus anfing“, erinnert sich Maggie, „da war meine größte Befürchtung, dass sie ausgesogen und schließlich achtlos weggeworfen werden würde.“ Doch wenngleich dieses Szenario nicht eingetroffen sei, will sie achtsam bleiben. „Ihre frühen Jahre als Teenager wurden ihr schlicht und einfach geraubt“, sagt Patrick. „Mit 14 Jahren hat man sie kreuz und quer durch Amerika gejagt. Selbstverständlich sind wir dankbar dafür, dass sie jetzt die Gelegenheit hat, all diese wunderbaren Erfahrungen zu machen, aber wir wollen auch weiterhin dafür sorgen, dass wir der Puffer zwischen ihr und dieser alles verschlingenden Musikindustrie sind.“

An einem Tag während der Tour finde ich die Zeit, ein weiteres Gespräch unter vier Augen mit ihr zu führen. Sie gesteht, dass sie während unserer ersten Begegnung „nicht gut drauf“ war. „Das war eine der schlimmsten Wochen, die ich je durchgemacht habe! Absolut hoffnungslos. Ich habe eigentlich nie Probleme mit Angstgefühlen gehabt, aber in dieser Woche hatte ich eine Panikattacke nach der anderen. Jede Nacht hab ich zwei Stunden lang nur geheult.“


„Wenn fremde Leute an Billie Eilish mit 14 denken, sehen sie nur den Erfolg. Ich aber denke nur daran, wie dreckig es mir ging. Die Jahre von 13 bis 16 waren der Horror!“


Es war die anstehende Tour, der ihren mentalen Zusammenbruch auslöste. „Die Vorstellung, wieder die Koffer packen zu müssen, war unerträglich. Es war ein Gefühl, für immer in der Vorhölle gefangen zu sein. Und ganz ehrlich: Momentan sieht mein Tourkalender auch genau so aus.(Bis weit ins nächste Jahr hinein ist sie tatsächlich voll ausgebucht.) Wenn ich daran denke, würde ich am liebsten kotzen!“

Eilish hat aber auch Angst davor, allein zu sein. „Immer wenn ich nicht unter Leuten war, hatte ich so ein Gefühl, innerlich zu zerbröseln. Wenn mir ein Freund abends sagte, ich gehe jetzt nach Hause, bis morgen, dann war das wie ein Messer, das mir in den Bauch gerammt wurde.“ Sie erwähnt auch den Impuls, sich selbst zu verletzen. „Ich hatte Angst, dass etwas passieren könnte – selbst wenn ich nur eine Stunde lang allein war. Ich traue mir einfach nicht über den Weg.“

Ihr war bewusst, dass sie sich vor der Tour irgendwie mental fit machen musste, und ging zu einem Therapeuten. „Ich bin nicht der Typ, der gute Ratschläge hören will – weil ich sie sowieso nicht befolge. Ich will einfach nur, dass mir jemand zuhört.“ Nach einer Weile fühlte sie sich immerhin besser. Sie konnte wieder Zeit mit ihren Freunden verbringen, konnte mit Dragon durch die Gegend brausen und sogar mit Jackie O., ihrer alten Liebe, erstmals wieder ausreiten.

„Es ist wirklich unglaublich“, resümiert sie ihren depressiven Durchhänger, „aber all das passierte innerhalb einer einzigen Woche. Doch diese Woche war so intensiv, dass sie mir wie ein ganzes Jahr vorkam!“

Zu ihrer eigenen Überraschung macht ihr die Tour bisher sogar richtig Spaß. „Die Shows waren fantastisch, und tagsüber düsen wir mit unseren Scootern durch die Gegend, spielen Ultimate Frisbee … Ich kann mich nicht beklagen.“

Letztlich weiß Eilish sehr wohl, dass das Schicksal es gut mit ihr meint. „Ich habe einen unglaublichen Job“, sagt sie, „und was ich durch meine Karriere erlebe, ist einfach unbeschreiblich. Zum Beispiel das hier.“ Sie zückt ihr Smartphone und zeigt ein Foto mit 20.000 tobenden Fans, das bei ihrer Show in Portland gemacht wurde. „Ist das der Beruf, mit dem ich mein Geld verdiene? Come on! Natürlich liebe ich das! Das ist ja alles völlig verrückt! Irgendwo hinzukommen und sofort erkannt zu werden, weil sie einen alle kennen? That’s crazy! Also: Ich habe keinen Grund, mich zu beschweren.“

Sie grinst. „Aber ich tu’s natürlich trotzdem.“
Nach der Show an diesem Abend zieht sie sich eine Weile zurück und macht es sich schließlich neben Patrick bequem. Sie sucht die Fotos aus, die sie heute Nacht noch auf Instagram posten will. Morgens um zwei setzt sich der Bus in Bewegung und die Familie fällt in den wohlverdienten Schlaf.

Doch irgendwann in den Morgenstunden wacht Eilish auf und stolpert zu Maggies Schlafkoje. „Mom?“, flüstert sie in der Dunkelheit. „Ich hatte einen Albtraum. Kannst du kommen und mir beim Einschlafen helfen?“


FOTOS: KOURY ANGELO, COURTESYOFTHEO‘CONNELLFAMILY