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BILLIE EILISH: DUDE, ICH HAB’ SO VIELE FRAGEN AN DIE WELT


musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 11.04.2019

Billie Eilish ist die Greta Thunberg der Popmusik. Die Songs der 17-Jährigen haben mehrere Milliarden Streams. Und mit der Veröffentlichung ihres Debütalbums ist sie auf dem Sprung zu einer neuen Form des Superstar-Daseins: next level shit, riesige Social-Media-Gefolgschaft und ein aufregend düsterer Sound-Mix, den man so noch nie gehört hat. Begegnung mit einem Teenager, der die Popwelt von hinten aufrollt.


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FOTO: CHRISTIAN WERNER


„DIE LEUTE FRAGEN MICH: BILLIE, BIST DU HIGH? – NEIN, ICH STELLE NUR FRAGEN, AUF DIE ES KEINE EINFACHEN ANTWORTEN GIBT!“


Wenn es nicht so eine blöde Herbert- Grönemeyer-Referenz ...

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... wäre, würde man ja „Kinder an die Macht!“ rufend durch die Straßen ziehen und entsprechende Plakate schwenken. Als Greta Thunberg kürzlich mit ihren 15 Jahren vor der UN-Klimakonferenz auftrat, sprach sie nämlich genau das aus, was sich dort kein Erwachsener traute zuzugeben: dass es hirnverbrannt ist, angesichts der globalen Herausforderungen noch an die Zähmung des Spätkapitalismus und an umweltverträgliche fossile Energien zu glauben, also „mit den gleichen schlechten Ideen weiterzumachen, die uns in diese Krise geführt haben“. Und noch so ein Greta-Zitat: „Ihr seid nicht erwachsen genug, es zu sagen, wie es ist. Sogar diese Bürde überlasst ihr uns Kindern!“

Dieser Mix aus jugendlicher Naivität und brutaler Klarsicht ist es, der die Welt- öffentlichkeit gerade fasziniert. Wobei Naivität ja eine Qualität ist, die die Erwachsenen nur deswegen negativ besetzen, weil sie selbst irgendwann aufgehört haben, sich mit den großen Fragen unvoreingenommen und ergebnisoffen zu beschäftigen. Und dass Kinder und Jugendliche über verblüffende Klarsicht verfügen, überrascht wohl nur diejenigen, die verdrängt haben, wie befremdlich es ihnen als Kind selbst vorkam, wenn die Erwachsenen mal wieder alles so komisch kompliziert machen mussten. Das soll Logik sein? Was lügen die sich da in die Tasche?

Womit wir bei Billie Eilish wären: Die ist ebenfalls sehr jung, stellt auch vermeintlich naive, sehr direkte Fragen und hievt damit – wie Greta Thunberg den Klimaschutzaktivismus – den Pop aufs nächste Level. WHEN WE ALL FALL ASLEEP, WHERE DO WE GO? heißt ihr Debütalbum. Auf dem erzeugt die 17-jährige Kalifornierin mit einem Mix, den man so noch nie gehört hat, aus HipHop-Beats, Folk, Goth-Mood, Pop und Jazz, einen total Greta-Thunberg-mäßigen Wow!-Effekt und vor allem: ein Gefühl, dass hier eine junge Frau ohne Blatt vor dem Mund einfach mal sagt, was Sache ist.

Mitte Februar in Berlin, es ist der Nachmittag vor ihrem ausverkauften Konzert im Kesselhaus. Draußen werden schon die Fans von Security-Männern in Schach gehalten, währenddessen sagt Billie im 20 Minuten kurzen Interview erst einmal: „Meine Musik besteht aus fast nichts“ – was stimmt, aber auch total falsch ist. Die Instrumentierung ist oft extrem reduziert, ja. „In meinem Song‚When The Party’s Over‘ gibt es zum Beispiel nur Gesang und ein wenig Klavier, und ein bisschen Bass. Sonst nichts. Aber es klingt nach viel“, sagt sie.

Ähnlich ist es mit ihrem Gesang. Er klingt zerbrechlich-flüsternd, scheint fast gar nicht mehr da zu sein. Andererseits knistert er so ASMR-mäßig ins Mikro rein, sodass man Gänsehaut bekommt. Soll diese Art, fast nicht, aber doch super-intensiv zu singen, mit der Zeile „Silence is my favorite sound“ korrespondieren, die Eilish in ihrer EDMmäßig böllernden Single„You Should See Me In A Crown“ singt? Da preist sie mit den Mitteln von Gesang, Harmonik, analogen und digitalen Sounds die Stille, die sie noch viel lieber mag als jede Musik. Ein Paradox?

„Es ist nun mal so, dass die Menschen in den Pausen, die sie machen, viel mehr mitteilen, als wenn sie reden“, sagt Billie Eilish darauf und kichert: „Den Satz hab’ ich aus ‚The Office‘! In der Serie ist das ein Witz, aber es ist die Wahrheit. Ich finde, das lässt sich auch gut auf Musik übertragen: Manchmal kann man in instrumentaler Musik viel mehr fühlen und viel besser verstehen, was gemeint ist. Kommunikation via Schweigen. Auch eine Form der Stille.“

Als Erwachsener darf man ruhig ein bisschen perplex sein. Pop, so dachte man, wird entweder immer erwachsener, oder – wenn er sich bei Teens neben Fortnite, Instagram und Schmink-Tutorials noch irgendwie behaupten will – jünger und doofer. Zumindest gibt es jede Menge sehr langweilige, ausgestanzte Teen-Popmusik, etwa die super-erfolgreiche Girlgroup Little Mix, die im Grunde nichts anderes macht, als die Spice Girls für Spätergeborene noch einmal schlechter aufzuführen.

Billie Eilish scheint überhaupt nichts wiederaufzuführen, im Gegenteil: Sie erfasst in ihrer Musik die Gefühle von Teenagern perfekt, die jetzt, in der digitalen Gegenwart, oder: in der digitalen Endzeitstimmung aufwachsen. Etwa im Song„My Strange Addictitition“ : In dem sind die elektronischen Dance-Music-Elemente so leise gemischt, dass sie kaum mehr mitreißen, und das folkige Quietschen der Hand auf dem Gitarrenhals ist ganz nach vorne gemischt. Ein irritierender Effekt, der den Schluss nahelegt, dass es hier allein auf der Ebene des Sounddesigns darum geht, das Verhältnis von Körperlichkeit und Intimität zu ihren digitalen Bedingungen zu bestimmen.

Dass solche Musik auf Instagram 14 Millionen Fans hat, das ist nicht nur erstaunlich, sondern sehr schön. Ebenso, dass sich – wie sich beim Konzert in Berlin zeigt – ihre primäre Zielgruppe, die Teens, mit deren Eltern verbindet. Einige davon sind nämlich mitgekommen und singen genauso ergriffen mit. Zwischen ihren Songs spielt Eilish immer wieder ältere Rap-Tracks ein,„Hard Knock Life“ von Jay-Z als Übergang. Das scheint einerseits kaum zu ihren eigenen Songs zu passen, andererseits ist Hip- Hop die Musik, mit der sie aufwuchs, die bei ihr einfach immer schon da war.

„Tanz war lange mein Ausdrucksmittel“, erzählt Eilish im Interview. Ihrer heutigen Karriere als Musikerin und Popstar ging ein Leben als Mitglied einer ambitionierten HipHop-Tanzgruppe in L. A. voraus. Mit 14 erlitt sie während der Vorbereitung auf einen Wettbewerb eine schwere Verletzung. Sie erzählt minutenlang davon, mit immer noch schmerzerfülltem Gesicht:

„Wir waren mit der letzten Probe eigentlich schon fertig und wollten rausgehen, da sagte unser Lehrer:, Ach, lasst es uns noch ein allerletztes Mal durchgehen!‘ In der Mitte der Choreographie war diese Stelle, wo man seine Hüfte ausdreht, und da machte es dann so ein komisches Schnalzgeräusch in meiner rechten Hüfte … Es gibt ein Video von der Probe, aber man kann an der Stelle kaum sehen, was bei mir passiert, weil ich so stoisch bin und fast nie Gefühle zeige. Mein Knochen und mein Muskel haben sich in meiner Hüfte voneinander getrennt. Das waren die schlimmsten Schmerzen meines Lebens. Es fühlte sich an, als sei ich von einer Klapperschlange gebissen worden und als habe das Gift in meiner Vene das Blut zu einem dicken Propfen gerinnen lassen und als sei dieser Propfen explodiert, boom! Ich konnte mein Bein nicht mehr bewegen und musste herausgetragen werden. Auf dem Heimweg konnte ich nicht mehr aufhören zu heulen.“

Ohne diese Verletzung würde Billie Eilish jetzt aber vielleicht nicht in Berlin sitzen, keinen Vertrag beim Majorlabel Universal haben, und nicht „für ihren spookigen und morbiden Style“ (WDR 1 Live) von Teenagern auf der ganzen Welt (wie denen, die unten vor dem Kesselhaus ausharren) gefeiert werden. „So weird!“, sagt Eilish. Sie lag gefühlt ein Jahr im Bett, währenddessen lud ihr Bruder Finneas O’Connell, der vier Jahre älter ist als sie und mit dem sie zusammen ihre Songs schreibt, ihre erste Single„Ocean Eyes“ auf Sound- Cloud. Das war vor knapp dreieinhalb Jahren. Der Rest ist, wie man so sagt, Geschichte.„Ocean Eyes“ hat heute allein auf Spotifyfy 240 Millionen Plays.

Mit ihrem Bruder Finneas hat Eilish auch ihr Debütalbum produziert.„Listen Before I Go“ klingt fast wie ein Jazz-Standard – mit Polizeisirenen im Hintergrund. In„Wish You Were Gay“ erklärt sie einem Jungen, der nichts von ihr will, dass es für sie einfacher wäre, mit seiner Zurückweisung klarzukommen, wenn er ihr nur sagen würde, dass er halt grundsätzlich nicht auf Frauen steht. Auch hier klingt die Musik wieder, als sei sie zugleich laut und sehr leise – als horche man da direkt in einen Kopf hinein, in dem tosende Stille herrscht. Das Gehirn weiß nicht, was es denken soll, die Gefühle rasen, die Schreie bleiben stumm. Dazu kommt die digitale Grundierung – hier ein Helikopter-Rotor- Schreddersound-Effekt auf ihrer Stimme, da ein Horrorthriller-Soundtrack-Albtraum- Quietschgeräusch im Hintergrund.

Dein Albumtitel WHEN WE ALL FALL ASLEEP, WHERE DO WE GO? – das ist so eine tolle Kinderfrage, ähnlich wie: „Wenn das Universum unendlich ist, was kommt dahinter?“
Dabei ist es überhaupt keine blöde Frage. Die Erwachsenen haben nur keine Antwort darauf.
Die Erwachsenen hören halt irgendwann auf, sich diese Frage zu stellen?
Genau. Weil es keine Antwort gibt. Damit kommen sie nicht klar. Ich frage aber stän- dig solche Fragen, und die Leute fragen mich dann: „Billie, bist du high?“ – nein, ich stelle nur valide Fragen! Ist es nicht komisch, dass wir uns ins Bett legen und dort so tun, als würden wir schlafen, bis wir tatsächlich einschlafen? Wir können nicht einschlafen, wenn wir vorher nicht so getan haben, als würden wir schlafen. Wir liegen also wach im Bett und warten auf den Schlaf. Das ist verdammt noch mal komisch!
Es hat etwas von Autosuggestion, oder von Fake it ’til you make it …
Und dann bist du plötzlich wieder wach, und es ist neun Stunden später. Wo warst du in der Zeit? Ich habe manchmal zwei Monate lang jede Nacht denselben Albtraum. Warum? Und warum träume ich manchmal etwas, was am Tag darauf tatsächlich passiert? Und warum denke ich über reale Personen im Traum plötzlich ganz anders, als wenn ich wach bin? Dude, ich habe so viele Fragen an die Welt …
Deine Karriere ist so schnell durchgestartet, dass du wohl kaum alles bewusst und rational prozessieren konntest. Fühlt sich das wie Schlafwandeln an? Musst du dich manchmal kneifen, um zu checken, dass du nicht träumst?
Es ist schon alles surreal, ja. Wenn ich, wie im vergangenen Herbst, in Atlanta beim Music-Midtown-Festival auftrete und da stehen 40 000 Leute vor mir, die alle meine Songs auswendig mitsingen. Songs, die ich selbst geschrieben habe … das ist verrückt! Ehrlich gesagt verstehe ich jetzt, warum fast alle berühmten Leute irgendwann nur noch mit anderen berühmten Leuten befreundet oder zusammen sind …
Weil sie sich mit denen über ihre total verrückten Leben austauschen können?
Früher fand ich es selbst super-nervig und respektlos, wenn berühmte Leute immer nur darüber reden, was sie gerade wieder Tolles machen. Aber als es dann bei mir damit losging … da hat es klick gemacht. Man muss sich mitteilen, klar. Aber wenn ich Leuten, mit denen ich früher befreundet war, mein ganzes jetziges Leben erzählen würde, würde das für die nur super-angeberisch klingen. Sie hätten keinen Bezug dazu. Keiner meiner Freunde könnte sagen: „Billie, ich weiß genau, wie du dich fühlst.“ Das fühlt sich mies an! Und umgekehrt würde mich wohl nichts von dem wirklich interessieren, was mir meine Freunde aus ihrem Leben erzählen. Weil die Sachen, die ich mache, so cool sind! Das ist mein Leben! Klingt das nicht total unerträglich?!
Vor allem klingt es ziemlich erwachsen…
Es klingt verdammt noch mal komisch, dude! Shit is weird!