Lesezeit ca. 12 Min.

Bin ich ein guter Pferdemensch


Logo von Mein Pferd
Mein Pferd - epaper ⋅ Ausgabe 70/2022 vom 10.06.2022

THEMA DES MONATS | SELBSTREFLEXION

Geduld bezeichnet die Fähigkeit zu warten oder etwas zu ertragen. Als geduldig erweist sich, wer bereit ist, mit ungestillten Sehnsüchten und unerfüllten Wünschen zu leben oder diese zeitweilig zurückzustellen. Geduldig ist auch, wer Schwierigkeiten mit Gelassenheit und Standhaftigkeit erträgt und aushält. Geduld ist eine Tugend, die bei vielen Reitern spätestens bei einem Verladeproblem ihres Pferdes aufhört. Wenn der Vierbeiner nach einer Dreiviertelstunde immer noch nicht einen einzigen Huf auf die Rampe des Anhängers gesetzt hat, ist die Tugend plötzlich Lichtjahre entfernt.

Artikelbild für den Artikel "Bin ich ein guter Pferdemensch" aus der Ausgabe 70/2022 von Mein Pferd. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Mein Pferd, Ausgabe 70/2022

Pferd und Mensch werden dann ein Team, wenn jeder den anderen versteht und jeder sich auf den anderen verlassen kann

Geduld in Häppchen

„Wenn jemand sein Pferd verladen möchte, sieht er in der Regel zwei Zustände: Das Pferd ist außerhalb des Hängers, oder das Pferd steht auf dem Hänger. Alles, was dazwischenliegt, ist uninteressant oder unwichtig“, erklärt Pferdetrainerin Jenny Wild aus Dortmund in ihrem ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Mein Pferd. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1000 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 70/2022 von DIE KLEINEN DINGE .... Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DIE KLEINEN DINGE ...
Titelbild der Ausgabe 70/2022 von Equine Haarmoden. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Equine Haarmoden
Titelbild der Ausgabe 70/2022 von TELEGRAMM. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TELEGRAMM
Titelbild der Ausgabe 70/2022 von TELEGRAMM. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TELEGRAMM
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Raphael Netz
Vorheriger Artikel
Raphael Netz
Röntgenblick ins berg
Nächster Artikel
Röntgenblick ins berg
Mehr Lesetipps

... Buch „Von Pferden lernen, sich selbst zu verstehen“. Für sie gibt es aber nicht nur diese zwei Zustände, sondern sehr viele kleine Teilschritte dazwischen, die bei Bedarf noch weiter unterteilt werden können. Oder anders gesagt: Sie zerstückelt den Prozess des Verladens in ganz viele kleine Puzzleteile, die am Ende zusammen ein Ganzes ergeben.

Der Vorteil? Man muss nur die Geduld für einen kleinen Teilschritt aufbringen, hat ziemlich schnell ein Erfolgserlebnis zu verzeichnen, kann aufmerksamer gegenüber dem Pferd sein und quasi die ganze Zeit sich und seinem Pferd nur positive Gefühle vermitteln, sagt sie.

„Je mehr ich als Mensch lerne, gegenüber meinem Pferd die notwendige Geduld walten zu lassen und meine eigenen Bedürfnisse nach hinten zu stellen, umso mehr werde ich von meinem Pferd zurückbekommen und in der Regel sogar sehr viel schneller zu meinem Ziel kommen als andersherum“, weiß sie.

Dafür braucht es aber auch ein Bewusstsein für den Beginn der Ungeduld. „Wenn wir eine Sache plötzlich doch nicht mehr abwarten können und vielleicht auf den anderen auf einmal zu viel Druck ausüben, sollten die Alarmglocken läuten, und es muss klar sein, dass wir mehr Geduld brauchen“, so Wild.

Tipps to go Unsere Tipps können Sie gratis auf Ihr Handy laden: Einfach diesen QR-Code scannen und Datei speichern!

Schon ist der Reiter mittendrin in der Selbstreflexion. Sich selbst zu beobachten, über sich nachzudenken, sein Denken, Fühlen und Handeln zu analysieren und zu hinterfragen mit dem Ziel, mehr über sich selbst und mehr über sich als Teil des Reiter-Pferd-Teams herauszufinden, ist elementar, um ein guter Pferdemensch zu sein.

„Der Mensch muss sich wirklich klarmachen, dass jede seiner Handlungen eine Reaktion hervorruft und in der Regel auch einen Lernprozess beim Pferd auslöst. Ich kann jedem nur raten, jedes Mal, wenn er zu seinem Pferd geht, ganz bewusst darauf zu achten, was er gerade tut und wie das Pferd darauf reagiert“, so die Expertin. Dieses aktive Wahrnehmen ist übrigens auf jede Interaktion zwischen Mensch und Pferd übertragbar – sei es das Verladen, das Führen, das Hufegeben, das Striegeln, das Satteln, das Aufsteigen, das Reiten, die Tierarztuntersuchung etc.

Achtsamkeit leben

Es geht dabei vor allem um Achtsamkeit – laut Wikipedia ein Zustand von Geistesgegenwart, in dem ein Mensch hellwach die gegenwärtige Verfasstheit seiner direkten Umwelt, seines Körpers und seines Gemüts erfährt. Er ist dabei nicht abgelenkt von Gedankenströmen, Erinnerungen oder starken Emotionen und bewertet seine Wahrnehmungen nicht. Möchte der Reiter eine bessere Beziehung zu seinem Pferd aufbauen, sollte er sich, so Wild, über den emotionalen, mentalen und physischen Bereich seines Selbst klar werden. Drei Fragen sind hier zentral: Was fühle ich gerade? Was denke ich gerade?

Was macht mein Körper gerade? „Besonders wenn eine Situation schwierig ist oder etwas nicht so funktioniert, wie ich es gerne hätte, sollte ich in mich selbst hineinfühlen und schauen, was denn in meinem Inneren vorgeht. Werde ich gerade wütend oder unsicher? Habe ich vielleicht Angst, weil mein Pferd so heftig reagiert hat? Bin ich aufgeregt, weil ich eine Auseinandersetzung mit meinem Chef hatte? Bin ich ungeduldig, weil mein Pferd beim zehnten Versuch noch immer nicht verstanden hat, was ich von ihm will?“, so die Ausbilderin.

Was auch immer es sein mag, wichtig sei zu erkennen, was da gerade emotional passiert, und sich der jeweiligen Emotion bewusst zu werden. „Je nachdem, welches Gefühl es ist, sollte ich dann schauen, wie ich mir selbst helfen kann, es wieder aufzulösen. Wenn ich unsicher werde, sollte ich auf jeden Fall zunächst überlegen, was ich für mich persönlich tun kann, um wieder sicherer zu werden. Wenn ich wütend auf mein Pferd bin, sollte ich erst einmal komplett zurückschalten, tief ausatmen, mein Pferd in Ruhe lassen und zusehen, dass ich mich wieder entspanne. Wenn ich ungeduldig werde, könnte ich darüber nachdenken, dass mein Pferd sich die ganze Zeit Mühe gibt, aber die Aufgabe vielleicht gerade gar nicht lösen kann“, zählt die Pferdetrainerin einige Beispiele auf.

Jeder müsse für sich selbst herausfinden, was ihm am besten in der jeweiligen Situation helfe. Dafür hat die Expertin eine Übung parat: Machen Sie sich Ihre Gefühle in ganz vielen unterschiedlichen Situationen bewusst, auch ganz unabhängig von den Pferden, und denken Sie darüber nach, welche Auslöser zu welchen Gefühlen führen und was Sie brauchen, um aus extremen emotionalen Zuständen wieder herauszukommen.

Macht der Emotionen

Sie empfiehlt ihren Schülern z. B. häufig, sich genau zu merken, wie es sich anfühlt, wenn sie wirklich entspannt, glücklich und zufrieden sind, und dieses Gefühl dann wieder hervorzuholen, wenn sie bei ihrem Pferd sind. „Wir müssen dazu fähig sein, unsere Emotionen und Handlungen im Griff zu haben. Dies klingt vielleicht schwer, aber die Erfahrungen haben gezeigt, dass man nur ein guter Partner werden kann, wenn man genau in diesem Bereich immer besser wird und es auch ganz ehrlich so meint“, so Wild.

Indem man aus Unsicherheit, Wut, Angst oder einer anderen negativen Emotion heraus agiert, wird der Reiter schnell ungerecht, maßregelt oder bestraft das Pferd. So werde man aber weder das schlechte Gefühl los, noch verbessere man die Einstellung des Tieres, gibt die Ausbilderin zu bedenken.

Im Gegenteil: „Die Folge ist häufig sehr langfristig und schwer zu reparieren, weil es das Vertrauen, das man sich doch so sehr von seinem Pferd wünscht, ganz schnell wieder zunichtemacht. Wie bei uns Menschen auch ist es viel schwieriger, Vertrauen wieder aufzubauen, welches man einmal verloren hat, als von Anfang an dafür zu sorgen, dass ein gesundes Vertrauensverhältnis besteht. Wenn uns unser Gegenüber durch Verlässlichkeit, Ehrlichkeit, Beständigkeit, etc. beweist, dass wir ihm vertrauen können, so machen wir gerne etwas mit ihm und fühlen uns in seiner Gesellschaft sehr wohl.“

Ihr Rat: Wenn Sie das Verhalten des Pferdes nicht aushalten, es Sie überfordert, sauer oder wütend macht, nehmen Sie Abstand von der Situation und machen Sie in dieser Gemütslage im besten Fall nichts mit Ihrem Vierbeiner, bis Ihre Emotionen nicht mehr Ihre Handlungen lenken, sondern Sie wieder frei denken können.

Starke Bilder im Kopf

A propos denken: Reiter müssen nicht nur ihre Gefühle im Griff haben, sondern auch ihre Gedanken. „Wenn wir auf unserem Pferd sitzen und von diesem etwas verlangen, ist es doch mehr als ungerecht, von ihm eine perfekte Ausführung zu erwarten, während wir mit unseren Gedanken bei dem Problem der besten Freundin, bei der Planung des Abendessens oder bei der Frage, was man am nächsten Tag zur Arbeit anziehen wird, abgedriftet sind“, so die Expertin. Oft mangelt es im Sattel am richtigen Fokus. „So ist ein großes Problem häufig, dass der Mensch kein bestimmtes Bild im Kopf hat, wie eine konkrete Aufgabe, Übung oder Bewegung aussehen soll, sodass er im Endeffekt gar nicht merkt, wann das Pferd sich Mühe gegeben hat und wann die Geschichte eher halbherzig wird“, weiß sie.

Auch hier sei es nützlich, eine Trainingseinheit in möglichst viele kleine Aufgaben aufzusplitten. „Vor jeder kleinen Teilaufgabe sollten wir uns einige Aspekte genau überlegen: Welche Aufgabe möchte ich stellen? Wie sieht die gut ausgeführte Aufgabe aus? Habe ich ein konkretes Bild im Kopf? (Fokus!) Wie kann ich meinem Pferd am besten sagen, was ich von ihm möchte?“, rät die Pferdetrainerin.

Nicht zu vergessen ist der körperliche Bereich. „Die meisten Menschen machen in der Regel viel zu viel mit ihrem Körper, ohne genau darauf zu achten, was sie tatsächlich tun und geben dem Pferd unzählige uneindeutige Signale, die es irgendwie zu entziffern versucht“, warnt Wild. „Nuschelt“ der Mensch mit seiner Körpersprache, kann das entweder dazu führen, dass das Pferd etwas tut, was er gar nicht wollte, oder dass es so gut wie gar nicht mehr auf die Signale des Menschen achtet, weil es durch das unachtsame Tun stark desensibilisiert wurde.

„Es ist also sinnvoll und notwendig, dass wir Menschen lernen, viel bewusster darauf zu achten, was unser Körper denn tatsächlich gerade tut. Je besser wir unseren Körper verstehen und schon kleine Bewegungen und Reaktionen wahrnehmen, umso gezielter können wir ihn auch steuern und gewünschte Bewegungen hervorrufen“, meint die Expertin.

Parallel dazu sollten Sie auch Ihr Pferd in allen drei Bereichen lesen lernen. „Emotional: Ist mein Pferd unsicher und angespannt oder ist es sicher und entspannt? Mental: Ist mein Pferd in der Lage, seinen Kopf einzuschalten und mitzudenken oder kann es das gerade nicht? Physisch:

Wie sieht mein Pferd aus? Was macht es gerade?

Wie bewegt es sich? Wann tritt eine Veränderung ein?“, sagt sie.

Bedürfnisse wahrnehmen

Nach dem Motto „Vier Augen sehen mehr als zwei“ sollte die Welt nicht nur aus Menschensicht, sondern auch aus dem Blickwinkel des Vierbeiners betrachtet werden. „Viele Menschen übertragen jedoch ihr eigenes Empfinden und ihre eigenen Erfahrungen auf das Pferd und erwarten z. B., dass sich das Pferd über Sachen und Situationen, die für uns Menschen ungefährlich und normal sind, genauso wenig aufregt, wie man selbst es tut“, bemängelt die Pferdetrainerin.

Für das Fluchttier spielen aber beispielsweise in einer angstauslösenden Situation ganz andere Faktoren eine Rolle, die für den Menschen meist nicht offensichtlich sind. „Das Pferd kann hierbei nicht mit dem Verstand reagieren, den der Mensch gerade von ihm erwartet, weil die Angst das Denken vollkommen blockiert. Häufig nehmen Pferde eben sehr viel mehr wahr als wir Menschen, und in der Gesamtheit ist die Situation für sie dann schlimmer, als der Mensch es überhaupt erkennen kann“, erläutert sie. Es läge daher in unserer Verantwortung, das Pferdeverhalten zu analysieren und besser zu verstehen, um angemessen reagieren zu können. 

Die Bedürfnisse des vierbeinigen Partners sollten erkannt und berücksichtigt werden. Doch aus Sicht einiger Reiter, meint Wild, sollte er im besten Fall einfach allen Vorstellungen des Menschen entsprechen und sich immer wie gewünscht verhalten. Dann wäre alles in Ordnung. „Da Pferde aber auch eine ganze Menge anderer Dinge im Kopf haben, glaubt der Mensch vielleicht, er müsse ihnen vorsagen, wie man sich zu verhalten hat. Wenn Pferd und Mensch zusammen am Boden unterwegs sind, hört man eigentlich ständig Dinge wie: ‚Bleib stehen!‘, ‚Hör auf damit!‘, ‚Lass das sein!‘, ‚Nein, das ist nicht dein Heu!‘, ‚Lass den Sattel in Ruhe!‘, ‚Gib den Huf!, ‚Geh da weg!‘, ‚Komm hierher!‘, die Liste der möglichen Beispiele ist wohl endlos“, sagt die Expertin.

UNSERE EXPERTIN

JENNY WILD

hat vor fast 20 Jahren begonnen, Natural Horsemanship nach Pat Parelli zu lernen. Besonders geprägt wurden sie und ihr Partner Peer Claßen in den letzten Jahren von Jean-François Pignon und Elsa Sinclair. Das Expertenteam bietet deutschlandweit Kurse, Vorträge und Unterricht an und berät Pferdebesitzer bei Verhaltensproblemen ihrer Tiere. Ihr Ziel ist es, Reitern das Wesen der Pferde näherzubringen, damit sie ihr Pferd besser verstehen.

www.peerundjenny.de

Man könne fast meinen, das Pferd sei nicht mehr in der Lage, in irgendeiner Form selbstständig zu agieren und vor allem zu denken, wenn es mit seinem Menschen zusammen ist, kritisiert sie.

Ein typisches Beispiel sei das Führen des Pferdes. „Das Pferd wird möglichst kurz gehalten, damit man auch bloß die komplette Kontrolle über das Pferd hat, auf keinen Fall darf es zwischendurch einmal stehen bleiben und sich etwas anschauen oder vielleicht auch nur lauschen, weil es ein beunruhigendes Geräusch wahrgenommen hat.

In der Regel ist schon auf so einem kurzen Weg wie von der Koppel zum Stall oder vom Stall zum Reitplatz schnell eine Diskussion zwischen Pferd und Mensch im Gange, weil das Pferd nicht pausenlos das macht, was der Mensch ihm die ganze Zeit vorgibt“, beschreibt die Ausbilderin.

Stellen Sie sich vor, jemand würde Ihnen pausenlos sagen, was Sie machen oder nicht machen sollen, und gäbe Ihnen keinerlei Mitspracherecht. Sie hätten keine Entscheidungsfreiheit, dürften keine eigenen Ideen einbringen und schon gar keine Verantwortung übernehmen. Wie frustrierend wäre das? Es wäre wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, wann Sie Ihre Mitarbeit einstellen würden.

Achtet der Reiter aber besser auf sich selbst, auf seine Gefühle und Handlungen und erkennt, was das Pferd möchte und braucht, wird aus dem Reiter-Pferd-Paar ein Team. Ein Team lebt von den unterschiedlichen Qualitäten, die jeder einbringt. Man arbeitet miteinander und füreinander. So gerät der Mensch auch nicht so schnell in die Gefahr, seinen Partner zu übergehen oder ihn unfair zu behandeln.

„Und wenn man es doch tut, wird man vielleicht schneller dahinterkommen, warum die Situation auf einmal schwierig ist und was man selbst dazu beigetragen hat. Derartige Fehler lassen sich in der Regel schneller wieder bereinigen, weil man in der Lage ist, sein eigenes Verhalten zu reflektieren und gegebenenfalls zu ändern. So kann man dem Gegenüber sagen: „Ich glaube, ich habe da einen Fehler gemacht. Schau mal, wie ist es für dich, wenn ich es so mache?“, so Wild.

Wie heißt das Zauberwort?

In einem Team fühlen sich beide aber nur dann wohl, wenn man höflich miteinander umgeht. „Höflichkeit ist eine Tugend, deren Folge eine rücksichtsvolle Verhaltensweise ist, die den Respekt vor dem Gegenüber zum Ausdruck bringen soll.“ So beschreibt es Wikipedia. Und jetzt mal ganz ehrlich: Sind Sie höflich zu Ihrem Pferd? Stellen Sie ihm Fragen oder erteilen Sie eher Befehle?

„Allzu oft haben Menschen wohl das Gefühl, dass sie schneller ans Ziel kommen, wenn sie möglichst kurze und knappe Befehle aussprechen, oder dass sie damit mehr Autorität ausstrahlen, als wenn sie sich eine nette Frage ausdenken würden. Sehr kurzfristig gedacht ist das vielleicht sogar so, aber ich habe gemerkt, dass ein Befehl in mir automatisch und unmittelbar eine Abwehrreaktion hervorruft. Etwas in mir erstarrt und verkrampft. Ich bin nicht mehr locker und entspannt, und eine nette Antwort zu geben fällt mir erst einmal schwer, das heißt, es kostet mich viel mehr Energie, trotzdem nett zu bleiben“, sagt die Expertin.

Es baut sich viel negative Energie auf. „Im schlimmsten Fall bleibt meine Reaktion auch noch unkommentiert, sodass ich unsicher bin, ob ich überhaupt das Richtige gemacht oder gesagt habe“, so Wild. Wer kennt dieses Gefühl nicht?

Ganz anders ist es jedoch, wenn jemand eine nette Frage stellt. Den Pferden ergeht es ähnlich, meint die Ausbilderin, und hat auf dieser Erkenntnis ihr Trainingsprinzip aufgebaut: „Wie lautet die netteste Frage, die ich dem Pferd stellen kann?“ Soll es rückwärtsgehen, könnten Sie sich im Oberkörper aufrichten, tief einatmen, auf die Brust des Pferdes schauen und mit dem Zeigefinger ebenfalls in Richtung Pferdebrust zeigen, ihn rhythmisch auf und ab bewegen und so die Frage „Könntest du bitte einen Schritt rückwärtsgehen?“ stellen, gibt Wild ein Beispiel.

Sollte diese nette Frage nicht ausreichen, weil das Pferd vielleicht noch nicht verstanden hat, was der Reiter meint, oder es nicht glaubt oder weil es zu angespannt ist, lässt sich die Energie steigern, und zwar so lange, bis eine positive Reaktion des Pferdes folgt, empfiehlt sie. Die Hände wackeln auf und ab, das Seil oder die Gerte fängt an zu schwingen, dann die Unterarme und danach der ganze Arm. „Die Intensität sollte fließend gesteigert werden, damit das Pferd es nachvollziehen kann und damit Sie erkennen, wann genau das Pferd reagiert“, erläutert die Expertin.

Wichtig: Sobald die richtige Antwort des Pferdes da ist, sollte ein Dankeschön erfolgen. „Und zwar in der Form, dass Sie jegliche Energie vom Pferd wegnehmen, tief ausatmen, vielleicht sogar in die Knie gehen oder auch verbal Danke sagen.“ Ein Danke sollte immer von Herzen kommen. „Also nicht einfach kurz unterbrechen und dann gleich weitermachen“, sagt sie.

Sich selbst verbessern

Sie rät Reitern, nicht ein perfektes Pferd zu wollen, sondern als (Pferde-)Mensch besser zu werden. Nur so könne man den Tieren bei Problemen helfen und habe in jeder Situation eine Idee, wie es für sie angenehmer, leichter, stressfreier, sicherer und lebenswerter werden kann.

Versuchen Sie einerseits, die Natur des Pferdes zu verstehen, und andererseits, den Pferden die Welt des Menschen verständlich zu machen. So sind Sie auf dem richtigen Weg zum Horseman oder zur Horsewoman, der nicht nur in der Beziehung zum Pferd, sondern auch im Alltag des Reiters viele Türen öffnet.

BUCHTIPP

Pferde geben den Menschen in allen Situationen ein direktes, unmittelbares und unverfälschtes Feedback. Das gibt den Reitern die Möglichkeit, viel über sich selbst zu lernen. Genau darum geht es Pferdetrainerin Jenny Wild in ihrem Buch „Von Pferden lernen, sich selbst zu verstehen“. Auf 200 Seiten erklärt sie anhand von praktischen Übungen und zahlreichen Beispielen die Prinzipien des Natural Horsemanship und zeigt, warum die Tiere uns zu besseren Menschen machen.

Bestellbar für 19,99 Euro u. a. beim Kosmos Verlag (www.kosmos.de)