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Bio-Fleisch Die Sau rauslassen


ÖKO-TEST Spezial Essen und Trinken - epaper ⋅ Ausgabe 4/2012 vom 23.04.2012

Auch wenn die konventionellen Erzeuger nicht müde werden zu behaupten, Fleisch aus Massentierhaltung sei hochwertig – artgerechte Tierhaltung sieht anders aus. Sie respektiert das Tier mit all seinen Bedürfnissen. Schweine, Rinder und Geflügel haben mehr Platz und Auslauf, bekommen anderes Futter und weniger Medikamente.


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Was am Bio-Schnitzel anders ist? Peter Bruno, der auf Hamburger Wochenmärkten Öko-Fleisch aus eigener Schlachtung in Mecklenburg-Vorpommern verkauft, weiß auf diese Frage natürlich eine Antwort: „Das Schnitzel hat einen etwas ...

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Was am Bio-Schnitzel anders ist? Peter Bruno, der auf Hamburger Wochenmärkten Öko-Fleisch aus eigener Schlachtung in Mecklenburg-Vorpommern verkauft, weiß auf diese Frage natürlich eine Antwort: „Das Schnitzel hat einen etwas festeren Biss. Und beim Braten verliert es weniger Wasser.“ An der Maserung, also der Fettverteilung im Fleischstück, könne man den Unterschied hingegen nicht erkennen – zumindest nicht bei einem Schnitzel, das eher zu den fettarmen Stücken vom Schwein gehört. Vielmehr habe die Rasse Einfluss auf das Aussehen des Fleischs. Der nicht ganz uneigennützige Selbstversuch bestätigt: Das Schnitzel schmeckt gut. Das Fleisch ist fest, aber keinesfalls zäh – und schnurrt in der Pfanne nicht zusammen.

Ohne schlechtes Gewissen Fleisch essen: Schweine, Rinder und Hühner, die auf Bio-Höfen aufwachsen, haben ein vergleichsweise gutes Leben mit deutlich mehr Platz und Ruhe als in der normalen Massentierhaltung.


Foto: Canoncam/Fotolia.com

Dass Bio-Fleisch lecker und die bessere Alternative ist, davon scheinen immer mehr Verbraucher überzeugt zu sein. Die Nachfrage ist 2011 um satte 28 Prozent zum Vorjahr gestiegen, so der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Rund 125.000 Bio-Schweine gibt es hierzulande, Tendenz leicht steigend. Aber viel zu wenig, um dem Bedarf gerecht zu werden. Immerhin 22 Prozent des in Deutschland verkauften Bio-Schweinefleischs wird importiert, so eine Studie der Ag- rarmarkt-Informationsgesellschaft im Auftrag des Bundesprogramms Ökologischer Landbau. Es kommt vor allem aus Österreich, Dänemark, Italien und den Niederlanden.

Im Vergleich zur Massentierhaltung haben Rinder, Schweine und Federvieh auf Öko-Höfen ein recht gutes Leben. Die Tiere können in Ruhe wachsen und gedeihen. Sie werden nicht vorbeugend mit Medikamenten behandelt, und das Anbinden von Rindern im Stall ist nur noch ausnahmsweise erlaubt. Für Schweine sind Spielgeräte vorgeschrieben, sodass sie ihren Spieltrieb ausleben können, statt ihre Artgenossen aus Langeweile zu zwacken. Neben der artgerechten Haltung spielt auch die Ernährung der Tiere eine wichtige Rolle. Das Viehfutter stammt – je nach Vorschrift – überwiegend oder ausschließlich aus Bio-Anbau. Kommt es nicht vom eigenen Hof, unterliegt auch der Zukauf von Futter strengen Kriterien.

Qualvolle Enge in der Massentierhaltung

Wichtig ist vor allem der Platz, den die Tiere während ihres kurzen Lebens zur Verfügung haben. Die Bio-Richtlinien geben den Tieren deutlich mehr Raum als die herkömmlichen Vorschriften zur Tierhaltung. So darf sich ein Bio-Schwein, das nach den Vorgaben des ökologischen Anbauverbands Bioland aufwächst, je nach Gewicht auf bis zu 1,3 Quadratmetern tummeln und hat zudem bis zu einem Quadratmeter Auslauf. Dem gemeinen Mastschwein dagegen stehen nur zwischen 0,65 und 1 Quadratmeter Platz zur Verfügung; eine Auslauffläche muss es nicht geben. Ein Bio-Rind von 350 Kilogramm hat Anrecht auf mindestens fünf Quadratmeter Platz im Stall, normalerweise sind es nur mindestens drei Quadratmeter. Und auch im Bio-Hühnerstall geht es nicht so hoch her. Hier sind höchstens 4.800 Tiere pro Stall erlaubt, in der konventionellen Haltung drängeln sich bis zu 30.000 Hühner je Stall.

Foto: Joujou/pixelio.de

Besonders eng ist es für die industriellen Mastputen. Die Tiere, die normalerweise voneinander Abstand halten und nachts auf Bäumen schlafen würden, werden zu Tausenden in riesigen Ställen zusammengepfercht. Bis zu 58 Kilogramm sogenanntes Lebendgewicht kommen auf einem Quadratmeter Fläche. Oder anders ausgedrückt: Bis zu drei ausgewachsene Truthähne quetschen sich auf einem Viereck von einem mal einem Meter. Da die Tiere in der Enge aufeinanderlosgehen und sich gegenseitig tothacken würden, werden den Küken oft gleich nach der Geburt die Schnäbel gestutzt. Und das, obwohl das Tierschutzgesetz dies allenfalls in begründeten Einzelfällen und nach Genehmigung erlaubt. Doch die Praxis ist eine andere.

Die fleischlastigen Tiere sind so hochgezüchtet, dass sie anfällig für Krankheiten sind. Dicht an dicht gedrängt verbreiten sich Krankheitserreger besonders schnell. Darum erhalten die Tiere regelmäßig Antibiotika. Im ÖKOTEST Putenfleisch zeigte sich, dass die Mehrzahl der Tiere in Intervallen solche Medikamente bekam – bis zu viermal jeweils bis zu sieben Tage lang. Auch wenn nur einzelne Tiere erkranken, wird üblicherweise gleich der ganze Bestand behandelt.

Eine Studie des Landwirtschaftsministeriums Nordrhein-Westfalen weist in eine andere Richtung. Danach bekamen über 95 Prozent der Hähnchen Antibiotika, mehr als die Hälfte von ihnen aber nur für ein bis zwei Tage. Das ist für eine effektive Behandlung von Erkrankungen zu kurz. Die verabreichten Antibiotika dienten hier möglicherweise als Masthilfe. Dies ist aber seit 2006 in der Europäischen Union verboten.

Kunden wollen Artgerechtes

Die Verbraucher lehnen die qualvolle Massentierhaltung zunehmend ab. Auf die Frage, wovon die Lebensmittelqualität für sie vor allem abhänge, gaben fast 70 Prozent die artgerechte Tierhaltung als Antwort an, ergab eine Umfrage des Allensbach-Instituts im Auftrag des Instituts Fresenius.

Ich wollt’, ich wär’ ein Bio-Huhn: Mehr Platz, Auslaufmöglichkeit im Freien, ökologisch erzeugtes Futter – all das bedeutet für das Geflügel deutlich weniger Stress und mehr Lebensqualität.


Foto: mr. Lightning/Fotolia.com

Das weiß auch die konventionelle Branche. Und versucht, der Massentierhaltung das schlechte Image wegzureden. Tierschutz lasse sich nicht an der Größe von Betrieben festmachen, schreibt die industrienahe Fördergemeinschaft Nachhaltige Landwirtschaft in ihrer Broschüre Fleisch essen mit gutem Gewissen. „Auch die Lebensqualität eines Menschen hängt nicht davon ab, ob er in einem Dorf mit 60 Einwohnern oder in einer Millio nenmetropole lebt, sondern von den jeweiligen Bedingungen, die er dort vorfindet.“

Dieser Vergleich geht nicht nur daneben, sondern ist von einem kaum noch zu überbietenden Zynismus. Denn leider können sich Rinder, Schweine und Hähnchen die Bedingungen nicht aussuchen, die sie in der Massentierhaltung vorfinden. Hätten sie die Wahl, würden sie sich bestimmt für ein anderes Umfeld entscheiden, um die Qualität ihres ohnehin meist kurzen Lebens zu steigern.

Initiativen zum Wohle des Tieres

Nachhaltiger scheint der Anspruch des Tierwohl-Labels zu sein. Es wird gerade vom Deutschen Tierschutzbund zusammen mit Wissenschaftlern der Universität Göttingen und verschiedenen Anbietern wie Edeka Minden-Hannover, Neuland und Vion erarbeitet. Dahinter stehen zwei Label, eins in Silber und eins in Gold. Beide machen Vorgaben für Schweinefleisch aus tiergerechter Aufzucht. An das Fleisch mit dem Goldsiegel werden jedoch höhere Ansprüche gestellt. So müssen die Schweine einen Stall mit Auslauf und je nach Gewicht mit bis zu 2,3 Quadratmetern Platz haben. Der Stall sollte im Liegebereich mit Stroh ausgestattet und trocken sein. Auch muss es für die Tiere Spielutensilien geben, damit sie etwas zu tun haben. Die Schweine für das Silberlogo erhalten bis zu 1,6 Quadratmetern Platz im Stall; erst nach einer Übergangsfrist von zwei bis drei Jahren schlafen sie auf trockenem Stroh oder Liegematten. Spielkram gibt es aber auch für sie.

Auch das schmerzhafte Beschneiden der Tiere ist Bestandteil der Richtlinien. Das Kupieren der Schweineschwänze ist zwar beim Silberstandard erst nach einer Übergangsfrist von zwei Jahren ganz verboten. Das goldene Tierwohl-Label verbietet dies aber sofort. Die Kastration männlicher Ferkel ohne Betäubung ist hier gar nicht erlaubt.

Doch erst die endgültige Ausgestaltung der Label wird zeigen, ob die Tiere tatsächlich ein gutes Leben haben. Bio-Vieh hat es schon jetzt.

Kompakt

Tierische Fakten

Mehr Leistung, weniger Vielfalt

Die Züchtung auf einzelne Hochleistungsmerkmale führt zur Abnahme der Artenvielfalt, warnt die Welternährungsorganisation (FAO). Demnach verliert die Welt jeden Monat eine von insgesamt noch 8.000 vorhandenen Nutztierrassen. Bei den Schweinen liefern zurzeit nur fünf verschiedene Rassen 42 Prozent der weltweiten Schweineproduktion, also fast die Hälfte. In Deutschland gehören 99 Prozent der Schweine zu insgesamt vier Rassen.

Ein Drittel Land fürs Vieh

Etwa 30 Prozent der gesamten globalen Landfläche wird inzwischen für die Viehzucht genutzt, beschreibt der FAO-Bericht Livestock’s Long Shadow (oder: Der lange Schatten der Viehwirtschaft). Meist dienen die Flächen als Weideland, aber auch zum Futteranbau.

Foto: Thomas Stephan/BLE, Bonn

Mehr Milch

Die Milchleistung der Kühe ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Seit den 50er-Jahren nahm beispielsweise die Milchmenge der schwarz-bunten Holsteiner Friesin um rund 50 Prozent zu auf heute ca. 8.000 Liter im Jahr.

Die Lust auf Fleisch

Ein Durchschnittsdeutscher isst im Jahr immerhin gut 60 Kilogramm Fleisch. Umgerechnet sind das von der Wiege bis zur Bahre 22 Schweine, sieben Rinder, 20 Schafe, 600 Hühner sowie ein paar Rehe und Hirsche.