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Bio-Flower-Power vom Paradieshügel


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Lust auf Natur - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 08.07.2022
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Bildquelle: Lust auf Natur, Ausgabe 8/2022

Im Zeitraffer betrachtet, klingt die Geschichte der gebürtigen Kärntnerin Margrit de Colle wie ein Märchen von einem kleinen Mädchen, das davon träumte, eines Tages Blumenpflückerin zu werden. Obwohl es diesen Beruf gar nicht gab, ging ihr Wunsch Jahrzehnte später tatsächlich in Erfüllung. Aber das wahre Leben verläuft viel komplexer, und oft führen erst vermeintliche Umwege zum ersehnten Ziel.

Ihr gestalterisches Talent bewies Margrit De Colle in jungen Jahren zunächst in der Grazer Modeschule. Das spätere Soziologiestudium begeisterte sie, weil es dabei auch um Geschichten ging, die uns Menschen verbinden. Es folgten verschiedene Berufe, bis es schließlich zu einer Begegnung mit den Ikebana-Damen in Graz kam, die ihre Leidenschaft für das Blumenpflücken neu entfachten. Von ihnen lernte sie das genaue Hinsehen, die Reduktion und dass jedes Blumenarrangement die Jahreszeit widerspiegeln sollte. Das ...

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... alles erschien ihr selbstverständlich, genauso wie der respektvolle Umgang mit Blumen als lebendigem Werkstoff.

Später folgte eine Ausbildung zur Meisterfloristin, doch die Blumenbranche hinterließ bei ihr einen ernüchternden Eindruck: „Ich habe kaum Menschen gefunden, die der Jahreszeit entsprechende Blumen verarbeitet haben.“

Auch der Blick hinter die Kulissen der Blumenindustrie offenbarte Erschreckendes, angefangen von den harten Arbeitsbedingungen bei der Blumenproduktion in den Entwicklungsländern, über Pestizide und Düngemittel, die Menschen, Pflanzen und Umwelt schädigen, bis hin zu den Tausenden Flugkilometern, die der Transport der Blumen erfordert.

Fair zur Natur und zu Mitarbeitern

„Wir Menschen versuchen zunehmend, dem natürlichen Kreislauf der Natur zu entkommen. Heutzutage ist alles zu jeder Jahreszeit verfügbar. Wir kaufen Industrieblumen, die weder in der Erde wachsen, noch die Sonne sehen, die den Regen nicht spüren und von Bienen nie bestäubt werden. Die Trennung zwischen Gärtnerei und Floristik erzeugt eine noch größere Entfremdung, weil Anbau und Verarbeitung nichts miteinander zu tun haben“, sagt Margrit De Colle. Ihr inniger Wunsch, Pflanzen und Menschen einander näherzubringen, bewog sie vor 17 Jahren zu handeln. Mit ihrem damaligen Mann kaufte sie einen verfallenen Bauernhof mit verwilderten Ackerflächen auf einem Hügel in der Südoststeiermark. Hier gründete sie „Vom Hügel“, wobei der Name zugleich auf ihren italienischen Familiennamen verweist. Heute baut sie zusammen mit ihren 15 Mitarbeitern biologisch zertifizierte Schnittblumen (Slow Flowers) an. Alle MitarbeiterInnen – vom Koch bis zu den Angestellten in der Werkstatt und im Feld – werden gleich bezahlt. „Jedes Teilchen in meinem Unternehmen ist gleich viel wert für mich. Die Gehälter habe ich alle nach oben angeglichen, weil es mir um die Qualität der Arbeit geht. Diese Menschen müssen schließlich den Weg mit mir zusammen gehen.“

Zum landwirtschaftlichen Betrieb gehören vier Hektar Natur pur (Wiesen, Wald und Hecken) und zweieinhalb Hektar Kulturland. Die Felder blühen vom Frühling bis in den Herbst. Die Mischung aus ein-, zwei- und mehrjährigen Pflanzen macht es möglich: Narzissen, Tulpen und Anemonen, frühe und späte Pfingstrosensorten, Dahlien und Chrysanthemen wechseln einander ab. Dazwischen vermehren sich viele Wildpflanzen wie Franzosenkraut, Amarant, Distel, Hirse oder Giersch. Viele Sträucher und Kräuter vervollständigen die botanische Familie. „Hier gibt es keine Krankheiten“, erzählt die Gärtnerin. „Wichtig ist, dass der Boden und der Standort assen. Es ist nicht anders als bei uns enschen: Wenn man im falschen mfeld lebt, kann man sich nicht entalten.“ esonders gut gedeihen die 200 Sorten ahlien. Wenn beim Blumenfest im erbst 40 000 Exemplare auf dem cker um die Wette blühen, bieten sie inen atemberaubend schönen Anlick. Immer wenn die Blumenbäuerin on den Vorzügen der Dahlien erzählt, erät sie ins Schwärmen. „Sie haben ine enorme Energie, und es gibt keine lume, die so lange blüht: die Ersten ffnen ihre Blüten bereits im Juni im olientunnel, die Hauptblüte ist dann b Juli bis zum Frost im Freiland. Je ehr man sie schneidet, umso besser achsen und blühen sie weiter. Wenn an das nicht tut, bilden sie Samen nd schicken damit das Kommando an ie Wurzeln, dass der Auftrag für das aufende Jahr erfüllt ist. Dann kann es assieren, dass die Dahlien schon Ende ugust aufhören zu blühen.“ Dahlien ommen ohne künstliche Bewässerung us. Kompostdüngung gibt es nur alle rei Jahre. Dadurch wachsen sie nicht o hoch, und es erspart auch das Aufinden. Gerade richtig für die Blumenäuerin, um starke Stiele und schöne lüten zu erhalten.

Biofloristik in Theorie und Praxis

Ganz oben auf dem Hügel stehen eine lumenwerkstatt und der Laden – hier erden Blumen zu Sträußen und Kränen verarbeitet. Bei schönem Wetter nden Workshops im Freien statt. Im artencafé kann man vegetarische und üße Köstlichkeiten genießen, die mit ssbaren Blüten verziert sind, sowie ie vielen Gemüseraritäten, die auch m Hof kultiviert werden. Sie sind die omäne von Margrit De Colles Lebensgefährten Walter Scharler, iobauer und Pionier im Anbau selteer Gemüsesorten. Im abfallenden Beeich des Hügels stehen die Gewächsäuser, und dort erstrecken sich auch ie Blumenfelder. Am Rande der Feler können die Teilnehmer der mehrägigen Workshops in großen Tipi-Zelen übernachten, um die Natur autnah zu erleben. propos Workshops: Sie sind ein weentlicher Bestandteil vom „Bio-Bluen-Bildungsprojekt“ der Slow-Flowerionierin in Österreich. „Meine orkshops dauern fünf Tage und die eilnehmerInnen kommen oft von eit her wie zum Beispiel aus Rostock, annover oder Paris. Wir verbringen lle gemeinsam eine Woche am Feld und übernachtet wird gleich daneben in den Tipi-Zelten!“ Zu Beginn gibt es ine ausführliche Gartenrunde, bei der argrit De Colle erzählt, was angebaut ird. Gleichzeitig erhalten die TeilneherInnen Einblick in die Philosophie hres Unternehmens. „Sie lernen, wie an Saatgut abnimmt und wie aus dieem ein kleines Pflänzchen wird, wie s umsorgt werden muss, damit man päter den Stiel ernten kann, wie man hn richtig schneidet, damit er dann in er Vase lange hält, wie man Sträuße indet und wie ein Projektablauf ausieht, etwa für eine Hochzeit.

Die besten Tipps für Dahlien von der Expertin:

Dahlien dürfen nicht zu tief gepflanzt werden, man bedeckt sie nur 5 bis 10 Zentimeter mit Erde.

Dadurch kommt die Pflanze schnell ans Licht und wächst den Schnecken davon.

Tipp von Margrit De Colle: „Wenn man genügend Dahlien pflanzt, haben sowohl der Mensch als auch die Schnecken etwas davon!“

Dahlien mögen sehr sonnige, möglichst windgeschützte Standorte und einen guten Gartenboden, aber sie vertragen keine Staunässe. Wenn der Boden zu sandig ist, vermischt man ihn mit ein wenig Kompost und gießt nur mäßig. Dahlien vertragen sehr gut Trockenheit.

Will man Dahlien für die Vase schneiden, sollte man unbedingt auf den geeigneten Zeitpunkt achten: „Alle Arten von Blumen haben den eigenen Schnittzeitpunkt.

Es gibt nur ein Erntefenster und bei den Dahlien ist der Reifegrad dann gegeben, wenn sich die Blütenblätter so öffnen, dass sie dir entgegenkommen und die Blüte zu drei Vierteln geöffnet ist. Wenn sich die Blütenblätter nach hinten richten, ist es schon zu spät“, erklärt Margrit De Colle. Am besten schneidet man die Blumen morgens, wenn sie nicht mehr taunass sind, oder abends. Die Haltbarkeit in der Vase kann durch kurzes Eintauchen in heißes Wasser verlängert werden.

Danach stehen die Blütenstiele am besten in nicht zu tiefem Wasser.

Dahlien lassen sich auch sehr gut trocknen und behalten ihre bunte Farbe über Jahre. Dazu legt man sie entweder auf Papier, Kopf an Kopf in eine Schachtel oder man hängt sie als Bund kopfüber in einen trockenen und konstant warmen Raum. „Für Dahlien, die ich trocknen möchte, gilt derselbe Reifegrad wie für die Schnittblumen. Ich schneide sie aber immer nur mittags, wenn es trocken ist und länger nicht geregnet hat.

Danach werden sie auch gleich zum Trocknen aufgehängt. Alte Blumen aus der Vase herauszunehmen und sie erst danach zum Trocknen aufzuhängen, das geht gar nicht!“, so Margrit De Colle.

Dahlien sind nicht nur schön, sie sind auch noch essbar. Am besten schmecken sie im Knospenstadium oder frisch aufgeblüht, da sind sie noch würzig und säuerlich. Die Blütenblätter sollte man erst kurz vor der Zubereitung abzupfen und vorsichtig schütteln, um versteckte Insekten zu vertreiben.

Infos zu den Workshops, Seminaren, Gartenveranstaltungen, zum Gartencafé und vielem mehr: www.vomhuegel.at

BUCHTIPP

Margrit De Colle Bio-Schnittblumen aus dem eigenen Garten Die besten Anbautipps und die schönsten Gestaltungsideen fürs ganze Jahr. Für Balkon, Beet und Blumengarten. Löwenzahn, 400 Seiten mit zahlr.

Abb., 29,90 €

ISBN 978-3-7066-2579-1

Kurzum: Man lernt, wie aus der lumenleidenschaft, aus einem Hobby, in Projekt entsteht und welche Hüren dabei zu nehmen sind.

Ausbildung und Inspiration

Bereits vor Corona hatte die Biobluenbäuerin beschlossen, eine Digitaliierungsausbildung zu machen. Die nlinekurse und der Shop sollten ein usätzliches Standbein schaffen und uch Menschen erreichen, die nicht ie Möglichkeit haben, in die Südostteiermark zu kommen. In ihren zahleichen Onlinekursen begleitet sie TeilehmerInnen aus Deutschland, der chweiz, aus Italien und Österreich.

Ich bin richtig stolz, schon einige Menchen ermutigt zu haben. Tatsächlich aben es mindestens die Hälfte der eilnehmerInnen geschafft, ihre Träue zu realisieren! Man merkt in der esellschaftlichen Einstellung, dass die enschen inzwischen anders denken nd sich damit auseinandersetzen, ihen Job nicht in alle Ewigkeit zu mahen. Sie suchen nach Alternativen. achhaltigkeit ist ein Wert, den viele uch tatsächlich leben wollen.“ ei einigen neu entstandenen Slowlower-Betrieben vermisst die Bluenbäuerin Entscheidendes: Der Umang mit den MitarbeiterInnen sei oft icht „fair“ und auch der Blumenanau habe mit „bio“ wenig zu tun, weil slow“ nicht automatisch biozertifiiert bedeutet. Von der Slow-Flowerewegung im deutschsprachigen aum würde sie sich eine breitere Veretzung und Zusammenarbeit wünchen. argrit De Colle hat sich ihren Traum ier verwirklicht. Sie hat einen Ort gechaffen, der bei jedem Besucher Spuen hinterlässt, alle Sinne berührt und ie tiefe Sehnsucht weckt, immer wieerzukommen.

Text und Fotos: Rachele Z. Cecchini