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BIODIVERSITÄT HEUTE: Die Vielfalt des Lebens und ihre Bedeutung für die Menschheit


Halali - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 29.10.2020

Die Biodiversität hat unmittelbaren Einfluss auf das menschliche Wohlergehen. Die Luft, die wir atmen, das Wasser, das wir trinken, und das Essen, das wir essen, hängen von der biologischen Vielfalt ab, die uns umgibt. Aber die Biodiversität befindet sich derzeit in einer menschengemachten Krise, und ihre und damit unsere Zukunft hängt von unserem Handeln ab.


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Bildquelle: Halali, Ausgabe 4/2020

Farbenfroh – vielfältige und strukturreiche Lebensräume können eine höhere Anzahl an Tierarten beherbergen.


WAS IST BIODIVERSITÄT?

Biodiversität ist die Vielfalt des Lebens auf der Erde in all seinen Formen und Wechselwirkungen. Das klingt verwirrend ...

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... weitläufig, und so ist es auch. Denn die biologische Vielfalt ist nicht nur das komplexeste Merkmal des Planeten Erde (MacDonald 2020), sondern auch das wichtigste, weil sie die Lebensfunktionen der Erde direkt beeinflusst und bestimmt.

Oftmals wird Biodiversität synonym für Artenvielfalt verwendet. Es geht nicht nur um die Vielfalt der Pflanzenund Tierarten, sondern auch um die genetische Vielfalt innerhalb einer Art und ferner um die biologische Vielfalt der einzelnen und in Verbindung stehenden Ökosysteme. Formal gesehen, besteht die biologische Vielfalt aus mehreren Ebenen, beginnend mit Genen, dann einzelnen Arten, dann Gemeinschaften von Lebewesen und schließlich ganzen Ökosystemen wie Wäldern, Seen oder Korallenriffen, in denen das Leben mit der physischen Umgebung zusammenspielt. Diese unzähligen Wechselwirkungen haben die Erde seit Milliarden von Jahren bewohnbar gemacht. Tier-und Pflanzenarten haben sich über lange Zeiträume an die Lebensräume durch evolutive Prozesse angepasst. So wäre eine philosophischere Sichtweise auf die Artenvielfalt folgende: Sie repräsentiert die Fähigkeit, dass die sich entwickelnden Arten über Millionen von Jahren gelernt haben, wie sie unter den sehr unterschiedlichen Umweltbedingungen überleben können. Und, Experten warnen, dass die Menschheit derzeit „diese Bibliothek des Lebens verbrennt“ (Valiveronnen & Hellsten 2002, Legagneux 2019).

WARUM SIND EINZELNE ARTEN SO WICHTIG?

Wildtiere und Pflanzen sind für viele Menschen etwas Abstraktes, etwas, das man im Fernsehen sieht, aber nicht Teil der direkten Erfahrungswelt ist. Und doch hängen die essenziellen Güter letztendlich von der biologischen Vielfalt ab. Einige Effekte liegen offensichtlich auf der Hand: Ohne Pflanzen gäbe es keinen Sauerstoff, und ohne Bestäuber wie Bienen oder andere Insektenarten gäbe es keine Früchte oder Nüsse (Klein et al. 2007); selbst hoch industrialisierte Obstanlagen sind auf die kleinen Helfer angewiesen; wenn die natürlichen Bestäuber der Nutzpflanzen fehlen, muss per Hand bestäubt werden. Die Vanille beispielsweise wird auf künstliche Art befruchtet. Das ist aufwendig und teuer. Andere Effekte sind weniger offensichtlich, aber nicht weniger wichtig: Korallenriffe und Mangrovensümpfe bieten den Küstenbewohnern einen unschätzbaren Schutz vor Wirbelstürmen und Tsunamis, während Bäume die Luftverschmutzung in städtischen Gebieten absorbieren können. Destruenten (Zersetzer), wie Aas-und Abfallfresser, Bakterien und Pilze, bauen tote, energiereiche organische pflanzliche und tierische Substanzen in energiearme anorganische Stoffe, wie Kohlenstoffdioxid, Wasser und Mineralstoffe, unter Energiegewinn ab und stellen sie so für das Pflanzenwachstum bereit (Beck 2019). Andere Effekte wirken „um drei Ecken“ – tropische Schildkröten und Klammeraffen haben anscheinend wenig mit der Aufrechterhaltung eines stabilen Klimas zu tun. Jedoch sind die Hartholzbäume, die Kohlendioxid am effektivsten aus der Atmosphäre binden, darauf angewiesen, dass ihre Samen von diesen großen Obstfressern verteilt werden (Rivera-Bialas et al. 2014, Aye & Minn 2019).

Egal, wo beobachtet und geforscht wird: Es gibt unzählige solche Wechselwirkungen, hervorgebracht durch Jahrmillionen Evolution. Und wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, kann man dieses feine Ineinandergreifen der Zahnräder direkt auch vor der Haustür beobachten: Eichelhäher und Eichhörnchen helfen dem Wald bei der Baumverjüngung, Rothirsche können durch Verbiss Mikrolebensräume für andere Tierarten schaffen, und Fledermäuse können mehrere Tausend Stechmücken pro Nacht vertilgen.

Zufall als Plan – die Vergesslichkeit der Eichhörnchen trägt zur Verbreitung von Bäumen bei.


Blühende Vielfalt – ohne die zahlreichen Bestäuber würden viele Pflanzen keine Früchte tragen.


WIE VIELFÄLTIG IST DIE ARTENVIELFALT?

Verblüffend vielfältig! Allein die Anzahl der Arten lässt sich kaum beziffern: Registriert wurden ca. 1,7 Millionen Tier-, Pflanzen-und Pilzarten. Schätzungen sprechen aber von wahrscheinlichen 8–9 Millionen und bis zu möglichen 100 Millionen Arten (Wilson 1985). Hotspots der Artenvielfalt sind die Tropenregionen: Hier gibt es die höchste Dichte an Arten. 700 Baumarten kommen auf 15 Hektar Wald in Borneo vor, in etwa die gleiche Anzahl wie in ganz Nordamerika (Wilson 1985). Vielfalt kann auch auf genetischer Ebene berücksichtigt werden. Genanalysen eröffneten neue Welten: So hat sich gezeigt, dass Organismen, die man einer Art zugeordnet hat, tatsächliche Dutzende Arten widerspiegeln. Wenn man zur Zählung der Artenvielfalt noch die Bakterien und Viren hinzufügt, könnte sich die Gesamtzahl auf Milliarden belaufen. Schon allein in einem einzigen Löffel Erde sind Zehntausende verschiedene Arten von Bakterien enthalten. Schon seit Langem sorgt sich die Wissenschafts-Community, dass viele Arten verloren gehen könnten, bevor wir uns ihrer überhaupt bewusst werden oder erkennen, welche Rolle sie im Zahnrad des Lebens spielen.

WARUM IST BIODIVERSITÄT WICHTIG?

Das Weltwirtschaftsforum fasst die Benefits der Biodiversität für die Menschheit folgendermaßen zusammen (World Economic Forum 2020):

1. Die biologische Vielfalt sorgt für Gesundheit und Ernährungssicherheit
Die biologische Vielfalt stützt durch Tausende von Nahrungspflanzen die globale Ernährung und Ernährungssicherheit. Gerade einheimische Arten haben sich an die örtlichen Gegebenheiten angepasst und sind widerstandsfähiger gegen Schädlinge und extremes Wetter, diese müssen erhalten bleiben. Die Verarmung der angebauten Kulturen (Weizen, Mais und Reis liefern nahezu 60 % der gesamten pflanzlichen Kalorien, die der Mensch verbraucht) führt zu erhöhtem Ausfallrisiko und Defizit von Mikronährstoffen in der Nahrung.

2. Biodiversität hilft bei der Bekämpfung von Krankheiten
Höhere Biodiversitätsraten wurden mit einer Verbesserung der menschlichen Gesundheit in Verbindung gebracht. Erstens sind Pflanzen für Medikamente essenziell. Zum Beispiel stammen 25 % der in der modernen Medizin verwendeten Medikamente aus Regenwaldpflanzen, während 70 % der Krebsmedikamente natürliche oder synthetische, nach dem Vorbild der Natur erstellte Produkte darstellen. Jedes Mal, wenn eine Art ausstirbt, könnte auch ein Heilmittel der Zukunft verloren gehen. In Naturschutzgebieten mit höherer biologischer Vielfalt wurden weniger Erkrankungen durch die Lyme-Borreliose oder Malaria festgestellt. Schätzungen zufolge stammen 70 % der neu auftretenden Infektionen von Wildtieren. Wenn menschliche Aktivitäten durch Abholzung und Flächenverbrauch (z. B. Verstädterung) in die natürlichen Ökosysteme eindringen, gehen diese verloren oder werden kleiner. Infolgedessen leben Wildtiere und Menschen enger miteinander, ideale Bedingungen für die Ausbreitung zoonotischer Krankheiten entstehen. Einfach ausgedrückt: Mehr Arten bedeuten weniger Krankheiten (Gilbert 2010).

3. Biodiversität fördert den wirtschaftlichen Wohlstand
Mehr als die Hälfte des weltweiten Bruttoinlandsproduktes (BIP) (ca. 44 Billionen US-Dollar) ist stark oder mäßig von der Natur abhängig. Somit sind viele (Klein-)Unternehmer direkt vom Naturverlust betroffen. Der weltweite Verkauf von Arzneimitteln auf der Basis von Materialien natürlichen Ursprungs beläuft sich auf geschätzte 75 Milliarden US-Dollar jährlich, während Naturwunder wie Korallenriffe für Lebensmittel und Tourismus von wesentlicher Bedeutung sind. Durch die Gewährleistung der biologischen Vielfalt besteht ein großes Potenzial für das Wachstum und die Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft, denn jeder Dollar, der für die Wiederherstellung der Natur ausgegeben wird, führt zu wirtschaftlichen Vorteilen von mindestens 9 USDollar.

4. Die biologische Vielfalt bietet Lebensgrundlagen
Der Mensch bezieht jedes Jahr einen Wert von ungefähr 125 Billionen USDollar aus natürlichen Ökosystemen. Der Agrarsektor beschäftigt weltweit über 60 % der arbeitenden Armen. Drei von vier Arbeitsplätzen sind von Wasserlebensräumen abhängig. Im globalen Süden bietet vor allem der Wald eine wichtige Lebensgrundlage: In Indien tragen beispielsweise Waldökosysteme nur 7 % zum indischen BIP bei, aber fast 60 % zum Lebensunterhalt der ländlichen indischen Gemeinden. Selbst die Wiederherstellungsarbeiten von Naturlandschaften bieten in den USA mehr Arbeitsplätze als die meisten Rohstoffsektoren.

Rückkehr – es gibt auch Erfolge im Artenschutz, wie etwa die Rückkehr der Wildkatze.


5. Biodiversität schützt uns
Die biologische Vielfalt macht die Erde bewohnbar. Biodiverse Ökosysteme bieten naturbasierte Lösungen, die uns vor Naturkatastrophen wie Überschwemmungen und Stürmen schützen, unser Wasser filtern und unsere Böden regenerieren. Mangrovenwälder beispielsweise schützen Menschen und ihre Häuser vor Überschwemmungen; wenn die heute noch übrig gebliebenen Mangroven verloren gingen, würden schätzungsweise jedes Jahr 18 Millionen Menschen und ihre Behausungen überflutet werden. Der Schutz und die Wiederherstellung natürlicher Ökosysteme sind für die Bekämpfung des Klimawandels von entscheidender Bedeutung.

WAS IST DER WERT DER BIODIVERSITÄT?

Wenn die biologischen Mechanismen unbeschädigt sind, entsteht ein fein ausbalanciertes, gesundes System, das zu einem gesunden, nachhaltigen Planeten beiträgt. Der schiere Reichtum der biologischen Vielfalt bietet dem Menschen Möglichkeiten und Vorteile. Viele neue Medikamente werden aus der Natur gewonnen, beispielsweise Pilze, die auf dem Fell von Faultieren wachsen und Krebs bekämpfen können. Wilde Sorten domestizierter Tiere und Nutzpflanzen sind ebenfalls von entscheidender Bedeutung. Oft kommen sie mit extremeren Standorten, wie trockenen oder salzigen Böden, besser zurecht. Mit Geld bemessen, werden die von den von Ökosystemen erbrachten Dienstleistungen auf mehrere Millionen Dollar geschätzt – das Doppelte des weltweiten BIP. Allein in Europa wird der Verlust der biologischen Vielfalt auf etwa 3 % seines BIP oder 450 Millionen EUR pro Jahr beziffert (Carrington 2018).

Aus ästhetischer Sicht ist jede der Millionen Arten ein Unikat, ein natürliches Kunstwerk, das nicht wiederge-bracht werden kann, wenn es einmal verloren gegangen ist. „Jeder höhere Organismus ist informationsreicher als ein Caravaggio-Gemälde, eine Bach-Fuge oder ein anderes großartiges Werk“, schrieb Edward O. Wilson, der oft als „Vater der biologischen Vielfalt“ bezeichnet wird, 1985 in seiner wegweisenden Arbeit „The Biological Diversity Crisis“.

WIE BEDROHT IST DIE ARTENVIELFALT?

Die Artenvielfalt ist heute sehr bedroht: Nach Ansicht vieler Wissenschaftler hat das sechste Massensterben bereits begonnen (Barnosky et al. 2011, Ceballos et al. 2015, Shivanna 2020). Seitdem der Mensch auf den Plan trat, erhöhte sich die Aussterberate um bis zu 100-bis 1 000-mal gegenüber einer natürlichen Aussterberate (Wilson 1985, Pimm et al. 1995), und sie beschleunigt sich weiter (Ceballos et al. 2020). Die Verluste könnten sogar noch schneller sein als die Verluste nach der Auslöschung der Dinosaurier durch einen Meteoriten vor 65 Millionen Jahren. Lebensraumverluste und -verschlechterung, die Übernutzung von Bioressourcen und der Klimawandel sind die stärksten Ursachen des Massensterbens (Pimm et al. 1995). Dabei sind bestimmte Arten/Artengruppen und Regionen stärker betroffen als andere. Am besten untersucht sind unsere nächsten Verwandten, die großen Säugetiere. Bereits durch den Menschen ausgelöscht wurden Wollmammuts oder Quaggas, andere Tiere stehen kurz davor: Die Anzahl der Tiger ist im letzten Jahrhundert um 97 % gesunken.

Der Living Planet Report des WWF ergab, dass ungefähr 70 % aller Individuen von Wirbeltierarten seit 1970 verschwunden sind (World Wildlife Fund 2018). Insekten und andere wirbellose Tiere haben ebenfalls enorme Verluste erlitten: Etwa 75 % aller fliegenden Insekten (Biomasse) in Naturschutzgebieten in Deutschland sind innerhalb von 25 Jahren verschwunden (Hallmann et al. 2017), und es gibt zahlreiche Anzeichen dafür, dass viele Insektenarten auf ein Aussterben zusteuern (Sánchez-Bayo & Wyckhuys 2019, Wagner 2020). Ähnliche Verluste wurden für verschiedene Arten von Muscheln, Schnecken und Seesternen (z. B. Levin & Janzen 2001, Simon 2017, Kawai et al. 2015, Chiba & Cowie 2016) und für Pflanzen (Humphreys et al. 2019, Pimm & Raven 2017) dokumentiert. Der Prozess des Aussterbens führt zu einem fortschreitenden Rückgang der Häufigkeit und des geografischen Verbreitungsgebiets einer Art (Gaston & Fuller 2008). Kleinere Populationen werden isolierter und somit anfälliger für das Aussterben (Ceballos et al. 2015).

Die Lebensräume des Baummarders sind unsere Laub-und Mischwälder.


Jedes Mal, wenn eine Art oder Population verschwindet, wird die Fähigkeit der Erde, Ökosystemleistungen aufrechtzuerhalten, je nach Art oder Population in gewissem Maße beeinträchtigt. Jede Population ist einzigartig und unterscheidet sich daher in ihrer Fähigkeit, sich in ein bestimmtes Ökosystem einzufügen und dort eine Rolle zu spielen. Insekten beispielsweise sind nicht nur als Bestäuber, sondern auch als Schädlingsvertilger, Abfallzersetzer und vor allem Basis der Nahrungsketten, auf denen sich weitere Arten aufbauen, wichtig. So wie auch das Plankton im Meer als Nahrungsressource für viele Meerestiere dient. Die Situation in den weltweiten Ozeanen zeichnet kein besseres Bild: Die grassierende Überfischung führte zu einem stetigen Rückgang der Fänge, und heute wird mehr als die Hälfte der Ozeane industriell befischt (Kroodsma 2018). Viele meeresgebundenen Tier-und Pflanzen-arten sind stark zurückgegangen oder bereits ausgestorben (McCauley et al. 2015).

Und auch die Aussichten sind trist: Die Auswirkungen des Aussterbens werden sich in den kommenden Jahrzehnten verschlechtern, da der Verlust von Funktionseinheiten sowie genetischer und kultureller Variabilität ganze Ökosysteme verändert (Lande 1998, Petchey & Gaston 2002, Dizo et al. 2014). Die Menschheit ist auf ein relativ stabiles Klima, Süßwasserflüsse, landwirtschaftliche Schädlings-und Krankheitsvertilger, Bestäubung von Kulturpflanzen etc., die alle von funktionellen Ökosystemen bereitgestellt werden (Daily 1997, Chaplin-Kramer et al. 2019), angewiesen. Allein von Meeresfrüchten leben derzeit mehr als 2,5 Milliarden Menschen (Pauly & Zeller 2016).

WAS ZERSTÖRT DIE BIODIVERSITÄT?

Hauptsächlich menschliche Aktivitäten zerstören die Biodiversität. Die Menschenpopulation steigt rasant an; die Weltbevölkerung beziffert sich derzeit auf etwa 7,8 Milliarden Individuen. Noch unberührte Gebiete werden zerstört, um Ackerland, Wohnhäuser und Industriestandorte zu schaffen. Dabei ist die Waldrodung ein erster Schritt: Die Weltbank schätzt, dass seit Beginn des 20. Jahrhunderts etwa 10 Millionen Quadratkilometer Wald verloren gegangen sind. In den letzten 25 Jahren sind die Wälder um weitere 1,3 Millionen Quadratkilometer geschrumpft – eine Fläche, die größer ist als die Fläche Südafrikas. Heute findet die meiste Entwaldung in den Tropen statt (Derouin 2019).

Wilderei und unregulierte, nicht nachhaltige Jagd nach Nahrungsmit-teln („Bushmeat“) sind ein weiterer wichtiger Faktor. Eine erste globale Studie zeigte: Hunderte von Säugetierarten – von Schimpansen über Flusspferde bis hin zu Fledermäusen – sind durch die Verfolgung vom Aussterben bedroht; sie werden geradezu „in das Aussterben hinein gegessen“ (Ripple et al. 2016). Forscher nutzten die Rote Liste der Internationalen Union zur Erhaltung der Natur (IUCN), um die gefährdeten Landsäugetiere zu identifizieren, die in erster Linie von der Jagd bedroht sind. Sie identifizierten 301 solcher Arten, was 7 % aller von der IUCN bewerteten Landsäugetiere und etwa einem Viertel aller gefährdeten Säugetiere entspricht; dazu gehören 168 Primaten wie der Tieflandgorilla und der Mandrill, 73 Huftiere wie das Yak und das Trampeltier, 27 Fledermäuse wie der Goldkronen-Flughund und der Schwarzbärtige Flughund sowie zwölf Karnivoren wie der Nebelparder und mehrere Bärenarten. Auch viele Beutel-und Nagetierarten sowie alle acht Pangolin-Arten sind betroffen (Ripple et al. 2016).

Wildtiere werden auch für andere Zwecke als zur Nahrungsaufnahme getötet, so werden beispielsweise Elefanten wegen ihres Elfenbeins gewildert (Hauenstein et al. 2019).

Auch die Umweltverschmutzung trägt zur Verringerung der biologischen Vielfalt bei. Orcas und Delfine beispielsweise werden durch langlebige industrielle Schadstoffe und deren An reicherung im Körper ernsthaft geschädigt (Jepson et al. 2016). Krankheiten werden durch den Welthandel verbreitet: Amphibien haben aufgrund einer Pilzkrankheit (Chytridiomykose), von der angenommen wird, dass sie durch den Heimtierhandel auf der ganzen Welt verbreitet wird, einen der größten Rückgänge aller Tierartengruppen erlitten (Hof et al. 2011). Die weltweite Schifffahrt hat stark schädliche invasive Arten auf dem Planeten verbreitet, insbesondere Ratten, die große ökologische Schäden anrichten können (Griffith et al. 2019). Die am stärksten betroffenen Lebensräume sind wohl Flüsse und Seen, in denen die Süßwassertierpopulationen seit 1970 um 81 % aufgrund enormer Wasserentnahmen für Landwirtschaft, Haushalte und Industrie sowie Umweltverschmutzung und Dammbau zusammenbrechen (WWF 2018).

Juwele – jede Art ist einzigartig und perfekt angepasst an ihren Lebensraum.


BIODIVERSITÄTSRÜCKGANG ODER KLIMAWANDEL?

Artensterben und Klimawandel sind Zwillingskrisen, eng miteinander verwoben, wobei das Artensterben irreversibel ist und somit die größte Bedrohung für die Menschheit darstellt (Ceballos et al. 2020). Nichts auf der Erde erfährt durch menschliche Aktivitäten dramatischere Veränderungen. Derzeit wissen wir nicht, wie viel Artenvielfalt der Planet verlieren kann, ohne dass dies zu einem großflächigen ökologischen Zusammenbruch führt, aber es gibt Hinweise darauf, dass be-stimmte Schwellenwerte, die einen „sicheren Betriebsrahmen für die Menschheit“ definieren, bereits überschritten sind (Stockholm Resilience Center 2020).

GIBT ES EINE CHANCE, DEN VERLUST DER BIODIVERSITÄT ZU STOPPEN?

Die Beweislage ist eindeutig: Die Biodiversität, die für gegenwärtige und zukünftige Generationen von wesentlicher Bedeutung ist, wird durch menschliche Aktivitäten in einer in der Geschichte der Menschheit beispiellosen Geschwindigkeit zerstört. Im Jahr 1992 haben dies Regierungen auf der ganzen Welt auf dem Earth Summit (Erdgipfel) in Rio/Brasilien anerkannt und das Übereinkommen über die biologische Vielfalt zum Schutz und zur Erhaltung der biologischen Vielfalt (Convention on Biological Diversity, CBD) eingeführt. Aber die Situation verschlechterte sich stetig. Der anhaltende Verlust der biologischen Vielfalt ist nicht nur ein Umweltproblem. So könnten die meisten Ziele der Vereinten Nationen für nachhaltige Entwicklung nicht erreicht werden, denn die Biodiversität ist von zentraler Bedeutung für die Entwicklung der Nahrungsmittel-, Wasser-und Energiesicherheit. Sie hat einen erheblichen ökonomischen Wert, der in den nationalen Wirtschaftsberechnungen anerkannt werden sollte. Dies ist insofern auch ein Sicherheitsproblem, als der Verlust natürlicher Ressourcen, insbesondere in Entwicklungsländern, zu Konflikten führen kann. Aus ethischer Sicht leiden durch den Verlust der biologischen Vielfalt die ärmsten Menschen am meisten, und Ungleichheit wird weiter verschärft. Letztendlich ist es auch eine moralische Frage, weil die Menschheit den lebenden Planeten nicht zerstören sollte (Watson 2019). Der größte Treiber für den Verlust der biologischen Vielfalt an Land in den letzten Jahrzehnten war die Änderung der Landnutzung, vor allem die Umwandlung unberührter einheimischer Lebensräume in landwirtschaftliche Systeme zur Ernährung der Welt, während die Ozeane überfischt werden. Dies ist zum großen Teil auf eine Verdoppelung der Weltbevölkerung, eine Vervierfachung der Weltwirtschaft und eine Verzehnfachung des Handels zurückzuführen. Die Herausforderung besteht darin, unsere landwirtschaftlichen und fischereilichen Praktiken, von denen viele heute nicht nachhaltig sind, in solche umzuwandeln, die die Lebensmittel produzieren, die wir benötigen, und gleichzeitig die biologische Vielfalt erhalten. Für die Landwirtschaft bedeutet dies die Anwendung nachhaltiger agroökologischer Praktiken, weniger Chemikalien, Düngemittel und Pestizide; und Schutz von Böden und Bestäubern. Die Klimakrise und der Verlust der biologischen Vielfalt sind Themen, die sich gegenseitig beeinflussen. Die globale Erwärmung wirkt sich nachteilig auf die genetische Variabilität, den Artenreichtum und die Ökosysteme aus. Der Verlust der biologischen Vielfalt kann sich nachteilig auf das Klima auswirken. Die Entwaldung erhöht die atmosphärische Häufigkeit von Kohlendioxid, einem Treibhausgas. Daher ist es wichtig, dass die Probleme sowohl des Verlusts der biologischen Vielfalt als auch der Klimakrise gemeinsam angegangen werden, tut man etwas für das eine, tut man fast automatisch etwas Gutes für das andere. Die Öffentlichkeit muss mehr über die Bedeutung der biologischen Vielfalt für das menschliche Leben informiert werden. Schlussendlich könnten die Bemühungen ins Leere laufen, sollte es nicht gelingen, den Anstieg der Weltbevölkerung zu stoppen (McKee et al. 2004).

Ökosysteme – auch die Vielfalt der Lebensräume ist Teil der Biodiversität.


Im Jahr 2010 einigten sich Regierungen auf der ganzen Welt auf 20 Ziele für 2020 zum Schutz der biologischen Vielfalt – die Aichi-Ziele. Leider werden die meisten Länder, auch in Europa, diese nicht erreichen. Die Regierungen werden sich voraussichtlich im Jahr 2021 in Kunming, China, treffen, um einen angepassten Aktionsplan aufzustellen. Es wird ein entscheidender Meilenstein sein, um zu sehen, ob der politische Wille besteht, die erforderlichen transformativen Verände rungen umzusetzen. Die Herausforderung ist immens, kann aber bewältigt werden, wenn die Länder individuell und gemeinsam handeln. Regierungen, Privatsektor und Zivilgesellschaft müssen zusammenarbeiten, um die vom Menschen verursachte Klimakrise und den Verlust der biologischen Vielfalt zu bewältigen. Auch im Kleinen kann man zum Erhalt der Biodiversität beitragen, z. B. in der Wahl der Lebensmittel, der Konsumgüter und Reisen, aber auch im aktiven Engagement für die Natur. In seinem Text von 1985 schloss Edward O. Wilson: „Da dies die einzige lebende Welt ist, die wir wahrscheinlich jemals kennen werden, wollen wir zusammenstehen und das Beste daraus machen.“ Dieser Appell ist dringender denn je.


Fotos: iStockphoto.com | Laurent Geslin/naturepl.com